Die mich einiges über mein Medium lehrende Geschichte eines einwöchigen Twitterentzugs.

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Ich habe mich letzte Woche spontan dazu entschieden, „mein“ Medium Twitter für eine Woche nicht mehr mitzulesen. Ein paar Beobachtungen eines sehr aktiven Twitterers zum bewussten Entzug der Timeline, Favs und Replies.

Tag Eins: Produktivitätsanstieg und Entzugserscheinungen

Man merkt gar nicht, wie tief man eigentlich in seinem primären Informations- und Unterhaltungsmedium verankert ist, wenn man es nicht mal komplett abschaltet. Einen Tag nach dem Start des Experiments, die Timeline, die Replies und die Favs auf Twitter für eine Woche nicht mehr zu lesen, fühle ich mich allein. Meine Stimmung erinnert mich ein bisschen an die Zeit, als ich vor zehn Jahren beschlossen habe, meinen Fernseher endgültig abzuschalten. Es ist sehr still hier vor meinem Monitor, auf dessen rechten 20% bis heute jeden Tag in meinem oft dauergeöffneten Twitterclient 500 hyperaktive Menschen in kurzen Episoden dauerkaspernd von sich, ihren Erlebnissen und Ansichten von der Welt erzählten, Witze machten und spannende Links ausgruben. Ich habe mich vor drei Jahren auf Twitter angemeldet. Seit zwei Jahren lese ich eigentlich jeden Tag ein bisschen mit. Am Notebook. Auf dem Smartphone. An dem Rechner auf der Arbeit. Wenn ich unterwegs auf dem Bus warte. In der Mittagspause. Manchmal am Abend mit einem Bier vor dem Rechner lese und twittere ich sogar ganz konzentriert, als wäre Twittern ein ernsthaftes Hobby. Es gibt Tausende von wirklich guten Witzen über den Suchtfaktor des Mediums, die besten davon schreibt Twitter natürlich selbst. Manchen der anderen Vielnutzer begegnet man irgendwann im echten Leben, manchen liest man einfach nur unglaublich gerne zu, weil sie sehr viele kluge, überraschende und oft tatsächlich auch sprachlich herausragende Dinge zu sagen haben. Die Menschen auf Twitter werden irgendwann die fremden Freunde. Wenn man auf Facebook die Leute zu hassen beginnt, mit denen man zur Schule gegangen ist, dann verliebt man sich auf Twitter in völlig Fremde, so besagt einer der meistzitierten Tweets. Ich habe diese Fremden vorerst abgeschaltet. Ich schaffe jetzt mehr Arbeit, aber es fühlt sich komisch an. Wie tatsächliche Einsamkeit. Zuerst ertappe ich mich dabei, immer wieder bei Facebook reinzugucken, aber das ist erstens eine unzulässige Ersatzhandlung und zweitens ist das Niveau dort wirklich unter aller Sau, kein Vergleich. Als wollte man von Methamphetamin loskommen, indem man plötzlich Kaugummizigaretten konsumiert. Ich lasse es. Die Stille und die gefühlte Einsamkeit schüchtern mich etwas ein, aber ich sollte das sehr dringend lernen, es scheint mir wichtig, daraus Erkenntnisse über meinen Medienkonsum zu ziehen, die ich nicht anders zu gewinnen sind.

Tag Zwei: Diskurse und „Meinungsvielfalt“

Der zweite Tag ohne Twitter ist in vielerlei Hinsicht der schlimmste in dieser Woche. Ich erfahre aus verschiedenen Medien, dass unter dem Hashtag #Aufschrei eine größere Debatte zum Thema Sexismus angestossen wurde. Natürlich sind diese Berichte extrem fragmentarisch und verkürzt, das haben Newsartikel so an sich. Und sie zitieren nur Mainstreamtwitterer, kaum jemand von den Hardcoreusern aus meiner Timeline wird erwähnt. Die Tatsache, dass ich es nicht nur in dem Twitterberichterstattungsmedium Spiegel Online, sondern über verschiedene Quellen erfahre, macht mir klar, dass die Debatte ziemlich groß sein muss und wohl noch immer andauert, als ich darüber lese. Ich habe offenbar ausgerechnet einen Zeitpunkt für meine Twitterpause gewählt, an dem tatsächlich etwas von einer gewissen Relevanz auf Twitter passierte. Zunächst frisst mich die Neugier auf, ich will unbedingt wissen, was dort vor sich geht, nach einiger Zeit legt sich das aber. Ich stelle mir vor, wie dort gerade die heftigsten Streitereien tobten, Leute sich gegenseitig shitstormen und für „falsche Meinungen“ blocken und bin mit ein bisschen Nachdenken in der Lage, bei vielen Twitterern, die ich länger mitgelesen hatte, den Standpunkt im Kopf zu rekonstruieren. Ich glaube ziemlich genau zu wissen, wer welche Witze darüber reißt, wer die Sache todernst nimmt, wer austickt, wer auf der Meta-Ebene darüber nachdenkt. Die Debatte ist in gewisser Weise vorhersehbar, obwohl ich keinen einzigen ihrer Tweets gelesen habe (und wie sich im Nachhinein herausstellte, liege ich auch gar nicht weit daneben mit meinen Vermutungen). Daran knüpft für mich die Frage an: Lese ich mir eigentlich jeden Tag seit zwei Jahren vorhersehbare Debatten durch? Und wenn ja: Warum? Ich habe mich mal bei Twitter angemeldet, weil es ein Medium war, in dem viel mehr Meinungsvielfalt als Anderswo herrschte. Eine Art von Gegenöffentlichkeit war dort entstanden, die mit den traditionellen Medien nicht mehr viel zu tun hatte. Ich glaube, das hat sich inzwischen umgekehrt. Heute scheint in der Zeitungslandschaft eine größere Meinungsvielfalt als im Netz zu herrschen. Im Netz wirst Du geblockt und entfolgt, wenn Deine Meinung nicht in die Timeline des Gegenüber passt, das nennt sich dann Filterblase. Greifen wir spontan ein paar Themen heraus: FDP, Urheberrecht, Gentechnik. Jeder Leser dieses Artikels kann wohl spontan sagen, wie der große Teil von Twitter zu diesen Themen steht. Ist das nicht eigentlich schrecklich? Warum liest man das dann? Weil man gerne Bestätigung für seine Meinung in einer Kuschelgruppe von gleichmeinigen Menschen sucht?

Tag Drei: Das Schreiben kommt wieder

Am dritten Tag meines Twitterentzugs habe ich zum ersten Mal seit längerer Zeit wieder das Gefühl, selbstständig Sätze zu formulieren, sogar zu twittern (ich habe nur das Mitlesen eingestellt, nicht das Schreiben); Sätze, die völlig unabhängig davon sind, eine Pointe konstruieren zu wollen, um ein paar Favs abzugreifen, für eine Leserschaft geschrieben worden zu sein oder sich an vorher Geschriebenem und Mediendiskursen zu orientierten. Es passiert alles so schnell: Man meldet sich bei diesem Medium an, bekommt Leser und Feedback, man lernt schnell, welche Art von Humor auf Twitter gut zieht (leicht infantiler, aber intelligenter Humor mit Wortspielereien und überraschenden Pointen) und dann passt man sich an, spielt das Spielchen mit, freut sich über wachsende Leser und Zustimmung und bevor man dreimal doof guckt, schreibt man nicht mehr selbst, sondern formuliert automatisiert in einer Art Meinungskollektiv mit Fav- und Follow-Kreiswichsen Standpunkte, die da irgendwie „reinpassen“. Man vergisst dabei, wie unwitzig Twittermems auf Nichttwitterer wirken und schreibt letztendlich nur noch für eine eng definierte Peer-Group. Das war bei mir aber nie der Grund, warum ich schreiben wollte. Im Gegenteil lehne ich diese Art von Kunst, die ihr Publikum schon im Entstehungsprozess mitdenkt, extrem ab. In die Falle, irgendwann Tweets zu löschen, wenn sie keine Favs bekommen haben, bin ich trotzdem geraten und mir wird an diesen Tag klar, wie erbärmlich ein solches Verhalten eigentlich ist. Ich denke darüber nach, ob ich nicht bei Favstar um die Komplettlöschung meines Accounts ersuchen sollte, weiß aber, dass ich das vermutlich schon deswegen nicht tun werde, weil ich es als Tool, um gute Tweets aus der Vergangenheit aufzuspüren, zu gerne genutzt habe und weiter nutzen will.

Tag Vier: Hello, RL, my old friend und starke Zweifel an einer Rückkehr zu den alten Mustern.

Tag vier ist ein ganz normaler Arbeitstag. Ich bin ziemlich produktiv, erledige viele meiner Aufgaben in höherer Geschwindigkeit. Ich habe zwar schon immer eher Monotasking betrieben, wenn ich mich auf eine Aufgabe konzentrieren musste, aber ich merke jetzt, dass auch meine Gedanken nicht mehr so abgelenkt sind wie früher. Ich spiele nicht im Kopf damit herum, mir Tweets auszudenken und grüble nicht über „dieser Artikel sagt, aber der wiederum“-Diskurse, sondern bin in einem richtigen Flowzustand. Am späten Nachmittag melde ich mich bei ein paar Freunden, die nichts mit Internet zu tun haben, gehe später mit ihnen aus und erlebe einen Abend mit durchaus hohem Erinnerungswert. Ich schreibe an diesem Tag kaum Tweets außer meinem täglichem 140-Zeichen-Statusbericht über dieses Experiment und denke nicht viel an das Medium. Das echte Leben gewinnt mich langsam wieder, der virtuelle Layer, der über allem liegt, lichtet sich zunehmend.

Ich frage mich zum ersten Mal ernsthaft, ob ich tatsächlich wieder zurück in diese alten Muster will. Diese Sachen mitlesen, die sich alle unweigerlich in den Kopf und die Erinnerung reinbrennen. Shitstorms mitverfolgen, beobachten, wie Menschen über die Themen diskutieren, die Spiegel Online und andere Medien ihnen jeden Tag vorsetzen. Ich will mir eigentlich nicht Themen vorsetzen lassen und dann mit anderen Leuten über diese Themen streiten. Es kommt mir so vor, als wäre ich nur irgendeine Witzfigur in einer Kommentarspalte. Noch weniger will ich irgendetwas über Trash-TV-Serien oder „Prominente“ aus diesen Serien lesen. Ich habe so lange Zeit überhaupt nicht mehr wahrgenommen, was im Fernsehen passiert, aber seitdem ich auf Twitter bin, werde ich jeden Samstag unfreiwillig darüber informiert, was bei „Wetten, dass…?“ passiert, Sonntags, was mit „Tatort“ los ist und wer in welchen Polit-Talkshows was sagt. Unter der Woche sprechen die Leute am Abend über „Dschungelcamp“, „Der Bachelor“ und ähnliche, noch schlimmere Sendungen. Sie behaupten meistens, dass sie es „ironisch“ tun, aber am Ende gucken sie diesen Dreck jeden Tag, informieren ihre ganzen Follower darüber, was sie dort sehen und sind so miteinkalkulierter Teil des Marketing- und PR-Plans von RTL und Co. Man könnte argumentieren, dass man einfach alle Leute entfolgen sollte, die über Fernsehmüll twittern. Das sollte ich vielleicht wirklich. Das Problem ist nur, dass es etwa 80-90% meiner Timeline betrifft und dass ich diese Leute bereits extrem sorgfältig ausgesucht habe. Berichte über das baldige Aussterben der alten Medien, das Internetmenschen gerne propagieren, sind laut meinen Beobachtungen heftig übertrieben. Social Media ist für einen sehr hohen Prozentsatz Nutzer wenig mehr als ein Kommentarmedium für Fernsehen und Online-Zeitungen. Habe ich mit solchen Menschen etwas gemeinsam? Vermutlich. Ich habe auch oft „aktuelle Themen“ debattiert und darüber getwittert, wenn auch nicht das Fernsehen. Will ich wirklich so sein? Eigentlich nicht. Eigentlich mag ich das Internet, weil es so ein aktives Medium ist, in dem ich mir die Inhalte selbst aussuchen kann. In Social Media ist das neuerdings wieder anders geworden: Fernsehen, Zeitungen oder Masse geben fast täglich Themen vor und jeder twittert darüber. Dass jeder darüber twittert, wird dann als Beweis für die „Relevanz“ herangezogen. Tausend Fliegen.

Tag Fünf: Noch viel mehr Zweifel

Ich habe noch größere Zweifel als an Tag Vier, ob ich mir das wieder in vollem Ausmaße antun kann. Über das Blog von @LaVieVagabonde stolpere ich über eine Episode, die diese Zweifel ganz gut illustriert: Ein Twitterer (den ich nicht kannte) wird für einen einzelnen, offenbar recht geschmacklosen Tweet einfach weggemobbt. Sein Account wird durch diverse geschriebene und weiterverbreitete Aufrufe zu Spamblocks so oft gemeldet, dass er schließlich durch das System gelöscht wird. Sein Verbrechen war ein schlechter Witz oder eine doofe Ansicht, ganz genau kann ich es nicht nachvollziehen, weil die Tweets mit verschwunden sind. Ich frage mich: Will ich wirklich auf eine Plattform zurück, auf der eine wilde Horde von Sittenwächtern mit Mistgabeln shitstormend darüber wacht, dass jeder auf Meinungslinie bleibt? Ich glaube nicht. Im Grunde denken diese Leute wohl, dass sie damit etwas Gutes tun und merken gar nicht, dass sie sich wie Nazis aufführen. Was würde passieren, wenn ich mir plötzlich herausnehme, einen Tweet aus Ich-Perspektive zu schreiben, der völlig konträr zur Twittereinheitsmeinung ist? Es wäre absolut mein Recht, nirgendwo steht, dass man in Texten nur das schreiben muss, was man selbst denkt. Das Konzept nennt sich Literatur. Was ist mit einem ironischen Tweet, der völlig missverstanden wird? Würden „meine Freunde“ dort mich auch einfach löschen lassen? Drei Jahre meiner Texte einfach ausradieren, weil sie nicht verstehen, dass man als Schreiber nicht unbedingt mit seinen Texten identisch sein muss, etwas, dass sie als Menschen mit starkem Internetgeltungs- und Selbstdarstellungsdrang eigentlich ziemlich gut verstehen sollen? Weil sie nicht kapieren, dass Kunst oft provokativ sein muss? Dass harmlose Kunst Walt Disney und flauschige Einhörner ist? Mich gruselt es zum ersten Mal ein bisschen vor dem Ende des Experiments.

Tag Sechs: Nostalgie und Facebook-Geschichten

Der Tag, an dem ich es ein bisschen vermisse, meiner Timeline zuzulesen und gleichzeitig auch der Tag, an dem ich das erste Mal seit langer Zeit wirklich ernsthaft persönliche Dinge twittere. Ich komme angetrunken nach Hause und habe den restlichen Abend frei. Eigentlich wäre das so ein Abend, an dem ich zwei oder drei Stunden auf Twitter mitgelesen, geschrieben, Links angeklickt und gelesen hätte. Mich über die vielen Menschen und ihre Mikrotexte gefreut hätte. Ich schreibe darüber, wie ich als Jugendlicher CDs geklaut habe, wie ich eine Stunde mit dem Bus zu der Drogeriekette fuhr, aus Musikzeitschriften wusste, wann die Alben erscheinen, die ich mir wünschte und wie ich dabei oft zwei Stunden sinnlos unterwegs war, weil die internationalen Erscheinungstermine von Platten natürlich in höchstens der Hälfte aller Fälle auch mit dem Vorrätigsein in der CD-Abteilung der Drogeriekette des einzigen elenden Kaffs korrellierten, das ich in derartiger Mission mit dem Bus erreichen konnte. Ich schreibe über die hirnrissig-irrsinnigen Facebook-Nachrichten einer uralten Freundin, die überhaupt nicht weiß, wie man Facebook benutzt. Twitter fühlt sich heute so an, wie ich es mir eigentlich immer wünsche: Wie ein lebendiges Notizbuch, in dem ich Dinge aufschreiben kann, die mir durch den Kopf gehen und aus dem manchmal echte Menschen heraustreten (dem Notizbuch, nicht dem Kopf) und sagen: „Ich verstehe Dich.“. Aber ich weiß, dass es das eigentlich nicht ist. Nicht nur. Dass es auch eine gruselige Diskurshölle ist, in der Menschen durch vermeintlich einflussreiche Accounts für jede Äußerung genormt werden, weil dort inzwischen jeder zweite User „aufklärerischer Bürgerjournalist“ sein will, der irgendwelche Missstände anklagt und sich selbst bloß keinen Fehltritt erlauben darf, weil sonst die anderen „aufklärerischen Bürgerjournalisten“ über ihn herfallen. Ich weiß nicht, genau, was sich diese Menschen davon versprechen, zu twittern. Aufmerksamkeit und Applaus? Die Möglichkeit, in anderen Medien zu erscheinen? Eine Karriere als was? Mir sind Menschen wie diese uralte Freundin ohne Profilphoto, die als letztes, absolut sinnbefreites Posting bei Facebook „Was??? Spülst Du Dein Geschirr nicht in der Badewanne??“ einträgt und die ich gerade wegen ihrer Durchgedrehtheit irgendwann zu mögen gelernt habe, immer lieber als moralisch integere Internethelden, die Wörter wie „Reputation Management“ selbstironiefrei verwenden. Vermutlich hegte ich auch deswegen so lange eine ganz ehrliche Sympathie für den bizarr-skurrilen Twitteraccount von @Becker_Boris. Weil er einfach hirnfrei und ohne viele Gedanken über die Wirkung seiner Worte alles rausbläst, was ihm durch den Kopf schießt, so sinnlos-banal das manchmal auch sein mag. Es nennt sich das Leben. Besser Becker Boris als Eck Klaus.

Tag Sieben: Den Neustart denken

Morgen ist das Experiment beendet. Ich weiß nicht genau, was passieren wird, wenn ich meinen Twitterclient wieder anwerfe und dort reinlese. Werde ich es abstoßend finden, wie auf der Plattform miteinander umgegangen wird? Werden mich die Themen langweilen? Werde ich wieder zynische Metatweets schreiben, auch wenn ich darauf eigentlich keine Lust mehr habe? Werde ich mich wieder stundenlang in total superangesagten und aktuellen Debatten verlieren, statt mich auf die Dinge zu konzentrieren, die ich eigentlich tun will? Weiter Lebenszeit mit der Beobachtung und der Teilnahme an schnell wieder versandenden Diskursen vernichten?

Ich habe in dieser Woche deutlich weniger Follower verloren, als ich mir eigentlich vorgestellt habe, ich habe zum Abschlusstag des Experiments nachgesehen. Ich ärgere mich dennoch ein bisschen darüber, dass es immerhin eine deutlich zweistellige Zahl Menschen geworden ist, die mich offenbar nicht als Kontakt haben wollen, sobald sie wissen, dass ich sie gerade nicht lese. Die mir nicht folgen, weil sie meine Tweets interessant finden, sondern nur hoffen, dass auch ich ihnen Aufmerksamkeit schenke und zu der Followerzahl neben ihrem Profilbild beitrage. Solche Leute sind ein wirklich guter Grund dafür, eher Hassliebe für „mein“ Medium zu empfinden. Für diese Form von Eitelkeit, die sich mehr an Zahlen als Worten festmacht, konnte ich noch nie Verständnis aufbringen und sie hat subjektiv in den letzten Jahren zugenommen. Es gibt aber auch die Anderen. Die, die ich wirklich vermisst habe. Der harte Kern von Twitterern, die tatsächlich auf dem Medium „schreiben“ und die sehr herzliche und liebenswerte Menschen sind. Die auch mal die Schnauze halten können und nicht zu jeder politischen Meldung einen dummen Spruch beizutragen haben, der genau dem Massengeschmack entspricht. Die wirklich gute und zeitlose Tweets schreiben, die man ins Leben mitnehmen kann und Links ausgraben, die man nicht an jeder Ecke des Internets hinterhergeschmissen bekommt. Vielleicht ist die Lösung auch ganz einfach und muss ich einfach nur mal richtig die Timeline ausmisten, denke ich. Dann denke ich wieder an Tag Fünf und den Begriff Filterblase und bin mir unsicher, ob es so einfach ist.

Man kann leicht verloren gehen in seinem Lieblingsmedium und die vielzitierte „Demenz“ durch das permanente Befeuern des eigenen Gehirns mit kurzen Botschaften im Sekundentakt ist sicherlich keine so sehr an den Haaren herbeigezogene Phrase, wie es manche Internetapologeten gerne predigen. Medien machen etwas mit Dir, sie machen etwas mit Deinem Denken und Deinem Schreiben, wenn Du sie viel nutzt. Und je nach Art des Mediums wirst Du in eine entsprechende Richtung gelenkt. Nicht direkt, aber nach und nach. In Zukunft schalte ich meine Timeline jedenfalls tageweise immer wieder ab, dann aber, ohne es explizit zu thematisieren. Vielleicht mache ich auch regelmäßig einmal die Woche einen kompletten Offlinetag. Absurderweise habe ich in dieser Woche Twitter auf eine bestimmte Art und Weise endlich „durchgespielt“. Kleiner Drei.

27 Gedanken zu „Die mich einiges über mein Medium lehrende Geschichte eines einwöchigen Twitterentzugs.“

    1. Danke, Mr. S. – Interessante Betrachtung von der anderen Seite, ich sehe, was Du sagen willst. Ja, es ist auf ne gewisse Art ein Teufelskreis. Man möchte ja schon zumindest im Ansatz wissen, was „in der Welt“ vor sich geht, dann ist man genervt von der Art, wie sich Debatten entwickeln, weil man oft so „meta“ denkt oder hat zumindest eine Meinung dazu, kommuniziert das und gerät so in die Maschine, dass man selbst Teil dessen ist, was vor sich geht. Vielleicht ist „in der Welt“ der Knackpunkt. Man darf nicht nur bestimmte Medien seine Welt werden lassen.

  1. Moin! Cool, dass Du Deine Geschichte erzählst, ich habe darauf gehofft. In meiner Welt (bestehend aus meinen Erfahrungen, einer wissenschaftlichen Perspektive und den Posts zum Thema twitter-Entzug die ich so gelesen habe), beschreibst Du Dein Erlebnis so, wie wir alle es beschreiben, wie auch ich meine regelmäßigen Abwesenheiten beschreiben würde. Interessant eigentlich auch: Die meisten von uns, die mal ne Zeit lang weg sind, finden das für sich persönlich recht wichtig, aber die Frage ist: wer merkt es? Ist Abweseheit etwas, was in diesem Medium tatsächlich eine Rolle spielt, oder geht es nur um jegliche Form von Anwesenheit?

    Wirklichwirklich spannend, finde ich diesen Gedanken:

    „Lese ich mir eigentlich jeden Tag seit zwei Jahren vorhersehbare Debatten durch? Und wenn ja: Warum?“

    Einerseits würde ich für mich sagen: Ja. Andererseits: So what? Ich rufe ja auch meine beste Freundin an, um ihr irgendwas zu erzählen, obwohl ich eigentlich vorher schon weiß, was sie sagen wird. Ähnlich weiß ich ja auch, welche Zeitung zu welchem Theme welche Haltung einnehmen wird – und habe dementsprechend die abonniert, die mir nach dem Mund schreibt ;)
    Vielleicht ist das also nicht soo anders im Vergleich zum RL. Oder?

    1. Das ist eine wirklich spannende Frage. Es kommt vielleicht auch ein bisschen darauf an, was man mit dem Medium „Schrift“ verbindet. Wenn ich ernsthaft lese (und ich würde das, was man auf Twitter tut, schon auch so bezeichnen), dann eigentlich außer Twitter meistens Romane, irgendwelche wissenschaftlichen Artikel, längere Essays, etc. – im Vergleich dazu sind die Twitterdebatten doch einfach völlig stereotyp. Also vielleicht auch eine Frage der Erwartungshaltung. Wirklich nervtötend ist aber, dass man einfach bei so gut wie jeden Thema vorhersehen kann, in welche Richtung Twitter auspendelt. Es ist, als würde man die Welt immer nur von einer (oft auch: einer politischen) Seite betrachten. Und das reicht einfach nicht aus, wenn man die Welt verstehen und sich eine echte Meinung bilden will. Das hat mich sehr oft so irritiert und in mir auch eine derartige Anti-Haltung hervorgerufen, dass ich mir vor einiger Zeit mal die erschreckende Frage stellen musste, ob mich die deutsche Social Media-Gemeinde plötzlich fast konservativ, jedenfalls kulturpessimistisch werden lassen hat („Unter Nerds: Von einem der aus Versehen zum Kulturpessimisten wurde“). Eine Frage, auf die ich immer noch keine so wirkliche Antwort gefunden habe.

      Außerdem würde ich widersprechen, dass man mit Freunden oft nur vorhersehbare Gespräche führt. Ich empfinde das zumindest nicht so.

      1. Ich halte Twitter wegen der Zeichenbegrenzung und der Augenblicklichkeit für kein besonders gutes Debattenmedium. Ich glaube auch, dass man von Massendiskussionen nichts anderes als Vorhersehbarkeit erwarten kann.

        Was Twitter für mich aber unbedingt leistet, ist Serendipity: Auf Dinge stoßen, die man nicht erwartet hat, auch mit Ansichten konfrontiert werden, die man nicht teilt und die manchmal nicht ohne weiteres und leicht zu verstehen sind.

        Dazu muß man Energie in die Folgeentscheidungen investieren. Aber das lohnt sich.

        Dass in Massendebatten und ähnlichen Phänomenen die intellektuelle Tiefe auf der Strecke bleibt, sollte nicht weiter wundern.

  2. Spannender Text, wenn ich Dir auch – natürlich – nicht in allen Punkten folge. Meine Nutzung von Twitter hat sich recht früh auf das heutige Verhalten zurechtgemendelt, fast von allein, bzw. dadurch, dass ich recht schnell unter der Beobachtung verschiedener Gruppen stand. Ich schaue fast jeden Tag hinein, aber reagiere praktisch nie direkt. Meine Interaktion besteht nur aus DMs (wo ich auch auf Tweets reagiere) und Favs (ich fave viel und durchaus auch recht abgelegene Accounts). Wenn ich aber hineinschaue, dann ist das eine Art Blick durchs Schlüsseloch. Diese Metapher hat sich vor vier, fünf Jahren in meinem Kopf verfestigt, und damals dachte ich, ich schaue durchs Schlüsseloch nach draußen auf die Twittercrowd. Das hat sich verwandelt. Das Schlüsselloch gibt es immer noch, aber inzwischen schaue ich durch die Öffnung auf die Twittercrowd da drinnen.

    Für mich, für meinen Gebrauch ist Twitter nicht mehr „social“, diese Dimension hat es ungefähr 2008 verloren. Es kann sein, dass ich nur früher dran war als Du, weil viel von dem, was Du beschreibst, mir von damals bekannt vorkommt, kurz zusammengefasst: eine Art der Entfremdung.

    Eine Anmerkung aber noch: die Zahl der Follower schwankt aus so unendlich vielen unterschiedlichen und auch technisch bedingten Gründen, dass man aus Schwankungen keine Schlüsse ziehen kann. Ich wette gern, dass exakt niemand dachte: „Hui, der Baumer, der liest meine Tweets nicht für so und so lang, den entfolge ich mal flugs.“ Meine Erfahrung ist eher, dass das Twitterpublikum sich außerordentlich wenig Gedanken macht, wenn jemand ein paar Tage nicht schreibt.

    1. Die Metapher mit dem Schlüsselloch ist wirklich gut. Ab und zu mal durch einen Filter darauf gucken, was diese Masse so treibt, aber nicht in Dauerteilnahme mitmischen, da sonst schnell das Stockholm Syndrom auftritt und man manchmal gar nicht mehr bewusst wahrnimmt, dass das passiert.

      Zur Zahl der Follower: Vermutlich hast Du recht, das oben ist vereinfacht und auch eine eher egozentrische Sicht auf Unfollows, wobei ich allerdings keine so großen Schwankungen im „Normalbetrieb“ beobachte – vermutlich ist die bei größeren Followerzahlen auch viel größer. Was man aber schon und unabhängig von diesem Experiment sehr, sher oft beobachten kann (wenn man seine Followings monitored) sind „Rückentfollower“ (für mich die ekelhafteste Gattung Twitterer), die ein paar Tage nachdem man sie selbst entfolgt hat, verschwinden.

  3. Wie schreibe ich jetzt am besten, dass ich Deinen Artikel großartig finde, ohne in die Standard-Lobhudelfloskeln zu verfallen, mit denen man Kommentarbereiche verstopft? Sei’s drum: Gratulation und Respekt, sehr lesenswert.

    Der interessanteste Aspekt erscheint mir Deine Beobachtung, dass man sich ungewollt dem Geschmack seiner Timeline anpasst, immer im Hinterkopf die Frage, wie man seine Followerzahl erhöhen kann. So schafft sich jeder sein kleines Nordkorea.

    Besonders aufgefallen war mir das in den vergangenen Monaten bei #refugeecamp und #aufschrei – beides ernsthafte Themen, die eine ernsthafte Behandlung verdienen und auch von vielen Menschen ernsthaft diskutiert werden müssten. Statt dessen schalten sich sofort die Standardbrüllaffen der Twittergemeinde ein, holen gleich das ganz große Verbalgeschütz raus und man fühlt sich so wie im dritten Teil der „Herr-der-Ringe“-Verfilmung, als sich die Tore Mordors öffnen und die ganz große, die ganz epische Schlacht naht, noch größer und noch epischer als das ganze Gekeile in den beiden Teilen zuvor.

    Besonders bizarr ist die Betriebsblindheit der Akteure. „Die Welt schaut auf uns!“ – Nein das tut sie nicht. – „Skandal, die Welt schaut weg, während wir allein das himmelschreiende Unrecht bekämpfen!“, und da Relevanz mit Anzahl von Tweets verwechselt wird, schaukelt sich alles gegenseitig auf, bis man dann verkünden kann: Über 7000 sexistische Übergriffe im Hashtag #aufschrei gemeldet – was nachweislich zum Meldezeitpunkt gelogen war. Es gab 7000 Tweets zu diesem Hashtag, das ist wahr, aber längst nicht alle behandelten sexuelle Übergriffe, sondern es gabauch reichlich Trolle und Diskussionen, bis hin zu Tweets, die einfach nur über den Hashtag berichteten und ihn dabei benutzten. Diese ganzen Tweets aus dieser Zahl herauszufiltern, war in der kürze der Zeit natürlich nicht möglich, ganz davon abgesehen wäre die schöne hohe Zahl dann auch sehr viel kleiner ausgefallen. Egal, Fakten, Schmakten, das Maul kann ich auch unabhängig davon aufreißen. ARD, ZDF, ladet mich in eure Quasselsendungen ein, ich bin Expert*in! Wehe, wenn nicht, dann schreie ich gleich los, wie übel sexistisch ihr seid.

    Mit #aufschrei wird es so ausgehen wie mit dem #refugeecamp: Die Schreihälse haben sich zufrieden ihrer eigenen Relevanz versichert und vielleicht innerhalb ihrer Peergroup irgendeine vollkommen hirnbefreite #policccy durchgedrückt und warten ungeduldig auf die nächste Gelegenheit, sich wieder dicke tun zu können.

    Versuch das mal zu twittern, und du wirst sehen, wie deine Follower in Sekunden auf Null gehen.

    1. Ich würde das nicht bei #Aufschrei behaupten (ich habe ich die ganzen Beiträge dazu leider eben nicht auf Twitter verfolgen können und kann dementsprechen auch nicht genau einschätzen, wie viele Leute da in welchem Verhältnis was gesagt haben), aber bei diversen anderen Hashtags (Pussy Riot, Refugeecamp etc.) ist mir zumindest ein „Trittbrettfahren auf Debatten durch Berufsempörte“ auch aufgefallen. Mein eigener Tweet darüber war der hier: https://twitter.com/infinsternis/statuses/268140993952505856

  4. Für mich wäre eine Frage, ob das nicht in jedem Medium so ist. Wenn man viel mit Fernsehen zu tun hat, übernimmt der Kopf dann nicht auch ein bisschen die Strukturen dieses Mediums (und sind so viele Leute deswegen so doof?)? Was machen Computerspiele mit denjenigen, die wirklich stundenlang täglich spielen? Wie sieht es schlußendlich mit Büchern aus? Oder ist das doch alles Quatsch und das Gehirn lässt sich nicht so leicht vom Menschen austricksen und funktioniert doch immer gleich, egal, was man sich so den ganzen Tag in die Birne kippt? Antworten habe ich nicht wirklich darauf, aber die Fragen sind schon interessant.

  5. Ich habe letztes Jahr 1 Monat komplett auf Alkohol verzichtet, nur um zu überprüfen, ob ich denn tatsächlich schon ein »Alki« geworden bin, so wie ich es mir u.a. von meiner Freundin zu oft anhören musste. Das hat funktioniert, und es war nicht ganz so schwierig wie befürchtet. Ich trinke habituell und auch wohl etwas mehr Alkohol, als gesund ist, aber mit nicht allzu großer Willensanstrengung ist das ein Verhalten, dass ich kontrollieren kann. (Vor 1 Jahr musste ich aus medizinischen Gründen einmal 2 Monate lang vollständig auf Kaffee verzichten; das war schwieriger.)

    Am 13. Dezember habe ich mich aus Twitter endgültig zurückgezogen und meinen Account kurz danach »protected«. Zuvor hatte ich schon stufenweise meine zirka 800 »friends« entfolgt, damit der Twitterstream zum Erliegen kommt und kein Reiz mehr da war, in die Twitter-App zu gucken, um zu sehen, was denn alle so schreiben. Danach habe ich auch selbst aufgehört, Tweets zu schreiben. Das ist jetzt gut 7 Wochen her. Nach »5 years 8 months 28 days« (laut »my twitter age«) und 60.560 Tweets war das nicht ganz einfach.

    (Die mit Abstand wirksamste Handlung, um nicht wieder zurückzufallen in die Twittergewohnheit, war übrigens, die Twitter-App von meinem Smartphone zu löschen. Eine native Twitter-App für den Desktop benutze ich schon seit Jahren nicht mehr, und entsprechende Browserlesezeichen habe ich ebenfalls entfernt.)

    Diese Möglichkeit, jederzeit und ständig mit anderen in Kontakt zu stehen und sich auszutauschen, und sei es noch so banal, fehlt mir außerordentlich. Ich hatte schon immer große Schwierigkeiten, ungezwungen Kontakte im »wirklichen Leben« aufzubauen und finde, seit ich mein Studium beendet habe, in meinem Umfeld leider auch kaum die Leute, unter denen ich mich wohl fühle, die mich inspirieren und die ich im Gegenzug auch inspirieren kann. Twitter war eine sehr potente »Ersatzdroge« für diesen fehlenden Austausch. Der Reiz, den Twitter diesbezüglich ausübt, ist immens. (Es liegt ja auch auf der Hand, dass Twitter gerade ein Sammelbecken ist für die, die im wirklichen Leben tendenziell ausgegrenzt werden oder sich so fühlen, die schlecht Anschluss finden, die einsam sind, und daher andere Wege suchen, um nicht alleine zu sein.)

    Twitter ist außerdem natürlich ein fantastischer Zeitvertreib. Aber es erzeugt eine gefährliche Abhängigkeit und fördert ironischerweise den Rückzug aus dem »echten« sozialen Leben in der unmittelbaren Umgebung, wenn man ohnehin dazu disponiert ist. Es ist also Segen und Fluch: zum einen findet man dort seine »Clique« oder sogar den »Freundeskreis«, den man im »echten Leben« vermisst. Zum anderen zieht man sich umso stärker aus diesem zurück und erzeugt so einen Teufelskreis. Natürlich entsteht unter solchen Umständen sehr leicht ein Suchtverhalten.

    Mein Suchtverhalten in Bezug auf Twitter, war zuletzt sehr ausgeprägt; daher meine Einleitung zum Alkohol. Ich habe praktisch nichts mehr unternommen, ohne fortwährend in mein iPhone zu starren und Twitterdiskurs zu führen. Ich hatte das nicht mehr unter Kontrolle; es war ein vollständiger Automatismus. Das erste und letzte, was ich an einem jeden Tag getan habe, war twittern. In jeder Sekunde, in der ich nicht unmittelbar dringenderes zu tun hatte (z. B. im Beruf), habe ich getwittert. Auf der Straße. In öffentlichen Verkehrsmitteln. Beim Essen. Mein Privatleben bestand aus Twitter; selbst auf Partys und anderen direkten sozialen Situationen habe ich sehr viel lieber die Zeit auf Twitter verbracht als mit den Leuten um mich herum.

    Da ich nicht noch weiter in diese sich selbst verstärkende Abhängigkeits- und Rückzugsspirale fallen wollte, habe ich entschlossen, das Twittern sein zu lassen.

    Das ist einer von drei Gründen. Grund Nummer zwei findet sich überwiegend in dem, was Du oben schreibst, was Deine Twitter-Hassliebe begründet. Die Jagd nach Followern und Favs, der allgemeine Beliebtheitswettbewerb und all das prätenziöse Getue fand ich zunehmend unerträglich. Ich mochte eigentlich nur die ehrlichen, aufrichtigen Twitterer, die ungefälscht geschrieben haben, was sie dachten, und denen völlig gleich war, wie beliebt oder unbeliebt sie sich damit machten. Die wurden leider immer weniger. (Deine Tweets gehörten übrigens überwiegend zu denen, die ich aus diversen Gründen gerne gelesen habe, aber genauso oft hat mich geärgert, dass Du sichtlich auch Teil einer Art Clique warst, die sich gegenseitig hauptsächlich die Egos gestreichelt haben und die mir zu selbstgefällig waren in ihrer schillernden Twitterberühmtheit.)

    Grund Nummer drei war der zunehmend pathologische Gehalt meiner eigenen Tweets. Ich habe zu oft ungefiltert und unüberlegt meine Frustration und meinen Weltschmerz in die Twitteröffentlichkeit herausgekotzt. Twitter macht das allzu leicht, da es so unglaublich einfach ist, aktuelle Stimmungen in wenige Worte zu stecken und unmittelbar zu publizieren. (Einen Blogartikel würde man differenzierter schreiben, vielleicht erst am nächsten Tag veröffentlichen, oder nach reiflicher Überlegung auch in einen dunklen Unpublished-Keller verbannen.) Viele Tweets waren nicht nur verbittert, sondern schon deutlich krankhaft in dem, was sie zum Ausdruck brachten. Viele Tweets habe ich schon am nächsten Tag bereut, sie waren mir unendlich peinlich und unangenehm. Trotzdem habe ich sie nur in Extremfällen gelöscht, weil sie andererseits auch sehr lehrreich und aufschlußreich waren, da sie mir unverfälscht gezeigt haben, wer ich bin.

    Das Problem dabei ist nicht nur, dass man vieles von sich preisgibt, das man vielleicht besser für sich behält oder zumindest nicht jedem, der Internetzugang hat, und der einen nicht kennt und einschätzen kann, frei zugänglich machen sollte (das ist der Grund, warum ich meinen Account jetzt geschützt habe). Es ist auch, dass man die Negativität und die Verbittertheit ständig selbst verstärkt, in dem man fortwährend diese Stimmungen in Tweets festhält. Auch das wird zum Selbstläufer. So rennt man sich ständig selbst noch tiefer rein.

    Was ist das Fazit: Rückzug aus Twitter gibt mir gerade den nötigen Abstand, um über all dies nachzudenken. Ich kann es sehr empfehlen. Sehr schade ist, dass ich damit auch auf die positiven Seiten von Twitter verzichten muss, aber so ist es, wenn man enthaltsam ist.

    (Bizarrerweise habe ich übrigens praktisch keine Follower verloren, obwohl ich weder irgendjemandem folge noch seit fast 2 Monaten selber etwas getweetet habe. Ich weiß nicht, ob das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen ist.)

    1. Ach, der Herr Schoschie. Schön, mal wieder was von Ihnen zu lesen. Bei Dir klingt das wirklich ziemlich bedenklich, was passiert ist. Einen Punkt kann ich deutlich unterschreiben: Diesen Teufelskreis. Man sucht intelligente Leute, mit denen man Dinge diskutieren kann, die im unmittelbaren Bekannten- und Freundeskreis eher kein Thema sind und tut das auch gerne und viel, glaubt, Menschen gefunden zu haben, aber verliert ein bisschen aus dem Blick, dass man dabei die ganze Zeit vor einem Rechner hängt. Diese Behauptung, die von vielen Leuten aufgestellt wird, dass „on- und offline“ ja eh dasselbe sind, kann ich auf keinen Fall so unterschreiben.

  6. Ja, Twitter ist wie fernsehen, Zeitung lesen und sich unterhalten zugleich. Man darf sich nur nicht die Illusion machen, daß die Menschen hier besser sind als live.

  7. Toller Text, danke für die Erfahrungen. Ich denke tatsächlich seit einiger Zeit immer mal wieder darüber nach, exakt dasselbe zu machen, aber vielleicht sogar eher einfach mit absolut allen Medien. Einfach mal eine Woche den Stecker ziehen. Ich stelle mir das ein bisschen wie Urlaub vor und man lernt etwas über sich und sein Verhältnis zu dem ganzen Zeug… das passt auch in die vielen Artikel über „Smartphone abschalten“ „digitaldiät“ etc, die im letzten Jahr überall zu lesen waren.

  8. Wenn die Leute alle hinter ihren Rechnern hervorkämen, hätte ich vielleicht mehr Freunde, die den Namen verdienen…
    Und Schoschi bringt es auf den Punkt, es ist ein Beliebtheitswettbewerb, und für andere ein seriöser intellektueller Austausch.

  9. Schoschie bringt es auf den Punkt, es ist für manche ein Beliebtheitswettbewerb und für manche ein notwendiger seriöser Austausch. Auch ein Kommunikationsluxus für Kranke und Einsame.
    Einen gefährlichen Nachteil habe ich erst kürzlich entdeckt: Ein Bekannter von mir schreibt gern lebensmüde tweets, sodaß man sich richtig Sorgen macht. Und dann gibts Idioten, die das auch noch faven.
    So machen psychische Krankheiten die Runde.

  10. Ein guter Text, in dem ich mich an einigen vielen Stellen (vor allem an den ersten beiden Tagen) wiederfinde. Konsquenz für mich aus dem von dir beschriebenen Unbehagen gegenüber twitter. Stetiges Entfolgen und Fremde Freunde in bekannte Freunde verwandeln.

  11. Ich schließe mich mal dem Lob an. Da ich selbst nicht twittere, habe ich manchmal natürlich das Gefühl etwas zu verpassen. In meinem Beruf (Buchhändler) treffe ich allerdings genug Leute mit denen ich praktisch live „twittern“ kann. Nach Feierabend brauche ich deshalb mindestens 1 Stunde Kommunikationspause.

    Was mich noch interessiert : Wie war das mit dem Lesekonsum (Romane etc.) ? In Buchhändlerkreisen wird ja zur Zeit viel über Lesesattheit durch Blogs, Hps und Twitter diskutiert. Kam die Lust auf das gedruckte Wort wieder oder blieb alles beim Alten ?

  12. Interessant, dass Dich scheinbar manche entfolgt haben, weil sie dachten, Du liest ihnen nun nicht mehr zu. Auf die Idee wäre ich (als Dir Folgende) gar nicht gekommen.

    Ich bin ja, abgesehen davon, lange sehr naiv davon ausgegangen, dass es alle machen wie ich und ihre Timeline aufmerksam verfolgen (s.u.). Ich habe festgestellt, dass ich dann viel entfolgt werden, wenn ich wenig bis gar nichts schreibe (werde ich nie verstehen, aber mich strengen auch eher die ‚1.000 Tweets pro Tag‘-Accounts an, die mit einem „Moinsen“ anfangen und mit dem wackligen Bild vom Feierabendbier aufhören. Außer, ich kenne und mag den Menschen dahinter).

    Ich nutze bzw. empfinde Twitter an einigen Stellen wohl etwas anders als Du. Ich folge relativ wenigen, da ich immer(!) die gesamte(!) Timeline lese. Ich mag die Mixtur aus Literarischem, Politischem, Unerwartetem, latentem Wahnsinn und völlig absurdem Unsinn, die sich mir da auftut. Und ne, ich sehe nicht ein, dass ich Vollhonks folge, die z.B. permanent über Fernsehsendungen schreiben, nur weil das „ein realistisches Abbild der Öffentlichkeit“ ist. Das realistische Öffentlichkeitsabbild begegnet mir abseits von Twitter allüberall. Ich würde niemanden entfolgen, weil er eine konträre oder im ersten Moment seltsam klingende Meinung vertritt, aber die Dauerchatter, die Trendwitztwitterer (Mett, Einhörner, „put the x in y“ … etc.), ausschließlich-Triviales-Twitterer und die Sport-/Fernsehreporter … och nö, denen muß ich nicht hinterherlesen.

    Ich twittere seit 3 1/2 Jahren unter dem jetzigen Account und fühle mich nach wie vor eher wie jemand, der das Ganze von der Bande aus beobachtet. Sozialkontaktersatz ist Twitter für mich nicht, ich kenne das Phänomen aber von anderen Orten im Internet. (Das ist auch einer der Gründe, warum ich das Internet mag: Als einsamer Dorfhonk trifft man dort auf andere einsame Dorfhonks, die eine ähnliche Geschichte haben. Und fühlt sich nicht mehr so allein.)

    Was ich ähnlich erlebe, ist, dass Favs und (auf subtile Weise) auch die Timeline das eigene Schreibverhalten beeinflussen können. Ich kann mir deshalb sehr gut vorstellen, für eine Weile darauf zu verzichten, meine Favoriten zu beobachten, die Timeline aber weiter zu lesen.

    Wobei, wenn ich recht darüber nachdenke, wäre es auch interessant, eine zeitlang das Timelinelesen aufzugeben. Es frisst doch, bei allem Vergnügen, viel Zeit und kommt mir manchmal schon fast wie eine Art Verpflichtung vor. Vom literarischen Lesen hat es mich allerdings nie abgehalten.

    Suchtcharakter hat Twitter für mich dennoch nicht. Liegt wahrscheinlich am Bandenplatz.

    1. Der Bandenplatz ist womöglich genau der richtige Platz, um Twitter zu verfolgen. Allerdings verpasst man dann aber auch einiges. Irgendwie muss man genau diesen Zwiespalt mit der richtigen Balance auflösen, schätze ich. Das ist das, was @saschalobo oben sagt: Durch das Schlüsselloch gucken, aber von drinnen, nicht von draußen.

      Die 1000 Tweets-pro-Tag-Accounts kann ich inzwischen auch nicht mehr gut aushalten – nicht nur wegen der Belanglosigkeit, sondern sie tun mir auch ernsthaft ein bisschen leid. Wenn sie dann noch jeden Abend Asi-TV gucken und dazu twittern, dann schwindet das Mitleid aber doch auch recht schnell wieder.

  13. Hallo,

    so intensiv habe ich Twitter eigentlich nie genutzt. Anfangs vielleicht, hat aber schnell stark nachgelassen. Ab und zu lese ich ein oder zwei Wochen gar nicht. Eigentlich nur wenn ich Retweets zu neuen Blogeintraegen gibt, retweets von Dingen die ich geteilt habe oder direkte Fragen von Freunden und Bekannten.

    Viel Erfolg mit deinen Pausen.

    mfgcb

  14. sehr guter text. leider fehlt immer die zeit, alles genauer zu lesen, inklusive der lesenwerten replies. die zeitsogmaschine internet verhindert vor allem den so wichtigen „verdauungsvorgang“ eines bedenkenswerten textes. hastiges herunterschlingen bei gleichzeitiger völlerei sind die hauptmerkmale der digestion des heutigen internetnutzers. kaum, dass man bei der letzten zeile angekommen ist, wartet schon der nächste lesenswerte text. too much high frequent umdrehungen pro minute. diese entwicklung kann nicht gut sein. auch nicht für die jüngeren, digital natives, mit schnellerer auffassungsgabe etc. –
    den fernseher nicht mehr zu benutzen, ist übrigens eine viel leichtere übung, weil man da ja sowieso nur noch dinge sieht, die einen entweder nicht interessieren, oder, man lediglich die fernbedienung für das aufrufen anhaltend inhumaner gefühle aus der hand gibt.

    p.s.: wir sind mit dem internet verheiratet, es kommt es darauf an, den liebesanteil darin hochzuhalten.

    alles gute und beste grüße

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