Fünf Twitterer, ein Stichwort: Fav.

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Anmerkung: Der Artikel stammt aus einer Interviewreihe für mein früheres Blog “Twitterhuder Abendblatt”

Amaot@Amaot

„Favs sind vieles, aber eins sind sie nicht: egal. Ihrer Bedeutung liegt wohl irgendwo zwischen ‘Ich werde gefavt, also bin ich’ und ‘War ich gut?’ nach dem Sex. Dabei sind Favs vor allem ein kurzer Moment der Anerkennung im schnellen Strom der Tweets. Ein Zeichen, dass man gelesen und vielleicht auch verstanden wird. Und wenn es einen tieferen Sinn hinter Twitter gibt, ist er das. Letztlich hampeln und turnen wir doch alle winkend in dieser großen Kommunikationshüpfburg herum, um in irgendeiner Form wahrgenommen zu werden. Manche hüpfen elegant, andere gemeinsam im Kreis und wieder andere mit urkomischen Verrenkungen – aber alle winkend ‘Hallo hier bin ich’. Wer anderes behauptet, schließe seinen Account ab und lese fortan nur noch.

Einige machen eine Wissenschaft daraus, berechnen in einer komplizierten Arithmetik aus Follower, Primetimes und Inhalten die Chance auf den großen Durchbruch eines Tweets. Ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, ich hätte noch nicht versucht, das Fav-Verhalten von Twitterern in freier Wildbahn zu ergründen. Doch wahrscheinlich muss man noch die Mondphasen, die durchschnittliche Temperatur des Badewassers und das Wohlbefinden der Katzen miteinbeziehen – Raketenwissenschaft ist ein Fliegenschiss dagegen. Und am Ende steht man dann wie Sternentaler frierend auf dem offenen Feld, hält sein Nachthemd auf und wartet darauf, dass es Sterne regnet. Dabei ist es nicht die Masse, es sind einzelne Favs, die mich freuen. Für mich sind es vor allem die Personen, die faven. Und wenn dann mal die komplette Glitzerparade mit den Regebogen kotzenden Einhörnern über mich hinwegmarschiert, ist das auch ganz schön. Selber fave ich, wie ich tweete: Aus dem Bauch heraus. Vielleicht finde ich deshalb die mal mehr oder weniger versteckte Bettelei nach Favs befremdlich, wenn Mentions von Favstar wieder ins Rennen geschickt werden, oder die eigene Favstarseite im Profil verlinkt wird. Aber dann denke ich mir, ‘Hey, das ist Twitter und Twitter ist immer das, was man selber daraus macht. Nicht mein Bier’. Bier? Bier ist ein gutes Schlusswort.“

hausohnefenster@HausOhneFenster

„Der Fav ist das ‘Gefällt mir’ für Twitter. Oder auch einfach das ‘Fein gemacht’ im Web 2.0. Und so war es auch schon vor tausenden von Jahren. Ein Fav zeigte dem Verfasser / der Verfasserin eines Tweets: der Tweet war gut, er hat jemandem gefallen, der Tweet hat Aufmerksamkeit erregt, der Tweet wurde wahrgenommen.

Mittlerweile interpretieren Favgeber und Favnehmer den Fav deutlich weitreichender und immer auch deutlich persönlicher. Heutzutage kann ein Fav zum Beispiel auch bedeuten:

‘Den Tweet fand ich gut.’ – ‘Ich hab gesehen, dass Du online bist.’ – ‘Ich glaube, ich mag Dich vielleicht ein wenig, würde es Dir aber nie persönlich sagen.’ – ‘Mir geht’s gerade auch so, wie in dem Tweet beschrieben.’ – ‘Manchmal geht’s mir auch so, wie in dem Tweet beschrieben, aber nicht immer und ich hoffe, Du weißt, wie ich das meine, ja? Wollen wir vielleicht mal einen Kaffee zusammen downloaden?’ – ‘Mir geht’s eigentlich nie so, wie in dem Tweet beschrieben, aber was soll’s!’ – ‘Oh Mist, verklickt!’ – ‘LOS, BEMERKE ENDLICH, DASS ES MICH GIBT UND ICH DEINE TWEETS LESE!’

Daraus resultierend hat sich eine Fav-Industrie entwickelt, die täglich neue Fav-Interpretationen auf den twitternden Markt wirft und sich daran erfreut, dass etwa ein Erdbeergeschmack-Fav oft verwendet wird, ein Emotions-Fav fast noch häufiger und ein seltener Qualitäts-Fav noch nicht ganz ausgestorben ist.

Favs sind kostenlos und unterliegen keinen steuerpflichtigen Abgaben. Man kann sie nicht essen und nicht davon leben. Aber sie sind gut für das eigene Wohlbefinden und, so sagt man, für die Seele. Aber nur, wenn man eine hat. Wenn man Twitterer früge, würde das allerdings niemand zugeben. Vermutlich würden viele Twitterer die Existenz von Favs einfach leugnen oder erstaunt die Augen aufreißen und ‘Was, so etwas gibt es wirklich?’ ausrufen. Und selbst wenn sie das nicht rufen würden, dann würde ich ihnen gerne die Augen aufreißen und meinerseits rufen: ‘Ja, so etwas gibt es wirklich!’ Aber vermutlich dürfte ich das nicht. Körperverletzung und so.

Ein schöner Umstand ist es, dass die Favs in Form von kleinen Bildchen angezeigt werden, die entweder den Favgeber selber zeigen oder halt irgendetwas anderes. Diese Bildchen kann man stundenlang betrachten, vergleichen, Interpretationen dazu ausarbeiten oder einfach ablecken. Aber das bleibt natürlich jedem selbst überlassen.“

kirasonnenberg2@KiraSonnenberg

„Faven ist eine Kommunikationsform, sehr komplex und vielschichtig: Wer favt wen, wann und was? Mein Fav macht mich zu einem Teil Deines Tweets. Er kann schallendes Gelächter bekunden und Applaus. Er kann Zustimmung und Wiedererkennen ausdrücken, aber auch ein Lächeln, oder Dankbarkeit für Worte, die ich nie fand. Manchmal zeigt Dir mein Fav mein Mitgefühl, dann klopfe ich Dir auf die Schulter oder umarme Dich. Manch einer gibt Dir nie einen Fav und doch hört er Dir zu. Nichtfaven heißt nicht unbedingt Nichtmögen, vielleicht bin ich gerade nur in einer anderen Stimmung. Vielleicht ist Dein Tweet auch ganz wundervoll, aber er gehört zu Dir und mein Nichtfaven ist ein Ausdruck meines Respekts.

Mein Fav gehört Dir. Du kannst ihn zu den anderen zählen wie Onkel Dagobert Goldstücke. Vielen zu gefallen, sich möglichst gut zu verkaufen hat aber durchaus nicht für jeden Account Priorität. Was wenigen gefällt, kann kostbar sein wie ein einzelner Stern, der Dir einen ganzen Himmel bedeutet.“

formschub@formschub

„Ach, Favs … Als ich mich 2008 bei Twitter anmeldete und am 15. September meinen denkwürdigen ersten Tweet eintippte, wusste ich nicht, was das kleine Sternsymbol überhaupt bedeutete. Ich war zwar nicht mehr jung, aber ahnungslos. Erst, als in den Tweets meiner Followings das seltsame Wort ‘Favs’ immer häufiger auftauchte, fand ich heraus, was es mit dieser Funktion auf sich hat. ‘Ah, ein Gutfindbutton!’ dachte ich und nutzte dieses neue Feature fortan, um im Strom der vorbeiziehenden Tweets kleine Anker zu setzen, damit mir die geistreichsten davon nicht unauffindbar entschwanden. Doch dann tauchte die erste Schlange im Twitterparadies auf. Sie nannte sich Favotter und stellte die Fremdbesternung von Tweets in einem virtuellen Schaufenster aus. Fortan konnte man (ich) sehen, welche der unschuldig eingetippten Belanglosigkeiten bei besonders vielen Mittwitterern auf Anerkennung stießen. Und – ich gebe zu – ich erlag der Versuchung dieses Popularitätsspiegels, stellte mich mehrmals täglich davor und sonnte mich im goldgelben Glanz der erhaltenen Sterne. Es folgten Favrd, Favstar, die deutschen Favcharts und zuletzt Tweetster. Klicken, gucken, zählen, vergleichen. Ja, ich habe sogar irgendwo auf der Festplatte noch ein paar Screenshots, als ich mal den einen oder anderen Tag lang auf Platz 1 der deutschen Favcharts stand. Mal ehrlich: genießt es nicht jeder, im unglaublichen, endlosen Rauschen des Netzes auf diese oder andere Art ein kleines Glanzlicht aufgesetzt zu bekommen? Ist doch okay – und es schadet ja keinem. Peinlich wird es, finde ich, wenn Favs eingefordert werden. Wenn famose fremde Tweets wortwörtlich oder mit notdürftig verschleiernden Änderungen vorsätzlich geklaut werden, um Favs einzuheimsen. Oder wenn Besternungsmeldungen der Favdienste eigenhändig retweetet werden, um den Scheinwerfer auf die eigene Originalität zu richten. Der Glanz der Sterne, die darauf folgen, ist ein matter.

Auch heute schaue ich immer noch gerne bei Favstar und Tweetster rein, freue mich, wenn ein Tweet, bei dessen Eingabe ich grinste, Sterne bekommt und schmolle ein bisschen, wenn nicht. Lächle, wenn ein Twitterer, dessen Wesen und/oder Tweets ich selber sehr schätze, unter den Besternenden ist und genieße es, wenn ab und zu ein ‘Fünfziger’ oder ‘Hunderter’ dabei ist. Aber mein Platz in irgendeiner Rangfolge interessiert micht nicht mehr wirklich. Ich versuche, die Sterne, die ich bekomme, wieder so zu sehen, wie die, die ich selber vergebe. Die nicht schweigen, sich aufreihen und gezählt werden wollen, sondern dem Verfasser einzeln leise ins Ohr flüstern: ‘Du… das hat mir gefallen.’“

nachtlos@nachtlos

„Der Fav. Favorisieren. Nur ein Klick und der andere weiß, dass da gerade jemand ist, der wahrnimmt, was ich gerade in die Timeline ‘geschmissen’ habe. Ich persönlich fave, wenn mich etwas berührt, mich zum lachen oder staunen gebracht hat – oder schlicht & ergreifend, wenn ich sagen will: ‘Ich verstehe Dich so gut.’ – Ich finde es großartig, dass es diese Möglichkeit gibt, innerhalb weniger Sekunden und vorallem durch nur einen Klick, genau diese Gedanken mit anderen zu teilen.

Portale wie Favstar summieren das Ganze und sammeln die sogenannten ‘Best-Ofs’ eines Twitterers, in denen man sich oft mal festlesen kann. Auch wenn ich nicht zum ‘alten Eisen’ auf Twitter gehöre und erst knapp ein Jahr meinen Account unprotected habe – aber, ich kann durchaus sagen, dass diese Art der Kommunikation ein fester Bestandteil meiner Kommunikation auf Twitter geworden ist. Es macht mir Spaß und ich freue mich, wenn es anderen auch Spaß macht. Der Fav. Favorisieren. Ein Klick hinter dem soviel Aussagekraft steht, jedoch nicht zum realitätsfernen ‘Wettkampf’ werden sollte… So, und jetzt favt mich durch.“

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