App Review: Tweetbot for Mac (OS X)

Konzept

Wer Wert auf möglichst hohe Simplizität legt, der ist mit der ersten Mac-App des Teams von Tapbots möglicherweise zunächst ein wenig überfordert. Nach langer Alpha- und Beta-Phase hat Tweetbot for Mac endlich seinen Weg in den App-Store gefunden und ist das genaue Gegenteil von etwa dem radikal simplen Wren geworden: Ein Monster von einem Twitterclient, das bis weit unters Dach vollgestopft ist mit Optionen und Funktionen, die teilweise deutlich über das hinaus gehen, was Twitter selbst anbietet.

Zu meinen Favoriten unter diesen Funktionen zählen die Mute-Funktion (man kann einzelne Personen, Hashtags und Clients – zum Teil auch über einen frei wählbaren Zeitraum – muten, letzteres gibt einem endlich die Möglichkeit, die nervigen Autopostings von etwa Instagram oder Foursquare, die einige Leute leider immer noch pflegen, abzustellen), die Option, den Client mehrspaltig auf multiple Timelines zu erweiteren (etwa für die parallele Ansicht von aktiven Suchen, Hashtags oder schlicht die Timelines von weiteren eigenen Accounts), die von iOS bekannten Drafts für Tweetentwürfe, die ebenfalls in der App integriert sind, die Möglichkeit, per Rechtsklick Tweet-URLs zu kopieren oder Tweets in Favstar zu öffnen und direkt aus der Timeline heraus accountbezogene Aktionen (unter anderem Follow/Unfollow, DM, Block, Listenverwaltung) durchzuführen, indem man man den Rechtsklick auf dem jeweiligen Avatar ausführt. Außerdem besonders schön: Endlich hat man auch auf dem Mac wieder Zugriff auf ein sehr weit zurückreichendes Archiv an DMs, ein Punkt, der mich in den offiziellen Clients des Öfteren zum Wahnsinn treibt (dort sind die DMs eigentlich meistens in irgendeiner Form verbuggt) – in Tweetbot for Mac reicht das Archiv sogar deutlich weiter zurück als auf der Webseite.

Ein kleiner Haken ist die Preispolitik von Tapbots, zu der in dieser Rezension mehr als ein paar Worte verloren werden sollen, da dies der derzeit meistdiskutierte Aspekt bezüglich der Applikation ist: Tweetbot for Mac kostet mit 15,99€ ein vielfaches von allen anderen Clients. Einerseits könnte man an dieser Stelle einwerfen, dass das für eine Software, die man häufig nutzt und die einen so hohen Funktionsumfang hat, eigentlich nicht viel Geld ist und dass wohl das Preisdumping durch iOS-Apps in den letzten Jahren die kollektive Fehlwahrnehmung verursacht, dass diese Applikation „teuer“ ist, andererseits ist aber natürlich das Argument, dass niemand weiß, wie Twitters derzeitige und sehr bedenkliche Politik gegenüber Anbietern von eigenen Clients weitergeht (wenn es hart auf hart kommt, dann besteht durchaus die Möglichkeit, dass die App in ein paar Monaten nicht mehr zu gebrauchen ist) etwas, das gegen den Kauf zu dem Preis spricht. Ebenso sollte man bedenken, dass Twitter for Mac durch eben jene API-Politik zu einer im wahrsten Sinne des Wortes „limitierten Software“ wird (mehr als 100.000 API-Tokens werden für den Client nicht vergeben, Tapbots selbst gibt in einem Blogpost zum Release genau das als Grund für die Preispolitik an), was wiederum die zweite Gefahr beinhaltet, dass nach Erreichen der Grenze die Weiterentwicklung für Tapbots trotz der derzeitigen Ankündigungen eines dauerhaften Supports irgendwann nicht mehr sonderlich reizvoll erscheint, da das Unternehmen ab dem Punkt keinen weiteren Cent mehr mit der Software verdienen kann.

Abb.: Multi-Timeline-View.

Usability / User Experience

Tweetbot for Mac ist trotz seiner Masse an Funktionen sehr intuitiv zu bedienen für jeden, der schon mal eine der iOS-Versionen benutzt hat (was auf einen hohen Prozentsatz der Poweruser zutreffen dürfte) und äußerst durchdacht konstruiert: Das Hauptfenster ist um weitere Tabs erweiterbar, außerdem können für andere Inhalte auch weitere Fenster geöffnet und beliebig verschoben werden. Alle eingetragenen Accounts verbergen sich unter einem zentralen Icon oben links, für die Listen wurde am oberen Rand der Timeline außerdem ein weiteres Icon eingebaut, mit dem ein Zwei-Klick-Wechsel zwischen selbigen möglich ist.

Neu sind unter anderem sinnvolle Sachen wie etwa die Benachrichtigungen unter dem Menüleistenicon in OS X, in denen man sich einen schnellen Überblick über die Anzahl neuer Tweets in der Timeline, Mentions und Direct Messages pro Account verschaffen kann. Auch ist es möglich, über eben dieses Icon direkt einen Tweet zu verfassen, ohne das Hauptfenster öffnen zu müssen – für ablenkungsfreies Twittern zwischendurch perfekt. Die bereits genannten Features wie vielfältigste Mute-Funktionalität, userbezogene Aktionen aus der Timeline heraus und die Bedienung über einige neue Touch-Gesten runden das Erlebnis Tweetbot for Mac bei der Benutzung vollends ab. In den Einstellungen der App lassen sich darüber hinaus eine Tonne Personalisierungen wie bevorzugter Bilderdienst, die Art der Timelineaktualisierung (Anzeigen der Anzahl neuer Tweets vs. Pin-to-Top), Schriftgröße und optionale Synchronisation via iCloud mit den mobilen Versionen vornehmen.

Abb.: OSX Menüleistenfunktionen und Fav-Ansicht mit New-Tweet-Fenster.

In Sachen UX ist Tweetbot for Mac in jedem Fall ein rundum gelungener Wurf, alles klappt wunderbar und auf Anhieb, die Personalisierungsmöglichkeiten sind enorm vielseitig. Lediglich ein paar Kleinigkeiten wirken noch etwas hakelig, etwa das Ausklappen weiterer Tabs, für das man erst die gewünschte zusätzliche Timeline (etwa eine Suche, eine Liste, die eigenen Mentions etc.) im Hauptfenster aufrufen, ausklappen und dann im Hauptfenster wieder zurück zu dem Element navigieren muss, das man dort eigentlich haben wollte. Das neu ausklappte zweite Tab ist anschließend leider nicht mehr editierbar, sondern nur durch Löschung und Neugenerierung auswechselbar.

Design

Ich war in Sachen Twitter-Desktopclienterscheinungsbild (absichtliches Monsterkompositum) immer ein großer Fan des alten, offiziellen Twitter for Mac, das ich auf meinem Arbeitsrechner bis heute betreibe – ich spreche von der Version, die noch nicht mit einer unpassenden, grauen Navigationsleiste ohne weitere Funktion am oberen Rand verschlimmbessert wurde: Der Client hatte lediglich eine schwarze Sidebar mit sehr dezenten Icons für die Standardmenüs auf der linken Seite, rechts nichts außer der Timeline, die meisten Aktionen wurden per Mouseover direkt über dem Tweet eingeblendet, fertig.

Tweetbot for Mac kommt etwas bunter daher und ist daher auch tendenziell ein bisschen ablenkender, wenn man zu den Menschen gehört, die ihren Client in der Regel für ein paar Stunden am Tag auf dem Bildschirm liegen haben. Einwände gegen das Design kann man trotzdem nicht erheben, ganz im Gegenteil: Alles gefällt ziemlich gut, ist sehr konsistent in dunklem Grau und im Look und Feel der ganzen Tweetbot-Familie gestaltet, bis hin zum merkwürdigen Robotermaskottchen des Icons, das auf dem Mac in einer Komplettkörperansicht (siehe Quietscheentchenbild über dem Artikel) seinen Auftritt hat. Das heißt: Tolle Icons überall, schicke Typographie, stilvolle Gestaltung der Abstände zwischen Zeilen und Tweets, eine wirklich sehenswerte, randlose Einbettung von Medien inklusive rundem Ladezeiticon beim Aufrufen und sehr, sehr viel mehr kleine Details, die deutlich machen, dass hier wirklich sehr kompetente Menschen für lange Zeit und mit Herzblut bei der Gestaltung am Werk waren.

Fazit

Tweetbot for Mac ist nicht nur der erste wirklich ernstzunehmende Desktop-Twitterclient seit langer Zeit, er ist der konkurrenzlos beste. Die App beinhaltet alle Funktionen, die schon die iOS-Versionen zu Lieblingen der Twittervielnutzergemeinde gemacht haben, sieht extrem gut aus, läuft stabil und sehr flüssig und addiert eine Menge weiterer Optionen zur bekannten Twittererfahrung, die man schon nach ein paar Stunden nicht mehr missen mag. Wer Twitter als sein primäres Social Network bezeichnen würde und mit einem Mac arbeitet, der sollte darüber nachdenken, sich den Aston Martin unter den Twitterclients zuzulegen – es könnte durchaus der Fall sein, dass er bald ausverkauft ist. Die Bewertungen der anderen Käufer im App-Store sprechen nach einem Tag jedenfalls eine sehr eindeutige Sprache und auch von meiner Seite aus gibt es an dieser Stelle eine klare Empfehlung für Tweetbot for Mac.

5 Gedanken zu „App Review: Tweetbot for Mac (OS X)“

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