Lose Gedanken zum Zusammenhang von Qualität und Popularität

poppopulaer
(Vorbemerkung: Die Prämisse von der objektiven Bewertbarkeit von Dingen, insbesondere Kulturprodukten, ist Basis dieser Überlegungen, die des Weitern noch sehr unvollständig und nur ein Anfang der Aufarbeitung eines schon länger für mich interessanten Themenkomplexes sind.)

Popularität und Qualität verhalten sich, so meine These, ab einem gewissen qualitativen Mindestniveau und innerhalb eines gewissen zeitlichen Fensters „Gegenwart“ (zu Letzterem später mehr) meist umgekehrt proportional zueinander. Wenn das Produkt (gemeint sind im engeren Sinne Kulturprodukte) über eine mittlere Aufmerksamkeitsschwelle hinaus erfolgreich wird, dann ist das ein hervorragender Indikator für durchschnittlichere Qualität. Die vielgerühmte Schwarmintelligenz funktioniert nur dann, wenn der Schwarm nicht mehrheitlich aus Dummköpfen besteht, denn sie bildet immer einen Durchschnitt ab¹ ². Stellen wir uns das Ganze in einfacher graphischer Form vor (und zwar nicht in Form einer Hyperbel mit zwei Achsen, sondern mit zwei sich in der Mitte schneidenden Geraden für die beiden Werte, die ansteigen bzw. fallen³), dann befindet sich am Schnittpunkt nicht der Durchschnittsgeschmack, sondern der kleinste gemeinsame Nenner ist ganz am Ende der Grafik, wo die Qualität durch Kompromisse mit jeder einzelnen Person bis zur kompletten Harmlosigkeit rausgelutscht ist und die Popularität entsprechend ihren höchsten Wert erreicht hat. Vor dem Schnittpunkt dagegen haben wir Qualitätsprodukte, oft zu komplex, einarbeitungsintensiv, etc., um von einer größeren Masse adaptiert und damit in der Folge auch direkt populär zu werden. Am Schnittpunkt hingegen ist das verortet, was in der Masse als „guter Geschmack“ gilt, das Zeug also, das man durchgehen lassen kann, bei dem der Experte auf dem jeweiligen Gebiet zwar sagen würde: „Lies erstmal dieses Buch, das eindeutig die Inspiration dafür ist und außerdem viel besser“, aber heimlich denken „Das geht ja noch“. Die beiden großen Probleme bei einer derartigen Schwarzweiß-These, die zunächst noch ganz nachvollziehbar klingt, sind die beiden im ersten Satz erwähnten Einschränkungen: Der größere zeitliche Verlauf, in dessen Folge das Modell durch Neubewertungen (siehe nächster Absatz) seine Gültigkeit verliert, vor allem aber die Nichtgreifbarkeit von Produkten, die unter dem Radar durchfliegen und gar nicht erst in notwendigem Maße wahrgenommen werden, um eine Einsortierung auf der Achse zu ermöglichen, denn man kann unmöglich behaupten, dass alles, das keinerlei Popularität erfährt, zu den genialsten Dingen zählt, meist ist genau das Gegenteil der Fall. Würde man diesen Faktor einarbeiten wollen, dann müsste die Popularitätskurve ab einem gewissen Qualitätstief plötzlich sehr rapide sinken und bei Null mit der Qualitätskurve zusammenfallen, auf der anderen Seite müsste vermutlich etwas Ähnliches passieren (die Kurve wäre plötzlich identisch mit den Unendlichkeitssymbol, die Vorstellung ist sehr schön). Die Rolle von Vermarktung ist in der ganzen Überlegung außerdem völlig außen vor.

Die zunächst logische Konsequenz aus den bisherigen Hypothesen scheint aber zu sein: Popularität ist bei Produkten aus der unmittelbaren Gegenwart kein Filter für Qualität. Zumindest im Bereich Kultur sind dagegen Expertengruppen⁴ der beste Filter, um eine Auswahl zu treffen. Das ist das alte Modell, das sich nicht ohne Grund in so vielen Gesellschaften und Bereichen massiv durchgesetzt hat. Kritiker sortieren für denjenigen, der keine Zeit oder Lust hat, Unmengen an Büchern zu lesen, sich Tonnen von Musik anzuhören, etc. Das heißt nicht, dass mit den jedem zur Verfügung stehenden Werkzeugen der demokratischen Beteiligung im Netz nicht auch jeder zu einem Kritiker werden kann, der an dieser Kanonbildung teilnehmen kann, ganz im Gegenteil – der Unterschied zwischen Experte und Nichtexperte liegt immer nur in der Ernsthaftigkeit der Beschäftigung mit einem Thema⁵: Kanonisierungen durch Literaturkritiker funktionieren, Meta-Webseiten mit Durchschnittscharts von professionellen Filmkritikern funktionieren, mit Rateyourmusic liefert sogar eine Rangliste für Musiknerds erstaunlich gute Ergebnisse. Vermutlich ist der sogenannte „Long Tail“, die Theorie, die besagt, dass qualitativ hochwertige (und oft im zeitlichen Rahmen „Gegenwart“ deswegen fälschlicherweise als „Nischenprodukte“ klassifizierte) Produkte im Verlauf der Zeit eben doch noch eine erstaunlich hohe Masse erreichen, Ergebnis genau dieses fortwährenden Selektionsprozesses, der aus diesem Grunde dringend zu erhalten ist (was ein versteckter Aufruf dazu ist, sich ernsthaft mit Dingen auseinanderzusetzen und auch unpopuläres Zeug, das der eigenen Auffassung nach gut ist, einfach mal öffentlich gut zu finden, auch wenn es keine Sau kennt). Was im Gegenteil nicht funktioniert, sind generelle Verkaufs-, Klicks- und Leserzahlencharts, das spült zwangsläufig den kleinsten gemeinsamen Nenner nach oben. Ist das alles eine völlig banale und/oder viel zu undifferenzierte⁶ Hypothese? Ich weiß es nicht. Ich denke schon ziemlich lange unsystematisiert über dieses Thema nach, so dass ich möglicherweise die Distanz dazu verloren habe, aber ich glaube, dass der grundsätzliche und auf das Zeitfenster „Gegenwart“ bezogene, oft gegenläufige Zusammenhang von Popularität und Qualität eine wichtige Erkenntnis sein kann, damit man in der Lage ist, Dinge besser einzuordnen und sich nicht permanent darüber aufregen muss, wenn irgendein Müll plötzlich superpopulär wird, denn es scheint zumindest irgendeine Art von eine Gesetzmäßigkeit zu geben, die dafür sorgt bzw. im Gegenteil eher verhindert, dass Qualitätsprodukte direkte Massenerfolge feiern können. Die alte Regel, dass 99% von allem Scheiße ist, ist eine stark vereinfachte Darstellung genau dieses Prinzips.

Tragischerweise basieren auch viel zu viele Kennzahlen, die wir im Internet haben, auf Modellen, die nur Popularität berücksichtigen, weil Qualität nicht in Echtzeit messbar⁷ und/oder nur auf Plattformen eine Rolle spielen kann, die Nutzermassen durch explizite oder implizite Kriterien ausschließt und sich damit automatisch den Vorwurf des Elitarismus durch diejenigen gefallen lassen muss, die nicht zu denen zählen, die Zugang bekommen⁸. Followerzahlen, Likes, Klickmessungen, all die Mechanismen, bei denen jeder einzelne Nutzer in einem System mit vielen Nutzern gemessen wird, bevorzugen systematisch niedrige Qualität und je durchschnittlicher die Nutzer eines Portals werden (was mit zunehmender Masse automatisch geschieht), desto mehr zeigt der Algorithmus, der nur das Relevanzkriterium Popularität hat, den zulesenden Usern Schrott an. Myspace ist untergegangen, weil es den Leuten die völlige Freiheit gab, ihre Seiten selbst zu gestalten, aber nicht mit dem unglaublich schlechten Durchschnittgeschmack gerechnet hat, der verzerrte Sonnenuntergangsbilder mit Silhouetten von händchenhaltenden Bravo-Schönheiten unter Glitzerherzchengifs legte. Facebook ist auf dem besten Wege dahin, zu einem Portal zu werden, auf dem sich viral verbreitende, lustige Bildchen die Überhand nehmen und die Anzahl der retweeteten flachen Witze und Kitschsprüchlein auf Twitter nimmt mit der höheren Anzahl der Nutzer ebenfalls zwangsläufig zu. Wenn ein bestimmtes Popularitätsniveau (der Schnittpunkt?) überschritten ist, dann folgt aufgrund der gleichzeitig fallenden Qualität nach einiger Zeit der Überdruß der Hardcore-User (die an dieser Stelle möglicherweise dieselbe Funktion wie die obige, in der Kanonbildung relevante Expertengruppe einnehmen), die dann zu einem Teil weiter auf die nächste neue Plattform wandern, bis wiederum möglicherweise auch die Masse folgt. Zumindest existierte bisher (glücklicherweise) dieser Mechanismus gegen Mainstreamisierung auf Netzplattformen. Hoffentlich ist er noch nicht in der grassierenden iLike-Gläubigkeit untergegangen.

1 Das impliziert nicht, dass die meisten Menschen Dummköpfe sind, ach, eigentlich doch. Was es aber ausdrücken will, wenn man die polemische Zuspitzung subtrahiert, ist, dass sich die Menschen im Durchschnitt für alle beliebigen Themen nicht in einem als Maße interessieren, das man als „nerdig“ bezeichen könnte, dass ihr durchschnittliches Wissen zum jeweiligen Thema also eher nicht sonderlich tief unter der Oberfläche zu verorten ist.

2 Beispiele für die „Schwarmdummheit“ sind Legion: Man nehme nur Musikverkaufscharts und die Qualität des Fernsehprogramms, das in weiten Teilen auf Quoten basiert.

3 graphik2

4 Wer diese Idee vehement ablehnt und eine komplett demokratische Meinungsbildung im Bereich Kultur postuliert, der sollte sich im Klaren sein, dass er damit auch die Funktionslosigkeit aller Kritik erklärt; Umgekehrt: Wer die Funktion von Kritik anerkennt, der erkennt mindestens zu einem Teil auch an, dass Kultur nach verschiedenen Kriterien bewertbar ist.

5 Einfaches Beispiel: Wer nur „Keep The Faith“ von Bon Jovi kennt, für den ist es ohne Zweifel und logischerweise das beste Album aller Zeiten; die ernsthafte Beschäftigung setzt damit ein, sich eine Masse von Dingen anzuhören, -lesen, -gucken und für sich selbst zu filtern, im zweiten Schritt diese Filterung auch gut zu begründen und evtl. in Schritt Drei das auch in der Öffentlichkeit zu tun.

6 Undifferenziert deswegen, weil man, wie bereits erwähnt, eigentlich noch viel mehr Faktoren und deren Wandel berücksichtigen müsste. Gerade bei Einberechnung einer längerfristigeren zeitlichen Komponente und den Überlegungen zum „Long Tail“ verliert die These ihre seine Gültigkeit und funktioniert ganz anders. Gerade hochpopuläre Kulturprodukte fallen in der Zeitachse oft sehr schnell wieder in die Bedeutungslosigkeit, damit steigt aber nicht ihre Qualität, umgekehrt zeigt sich die eventuell vorhandene Qualität von Unpopulärem erst im Laufe der Zeit und damit steigt auch die Popularität (siehe auch Fussnote 7), d.h. im größeren zeitlichen Kontext betrachtet verschiebt sich das Ganze massiv. Das passiert aber nur im ersteren Falle (populär zu unpopulär) automatisch, im zweiteren Falle (unpopulär zu populär) muss die Rezeption mithelfen.

7 Im Gegenteil ist der Wert Qualität nur im Gegenteil von Echtzeit messbar – d.h. mit größerem zeitlichen Abstand wird die qualitative Einordnung von Dingen immer genauer; vgl. auch: „Warum kostet dieses 10 Jahre alte Album immer noch denselben Preis und den Charthit vom letzten Jahr finde ich am Grabbeltisch an der Tanke für 50 Cent?“; Das Problem mit den Echtzeitmedien ist in diesem Zusammenhang, dass sie auf eine Existenz im „Hier und Jetzt“ konstruiert sind, eine zeitliche Neubetrachtung und Bewertung von älteren Inhalten findet in einem Stream nicht bzw. kaum statt – letzteres scheint mir besonders betonenswert.

8 Siehe etwa das Filmportal „Rotten Tomatoes“, das eben nur bestimmte Kritiker berücksichtigt, um seine erstaunlich guten Jahrescharts für Filme zu generieren. Ähnlich funktionieren die meisten Reviewaggregatoren.

21 Gedanken zu „Lose Gedanken zum Zusammenhang von Qualität und Popularität“

  1. (Würde mich freuen, wenn irgendjemand diesen Text liest und sehr gerne auch sehr kritisch kommentiert, damit ich mit diesen Überlegungen irgendwie weiterkomme.)

    1. Einer profunden kritischen Auseinandersetzung mit Deinen Aussagen fühle ich mich nicht gewachsen, deswegen beschränke ich mich auf eine Assoziation, bei der ich selbst nicht so sicher bin, ob sie in diesem Problemkomplex hilfreich ist oder nicht…
      Ich gehe davon aus, dass der Massengeschmack durch eine Art Erzählung gebunden wird, die unausgesprochenen Regeln gehorcht. Diese Erzählung braucht keinen einzelnen Erzähler, sondern ist das Produkt vieler Erzählungen, die diese, ich nenne sie jetzt mal Meta-Erzählung, stabilisiert. Oft wird erst mit einem gewissen zeitlichen Abstand klar, was der allen Erzählungen gemeine Bezug war und man kommt zu so etwas wie einer Epochenbezeichnung.
      Für einen unter vielen „Erzählern“ gibt es mehrere Möglichkeiten sich der Meta-Erzählung gegenüber zu verhalten. 1. Er kann sie ganz ablehnen und erzeugt damit höchstwahrscheinlich Ignoranz ihm gegenüber. 2. Er kann sich mit ihr kritisch auseinander setzen, in Hoffnung sie zum Einlenken zu bewegen; wird aber wahrscheinlich auf Ablehnung stoßen. 3. Er gibt sich ihr ganz hin und stärkt sie somit. (Bei dieser „Entscheidung“ kommt die Qualität ins Spiel.)
      Letztlich ist es aber egal für welchen Weg sich dieser „Erzähler“ entscheidet; wenn er populär wird, hat er die Verantwortung die Meta-Erzählung stabil zu halten. Das bedeutet nicht notwendigerweise keine neuen Brüche in die Geschichte mehr einzubringen, sondern die Spannung aufrecht zu erhalten, was für einen allein sicherlich eine nahezu übermenschliche Aufgabe wäre.

      Die Erzähl-Metapher ist nicht unbedingt die glücklichste. Außerdem habe ich den „Zuhörer“ geflissentlich umschifft, auf den in Deiner Betrachtung viel mehr Augenmerk gelegt wurde.

      1. Ich sehe, wo Du hinwillst. Das ist aber Produktionsästhetik, was Du da beschreibst. Mir gehts viel mehr um die Rezeption, wie Du auch schon gesagt hast.

        Aber interessanter Vergleich in jedem Fall. Die Frage ist nur, ob sich in Deiner Metapher der Erzähler überhaupt irgendetwas entziehen kann. Er reagiert ja selbst mit der Ablehnung in direktem Bezug darauf. Das müsste schon ein kompletter Einsiedler sein, der nicht in irgendeinem Verhältnis zur „Meta-Erzählung“ steht, oder?

  2. Ich glaube, die Zeichnung wäre als Hyperbel besser zu verstehen. Zumindest habe ich ein mathematisches Verständnisproblem dabei, wenn zwei Geraden gezeichnet werden, es aber keine Achsen dazu gibt. Prinzipiell stimme ich aber zu, dass i.d.R. Popularität und Qualität ab einem gewissen Mindestniveau (allerdings der Popularität) umgekehrt proportional sind. Mit dem Glauben an eine objektive Bewertbarkeit von Qualität tue ich mir allerdings immer noch schwer (wie findet man denn objektive Kriterien?). Ich frage mich auch, was Popularität in deinem Artikel eigentlich genau bedeutet: Bekanntheit (Anzahl der Leute, die Produkt X kennen) oder Beliebtheit (Anzahl der Leute, die Produkt X mögen)?

    1. Danke. Das ist ein echt hilfreicher Kommentar. Mal den Darstellungs-Teil weg (ich dachte, es wäre so leichter verständlich):

      1. Das mit der Popularität ist eine ziemlich gute Frage, das müsste tatsächlich enger definiert werden, weil es, wie Du selbst sagst, zwei Kriterien dafür gibt; ich meinte eher Beliebtheit, ging aber davon aus, dass diese mit Verkaufs- / Anguckzahlen identisch ist, was aber natürlich nicht stimmt (ein Hype ist ein typisches Beispiel). Bekanntheit würde ich eher weglassen.

      2. Die objektiven Kriterien für Qualität sind natürlich tricky, weil man die nur ex post definieren kann, wenn ein Werk quasi schon in einem Kanon aufgenommen ist. „Komplexität“ wäre wohl ein solches Kriterium, das identifizierbar ist, das reicht aber alleine lange nicht aus, weil immer noch andere Sachen dazu kommen müssen und auch völlig unkomplexe Sachen dazu gehören. „Relevanz“ geht auch nicht ganz, denn da fällt zu viel Popkulturzeug drunter, dass dann doch wieder verschwindet. „Originalität“ wäre ein Kriterium, aber wie misst man das? Wie gesagt: Wirklich messen kann man die erst mit zeitlichem Abstand: Ob etwas langfristig in der Diskussion „überlebt“. Aber dass es diese Kriterien gibt (in dem obigen Text ja unhinterfragte Voraussetzung), daran hätte ich jetzt zunächst mal wenig Zweifel, denn sonst wäre wie gesagt die ganze Kritik eine sinnlose Erfindung, außerdem hat doch wirklich jeder einen inneren Kompass, der sagt: „Das ist hier Trash, das hier eher Qualität“ und zwar unabhängig von der persönlichen Wertschätzung, oder?

  3. Ich bezweifle, dass jeder einen „inneren Kompass“ hat, der ihm sagt, was Trash, was Qualität ist. Die Nadel des Kompass wird von zu vielen Faktoren bestimmt: Zeitgeschmack, Erfahrungshorizont, Kulturkreis, Bildungsgrad, Alter etc. Ein Schlüssel zum Erkennen von Qualität liegt für mich darin, Muster zu erkennen und vergleichen zu können. Jedes Bild, das ich gesehen, jedes Buch, das ich gelesen, jeder Film, den ich gesehen, jede Musik, die ich gehört habe tragen dazu bei, dass ich meine persönliche Wertschätzung begründen kann. Ausschalten kann ich sie nicht.

  4. Am Rande ein paar Beobachtungen aus dem Erdgeschoss: Die Qualität künstlerischen Outputs nimmt in der Regel rapide ab, wenn die Popularität des Machers ein ausreichendes monatliches Einkommen sicherstellt. Der Typ muss sich nicht mehr den Arsch aufreißen, er muss nicht mehr sein Bestes geben. Und die Rettung der eigenen Seele ist schließlich nur noch eine verrückte Idee von damals, eine nebelige Erinnerung, zwischen zwei Lines, zwei Interview-Anfragen, zwei Fickdates. Ebenfalls ist häufig zu beobachten, dass mit der Popularität eines Machers plötzlich sehr viele sogenannte Experten auftauchen, die unbedingt in den Entstehungsprozess neuer Werke reinquatschen müssen. Besonders in der Film & Musikbranche. Am Ende liegt es beim Macher selber, zu was er verkommt oder nicht.

    So. Pennen jetzt.

    1. Hey Andre,

      Danke für den ausführlichen Text – ich habe leider keinen Posterous-Account mehr, deswegen hier eine Antwort:

      1.) Das Beispiel Kafka passt eigentlich perfekt eher in meine Theorie :) – denn bei dem ist genau das passiert, dass er erst im zeitlichen Abstand zur Popularität gefunden hat – trotz offensichtlicher literarischer Qualität. Zu Lebzeiten waren seine Sachen zwar halbwegs bekannt, aber er war durchaus kein Literaturstar.

      2.) Natürlich können wir keine objektiven Kriterien festlegen, das scheint zu komplex zu sein, aber: Ex post lässt sich doch immer wieder ganz schön feststellen, warum sich ein Werk gehalten hat. Daraus würde ich ableiten: Es gibt diese Kriterien schon. Natürlich sind die Kriterien Komplexität und Einfachheit viel zu kurz gegriffen in dem Kontext, so einfach ist es nicht.

      3.) Bei dem Schachbeispiel sind wir wieder bei der Schwarmintelligenz: Ein Schachtteam ist wohl immer nur so gut wie der Durchschnitt aller darin beteiligten Spieler – wenn demokratisch entschieden wird. Was eigentlich auch für meine Theorie spricht: Wenn die Masse entscheidet (d.h. bei Kriterium Popularität) wird nie mehr rauskommen als der Durchschnittsgeschmack.

      1. Moment… meine Beispiele übergangslos als Belege für Deine Thesen zu verwenden, gilt nicht :)

        Die These, gegen die ich mich in Deinem Text wende, ist: „Was viele gut finden, ist immer schlecht. Und zwar je schlechter, je mehr es gut finden.“

        1) Dass Kafka kein Gegenargument ist, weil Du auf „Zeitfenster Gegenwart“ eingeschränkt hast: d’accord. Ich meine aber, dass man durchaus eine Menge Beispiele großer Autoren finden kann, die mit nur geringer Verzögerung auch umfangreiche Anerkennung eines breiten Publikums hatten. Ich bin aber kein Literaturhistoriker und muss mit konkreten Beispielen passen.

        2) Wenn es keine Kriterien gäbe, wäre Kritik sinnlos, das ist richtig. Was ich sagen will, ist aber: Die Kriterien sind fließend. Können von einem neuen Werk plötzlich über den Haufen geworfen werden (schöner Essay von Musil darüber). Die Kriterien sind Teil des Problems.

        3) Das Schachbeispiel soll zwei Dinge illustrieren. Erstens, die Spielstärke ist üblicherweise _geringer_ als der Durchschnitt der beteiligten Spieler. Analog zu: 50 Deutsche sind dümmer als 5 Deutsche (Heiner Müller, vielleicht mit anderen Zahlen). Zweitens aber: Die Mehrheit kann durchaus solide und zutreffende Urteile fällen — nicht alle Züge der Mehrheit sind objektiv schlecht. Und damit wende ich mich wieder gegen den obigen Punkt: Nur deshalb, weil viele es gut finden, ist etwas noch lange nicht automatisch schlecht.

  5. @Andre: Bleiben wir mal bei dem Schachspiel. Da kommt einiges durcheinander (das Beispiel find ich sehr gut). Wir gehen (damit das Beispiel auch eine Analogie ist) immer davon aus, dass die Gruppe über den nächsten Zug demokratisch abstimmt ohne vorher miteinander zu diskutieren, richtig? Demnach ist jeder Zug exakt der Durchschnittswert der Schachfähigkeiten aller beiteiligten Spieler. Ob die Gruppe mit den 50 jetzt besser oder schlechter ist als die mit den 5 kommt natürlich darauf an, welche 50 oder welche 5 hier spielen, aber tendenziell stimmt es natürlich, bis es sich dann irgendwann bei „alle einer Gesellschaft“ auf einen Durchschnittwert aller in einer Gesellschaft einpendelt. Setzt Du gegen diese „alle“ aber jetzt eine Gruppe aus 50 Profischachspielern, dann dürfte kein Zweifel daran bestehen, dass die letztere Gruppe gewinnt, richtig?

    Damit wären wir bei „Experten können eine bessere Selektion vornehmen“. Die Streitfrage ist natürlich weiterhin, ob es dieser Selektion überhaupt bedarf, ob also Qualitätskriterien überhaupt existieren können. Verneint man das, dann sagt man: Kritik ist eine nutzlose Erfindung (Fußnote 4 oben). Wenn es nämlich keine objektive Qualität in der Kultur gibt, dann braucht man auch Kritik und Selektion nicht, dann ist alles einfach so gut, wie jeder es denkt.

    Dass die Mehrheit durchaus Selektionen fällen kann, würde ich gar nicht anzweifeln – deswegen habe ich gesagt: „Ab einer gewissen Mindestqualität“. Wenn irgendwas richtig scheiße ist, handwerklich und inhaltlich, dann erreicht es nie Popularität, die Kurve müsste in der Realität eher wie eine auf der Seite liegende Unendlichkeitszahl aussehen. Wenn irgendwas zu schlecht wird, dann geht auch schnell die Popularität gegen Null.

    Und: Sicher gibt es Gegenbeispiele, also Dinge, die sowohl Fans als auch Kritiker sofort überzeugen. Das würde ich aber dann an den Schnittpunkt verorten, das ist meistens das Zeug, das zwar gut ist, aber in dessen Nische man dann, wenn man mal genauer bohrt, noch sehr viel mehr finden kann, das qualitativ besser ist.

  6. @Sebastian Der Schachspiel-Vergleich gibt tatsächlich eine Menge her.

    1) Man müßte das mathematisch-empririsch untersuchen, aber ich vermute tatsächlich, dass die resultierende Spielstärke eines Teams, das sich nicht über die Züge berät, geringer ist als das arithmetische Mittel der beteiligten Spieler. Analog: Komplexe Sachverhalte einem bloßen Mehrheitsentscheid zu überantworten, kann zu einer Menge Dummheit führen.

    2) Sobald die Teilnehmer miteinander zu diskutieren beginnen, können zwei Dinge passieren: a) Alles wird nur noch schlechter. Das ist es, glaube ich, was Heiner Müller mit seinem Kommentar von den 5 Deutschen vs. 10 Deutschen meint (sic: 10, nicht 50). Die Kakophonie der verschiedenen Stimmen, der Wahlkampf etc. führt zur Polarisierung der Meinungen und es wird alles noch dümmer als vorher. b) Es kann aber auch besser werden, tendentiell zum Beispiel im Schach. Berühmtes Beispiel ist die Partie von 1999 Kasparov gegen den Rest der Welt, bei der man Schwarmintelligenz at its best beobachten konnte. Das Internet mit seinen völlig neuen Kommunikations- und Kooperationsmöglichkeiten kann da für manche Überraschungen sorgen. Aber nicht notwendigerweise — pure Klickzahlen etc. helfen nicht weiter, wie Du richtig feststellst.

    3) Gleichgültig wie groß letztlich seine resultierende Spielstärke ist, gleichgültig auch, ob sie miteinander reden oder nicht: Das Team wird mit Sicherheit eine Menge korrekter, brauchbarer Einzelzüge finden, zum Teil aufgrund etablierten Wissens (außerhalb des Zeitfensters also), zum Teil aber auch, weil es schlicht keine Alternativen gibt. Und das bedeutet für mich in der Analogie, dass Popularität keineswegs immer gleichbedeutend mit Schrott ist. Wer als anspruchsvoller Mensch grundsätzlich alles ignoriert, was die Masse gut findet, macht einen sehr gravierenden Fehler.

    Du gestehst der Masse lediglich zu, dass sie unterirdischen Schrott zielsicher erkennt. Und vielleicht noch ein paar Ausnahmetreffer in den höheren Regionen. Ich glaube, das ist zu einfach gedacht. Ich glaube nicht, dass die Popularität ein derart ausgeprägter Kontraindikator ist.

    Das war es eigentlich nur, was ich sagen wollte.

  7. Deine polemische Betrachtung spricht mich im ersten Moment stark an, auf den zweiten Blick aber erscheint mir das umgekehrt-proportionale Verhältnis von Qualität und Massengeschmack weniger einleuchtend.
    Wie kommt es, dass Bands wie Tool oder Radiohead in der Öffentlichkeit – abgesehen von einigen Spartenmedien – so gut wie gar nicht stattfinden, gleichzeitig jedoch Stadien füllen? Wie kommt es, dass jeder, der sich auch nur halbwegs mit elektronischer Musik auskennt, Aphex Twin vergöttert, auch wenn der so gar nichts mit den Charts zu tun hat? Eben genannte Interpreten halte ich durchaus auch für „Massengeschmack“.
    Andersrum halte ich beileibe viel des aktuellen Chartgedöns für duchaus guten Pop, bzw. zumindest gut gemachte, ansprechend aufbearbeitete Kulturprodukte, die ihren Zweck erfüllen, ohne dabei Müll zu sein. Ob das jetzt das massentaugliche neue Daft Punk Album ist oder dieser wahnsinnig fett produzierte Kracher von will.i.am und Britney, der mir als Musikwissenschaftler und Geschmacksnazi eine Gänsehaut vor Begeisterung und akute Tanzlust beschert.
    Ich behaupte einfach mal, dass die Masse derer, die mit einem gewissen Anspruch an Kulturprodukte herangeht und diesen durch viel gutes Zeug da draußen befriedigt sieht, nicht bedeutend kleiner ist als die Masse derer, die volle Erfüllung darin finden, den nächstbesten Technoschlager auf Holzbänken tanzend mitzugröhlen.

    1. Danke für den Kommentar. Den Einwurf kann ich innerhalb der Theorie erklären: Wer sind denn diejenigen, die auf Tool und Radiohead abfahren? Es ist die (sicherlich nicht irrelevant große, gerade im Bereich Musik) Menge derjenigen, die sich durchaus ernsthafter mit Musik beschäftigen, ergo die oben im Text genannten „Experten“. Unter denen funktioniert natürlich die Schwarmintelligenz in dem Sinne sehr gut, deswegen sind ja auch Ratingseiten wie „Rateyourmusic“, die nur von Musiknerds bedient werden, durchaus zuverlässig. Eben diese Leute ziehen in der Folge (sie schreiben ja auch Musikmagazine, Blogs, bekehren ihre Freunde etc.) durchaus auch noch mehr Leute an, die sich nur so halbwegs auskennen. Das betrifft aber immer nur Ausnahmebands, Bücher, Filme („Kult“).

      Zu Sachen, die „gut gemacht“ sind, muss ich nochmal länger nachdenken. Ja, die gibt es. Und wie ordnet man sie ein? Sind sie gut oder eher nicht? Durchschnittlich? Das ist aber eigentlich auch für die Überlegungen hier nur insofern von Bedeutung, dass ich ja davon ausgehe, dass man Dinge tatsächlich bewerten kann. Um den ganzen Artikel umzuwerfen, muss man eigentlich nur die Prämisse angreifen. Sofern man ihr folgt, funktioniert das dargestellte System aber erstaunlich gut.

      Dass die Masse derer, die sich ernsthaft mit Kulturprodukten beschäftigt, von der Größe her derjenigen entspricht, die das nicht tut, würde ich schließlich sehr heftig bezweifeln. In dem Fall hätten wir nicht ein derart lausiges Fernsehprogramm und Charts in allen Sparten, die ausschließlich für die Tonne sind und in denen immer nur in seltenen Ausnahmefällen (eben die Konsensfälle wie Deine Genannten, in denen sich alle Nerds sehr einig sind) hochwertige Sachen auftauchen.

Ach komm, erzähl mir nix (oder doch)

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s