Notiz eines Betroffenen der 1% Rule.

gears

Die paar Tage Frieden zwischen den Jahren sind vorbei. Es muss ja weitergehen. Es muss weitergeschrieben werden. Es muss weitergebloggt werden. Es muss weitergetwittert werden. Bei Facebook warten sie wieder auf Deine Links, den Zeigefinger schon über dem Button kreisend, dessen virtuelles Gegenstück über dem Like-Button schwebt. Man muss weiterhin das relevante Zeug lesen, die aktuellsten News kennen, in Reeder sammeln sich massiv viele Dinge an. Up-to-Date bleiben. Die Kunstlinks hierhin, die Quotes dahin, zu welchem der eigenen Blogs passt dieser Text am Besten? Das tägliche Finden, Sortieren, Stöbern, Bewerten. Kuratieren, ein beschissenes Wort für Links verteilen, für das, was eigentlich jeder Vollhonk im Netz macht („Ich kuratiere lustige Bildchen, die ich ohne Quellenangabe irgendwo zusammenklaue“), aber es passt dann doch, wenn man es ernsthaft macht. Mitreden, sich zu Themen eine Meinung bilden und im Laufe der Zeit eine eigene Meinungsrichtung identifizieren. Sich nach und nach zu einer Stimme des Diskurses machen. Nur zu ausgewählten, „eigenen“ Themen eine öffentliche Einschätzung abgeben, zu Allem eine öffentliche Einschätzung abgeben, das gerade auf dem Radar der Masse erscheint, das machen nur die schlimmsten Marktschreier. Die schlimmsten Marktschreier kriegen die meisten Zuleser, sie sind Experten für einfach alles, solange sie es nicht selbst machen müssen, dann scheitern sie kläglich. Die sich formende, eigene Meinung aufschreiben, sie in das enge Korsett eines Textes zwängen, bei dem die überschüssige Körpermasse an allen Ecken und Enden herausquillt. Das, was man nicht sagen kann, weil Zeit und Platz begrenzt sind. Vor allem die Zeit hat man ja eigentlich nie. Man verpasst so viel, wenn man das tut, weil man nie alles sehen kann und die eigene Realität immer nur eine vage Vermutung auf Basis dessen ist, was man kennt, in Wirklichkeit bleibt man immer in der Filterblase, es gibt gar kein Außen. Man verpasst so viel, wenn man das tut, weil man die Zeit auch dazu nutzen könnte, selbst Dinge zu erschaffen, statt das wiederzukäuen, was andere erschaffen. Man verpasst so viel, wenn man das alles nicht tut, weil man dann gar nichts von den Sachen sieht und Diskurse direkt an einem vorbeilaufen. Man verpasst in jedem Fall so viel. Der Elephant im Raum ist die Frage, warum man sich das Ganze eigentlich antut, warum man es nicht einfach sein lässt. Und wenn man den Elephanten dann plötzlich in aller Deutlichkeit erkennt, dann überlegt man schon wieder, wie man am Besten noch diese zwei Links und diesen Text an ihm vorbei irgendwohin schmuggeln könnte.

Ach komm, erzähl mir nix (oder doch)

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