U- und E-Argumente


Der inoffizielle Kultur- und Musikbeauftragte der Piratenpartei, Bruno Kramm, hat eine Rede auf einer Demo gegen die umstrittene GEMA-Tarifreform gehalten. Die Rede wäre mir an sich nicht sonderlich aufgefallen, in ihr stecken die meisten oft gehörten und berechtigten Anti-GEMA-Argumente, auch wenn es bemerkenswert ist, dass die Piratenpartei an dieser Stelle (wie vorher beim Urheberrecht und bei den Verlagen bzw. der „Content-Mafia“) ihre Position plötzlich auch daraus ableiten will, dass sie für die „kleinen und machtlosen“ Künstler kämpft (siehe die vorherigen argumentativen Kniffe: Wir wollen ein Urheberrecht, das Downloads ermöglicht, aber die Künstler müssen auf jeden Fall auch entlohnt werden bzw. Die Verlage sind wichtig, nur die Verträge mit den Künstlern sind ungerecht und ausbeuterisch).

Wirklich geärgert an der stilecht von einem iPad abgelesenen Rede hat mich allerdings die folgende Stelle:

„Dass die GEMA schon lange den Kontakt zur Außenwelt verloren hat, dokumentiert ihre anachronistische Unterscheidung zwischen sogenannter E- und U-Musik, das bedeutet Ernste und Unterhaltungsmusik. Eine Unterscheidung, die aus der finstersten Zeit unseres Landes stammt, als die GEMA noch STAGMA hieß und zwischen entarteter und völkisch einwandfreier Musik unterschied.“

Dazu gibt es folgendes zu sagen:

1. Was soll der Naziverweis an dieser Stelle, außer die Zuhörer unter Vorspiegelung falscher Tatsachen gegen die GEMA aufhetzen? Die Unterscheidung zwischen U- und E-Musik stammt aus der Zeit der Jahrhundertwende und hat historisch nichts mit dem Begriff „Entarteter Musik“ aus der Zeit des Nationalsozialismus zu tun. Die Aussage ist nicht nur extrem polemisch, sie ist schlicht falsch. Im Gegenteil wird einiges, was in der NS-Zeit unter „entartet“ fiel, heute als E-Musik geführt (zb. im Bereich Jazz).

2. Führt Bruno Kramm mit diesem „Argument“ seine ganze vorherige Rede, die darauf abzielt, dass eher unbekannte Künstler besser zu entlohnen sind („krimineller Raubtierkapitalismus“, „kleine kreative Künstler“), völlig ad absurdum. Die Unterscheidung zwischen U- und E-Musik (über deren Berechtigung man unabhängig von GEMA und Co. durchaus diskutieren kann) tut nämlich genau das, was der „Kulturpirat“ im Rest der Rede fordert: Sie gibt deutlich unpopulärerer, aber kreativerer und komplexerer Musik eine Sonderstellung. Es ist schade, dass klassische Musik offenbar kein Interesse bei dem musikalisch angeblich so bewanderten Bruno Kramm weckt, aber ihren Artenschutz im Rahmen der Musikverwertung ausgerechnet in Verbindung mit dem vorher geäußerten Argument heftig anzugreifen, dass derzeit nur „Gassenhauer“ von der Verwertungsgesellschaft profitieren würden, ist sich selbst heftig widersprechender Unfug.

Ich würde mich freuen, wenn der Kulturbeauftragte der Piratenpartei seinen musikalischen Horizont mal ein bisschen erweitert, vor allem aber seine Reden auf größere Logikfehler prüft (wenn man für die kleineren und weniger populären Künstler ist, dann für alle und nicht nur für diejenigen, die man selbst konsumiert) und stumpfe Nazianalogien in Zukunft unterlässt. So jedenfalls bleibt die Partei für mich unwählbar.

Ach komm, erzähl mir nix (oder doch)

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s