Anderthemen – Texte & Diskurse (V)

anderthemen

Weitere Leseempfehlungen aus den Weiten des Netzes sind täglich auf meinem Quote.fm-Account zu finden, dort allerdings meist unkommentiert.

1. „Utopian for Beginners“The New Yorker

Der beste Text, den ich seit langer Zeit im Internet gelesen habe: Über die Kunstsprache Ithkuil und deren Erfinder John Quijada, der nach und nach die Kontrolle darüber verliert, was Menschen alles mit „seiner“ Sprache anstellen, die zum Ziel hat, ein Maximum an sehr präzisen sprachlichen Informationen auf einem Minimum an Zeichen unterzubringen. Ithkuil ist wohl deutlich komplexer als die schwierigsten natürlichen Sprachen der Welt und für etwaige Sprecher nur mit enormem Aufwand zu erlernen, demonstriert aber sehr eindrucksvoll, was mit menschlicher Sprache in der Theorie alles ausdrückbar ist. So wird etwa aus dem Satz “On the contrary, I think it may turn out that this rugged mountain range trails off at some point” in Ithkuil die Phrase “Tram-mļöi hhâsmařpţuktôx”. Man kann sich ausmalen, was es für das eigene Denken und für die Kommunikation in Sachen Effizienz und Geschwindigkeit bedeuten würde, diese Sprache wirklich zu sprechen.

2. „Ich, der Rassist. (Anstelle eines Arbeitsjournals. Am Sonnabend, dem 19. Januar 2013.)“Die Dschungel. Anderswelt.

Es gäbe noch so wahnsinnig viel zu sagen über diese seit Wochen an allen Ecken und Enden in alle Richtungen mutierende Debatte über die sprachliche „Modernisierung“ von Kinderbüchern – ausdiskutiert ist aus meiner Sicht bereits der historische Aspekt, spätestens mit diesem sehr guten Text von Alban Nikolai Herbst. Was fehlt? Die ganze literaturwissenschaftliche Seite: Alleine über das Verhältnis von Fiktionalität und Faktualität in Texten und das Problem, dass das Internet im heutigen Zustand fiktionale Texte quasi nicht mehr kennt (die größte Annäherung an Literatur in dem Sinne im Netz sind Tagebuchblogs, die allerdings auch fast ausschließlich auf nichtfiktionaler Ebene operieren) könnte man eine ganze Artikelreihe schreiben. Man könnte erklären, warum Erzählinstanzen und andere fiktionale Protagonisten einen Leser gar nicht in der Form zu nahe treten können, die hier teilweise als Argument dafür genannt wird, Texte zu „bereinigen“, man könnte den grundlegenden Unterschied zwischen literarischen Texten und Blogs, Facebook und Journalismus aufschreiben und anhand dessen erklären, warum es einen riesigen Unterschied macht, ob ein literarischer oder ein anderer Text „politisch unkorrekte“ Sprache nutzt. Drittens wäre noch die Editionsphilologie ein großes Thema dieses Diskurses, das bisher niemand ausführlich betrachtet – einschließlich der Frage danach, was eigentlich ein Original ist und woher die Wertschätzung für das Original kommt. Zusätzlich: Das Buch in der alten Definition als abgeschlossenes Werk vs nichtstatische, flüchtige Texte als Merkmal des Internets, hier dann der Sprung zu e-Books und der oft besprochenen Zukunft von Literatur.

Allein: Ich bin es leid. Ich beobachte schon von Anfang an, auf welche verbissene und populistische Weise dieser Diskurs von beiden Seiten geführt wird und kann darüber nur den Kopf schütteln. Wenn die von mir geschätzte Autorin Sophia Mandelbaum ihren (sehr guten) Artikel zum Thema schließlich löscht, weil ihr zu viel Hass in den Kommentaren entgegenschlägt und man sich die teilweise extrem demagogischen Kommentare und Artikel von Protagonisten aus den unterschiedlichsten Richtungen (es treten unter anderem auf: Trafficriechende Krawallblogger; Linke; Rechte; Gute Blogger; Feministen; Linguisten; Kolumnisten; Populisten) anguckt, die den Diskurs jeweils für ihre Zwecke instrumentalisieren wollen, dann möchte man der Geschichte das Urteil überlassen und vorerst lieber das hier tun.

3. „Can a Jellyfish Unlock the Secret of Immortality?“NY Times

Extrem spannender Artikel, der neben dem durchaus liebenswerten Portrait des ultranerdigen Wissenschaftlers Shin Kubota, der gerne in Karaokeshows seine selbstgeschriebenen Songs über Quallen vorträgt (und dabei eine Tentakelperücke trägt), vor allem wissenschaftlich interessant ist: Die Quallenart Turritopsis nutricula kann durch einige fast einzigartige biologische Abläufe in ihrem Lebenszyklus theoretisch ewig leben (i.e. wenn sie nicht durch Fressfeinde oder andere Umstände zu Tode kommt) und wirft damit einige grundsätzliche Fragen nach Leben und Tod auf. Die allgemeine Annahme, dass jedes Lebewesen natürlicherweise irgendwann sterben muss, scheint in dieser Form jedenfalls nicht haltbar. Dazu passend: Ein wissenschaftliches Paper aus „Nature and Science“ zu der Tierart.

4. „Blogkultur als Antwort auf die Komplexität der Gesellschaft und Krise ihrer Institutionen“Christophkappes.de

Christoph Kappes macht sich ein paar sehr lesenswerte Gedanken darüber, welche Funktion eigentlich Blogs erfüllen und kommt zu dem Schluss, dass sie vor allem „dem Austausch sozialer Normen im Publikum“ dienen, womit die Maßstäbe Reichweite und Relevanz, die üblicherweise an Massenmedien angelegt werden, im Falle von Blogs falsch sind. Auch postuliert er, dass zwischen Blogs und dem Rest von Social Media in dieser funktionalen Hinsicht eigentlich gar keine großen Unterschiede bestehen. Ich sehe das genau so, wenn auch in meiner Bewertung viel düsterer: Dieser öffentliche Kommunikations- und Diskursraum Social Media hat meiner Meinungen nach eine stark normennivellierende Funktion a la Foucaultsches Panopticon, in dem jeder die Äußerungen von jedem Anderen permanent in Echtzeit überwacht und entsprechend sanktioniert (etwa durch erboste Kommentare, Entfolgungen) oder belohnt (Favs, Likes), was ich hier schon mal aufgeschrieben habe.

5. „There’s More To Life Than Being Happy“The Atlantic

Emily Esfahani Smith über Viktor Frankl und dessen Einsichten über das Leben, Glück und die Frage, wonach Menschen eigentlich suchen und streben (sollten). Was mir vor allem an dem Artikel gefallen hat, ist, dass er die beiden Pole „Happiness“ und „Meaning“ als Faktoren aufmacht und die beiden miteinander in Beziehung setzt, was eine völlig andere Perspektive ist als die der üblichen Glückskeksratgeberbücher, bunten Facebookbildchen und entsprechenden Tweets. Zitat: „Happiness without meaning characterizes a relatively shallow, self-absorbed or even selfish life.“

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