“Sei kreativ oder stirb” – Ein Interview mit @frauenfuss

Anmerkung: Der Artikel stammt aus einer Interviewreihe für mein früheres Blog „Twitterhuder Abendblatt“

twitter_Hintergrund_neu2Twitterhuder Abendblatt: Hallo, Michaela. Fangen wir gleich mit einer großen Frage an: Wie hat Twitter Dein Leben beeinflusst? Und wie macht sich das akut und oder sogar täglich bemerkbar?

@frauenfuss: Ich bin durch Twitter wahnsinnig unkonzentriert geworden. Unkonzentrierter als früher und unfähig mich für lange Zeit auf eine Sache zu konzentrieren, ohne zwischendrin zu denken: „Oh, hat da jemand vielleicht einen Reply geschicht?“ oder „Hach, eventuell schreibt da jemand grad etwas, was mich zu einer Zeichnung inspiriert.“

Einen ähnlichen Effekt hatte ich bereits 1989 als die Einführung des IRC-Chats am Rechenzentrum Erlangen den Anfang meines Informatikstudiums desaströs zerrüttete. Ich fand die Idee, mit Norwegern, Münchenern, Australiern spontane Diskussionen führen zu können, wahnsinnig interessant. Ein gewaltiger Blick über den Tellerrand und ein unmittelbarer Eindruck der Empfindungen ganz normaler Menschen zu aktuellen Geschehnissen. Die Mauer war grad gefallen und gemeinsam mit Studenten aus ein paar Ländern, deren Universitäten auch bereits am Internet angeschlossen waren, konnte man über die Ereignisse diskutieren. Die standen dem Mauerfall und einer möglichen Wiedervereinigung komplett negativ entgegen (solch ungefilterte Empfindungen gaben unsere normalen Medien damals und zu diesem Thema einfach nicht her) und das war für mich das erste Aha-Erlebnis im Internet. Ich merkte damals bereits, dass ein unmittelbarer Blick und die Eindrücke und Meinungen eines „ganz normalen Menschen“ am anderen Ende des Globus eine echte Horizonterweiterung sind. Ich wusste 1989: „Internet – is the next big thing“.

Dummerweise bemerkte ich recht bald, dass das Verfolgen andere Menschen auf der anderen Seite des Globus auch bedeutet, dass man lernen sollte Maß zu halten.

IRC, Twitter, Facebook, das ist alles wunderschön, aber man kann nicht den ganzen Tag mit Informationsberieslung verbringen und sei sie noch so interessant und inspirativ.

Ich musste also durch Twitter ein zweites Mal im Leben wieder neu lernen, worauf es im Leben ankommt: im Hier und Jetzt zu sein. Sich in die Dinge, die man aktuell kreativ angeht, zu versinken. Den „Flow“ zu erreichen. Mich wieder auf die Menschen zu konzentrieren, die mir gegenüber sitzen im Café und nicht alle 15 Minuten das iPhone heraus zu zerren und zu gucken, was denn grad jemand anderes in Wuppertal, Bochum oder New York erlebt.

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Die positiven Seiten, die durch Twitter entstanden sind: ich habe diverse kreative Schübe erlebt, die genial waren. In kürzester Zeit sind teils sehr wunderbare Zeichnungen entstanden und die Erlebnisse der fünf Ausstellungen und die Treffen mit den wunderbaren Twitterern werde ich nie wieder vergessen und womöglich noch den Enkelkindern meiner Großnichten erzählen.

Twitterhuder Abendblatt: Gibt es vielleicht sogar einen bestimmten Tweet, von dem Du sagst: Wow, an den muss ich wirklich immer wieder denken? Welcher war das? Oder vielleicht ein Moment, der Dich wirklich mitgenommen hat, der eigentlich nur im Netz passierte?

@frauenfuss: Der Tweet „Ich schmeiß alles hin und werd Prinzessin“ ein StudiVZ-Gruppenname, der ohne Quellenangabe getwittert wurde und zufällig durch mich bei der Aktion „Ich male eure Tweets“ gezeichnet wurde, beschäftigt mich kurioserweise am meisten. Ich werde ständig auf die Shirts mit dem Motiv angesprochen und Passanten, die meine Tasche mit diesem Ausdruck sehen, rufen mir lustige Dinge zu. Erst heute musste ich einer Zahnarzthelferin lang und breit die Entstehung des Spruchs erklären und was Twitter und StudiVZ sind und was Social Media bedeutet. Ausgerechnet mit diesem Spruch schlage ich mich jetzt seit Monaten herum und witziger Weise kann man ausgerechnet damit sehr gut die Wirkungskräfte von Social Media erklären. Dass da kreative Köpfe sitzen, die tolle Ideen haben, sich unter Umständen auch bestehlen, aber jeder in der Weiterentwicklung etwas Neues und Kreatives daraus macht.

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Am Ende landet alles im echten Leben und wenn man Glück hat, erfreut man Menschen damit. Ich finde das toll. Die Begeisterung für diese kreativen Prozesse wird bei mir nie aufhören.

Twitterhuder Abendblatt: Erinnerst Du Dich noch an die Anfänge? Ich höre immer wieder, dass viele Twitterer schnell frustriert wieder aufgeben, weil sie keinen Anschluss finden oder kein so direktes Feedback wie etwa bei Facebook. Wie war das bei Dir?

@frauenfuss: Mein erster Tweet war ein Link zu einem YouTube-Video von mir, das ich in Japan aufgenommen hatte. Dadurch ergatterte ich irgendwie durch ein Wunder 5 Follower. Danach hab ich ein paar Reiseskizzen aus meinen Notizbüchern getwittert meist verbunden mit der Quiz-Frage, wo denn wohl diese Zeichnung entstanden sei. Es gab sofort Leute, die das lustig fanden und wechselseitig haben wir uns Reisequizfragen gestellt. Ich immer in Verbindung mit einer Zeichnung weil ich mir dachte „soll man ruhig wissen, dass ich gut zeichnen kann“. Denn Aufträge als Grafikerin kann man ja immer gebrauchen. Damals hatte ich auch beruflich so manche auftragsfreie Phase, so dass ich guten Freiraum für solche liebenswerten Spinnereien wie „Zeichnungen bei Twitter posten“ hatte. Ich weiß nicht, ob den Leuten meine kommunikative Art gefiel oder einfach meine Zeichnungen, es wurden konstant mehr und irgendwann bei 110 echt netten Followern fühlte ich mich bereits pudelwohl und immer wenn ich eine kleine Quizfrage postete, hatte ich um die 30 spontane Replys. Egal ob ich 110 Follower hatte oder 11.000 – das Feedback blieb immer gleich. Dadurch hatte ich nie eine Frustphase.

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Twitterhuder Abendblatt: Welchen Rat würdest Du denn jemandem geben, der sich heute bei Twitter anmeldet? Wie fängt man damit an, wenn es 2011 ist und man kaum jemanden kennt, der dort auch aktiv ist, das Ganze aber interessant findet?

@frauenfuss: Ich gebe den Rat: Sei einfach interessant, hab Spaß an den Dingen, die du twitterst, facebookst oder StudiVZst, sei kreativ und versuche den Spaß, den du an den Dingen hast zu vermitteln. Sei authentisch und inspiriere und lasse dich inspirieren. Social Media ist keine einseitige Sache. Finde Dinge und Menschen, die dich positiv beeinflussen, lass dich durch sie verändern. Wenn du Dinge tust, die interessant sind, wird es auch Menschen geben, die dich interessant finden. Wichtig ist aber: man muss den Blick auf seine Umwelt stets offen halten. Lass frischen Wind in deinen Alltag, befasse dich so viel wie möglich mit neuen Leuten im echten Leben und im Social Media Life. Wenn es ein Geben und Nehmen wird, dann zehren beide Seiten am meisten davon.

Twitterhuder Abendblatt: Du bist bekannt geworden als die Frau, die ihre Follower malt. Auch wenn es Dich sicherlich inzwischen nervt: Kannst Du die Geschichte von der Idee bis heute mal zusammenfassen?

@frauenfuss: Schuld ist das @haekelschwein – sein kleines Schweinchen hatte ich in aller Welt mit zum Knipsen und da ich in aller Welt zusätzlich meine Reisezeichnungen anfertigte, dachte ich mir „Och – was für ein Spaß. Pack ich doch mal das Haekelschwein ins Notizbuch.“. Und danach führte eins zum anderen. Spontan rief ich die Aktion „Ich male meine Follower“ aus und die Leute überhäuften mich mit Malwunschäußerungen und kleinen Briefings. Ich selbst fand die Idee von Anfang an sehr gut, weil man mit ihr zeigen konnte, dass hinter so einem Twitter-Account ein Mensch mit all seinen Facetten sitzt.

Twitterhuder Abendblatt: Wie wählst Du eigentlich aus, wen Du malst?

@frauenfuss: Ich muss mich inspiriert fühlen.

Twitterhuder Abendblatt: Und gleich weiter gefragt: Wem folgst Du, woran machst Du es fest, jemanden wieder zu entfolgen oder gar zu blocken? Das hat ja viel mit Eitelkeiten und Stolz zu tun, gerade wenn es darum geht, ob einem prominente Twitterer diese Form der Aufmerksamkeit zukommen lassen.

@frauenfuss: Ich entfolge fast nie als erste, weil ich finde, dass jeder Mensch es wert ist verfolgt zu werden. Manchmal wenn dann die Timeline an mir vorbei rieselt und ich bei dem ein oder anderen denke, oha – muss ich mir jetzt 20 Foursquare-Meldungen hintereinander durchlesen? – und derjenige folgt mir dann eh längst nicht mehr, entfolge ich still und heimlich. So wichtig ist mir dieses Folgen und Verfolgt werden gar nicht mehr, wie es am Anfang mal war. Ich stöbere auch viel in Profilen von Menschen, denen ich gar nicht dauerhaft folge. Ich plätschere querbeet durch Twitter. Guck auch einfach mal durch Hashtag-Timelines durch. Wenn sich auf Events wie der Buchmesse oder dem ADC-Festival tolle Kontakte ergeben, folge ich sofort diesen im echten Leben geschmiedeten Verbindungen zurück. Manchmal weiß ich auch gar nicht, ob ich Menschen, mit denen ich viele Replys austausche bereits zurück folge oder nicht. Wenn die dann irgendwann schreiben, was man denn tun solle, damit ich zurück folge, ist mir das immer total peinlich und ich fange unmittelbar die Verfolgung an. Meine Erfahrung ist: da sind viele, viele wunderbare Menschen unterwegs. Die Follower-Zahl und Bekanntheit auf Twitter sagt rein gar nichts über den echten Menschen aus. Auf Teufel komm raus nur durch das Teufelswerk „Favstar“ manifestierten „Qualitätstwitterern“ zurück zu folgen, ist nicht meins. Mich inspiriert jeder, der Dinge erlebt und von ihnen erzählt.

Twitterhuder Abendblatt: Das Format “Ich male meine Follower” als reales Event fand mit der großen Ausstellung #immfv4 in Hamburg sein Ende. Magst Du uns vielleicht sagen, warum es nie einen fünften, sechsten, siebten Teil mit den Bildern und Vernissage gab? Wo und was funktionierte nicht mehr? Wo sind denn eigentlich die Bilder inzwischen?

@frauenfuss: Ich hatte 5 Ausstellungen. Aktuell liegen noch ein paar Werke in Hannover im Kunstverein herum. Ich hab mich zu einer Ausstellung in Erlangen für September überreden lassen. Dummerweise kann man da nur noch 7 Rahmungen bewundern. Denn von den Anfangs fast 90 gerahmten Bildern sind fast alle verkauft. Eine Rahmung hat mich 120 Euro gekostet. Man kann sich jetzt ausrechnen, was mich die Ausstellungen gekostet haben. Dazu kamen Raummieten, Anfahrten, Hotel, Verpackung, Dämmmaterial, Poster, Catering, etc.pp. Kunst ist teuer. Die Ausstellungen waren geniale Events aber sind ohne echten Sponsor nicht finanzierbar. Für die Erlanger Ausstellung werden wir irgendwie versuchen müssen meine originalen Notizbücher zum Blättern auszulegen. Ich selbst möchte kein Geld mehr in Rahmungen investieren.

Twitterhuder Abendblatt: Ist es denn lästig, wenn man immer auf dasselbe Thema angesprochen wird bzw. Hast Du das Gefühl, jetzt für immer die Twitterin zu sein, die ihre Follower malt?

@frauenfuss: Nein gar nicht – ich find das gut. Solange man sich erinnert, ist das ein Lob für mich. Viele neue Follower kennen diese Aktion gar nicht und mögen mich einfach so, wegen der allgemeingültigen Zeichnungen, die ich in meinem Blog poste. Das find ich natürlich auch toll.

Twitterhuder Abendblatt: Du lebst in Erlangen. Aus Twitterersicht ist das (ich hoffe, Du fühlst Dich nicht beleidigt; vielleicht irre ich mich auch) tiefstes Entwicklungsland. Wie ist das so in Deinem direkten Umfeld? Nimmt man Dich als Twitterin war? Gibt es Andere oder gar Events?

@frauenfuss: In Erlangen und Nürnberg vor allem gibt es eine große Twitter-Community, die sich auch regelmäßig trifft. Leider hab ich es noch nie zu den Treffen geschafft. Muss ich unbedingt mal machen! Versprochen! In Köln haben wir auch noch eine Wohnung und Büro. Hier treffe ich mich regelmäßig mit Twitterern. Eventuell liegt es daran, dass mir als Rheinländerin die Mentalität sehr viel näher ist. Ich bin ein Plaudertäschchen, spontan, rede schnell – unter echten Franken hab ich nie Fuß gefasst. Zudem bin ich Skatspielerin – wenn man Franken zum Skatspielen überreden will, antworten die nur, man solle Schafkopf lernen. Dabei kann ich Schafkopf. Es ist wie Skat nur ohne alle interessanten Regeln. Ich weiß auch nicht, aber mein echter Freundeskreis hier besteht kurioserweise nur aus „Zugerasten“. Aber eventuell ändert sich das ja, wenn ich mal auf eines dieser ominösen Nürnberger Twitter-Treffen gehe. (Erlangen, Fürth und Nürnberg werden hier ohne jede Städtekonkurrenz als eine Großmetropole und Gesamt-Ausgehmeile empfunden. Sehr wohltuend.)

Twitterhuder Abendblatt: Ganz anderes Thema: Wie erklärt man Twitter? Kannst Du mal versuchen, es jemandem zu skizzieren, der keine Ahnung von Social Media allgemein oder vielleicht sogar keine Ahnung von Internet hat?

@frauenfuss: Ich erkläre Twitter immer so: „Es ist wie eine Online-Zeitung, die du aufschlägst. Jeder darf zu den Seiten, die du durchliest nur einen Satz schreiben und es sind von Profi-Journalisten bis Hobby-Schreiberlingen oder Künstlern ganz normale Menschen vorhanden und füllen diese Zeitung mit Information. Man kann lesen, man kann beitragen. Man kann es nutzen. Man muss es aber nicht nutzen. Die Welt dreht sich weiter, auch wenn man mal tagelang vergisst bei Twitter mitzulesen. (Hab ich selbst mal ausprobiert!)“

Twitterhuder Abendblatt: Ist das Medium, oder diese Online-Zeitung dann für Dich nachhaltig und sehr intim oder eher schnelllebig und oberflächlich?

@frauenfuss: Die Dinge werden nachhaltig, wenn man sie irgendwie festhält. Hier finde ich meine beiden Aktionen „Ich male meine Follower“ und „Ich male eure Tweets“ sehr passend: denn so erhalte ich mit einer Zeichnungen Twitterer und Tweets am Leben, die sonst durch Abmeldung im Nirvana verschwinden würden.

Manche Sätze werden wohl auch so ewig in die Geschichte eingehen. Manchmal sogar einer darüber, dass ein Blumenkübel in Münster umgekippt ist.

Twitterhuder Abendblatt: Tweets, die bleiben: Wenn Du fünf Twitterer mit auf die einsame Insel nehmen dürftest: Wer wäre das und warum?

@frauenfuss: @beangie, @leah_herz, @JuTime, @AndreasPoser und @UteWeber – weil sie goldbeherzt sind!

Twitterhuder Abendblatt: Als irgendjemand aus dem Internet kann ich meine Fragen natürlich nur aus der Distanz stellen und treffe vielleicht den Kern gar nicht, deswegen: Stell Dir doch bitte die vorletzte Frage selbst (sie sollte mit Twitter zu tun haben). Und beantworte sie in 140 Zeichen.

@frauenfuss: Meine Frage an mich wäre „Ist Twitter nur der Anfang? Wird unser Leben in der Zukunft weiterhin und sogar verstärkt durch unser Auftreten in Social Media Welten beeinflusst?“

Meine Antwort an mich wäre: „Ja!“

Twitterhuder Abendblatt: Und gleich noch mal: Wenn das, was Du hier alles gesagt hast, nur in einen Tweet passen sollte, wie würde der lauten?

@frauenfuss: Sei kreativ oder stirb.

Twitterhuder Abendblatt: Vielen Dank für das Interview <3.

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