Fünf Twitterer, ein Stichwort: Follower.

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Anmerkung: Der Artikel stammt aus einer Interviewreihe für mein früheres Blog “Twitterhuder Abendblatt”

Agent_Dexter@Agent_Dexter

„Ein erfolgreicher Twitterer sagte mir einmal: „Ab 8000 Followern wird es gefährlich.’ Gemeint war die Grenze, ab welcher sich alles verselbständigen würde. Die Menschen vor den Monitoren und Smartphone-Displays würden nicht mehr unterscheiden können zwischen Spaß, Ironie und Zynismus auf der einen Seite und Ernsthaftigkeit auf der anderen Seite. Das ist das Problem: Je mehr Menschen sich für das interessieren, was man da täglich an Mikrowelten von sich gibt, desto mehr können auch das Allerschlimmste hineininterpretieren. Seither habe ich Angst vor einem Mob unbekannter Variablen. Wir wollen doch auf Twitter alle nur Alltag verarbeiten, im günstigsten Fall nette Menschen kennenlernen und vielleicht erfahren, dass der eine oder andere im Grunde vollkommen fremde Mensch da draußen ähnlich fühlt. Denn Follower machen Twitter erst spannend. Ohne sie wäre alles wie ein Gespräch mit der Zimmerdecke: Meistens ist es ganz angenehm, wenn niemand reagiert und widerspricht. Aber manchmal ist es gut zu wissen, dass da jemand ist, der zuhört und aufpasst.“

uteweber@UteWeber

„Ohne Follower ist Twitter sinnlos, dann könnte man seine kruden Gedanken auch weiterhin der Katze erzählen. Ab einer gewissen Anzahl von Followern stellen sich außer den verzweifelten Verkäufern von Glücksratgebern echte Menschen ein, mit denen sich kommunizieren lässt. Das kann ein freundlicher Gedankenaustausch sein oder ein Schlagabtausch. Gerüchtehalber soll es mitunter zum Austausch von Körperflüssigkeiten oder gar Eheringen kommen. Manchmal findet man Seelenverwandte und tauscht gefühlvolle Direktnachrichten, manchmal reißt sich ein Psychopath die Maske vom Gesicht und es fallen justitiable Worte. Von seinen Followern bekommt man Geburtstagsgrüße und Gute-Nacht-Lieder, man hat immer jemanden, der einem die Pointe erklärt und bekommt Antworten auf rhetorische Fragen. Insgesamt ist das alles verdammt schön. Außer man denkt zu viel über das positive Wachstum der Followerzahl nach. Dann bekommt man Entfolgungswahn, eine von der Berufsgenossenschaft anerkannte Twittererkrankheit. Wenn man einen guten Chirurgen findet, kann man sich die vereiterte Hybris entfernen lassen.“

schlenzalot@schlenzalot

„Follower. Eigentlich eine Frechheit, Menschen beziehungsweise ihre Internetableger so abzuqualifizieren. Andererseits – was soll’s! Es klingt herrlich herablassend und fast als würde man über ein Haustier reden, wenn man sag „Einer meiner Follower hat neulich…“. Praktisch auch, dass Einzahl und Mehrzahl die gleiche Form haben, da gerät man nicht so leicht in die Gefahr, Follower als Individuen zu betrachten. In ihrer Masse gleichen sie einer digitalen Gnu-Herde, die durch die Gegend grasen, immer auf der Suche nach dem nächsten Wasserloch, das für eine Zeit unterhaltsam ist und Labsal in der Ödnis bzw. verwirrenden Vielfalt des Internets bietet. Hinterlassen wird dann entweder ein Haufen Sterne, Likes oder +1 – oder ein Shitstorm, in dem undifferenziert einfach mal mitgemacht wird. Da wird eifrig zum Mitmachen, Zeichnen, Weiterleiten und Reporten aufgerufen, dass es dem Pastor in der Sonntagspredigt ganz Angst und Bange werden muss bei so viel Gutmenschentum und Engagement. Der Follower an und für sich wird durch die Schwarmintelligenz geleitet, was es ihm auch ermöglicht, sich fortzupflanzen und zu vermehren. Das geschieht in der Regel so wie bei Fischen, indem Weibchen Eier ins Wasser legen und die Männchen dann ihren Samen drübergießen, d.h. hübschen Bildchen wird schnell ein Reply geschickt.

Zum Glück bin ich tierlieb.“

Juchtenkaeferl@comeinorstayout

„Innerhalb meiner kurzen Zeit bei Twitter ist eins ganz fix klargeworden: Wenn du nicht privat für Freunde twitterst, brauchst du Follower, sonst wirfst du das Handtuch, bevor der Spaß richtig anfangen kann. Ich twittere ja, um eine Resonanz zu bekommen, um gelesen zu werden, um zu kommunizieren. Die ersten Tage lief es schleppend, nur Bots, wenige echte Follower. Ich habe viel gelesen, selten geschrieben. Nach einigen Tweets dann der Mention eines bekannteren Twitterers, und plötzlich hatte ich die ersten Menschen hinter den Icons in meiner Followerliste, das war famos, meine TL fing an zu atmen!

Schön ist, dass gerade diese ersten Follower mir treu bleiben. Den Kontakt zu ihnen schätze ich auch deshalb, weil er unbefangen ist, keine Erwartungshaltung, kein Druck. Inzwischen hat sich dank mehrerer Mentions und RTs anderer Twitterer meine Followerzahl erhöht. Ich freue mich über echte Follower und bin durchaus enttäuscht, wenn jemand wieder abspringt, empfinde es aber als konsequent und folge selbst auch nach Geschmack. Ob bei 10, 100 oder mehr Followern: Ich twittere einen Teil meiner Persönlichkeit, und das Ergebnis sagt selbstredend nicht jedem zu. Ich kann nichts daran ändern, nur um Follower zu halten.“

ohaimareiki@ohaimareiki

„Die Gefährten, das Fußvolk, die kritische Masse, der ausgelagerte, vertausendfachte innere Nörgler – es ist egal, wie man sie nennt, sie sind da. Und sie beobachten dich.

Je mehr, desto besser, ist wohl eine der verinnerlichten Regeln des Twitter-Fightclubs, der unter dem Decknamen Favstar-Mafia agiert. Denkt man jedenfalls, bis man selbst mehr als 300 hat und die dummen Replies, die platten Balzversuche und das aggressive Unverständnis, das einem tagtäglich entgegenbrandet, noch längst kein Plateau erreicht haben. Klar, warum sollte so ein diverser Mob, der dir Tag und Nacht hinterherrennt, nicht anstrengend sein? Und warum sollte er nicht, zu einem gewissen Grad zumindest, die Blödheit, Ignoranz und anstrengenden Kommunikationsgewohnheiten ins Internet zerren, die ihn auch im echten Leben auszeichnen? Einzelne Menschen sind toll, viele sind anstrengend und im Internet trifft oft beides gleichzeitig zu.

Es sind eben auch nur bzw. VOR ALLEM Menschen. Und die sind da, ohne physisch anwesend sein zu müssen, und sie äußern sich. Sie empören sich, sie motzen, sie fühlen aber auch mit und sind bei dir, obwohl du sie nicht aufgefordert hast und sie helfen dir, wenn du es brauchst. Und das ist, was das Internet trotz der ganzen Idioten so schön macht. Die gibt es nun mal immer und überall, was keinen ernsthaft wundert, aber die anderen sind die, die verblüffen.

Sie verbreiten Aufrufe/Fragen weiter wie bescheuerte Duracell-Häschen, bieten Hilfe an und fragen von sich aus, was sie für Dich tun können. Ob du gerade Lust darauf hast oder nicht. Nicht alle sind immer hilfreich, aber oft sind sie unglaublich selbstlos. Gibt es eine purere Form von Altruismus als jemandem zu helfen, den du kaum kennst, von dem du dir nichts erwartest und der dir höchstwahrscheinlich auch nichts zurückgeben wird (bzw. kann) außer Dankbarkeit? Ist es nicht eine wunderschöne Geste, jemandem etwas von seiner Amazon-Wunschliste zu kaufen und bewusst anonym zu bleiben?

Das Bedeutende sind für mich nicht die Hilfe, die Tipps und die kleinen Aufmerksamkeiten selbst, sondern die Hilfsbereitschaft, dieses reine für andere da sein, die das soziale Netz zu einem prosozialen Zusammenschluss machen, wobei die einzelnen Verbindungen weder robust noch überdauernd sein müssen, damit das Ganze funktioniert und jeder davon profitiert. Und ja, das klingt jetzt leider so, als würde ich Menschen mögen. Besonders die im Netz. Behaltet das bitte für euch.“

Ach komm, erzähl mir nix (oder doch)

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