Wie ich einmal mein Facebookverhalten drastisch veränderte, ohne dass jemand einen Unterschied bemerkte.

Ich habe vor ein paar Wochen mit Facebook endgültig gebrochen und niemand hat irgendetwas davon bemerkt. Im Gegenteil sprechen mich Freunde darauf an, dass ich in letzter Zeit doch wieder „sehr aktiv“ dort sei, was sie verwundert, denn in der Regel lasse ich in allen Konversationen kein gutes Haar an dem bekanntesten aller Social Networks. Es stimmt auch: Ich bin von außen betrachtet sehr aktiv dort. Ich verlinke alle meine Texte, stelle meine Photos ein und poste auch ab und zu mal Tweets von mir, wenn ich der Meinung bin, dass sie nicht zu provokativ und gleichzeitig simpel genug gestrickt sind, um von der Masse verstanden zu werden. Ich kommuniziere außerdem sehr viel über Facebook, ich chatte fast jeden Abend über die Seite, tausche dort mit sehr vielen Menschen Nachrichten aus.

Worin also besteht die radikale Veränderung, von der im Titel dieses Artikels die Rede ist? Ich habe aufgehört, Facebook in dem Sinne zu benutzen, in dem es gedacht ist. Ich lese den Stream nicht mehr mit. Ich ignoriere den eigentlichen Zweck, den Facebook verfolgt, das Sharen des banalen Alltags jedes Menschen mit seinen „Freunden“, der mittels der Funktion „Like“ zur Pflege des eigenen Egos beitragen soll. Ich habe mein Nutzungsverhalten der hinsichtlich der Besuchszeiten und Visits ganz eindeutig größten Webseite der Welt im letzten Monat sehr gründlich analysiert. Etwa 75% der Zeit, die ich auf Facebook verbrachte, verbrachte ich damit, Postings zu lesen und anzuklicken, die von meinen Kontakten täglich geteilt wurden. Diesen Teil habe ich radikal abgeschnitten. Was ich auf Facebook nach wie vor tue, sind Dinge, die ich auch ohne Facebook tun würde. Ich kommuniziere gerne schriftlich mit Menschen über Skype, SMS und sogar über Briefe, ich schreibe, photographiere und produziere viel und ich publiziere diesen Output irgendwo im Netz. Facebook nutze jetzt ich nur noch als Werkzeug, um eben die Sachen auf einem weiteren Kanal zu veröffentlichen, die ich sowieso veröffentliche und um Kontakte aufrecht zu erhalten. Das, was Facebook eigentlich sein will, eine Seite, auf der das eigene Leben stattfindet, habe ich aus meiner Nutzung elimiert und es fühlt sich an, als wäre es die beste Entscheidung seit der, als ich vor zehn Jahren beschloss, meinen Fernseher endgültig von der Antenne abzuklemmen und ihn nur noch zu behalten, um ab und zu mal eine DVD zu gucken.

Ich weiß nicht ganz sicher, ob es ein individueller Eindruck ist, ob es also an der wachsenden Anzahl meiner Kontakte liegt oder eher daran, dass die Zahl der Nutzer ingesamt wächst oder ob es eine Mischung aus Beidem ist, aber für mich hat sich Facebook in den letzten Jahren schleichend in MySpace verwandelt (aber ich glaube aus meiner Erfahrung mit Masse zu wissen, dass das Problem grundsätzlich mit Masse zu tun hat). Ich könnte stundenlang darüber ranten, wie wütend ich werde, wenn ich auf unglaublich dämliche „witzige“ Bilder mit Hunderten von Likes stoße, belanglose Statusmeldungen überfliege oder sehe, wie populistische Gruppen und Spam rasend schnell Verbreitung finden. Ich könnte auch erzählen, wie wütend ich auf mich selbst werde, wenn ich ich sarkastische Statusmeldungen als Reaktion darauf poste, die innerhalb von zwei Tagen genau so in der Belanglosigkeit versunken sind wie jedes andere Facebook-Posting auch, Timeline hin oder her. Mit meiner neuen Nutzung habe ich die Zeit, die ich Facebook einräume für Aktivitäten, die ich ohne Facebook nicht tun würde, auf inzwischen fast auf Null reduziert (wenn man die berufliche Nutzung herausrechnet, ich bin des Öfteren in Projekte involviert, die mit Social Media zu tun haben).

Heißt das, dass ich die Postings meiner „Friends“ hasse und ihr mich jetzt unbedingt löschen solltet? Nein. Es gibt mehrere Arten von Inhalten bei Facebook: Erstens sind das die doppelten Inhalte von den Netzmenschen, die auch anderswo veröffentlicht werden. Die lese ich sowieso mit, ich bekomme sie auf dem ein oder anderen Weg zu Gesicht, if the news is important, it will find me. Zweitens gibt es die Postings meiner echten Freunde und der Menschen, deren Inhalte mich wirklich interessieren. Ich habe eine Liste für diese Menschen erstellt und ich klicke ab und zu mal drauf und freue mich über das Zeug, das ich von ihnen lesen darf. Drittens sind es die Postings von enfernteren Bekannten. Ich lese sie, sobald ich mit einer dieser Person mal wieder kommuniziere oder etwas Neues von ihr erfahre. Ich gehe dann bewusst auf die Seite dieses Menschen und gucke mir an, was ihn umtreibt. Nur das Echtzeitelement, dieser Hauptstream, der ist für mich inzwischen tabu geworden. Und das ist eine der besten Netznutzungsentscheidungen, die ich jemals getroffen habe.

Was konsumiere ich stattdessen täglich (ein bisschen Input braucht der Kopf ja), wenn ich nicht selbst an Kram arbeite? Ich lese wieder sehr viel Literatur (zumeist noch gedruckt, das sind diese ominösen Bücher), ab und zu die guten alten Zeitungen, meinen Twitterstream (ja, den kann man tatsächlich „lesen“, wenn man den richtigen Leuten folgt und eben die nicht nur rumkaspern, was leider auch deutlich zu oft vorkommt), ich lese sehr viele Blogs aus verschiedensten Themenbereichen von Literatur und Kunst bis Photographie und Technik (eine Liste mit Tipps gebe ich auf Anfrage gerne, außerdem empfehle ich dringend Reeder für alle Geräte als RSS-Reader) und ich höre verdammt gerne Deutschlandfunk (es gibt eine echt gute Mac-App zum Radiohören).

Der große Unterschied zu Facebook ist der, dass ich bei diesen Sachen nicht permanent das Gefühl habe, immer weiter zu verdummen und mein Gehirn mit Fast Food zu füttern, bis es irgendwann völlig verschrumpelt* (Gehirne reagieren da anders als Bäuche) ist und ich selbst lustige Bildchen liken oder Gruppen gegen Krieg beitreten will.

*„verschrumpelt“ ist ein großartiges Wort, das wie seine Synonyme viel öfter benutzt werden sollte.

3 Gedanken zu „Wie ich einmal mein Facebookverhalten drastisch veränderte, ohne dass jemand einen Unterschied bemerkte.“

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