Fünf gute Gründe für Twitter – Eine Verteidigung

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Der gestrige Tag spülte eine Meinungsäußerung von Blogger-Urgestein Robert Basic in meine Facebook-Timeline, der ich nicht heftig genug widersprechen kann. Er schreibt:

“reine Ansichtssache: Mehr oder minder verkommt Twitter zur reinen Infomaschinerie, blutet sozial aus. Das schärft das Produkt, gleichzeitig wirkt es zunehmend steriler. Keine Untersuchung, keine Studie, reiner Eindruck, der sich seit Wochen und Monaten verstärkt.”

Ich möchte in fünf (mit sehr polemischen Überschriften versehenen) Argumenten aufzeigen, warum Robert an dieser Stelle massiv irrt, um am Ende zu versuchen, nachzuvollziehen, wie er zu der Auffassung kommt und schließlich zeigen, was jeder Einzelne, der derselben Ansicht ist, für ein besseres Twitter bei sich selbst tun kann.

Twitterer sind sozialer

5610442689_a06eb8432a_oEs sind nicht nur Veranstaltungen wie die Lesungsreihe #JourFitz oder die #Twittnite, die auf Twitter geboren wurden und sehr treue Anhänger haben, auch Veranstaltungen, deren Ursprung nicht auf Twitter selbst liegt, finden im Social Web heute vor allem auf Twitter und über Hashtags statt. Dieser Trend nimmt nicht ab, sondern zu. Was wäre eine re:publica ohne das per Default öffentliche #rpXX, den Hashtag also, über den jeder Besucher jede Äußerung der Gesamtheit der Twitterer über die Veranstaltung mitlesen kann? Kein anderes Netzwerk hat bis heute ein derartiges Vernetzungspotential wie das grundsätzlich öffentliche und offene Twitter, in dem ich schlichtweg jedem folgen und mit jedem kommunizieren kann, ohne dass er mich erst bestätigen oder authorisieren muss. Twitterer sind Menschen, die diese offenen Strukturen nutzen und lieben. Man benutzt Twitter nicht, um seine alten Klassenkameraden wiederzufinden, sondern die Leute zu suchen, mit denen man gerne zur Schule gegangen wäre, wenn man die Wahl gehabt hätte. Twitterer sind in dieser Hinsicht zu jedem Zeitpunkt sozialer als Nutzer anderer Netwerke: Sie vernetzen sich mit ihnen unbekannten Menschen aufgrund von deren kommunikativen Äußerungen und sind sehr oft auch realen Begegnungen mit diesen nicht abgeneigt, wie entsprechende Veranstaltungen zeigen.

Twitterer sind kreativer

Wer einmal eines der tausend auf Twitter geborenen Memes wie die #einbuchstabendanebentiere (um nur das populärste Mem der letzten Zeit zu nennen) mitverfolgt hat (die es in der Folge dann oft in Blogs oder sogar Holzmedien schaffen), wer einmal einen #JourFitz, eine Twitterlesung (zugegeben, selbige drehen sich auch des öfteren um die immer selben Protagonisten, die die immer selben, semilustigen Tweets vortragen) oder gar eine der Vernissagen von “Ich male meine Follower” besucht hat, der versteht vielleicht im Ansatz das massive kreative Potential, dass in der Beschränkung auf 140 Zeichen auf Twitter liegt und sich immer wieder in neuen Formen äußert. Gerade innerhalb dieser Grenzen seinen Weg zu finden und sich auszudrücken, bringt User jeden einzelnen Tag dazu, Zeichenkunst zu fabrizieren, Lyrik zu schreiben, Mini-Kurzgeschichten zu erfinden, Bürgerjournalisten zu werden, Fehlermeldungs-Screens in Lego oder als Gemälde nachzubauen (siehe den Failwhale über dem Artikel oder die zugehörige Flickr-Gruppe) oder gar eigene Tools und Plattformen zu entwickeln, die sich mit scheinbar banalsten Features auseinandersetzen, wie einen etwa einen hochgradig populären Dienst, der nur darauf basiert, Bilder auf Twitter zu posten. Twitter zwingt in seiner Reduziertheit zum Blick auf das Detail und auf die Feinheiten und fördert damit automatisch auch den kreativen Umgang damit. Anders ausgedrückt: Die professionelle “Infomaschine” Twitter ist nur ein winziger Ausschnitt aus den auf der Plattform stattfindenden Vorgängen.

Twitterer sind intelligenter

Wer die wiederum öffentlichen Charts auf Favstar, die im Gegensatz zu den informationslastigeren Toptweets eine Weile verfolgt, der kommt unweigerlich zu dem Schluss, dass Twitter-Nutzer nicht als Masse, aber partiell und in der Kernuserbasis, die klügeren Netzuser sind. Klickjacking, Spam und flacher Humor, wie man sie auf den anderen Netzwerken massenhaft antrifft, haben in Sachen Viralität auf Twitter kaum eine Chance, zu dem meistgefavten und verbreiteten Inhalten zählen neben News vor allem solche Tweets, die man in Teilen als literarisch bezeichnen kann, mindestens aber sehr intelligenter Humor und/oder aphoristisch genannt werden müssen. User, die sich hingegen eine Masse von Followern zusammenklicken wollen, um relevant zu erscheinen und ihre Inhalte zwangsweise an den Mann zu bringen, scheitern zwar meist nicht daran, diese Masse zu erzeugen, aber dennoch an der Relvanzschranke. Die 20000 Spam-Follower bei Menschen, die mit Follow-Unfollow ihre Basis aufbauen, sind zum Großteil uninteressiert an den Inhalten und erzeugen so keine echte Reichweite. Relevanz kann auf Twitter durch die tendenziell sehr kritische Nutzerbasis nicht einfach gefaked werden und diese systemimmanente “Qualitätssicherung” sorgt für hochwertigere (i.e. in diesem Sinne “intelligentere”) Inhalte, wenn man die Tools, um diese zu finden (beispielsweise Toptweets, Favstar, #ff Empfehlungen) entsprechend zu nutzen weiß. Und gerade diese hochwertigen Inhalte machen Twitter zu einem spannenden Medium. Nutzer, die reine News möglichst schnell bekommen wollen, sind sicher auch auf Twitter zu finden, den Reiz aber machen diejenigen Tweets aus, die Information mit kreativer Kommunikation und einsichtigen Kommentaren verbinden. Es ist kein Zufall, dass @saschalobo so massiv viele Follower hat, er twittert keine Nachrichten, sondern er kommentiert sie.

Twitterer sind kommunikativer

Knüpfen wir direkt bei den Follow Friday (#ff)-Empfehlungen an. Wann haben Ihnen Ihre Facebook-Freunde zuletzt regelmäßig wildfremde Menschen als Kontakte vorgeschlagen? Twitterer vernetzen sich nicht nur völlig unabhängig von der Komponente “realer Kontakt”, wie oben bereits ausgeführt, sondern sie kommunizieren auch über diese Grenze und sogar die Grenze der gegenseitigen Vernetzung auf der Plattform hinweg. Ich muss ein Unternehmen auf Twitter nicht zuerst “liken”, mich also selbst als Fan bezeichnen, um es zu kritisieren oder zu loben und ich muss nicht erst von Menschen die Erlaubnis bekommen, sie anzusprechen (i.e. Freundschaftsbestätigung), um mit ihnen zu reden. Das kommunikative Potential aller User auf Augenhöhe, das in hohem Maße genutzt wird, ist einer der massiven Vorteile des offenen Systems Twitter und sorgt für deutlich mehr Interaktion und Austausch als bei allen anderen Social Networks. Zudem posten Twitterer in deutlich höherer Frequenz und nutzen die systemeigenen Tools (Retweet und Fav) in einem “kommunikativeren Sinne”. Ein Retweet einer Meinungsäußerung ist ein viel deutlicherer Kommunikationsakt als das Weitersharen eines blanken Links mit Quellenangabe, was das Maximum dessen ist, was beispielsweise Facebook in dieser Hinsicht erlaubt. Twitter ist das damit Gegenteil von “steril”, es ist hochgradig lebendig durch permanent neu entstehende Beziehungen zwischen sich zuvor fremden Menschen.

Twitter bildet soziale Realitäten besser ab

Im realen Leben bedeutet Freundschaft: Du magst mich und ich mag Dich. Selbiges ist gleichermaßen der Grund, warum der Begriff sehr emotional besetzt ist und hochgeschätzt wird: Das Ganze passiert relativ selten. Im Internet aber sind wir mit hunderten Kontakten vernetzt, weil wir sie beruflich kennen, mit ihnen in irgendeiner Form einmal zu tun hatten und sehr oft auch aus dem Grunde, dass wir ihre Inhalte gerne lesen. Allerdings gilt natürlich auch hier: Wir sind nicht an allen Menschen in gleich starker Weise interessiert. Der Fall, dass ich mich für das interessiere, was Du zu sagen hast, Du aber keinerlei Interesse an meinen Äußerungen hast, ist in symmetrischen Netzwerken wie Facebook (im Fundament) nicht mitgedacht, er wurde erst im zweiten Schritt mit der Einführung von Filtern und Freundeslisten halbherzig nachgereicht. Twitter hingegen entschärft den potentiellen Konflikt, der dadurch entsteht, dass ich Dich gerne meine Inhalte mitlesen lassen will, nicht aber sehen will, wie Du Farmville spielst und Dich über das Wetter aufregst, durch asymmetrische Beziehungen. Twitter bildet damit die soziale Realität deutlich besser ab, ohne den in der Realität komplett anders besetzten Freundschaftsbegriff zu verwenden (der für viele Medien und einen Großteil der konservativeren oder weniger Informierten Netzuser immer noch eines der zentralen Argumente gegen soziale Netzwerke ist). Twitter ist hinsichtlich sozialer Strukturen realistischer, es “blutet nicht sozial aus”, sondern lebt viel mehr im Kern davon, soziale Strukturen sehr genau abzubilden.

Fazit: “In meinem Internet steht das aber nicht drin!!1eins”

Wie aber kommt nun @robgreen trotz eines sehr aktiven und sehr populären Accounts eigentlich zu seinem Urteil, dass Twitter eine sterile Infomaschine geworden wäre? Guckt man sich seine Timeline, also die User, denen er selbst folgt, genauer an, ist das nicht schwer zu erkennen: Er liest in der Hauptsache bei (wenngleich sehr kompetenten) Menschen mit, die Twitter als ein Werkzeug begreifen, um sich und ihren Content, ihre Blogeinträge und ihre Themen-Kompetenz (meist in Bezug auf digitale Felder) in die Social Media-Welt zu tragen, also jenen, die Twitter mindestens partiell als Linkschleuder und Eigendarstellungsinstrument gebrauchen. Auch diese Nutzer haben sich im Laufe der Zeit mehr und mehr professionalisiert und ihre Mechaniken verfeinert. Allerdings bilden sie, wie bereits erwähnt, nur einen Ausschnitt aus dem Mikrokosmos Twitter, man vergisst, wenn man ausschließlich solchen Usern folgt, die Basis, nämlich diejenigen Twitterer, die vor allem wegen Twitter selbst twittern und dort in jedem Tweet die kreativen Grenzen kurzer sprachlicher Beiträge neu ausloten. Man könnte diese User Aphoristiker nennen, wie in dem weiter oben verlinkten Artikel, kreative Schreiber trifft es am Besten. Genau jene Userbasis ist es, die Twitter im Kern ausmacht und das Netzwerk zu einem Pool von wilden, unkonventionellen und witzigen Ideen und täglich neuen Gedankensalti, kurzum: sehr liebenswert und deutlich “sozialer” als alle anderen Netzwerke, macht.

Anders ausgedrückt: Jeder ist seiner eigenen Timeline Schmied. Wer wie Robert seinen Twitteraccount als “sozial steril” empfindet, dem sei dringend angeraten, ein paar “Businessaccounts” zu entfernen und sich ein paar “kreative” Twitterer in die eigene Timeline zu holen. Folgen diese Menschen nicht zurück, dann hilft auch ein Blick auf die eigenen Tweets und die Frage, ob man vielleicht nicht selbst zu den “sterilen” Accounts zählt.

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