„Keiner klaut meine Texte, also klaut niemand Texte!“

Der Journalist Tillmann Prüfer hat einen interessanten Kurzkommentar auf der Onlinepräsenz der Financial Times Deutschland geschrieben, der gerade von Urheberrechtsgegnern über Twitter gejagt wird. Unter der Überschift „Bitte klaut meine Texte“ erklärt er sinngemäß, dass das Problem von illegal heruntergeladenen eBooks gar nicht existiert. Er stellt folgende Behauptung auf (ignorieren wir das an dieser Stelle juristisch unsinnige Wort „Verbrecher“):

„Heute fühlt sich kein Verbrecher mehr zu der Straftat hingezogen, Bücher im großen Maßstab zu kopieren, nicht einmal die Muschibücher von Charlotte Roche.“

Nun weiß ich nicht, ob oder wie Tillmann Prüfer für diesen schnellen Kommentar recherchiert hat oder ob er Facebook, die Webseiten von Medienhäusern und die ersten zwei Google-Ergebnisseiten für „das Internet“ hält, aber eine 10-Minuten-Suche mit entsprechenden Keywords führt mich zu diesem Bildschirm hier:

Was wir sehen, das sind die Ergebnisse der internen Suche eines Warez-Forums, das nicht auf Bücher oder ähnliches spezialisiert ist. Von diesen Seiten gibt es ziemlich viele. Dann gibt es noch: Blogs mit entsprechenden Links, Filesharing-Dienste, spezielle eBook-Foren, das Usenet, Suchmaschinen für One-Click-Hoster und so weiter. Alleine auf der von mir gefundenen Seite in einem einzigen Thread (!) wurde das Buch „Schoßgebete“ mehr als 21.000 Mal heruntergeladen (tatsächlich wurde der Thread so oft angeklickt, die Zahl der Downloads dürfte demnach niedriger sein, weil man die Leute abziehen muss, die es sich dann noch anders überlegen, das mit dem Runterladen nicht hinkriegen oder aus anderen Gründen dort unterwegs sind). Das Hörbuch deutlich öfter. Wenn ich wollte (d.h. wenn ich nicht eher für das Urheberrecht wäre und wenn ich außerdem einen ziemlich schlechten Literaturgeschmack hätte), dann könnte ich auf dieser Seite die Bücher von Charlotte Roche mit ein paar Klicks in verschiedensten Formaten und Formen herunterladen, ohne dass Autorin oder Verlag auch nur einen Cent von mir sehen würden. Ich weiß nicht, was der Autor des FTD-Artikels unter einem „großen Maßstab“ versteht, aber mit ein ein paar Stunden Recherchezeit könnte man leicht mindestens 100.000 nicht bezahlte Downloads des Buches im Netz nachweisen.

Tillmann Prüfer schließt offenbar in unzulässiger Weise von sich selbst auf andere. Seine Bücher habe ich mit denselben Keywords tatsächlich nirgendwo gefunden.

Disclosure: Ich habe mir noch keine abschließende Meinung gebildet, bin aber (wie gesagt) tendenziell pro Urheberrecht, was allerdings mit diesem Artikel nichts zu tun hat. Mich ärgert es nur, wenn offensichtlicher Unfug geschrieben und ohne größeres Hinterfragen von Leuten weiterverbreitet wird, die es eigentlich besser wissen müssten. Vor allem dann, wenn die Kolumne den Titel „Nichts als die Wahrheit“ trägt.

5 Gedanken zu „„Keiner klaut meine Texte, also klaut niemand Texte!““

  1. Aus Threadaufrufen Downloads machen, auch mit wachsweicher Einschränkung hinterher, ist mehr als unseriös. Wer in den Thread schreibt, öffnet ihn dadurch schon mindestens zwei Mal. Wer das Passwort für die RAR-Datei vergessen hat, klickt nochmal rein. Ganz zu schweigen von den ganzen Suchmaschinen-Robots, die das Board durchforsten.

    1. Wackelige Argumente. In dem Thread mit den 21.000 Aufrufen sind 37 Postings. Die meisten davon sind Re-Postings des Downloadlinks (übrigens ohne Passwort). Wenn man die Sache relativieren will, dann kann man Dein Argument nehmen, nach dem Motto: „Kann ja auch sein, dass auf einem Portal, das sich ausschließlich um Warez-Downloads dreht, irgendwer einfach nur gerne über das Buch diskutieren will!“. Klar, könnte sein, steht auch so im Artikel, dass die Downloadzahlen (wohl gemerkt von diesem Forum aus) wohl etwas geringer sind. Tatsächlich ist es aber auch so: Die 21.000 Zugriffe auf diesen Link sind nur die Spitze des Eisberges, denn ganz sicher kursiert exakt derselbe Downloadlink, der zu einem großen One-Klick-Hoster führt, noch an 100 weiteren Stellen im Netz und wird außerdem per Mail, ICQ und sonstwie verschickt. Und zwar neben sehr vielen Links zur selben Datei bei anderen Hostern plus den oben aufgeführten Dingen wie Usenet, Filesharingplattformen etc.

      Ich will lediglich zeigen, dass eBook-Download keineswegs ein Nischenphänomen oder gar nichtexistent ist, wie in dem FTD-Artikel behauptet. Welche Intention Du hast, das Gegenteil zu behaupten (was offenkundig mindestens in diesem Fall nicht zutrifft), weiß ich nicht.

  2. Meiner Meinung nach, verliert niemand was dabei, wenn sich jemand ein Musikstück etc. aus dem Netz zieht, sondern viele was bei der Kampanie gegen „Raubkopien“.

    mfg

    Lukas

Ach komm, erzähl mir nix (oder doch)

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