Fünf Twitterer, Ein Stichwort: Following.

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Anmerkung: Der Artikel stammt aus einer Interviewreihe für mein früheres Blog “Twitterhuder Abendblatt”

peachlotte@peachlotte

„Über die, die manchmal meinen Tag retten. Ein Rezept.

Unbekannt bei Twitter ankommen, keine Anhaltspunkte haben. Sorgfältig ein kleines Expertenteam aus Twitterern und Newsdiensten zusammenstellen.

Bei den Coolen abgucken. Orientieren. Eine Liedlänge dann mal jedes Profil testen und durchforsten.

Bei mehr als 3 Sternen: den Followbutton klicken. Bei zu vielen Retweets, Replys, Instagramgeknipse oder überhaupt zu vielen Tweets nacheinander: den Cursor davon lassen.

Typische Twittertrigger wie Nutella, Einhörnern und sich ewig wiederholende Twitterschablonen vermeiden. Außer ‘Deine Mutter’-Sachen. Originalgedanken bevorzugen. Und lustige. Und versaute. Und manchmal auch herzschmerzschnulzige. Und selbstironische. Und nicht übermäßig eitele.

Am liebsten die verrückten.

Nachdem eine Lottemischung zusammengestellt ist, kommt eine ganze Reihe von süßen Männeravatarbildchen dazu, deren Tweets ganz erträglich bis wirklich gut sind.

Zum Schluss Komplimenthure sein, einen zweiter Blick auf die Twitterer werfen, die regelmäßig liebe Rückmeldung geben. Probehalber dann mal folgen und mit ein bisschen Glück kleine Juwelen entdecken.

Und am Ende in der Bahn sitzen oder im Wartezimmer oder irgendwo, scrollen, grinsen und froh sein, zu so einem merkwürdiggroßartigen kleinen Kosmos dazuzugehören.“

nutellagangbang@nutellagangbang

„Followings bilden die Timeline, sie sind die eigentliche Essenz von Twitter. Ich persönlich folge mit weit über 600 Accounts vergleichsweise vielen, verstehe aber die Argumente derer, die ihre Timeline der Übersicht halber deutlich kleiner halten. Doch kann und will ich mich nicht auf die typischen Leaderboardkandidaten beschränken, es gibt so viele lesenswerte Menschen hier, die nicht unbedingt den Massengeschmack bedienen. Außerdem will ich nicht vor einer ausgestorbenen Timeline sitzen, wenn ich nachts um 4 betrunken nach Hause komme.

Interessant finde ich das Phänomen, dass sich durch gewisse Überschneidungstendenzen der Followings bestimmte Kreise bei Twitter formieren. Diese Subkulturen (ich unterteile mal grob in Wortakrobaten, Tech-Nerds, Schüler und Mimimimädchen) folgen sich gegenseitig, haben mit den jeweils anderen aber wenig zu tun. Das ist insofern bemerkenswert, da es einem ja völlig freisteht, wie man seine Timline zusammensetzt und dennoch viele völlig voneinander unabhängige Twitterer erstaunlich vielen gleichen Leuten folgen.“

naum_burger@Naum_Burger

„Es sind inzwischen mehr als 310 Menschen, denen ich folge. Wären all diese Menschen in einem Raum, sprächen aus, was sie in ihren Tweets niederschreiben, es entstünde ein Stimmengewirr, wofern nicht gar ein Gesang: vielfältig und verführerisch – das ist mir wichtig.

Ich mache mir ein Bild von den Menschen in meiner Timeline, welches gewisslich nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmt. Ich denke sie mir in ein Umfeld hinein, da befindet sich dann für mich der Mensch, dessen Tweet ich lese, dessen Stimme ich höre – mehr und mehr gewinnen die Stimmen an Deutlichkeit in meinem Kopf, meine Timeline ist ein riesiger Roman, der sich Tag um Tag fortschreibt.

Innere Monologe (Tweets) reihen sich aneinander und bilden eine Handlung reich an Wendungen. Die Stimmen flüstern und schreien und erzählen tapfer vom Alltag, erdichten groteske Begebnisse oder bereichern die Handlung durch Schweigen, nicht selten kommt es zu Dialogen, jene wieder verebben und späterhin neu anheben.

Folge ich einem ‘neuen Menschen’, entstehen weitere Handlungsstränge, entschließe ich mich, einem Menschen aus etwelchen Gründen nicht mehr zu folgen, ändert auch dies den Verlauf der Handlung.

Dass ich all die Menschen, denen ich folge, in meinem Kopf zu einem Roman verdichte, ist ein Kniff, ohne den ich nicht kann. Das Seltsame an dem Roman: auch wenn man nicht jede Seite liest, kann man doch den Geschehnissen, den Stimmen, den Gedanken der Menschen fast immer folgen. Ihre Schicksale rühren mich an und machen mich neugierig auf mehr. Darum folge ich denen, denen ich folge. Darum lese ich Tag um Tag ein paar Seiten.

Denn meine TL ist ein Roman – und was für einer.“

murkeleien@murkeleien

„Zeig mir deine Timeline, und ich sage dir, wer du bist – nun, ein bisschen ist das wohl so. Als ich zu Twitter kam, vor ziemlich genau drei Jahren in einem tristen September, da meldete ich mich an, um etwas gegen meine Schreibblockade zu tun. Um Inspiration zu suchen. Zwei der ersten, denen ich folgte – und bis heute folge waren @tochtervon, die heute leider nicht mehr twittert, aber manchmal noch durch Favs in Erscheinung tritt – und @luzilla, die ihre ganz eigene, bezaubernde Art der Alltagsbeobachtungen hat. Aber es gibt auch Menschen wie zum Beispiel @antiprodukt, die ich sehr gerne lese, weil sie meinen Horizont erweitert. Das als minimale Auswahl des harten Kerns meiner heißgeliebten Timeline.

Ich mag es, wenn jemand authentisch schreibt. Ja, das böse Wort ‘authentisch’. Wenn ich von dessen oder deren Alltag erzählt bekomme, mal witzig, mal ironisch, auch mal zynisch. Ich möchte berührt werden von Tweets. Ich mag es gerne echt, ohne erzwungene Comedy, ohne das Schielen aufs Leaderboard, und ich mag auch das, was einige als ‘Emo’ bezeichnen – ich selbst bin ja nun ausgewiesene Hardcore-Emo-Twitterin. Phasenweise. Ich folge Menschen (und ja, das muss man immer bedenken, hinter den Accounts, den markigen, lauten, leisen, traurigen und hypersensiblen Tweets stecken Menschen), bei denen ich mir vorstellen kann, sie auch im echten Leben gerne kennenzulernen. Viele habe ich auch tatsächlich schon getroffen. In den allermeisten Fällen war mein Gespür richtig. Ich nehme gerne teil, so wie ich gerne teilhaben lasse. Am Leben. Twitter ist für mich ein Sammelsurium an verschiedensten Leben, meine Followings sind Fenster in fremde Welten, Gedankenströme, Hirnwindungen. Inspiration geben sie mir. Vertrautheit, einige. Und immer wieder gerne die Flucht aus dem Alltag.

Übrigens schreibe ich trotz – oder wegen? – Twitter immer noch nicht viel mehr als vorher. Aber ich habe mir mein eigenes kleines Universum geschaffen.“

durst@durst

„’Followings!’, hört man mich lauthals seufzen, während ich mir mit meinem Smartphone affektiert Frischluft zufächele und gekonnt eine Leidensgrimasse imitiere, ‘Followings – es geht nicht mit ihnen, aber auch nicht ohne sie!’

Der Grund für meinen übertrieben theatralischen Auftritt ist der, dass für mich Followings, zu Deutsch: ‘die einen halt, denen wo man folgen tut’, natürlich der Hauptanreiz sind, hin und wieder einen raschen Blick auf das speckige Display meines twitterfähigen Telefons zu werfen, über das sich seidig glimmend die Timeline spannt. Und gleichzeitig ist das Gelesene, das mir diejenigen, denen ich folge, auf die trübe Netzhaut projizieren, zeitweise auch die Ursache dafür, dass ich voller Abscheu alle paar Minuten das Telefon an die Wand klatschen, den so entzauberten Froschtweet entsorgen und mir kopfschüttelnd ein neues Smartphone aus dem Spender ziehen muss.

‘Aber Dursti!’, hört man nun bereits kritische Follower per Mention an mir zupfen, während sie den zum Widerspruch erhobenen Zeigefinger in ein frisch gepiekstes Luftloch einhaken, ‘biste blöd, oder wat???? Auf Twitter kann man doch selbst bestimmen, wem man folgt und wem nicht. Dit is ja dis Goile!!!!! ;-) Bist also durchweg selber schuld, als ewiglicher Zürner, als pausenlos anklagender und unkonstruktiver Kritiker am Zeitleistenstrom zu züngeln! Bist komplett alleine dafür verantwortlich, dass Läuse dir eine Autobahn über die Leber tapeziert haben! Warum folgst du auch Leuten, die du nicht ausstehen kannst, Dummerle? Müsstest doch einfach nur das Eject-Knöpflein bei denjenigen drücken, die du nicht lesen magst, du schales Glas Wasser. Erkläre dich also, sprich!’

Meine kühle Orangina blubbert leise, als ich zur Überbrückung einer Denkpause an ihrem Strohhalm zuzele, bevor ich räuspernd dazu ansetze, auf diese legitimen Fragen eine möglichst befriedigende Antwort zu geben.

In der Tat bestimmt die Auswahl derer, denen man folgt, wie man Twitter erlebt. Die Followings machen das Programm, und das Angenehme daran ist, dass man, von unsäglichen Retweets einmal abgesehen, die einem – unerwünscht wie die Fresse von Ronald McDonald auf dem Getränkebecher eines Happy Meals – hin und wieder frech in die Timeline geballert werden, tatsächlich selbst für die Qualität der Programmzusammenstellung verantwortlich ist, die man sich so reinzieht. Welche Erlösung ist es doch, sich zur Abwechslung einmal komplett eigenständig aussuchen zu können, in wessen Geist man Gast sein möchte, wessen Leben man durch die 140-Zeichen-Lupe betrachten, mit wem man gar in der Twitterjugendherberge in St. Direkt-Messetschingen in einem gemeinsamen Stockbett die Nacht durchquasseln möchte! Und eben auch, mit wem nicht. Warum also freiwillig, wie ich es praktiziere, auch die dunkle, beinahe ungenießbar verkohlte Rückseite der Timeline an sich heranlassen? Warum bornierten Polittweet-Sauertöpfen folgen, die zu jedem noch so schmierigen Fetzen ‘Tagesgeschehen’, den ihnen Spiegel Online diktiert, etwas Lautes zu sagen zu haben glauben. Warum aus freien Stücken der erstaunlich großen Masse Beachtung schenken, die sich unreflektiertes ‘Prangern’ zum Hobby gemacht hat, sobald sie irgendwo eine vermeintliche Missetat schnüffelt, die unverzüglich einen offenen Brief, mindestens jedoch einen unbedingten Retweetbefehl zur Folge haben muss? Warum seelenlos rotierende Witzmaschinen lesen, die der Meinung sind, ein Wortspiel gereiche schon zum Amüsement, indem es existiere? Warum, zu allem Überfluss, freiwillig nach #tatort, #gntm und #bsf Tweets in der abendlichen Timeline spähen, wenn man selbst dem im Vergleich zum Internetangebot arg vorkonfektionierten Fernsehen längst abgeschworen hat und sich stattdessen still und ohne viel Aufhebens wieder den Serien, die man sich zu einem selbst bestimmten Zeitpunkt und maßgeschneidert auf die momentane Stimmung passend aus dem Netz gezogen hat, hingeben könnte? Warum #Piraten!!! dabei zusehen, wie sie sich in bester Weltmeeresschreckgespenstermanier gegenseitig zerfleischen, anstatt endlich im oben erwähnten Tagesgeschehen mitzumischen und dafür zu sorgen, dass die Medien mehr zu tun bekommen als sie in billigen Nautikwortspielen zu verheizen? Warum das Grauen, das sich ‘Top Tweets’ nennt, regelmäßig nach pharmakonzernumsatzsteigernden Tweets von @HerrTutorial durchforsten? Puh.

Wieso sich nicht stattdessen auf Followings beschränken, die einem das Herzel vor lauter Zuneigung in Strampelextase streicheln? Wieso den ganzen unbequemen, womöglich sogar vom eigenen Weltbild hart abweichenden Rest nicht einfach ausblenden? Wieso nicht in die kürzlich aus Bequemlichkeitsgründen erfundene Legitimation für kleingeistige Ignoranz namens ‘Filterbubble’ hüpfen und den ‘>:-(‘-Kommentarhotkey von der Tastatur knispeln? So viele ermüdende Variationen derselben Frage, auf die es zum Glück eine einfache Antwort gibt:

Ich will es nicht, und ich kann gar nicht anders – weil die Welt unbestreitbar vielfältig und vielschichtig ist, und alles, was man einfach nur des eigenen Missfallens wegen bequem ausblendet, um sich das Leben schöner zu simulieren, nur die Geistesträgheit fördert, die eigene Weiterentwicklung zum Stillstand bringt und einem somit dem unausweichlichen Tode unnötig beschleunigt näherbringt. Ohne das Bittere hat das Süße keinen Kontrast, vor dem es köstlich schmecken könnte, und deshalb ist zuerst einmal jeder Twitterer spannend und aufregend, und verdient, in all seinen Facetten begriffen zu werden. Doch schon schallt es mir vorschnell entgegen: ‘Jeder Twitterer? Gar jeder Tweet? Hallo??’ Hoppla, Obacht!, setze ich zur Antwort an – ‘Also auch jede Meinung? Geht’s noch, Durst?!’ Beileibe nicht!, führe ich weiter aus, denn ich habe natürlich gerade etwas übertrieben, um meinen Punkt anschaulicher darzustellen. In Wahrheit ist es eine regelrechte Kunst, eine dem eigenen Level an Aufnahmefähigkeit zuträgliche Balance zu finden zwischen Inhaltgebern, deren Tweets einem die Augen auf Mangagröße schwellen lassen, weil sie einen derart hohen ‘Ja, JA! JENAU DIT FINDICK OOCH!!!’-Anteil haben, dass man vor lauter Zustimmung durch das WLAN-Kabel zu ihnen kriechen und ihnen fieberhaft über das Köpfchen streichen möchte, bis es glüht – und eben auch solchen Twitterern, die mit jedem Tweet die Graugrütze unter dem Schädeldeckelchen schier zum Überkochen bringen, denen man skeptisch oder gar ablehnend gegenübersteht, weil sie eine von der eigenen abweichende, vielleicht durch Engstirnigkeit beschränkte oder auch geschärfte Sicht auf die Dinge haben, weil sie sich für Themen begeistern oder enragieren, die einem selbst nur ein müdes oder gequältes Lächeln auf die Lippen rufen. Es ist schwierig, aber nicht unmöglich, diese Balance herzustellen, ohne gleich vollends in die rosarote Flauschbubble der gefälligen Followings abzudriften und meine Kritik ist hier, dass sich viel zu viele Leute viel zu wenig an eigener Aufnahmefähigkeit zutrauen und viel zu schnell aufgeben, also vorschnell ‘abschalten’, oder eben wegklicken, entfolgen, manchmal sogar blocken, was ihnen ihre Weltsicht und somit ihr Leben hätte bereichern können, wenn sie es als inspirierenden Kontrast zum eigenen Erleben wahrgenommen hätten, das man durchaus jederzeit in Frage zu stellen in der Lage sein sollte. Man ist stets merklich weiter vom Herzinfarkttod durch Echauffieren entfernt, als man glaubt. Ebenso fühlt man sich öfter gelangweilt, als dass man tatsächlich gelangweilt sein müsste, weil man seinem Contentteller zu ungenaue Beachtung schenkt und die schmackhaften, gesunden Erbslein übersieht, die unters ranzig-zähe Schnitzel gerollt sind, in dem man missmutig herumstochert. Ich plädiere hier also nicht für ein ‘Folge gewaltsam irgendwelchen Deppen, die du nicht ausstehen kannst oder belanglos findest, um dich selbst zu kasteien und in eitlem Masochismus auf törichte Weise Gehirnzellen abzutöten’, sondern bewerbe lediglich ein ‘Gib dich nicht gleich der Bequemlichkeit hin, die ein Entfolge-, Block- oder gar ein unsäglich verlogener Mute-Button dir anbieten. Sperr’ stattdessen die Augen auf und geh an deine moralische Belastungsgrenze! Entspannen und gefällig berieseln lassen kannst du dich immer noch ausserhalb von Twitter, beispielsweise offline auf einem Waldspaziergang bei einem netten Kaffeekränzchen mit Eulen, Rehen und, hier ist der Begriff ausnahmsweise einmal angebracht, flauschigen Eichhörnchen’.

Hier, der Vollständigkeit halber möchte ich mal an einem Beispiel veranschaulichen, welche Freiheiten mir meine Followingauswahl ermöglicht. Beispielsweise stimme ich im seltensten Fall mit ihnen überein, will aber dennoch auf dem Laufenden bleiben und mitbekommen, welchen tunnelblickbeschränkten Unsinn die berufsempörten Genderpopenders, die kackmistgabelschwingenden Netzsexist_Innen einem nun wieder ungefragt überhelfen möchten: ‘Kackscheisse auch im Tierreich?’, könnte ich da etwa zu lesen bekommen, und weiter: ‘Unser/e Feldforsch(er)_Innen/Aussen entdeckten auf einem ausbeut(er/sie)ischen Molkerei_Betrieb fladenförmige Exkrementscheiben, die jemand hinter den Kühen platziert hat. Und zwar, wen wundert es, ausnahmslos hinter weiblichen Tieren!!!!! ZUFALL?!?!ß?! WOHL KAUM!!!!11′

Ob ich mich dann aber darüber aufrege oder nicht – allein das ist meine Filtersouveränität, die ich einsetze. Ob ich mir gefalle, mich in einem spitzen Kommentar zum Gelesenen zu äußern, der vielleicht anderswo, nicht nötigerweise beim eigentlichen Adressaten, einen Denkanstoß zur Folge hat, oder ob ich den Tweet, die URL oder das Bild einfach übergehe, und stillschweigend toleriere, dass jeder von uns sich in unterschiedlichen Relevanzstrukturen bewegt, diese Entscheidung obliegt weiterhin mir selbst. Rezipiert haben möchte ich in jedem Fall – ganz egoistisch, um mich selbst um einen weiteren Eindruck und eine weitere Sichtweise bereichert zu haben, der ich zustimmend, neutral oder ablehnend im Stillen oder öffentlich gegenüberstehen kann.

Aber wie zuvor schon angedeutet, sind für mich all die blutdrucksteigernden, oft auch traurig oder gar misantrop stimmenden Einblicke in andere Denkmuster nur die kontrastierende Kulisse für diejenigen, um die es mir wirklich geht, und die für mich persönlich Twitter ausmachen: Die Wenigen, die mir die grausame Einsamkeit des Universums erträglicher machen, indem sie, im Übrigen meist völlig ohne Zuhilfenahme von stets blitzschnell zu jedem Thema abrufbarer ‘Meinung’, in der Lage sind, ein Gemeinschafts- und Wiedererkennungsgefühl in mir auszulösen. Vielleicht nur, weil sie gerade zufällig dieselbe Stimmungslage mit Worten zum Ausdruck brachten, in der ich mich just im Moment der Tweetlektüre selbst auch gerade befand. Vielleicht auch, weil ihre Tweets wieder einmal wie eine gemeinsame Kindheitserinnerung klingen, die man nur vergessen haben konnte, weil man ja in Wirklichkeit getrennt aufgewachsen war. Oder vielleicht, weil sie mich dazu bringen, hunderte Kilometer Reise auf mich zunehmen, um einmal gemeinsam mit ihnen den Hund Gassi führen zu können, den ich zuvor in ihren Tweets als fideles, aber etwas dümmliches Kerlchen portraitiert fand.

Ganz allgemein formuliert hingegen ist für mich eine der schönsten Eigenschaften von Twitter, dass es uns alle auf die gleiche Ausgangsbasis zurückwirft. Meiner Meinung nach geht es nicht darum, ‘es’ auf Twitter zu ‘etwas’ zu bringen, sondern SICH zu bringen, seiner Persönlichkeit freien Lauf zu lassen. Nicht wie sonst so oft Aussehen, sozialer Stand, oder die zweifelhafte Fähigkeit, sich schamlos in den Vordergrund zu drängen, sind entscheidend, um wahrgenommen zu werden. Zumindest inneralb des Twittersubsystems, in dem ich mich gerne bewege, zählt stattdessen einzig und allein die Fähigkeit, mittels getippter Sprache (und dem gelegentlichen, obligatorischen Caffellatteinstagram) seinen Geist in eine Form zu gießen, die bei einem anonymen Gegenüber eine Empfindung auslöst. Dass diese Empfindung dabei nicht notgedrungen positiv sein muss, dass es nicht zwingend darum gehen muss, mit seichten Witzchen Heileweltstimmung zu verbreiten oder möglichst dem Massengeschmack zu entsprechen, sondern vor allem Authentizität und originäre Inhalte, die Seele durchblitzen lassen, Wertschätzung finden, sollte jeden in die erfrischende Lage versetzen, völlig vorbehaltslos zu entdecken, was dieses sozialste aller Netzwerke einem zu bieten hat – und man ihm.

Nach diesen anstrengend pathetischen Schlussworten und mit besorgtem Blick auf meine bereits bedenklich geleerte Orangina muss ich nun aber schon wieder entschuldigt werden und mich zurückziehen, um mit einem lachenden und mit einem zuckenden Auge weiter auf die Timeline zu starren. Folgt mir, wenn ihr wollt! Bis gleich!“

Ach komm, erzähl mir nix (oder doch)

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