Das antisocialste Blog der Welt.

Ich habe auf meinem Hauptblog alle Sharebuttons, Kommentarfunktionen und sonstigen Möglichkeiten zur direkten Interaktion restlos entfernt. Übrig ist nur eine kleine, versteckte Facebookbox unter dem Kontakt-Feld.

Ich kann gar nicht deutlich genug betonen, wie zuwider mir das Bewertungsinternet in den letzten Monaten geworden ist. Es befördert scheinbar ein höher, schneller, besser, weiter, nur mit dem Unterschied, dass es in Wahrheit nicht um höher, schneller, besser, weiter geht, sondern um stromlinienförmiger und massenkompatibler. Härter ausgedrückt: Die dümmsten Texte und stumpfsten Witze bekommen die meisten Likes, komplexere Inhalte werden eher links liegen gelassen, egal ob wir über Twitter, Facebook oder das eigene Blog reden, das kann niemand ernsthaft bestreiten, und das hat Auswirkungen auf das Schreiben generell: Wir landen damit langsam in einer Art von foucaultschem Panopticon, einem runden Gefängnis, in dem jeder Schreiber jeden anderen Schreiber beobachtet, sofort bewertet, direkt sanktioniert oder lobt und damit auf Dauer normalisiert und auf Linie bringt und sich so niemand mehr traut, außergewöhnliche Dinge zu sagen oder zu schreiben. Ich beobachte das seit einiger Zeit sehr bewusst auf Twitter, denn dort ist es am deutlichsten zu sehen: Ich entdecke dort immer wieder Menschen, die sich neu anmelden, zu Beginn ungewöhnliche und eigensinnige Tweets schreiben und dann nach und nach in Richtung Mainstreamwitzchen abgeschliffen werden, sobald sie das „Belohnungsystem“ der Favs entdecken und/oder bemerken, wie schnell man für abweichende Meinungen getrollt oder entfolgt wird. Wenn einer Deiner Tweets einen Shitstorm auslöst und der andere dreihundert Favoriten generiert, dann kannst Du mir nicht ernsthaft erzählen, dass das nicht irgendeine Art von Rückkopplung auf das eigene Schreiben hat. Und genau dasselbe passiert überall im Netz, seitdem es an jeder Stelle Kommentare gibt, seitdem sich Inhalte „viral“ ausbreiten können und jeder diese lustigen Knöpfe einbindet, die auf Social Media-Seiten zeigen und daneben einblenden, wie beliebt der jeweilige Artikel ist.

Diesem Instant-Bewertungs- und Kommentarterror, der in den letzten Jahren immer schlimmer geworden ist und auf manchen Plattformen inzwischen sogar dazu führt, dass Dinge, die nicht populär genug sind, anderen Nutzern gar nicht mehr angezeigt werden, habe ich mein Blog heute nach knapp fünf Jahren entzogen. Ich werde beobachten, wie sich das auswirkt und es hier gegebenfalls genau so machen, falls mir dieses Zweiblog in Zukunft wirklich wichtig wird. Ich habe alle Buttons entfernt, die irgendwelche Nummern zählen, ich habe die Kommentare restlos entsorgt, demnächst lösche ich außerdem noch die Statistiken. Es sind noch Social Media-Buttons übrig: Solche, mit denen man mich im Netz finden kann, die auf meine Profile verweisen, aber man kann dort in keiner Weise mehr mit den Texten selbst interagieren. Ich glaube, das wird mir und den Texten sehr gut tun. Zum einen werde ich dort nicht mehr (und wenn es nur unbewusst war) in einer Art schreiben, die einen Leser schon im Schreibprozess berücksichtigt, sondern viel freier und viel mehr wie in meinem Notizbuch (das ich tatsächlich führe), zum anderen werden meine paar Hundert täglichen Leser nicht mehr permanent damit konfrontiert, dass sie direkt sehen können, ob ein Text auch Kommentare, Likes oder sonstigen Kram hat, sondern sie müssen sich damit auseinandersetzen, den Text wirklich lesen und sich selbstständig und alleine eine Meinung bilden. Niemand kaut ihnen mehr in den Kommentaren vor, was sie von einem Posting zu halten haben („Ey, so ein Scheißartikel, ey“). Wer diese Auseinandersetzung nicht möchte, der kann sich zum Teufel scheren. Ich brauche keinen Leser, der nur passiv auf einen Knopf drückt oder gar nur deshalb einen Kommentar erstellt, um sich selbst bei einem vielkommentierten Artikel in den Mittelpunkt zu rücken und auch seinen Senf dazuzugeben. Und ich brauche auch keine Leser, die über Shares und Verlinkungen beim Herumklicken durch das Netz auf mein Blog kommen, dort einen Klugscheißerkommentar hinterlassen und danach nie wieder auftauchen. Ein großer Anteil der rund 1.500 Kommentare, die ich mit der Umstellung unsichtbar geschaltet habe, waren leider von genau dieser Art, was natürlich auch daran liegt, dass es sich bei der Irrlichterkette um ein Kunst- und literarisches Blog handelt, aber eben nicht nur.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich freue mich über jeden, der meine Texte liest oder Photos ansieht und ich bin immer wieder überglücklich darüber, wenn ich Feedback zu meinen Sachen bekomme. Dazu gibt es weiterhin viele Möglichkeiten: Man kann bei Facebook schreiben, Mails schicken, sogar Briefe und Telefongespräche werden angenommen. Man kann halt nur nicht mehr unter jedem Posting direkt irgendeine Meinung hinschreiben oder schnell mal auf ein Knöpfchen klicken. Und das fühlt sich an, als wäre es eine verdammt richtige Entscheidung. Ich wünschte mir sehr, Twitter, Facebook und alle anderen Dienste würden diese Option auch anbieten.

4 Gedanken zu „Das antisocialste Blog der Welt.“

  1. Hallo Sebastian,

    mir hat der Text gut gefallen. Ich selber habe gestern fast 1h lange verzweifelt versucht satische Social Sharing Buttons unter meine Artikel einzubinden. Und das war so nervenaufreibend, dass ich es so belassen habe wie es ist.

    Dein Beitrag aber hat mich aber zum nachdenken gebracht. Wer einen Artikel wirklich teilen will, egal in welchem Netzwerk, der wird sich auch die Muehe machen und die URL kopieren und sie dort einfuegen wo er es fuer richtig haelt.

    Danke.

    mfgcb

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