Ohne Zähne und Klauen (1)

wolf2a
Ich blogge seit fast zehn Jahren und habe es dennoch meist vermieden, persönliche Dinge ungefiltert ins Netz zu schreiben. Ich verstecke mich fast immer hinter Ironie, Sarkasmus, Surrealität, fiktiven Dialogen, mindestens cartoonhafter Überzeichnung, Literatur (mein Hauptblog hat schon vor vielen Jahren die Aufnahme in die Langzeitarchivierung des DLA Marbach geschafft, eine Tatsache, auf die ich sehr stolz bin) und „Artikeln“, die meine Interessen widerspiegeln, aber möglichst wenig mit mir als Person zu tun haben. Im Grunde sah ich das Bloggen (respektive das Schreiben als solches) immer als eine Art Prozess, in dem ich Erfahrungen von mir wegschieben kann. Ich kann es in die Kunstecke packen oder auf eine abstrakte Ebene hieven, ich schreibe nicht über mich, sondern von mir weg, damit ich die Monster unter meinem Bett auf eine falsche Fährte schicken kann und sie möglichst lange brauchen, um wieder nach Hause zu finden. Dieser Text ist der zweite direkt persönliche Blogpost, den ich jemals veröffentlicht habe und ich fühle mich ziemlich unwohl dabei. Der erste drehte sich um eine Trennungsgeschichte und stammt noch aus einer Zeit, in der außer mir und drei geistig verwirrten Freunden niemand irgendwelche Interneteinträge von mir las.

Ich habe schlechte Zähne. Es liegt in unserer Familie, schlechte Zähne zu haben. Als ich ein Kind war, musste ich eine Spange tragen, zwei meiner Milchzähne waren per Default in meinem Körper so angelegt, dass an der entsprechenden Stelle nach dem Abwurf derselben durch meinen Kiefer (dieses ganze Konzept muss ich dringend im Detail nachlesen, der ganze wissenschaftliche Hintergrund ist mir bis heute unbekannt) niemals richtige Zähne nachwuchsen. Dort befindet sich heute eine Brücke, die man aber als Laie nicht als solche wahrnehmen kann. Bei meinem Bruder war das Phänomen der schlechten Zähne schon im Kindesalter sehr, sehr viel schlimmer, deswegen hat er jetzt ein perfektes und makelloses Gebiss, denn damals in den 80ern bezahlten die Krankenkassen die schon aufgrund gesellschaftlicher Konventionen unbedingt notwendigen Korrekturen derartiger Exzentrizitäten der Biologe noch anstandlos. Ich hatte leider das Pech, dass der größere Teil meiner Probleme damit erst viele Jahr später auftrat. Meine Zähne sind nicht sonderlich langzeithaltbar. Sie brechen leicht ab, Teile splittern weg. Ich will mich gar nicht beklagen, an dieser Stelle meine Leidensgeschichte ausbreiten oder detailliert nacherzählen, wie oft ich schon während des Konsums eines Kaugummis plötzlich auf ein bislang unentdeckt-loses Stück Zahn biss, das durch selbigen endgültig aus seiner bereits lose geworden Verankerung gezogen wurde. Mutter Natur hat mich halt so konstruriert. Der Eine ist fett wie ein Walross, der Andere hat eine seltene und bizarre Krankheit, bei der irgendwann der kleine Zeh abfault und ein Eigenleben inklusive eigener Facebook-Fanpage entwickelt, der Dritte mag Bon Jovi, der Vierte startet zwanghaft Shitstorms auf Twitter und fühlt sich dabei wie ein Held, mir brechen immer Stückchen meiner Zähne ab. Jeder hat sein Kreuz zu tragen und die meisten Kreuze sind objektiv betrachtet weit weniger dramatisch als das von dem Typen, auf den die Redewendung zurückgeht. Ich weiß nicht genau, wie schlimm man es sieht, wenn man mich sieht. Meine Ex-Freundin warf mir vor, dass ich in mich hineinnuscheln würde und ich lache nicht gerne laut, sondern grinse in der Gegenwart von anderen Menschen lieber, ohne den Mund zu öffnen. Beide Tatsachen resultieren aus einer total normalen, überkritischen Selbstbewertung: Ich nehme meine Zahngeschichten natürlich schon immer aus einer besonders extremen Perspektive war, die zu vermitteln Worte gar nicht imstande sind.

Auch die akute Ausprägung meines Problem sieht man von außen nicht wirklich: Mir ist heute der dritte Backenzahn innerhalb eines Jahres abgebrochen (einer der vielen meiner Zähne, die schon Wurzelbehandlungen und Ähnliches über sich ergehen lassen mussten) und ich war noch immer nicht beim Zahnarzt mit dieser Scheiße, denn ich kann mir vermutlich keine Implantate leisten und etwas anderes wird mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit in all diesen drei Fällen nicht mehr helfen. Ich muss aber jetzt etwas dagegen tun, denn seit heute schränkt es endlich auch meine Lebensqualität ein (ich verwende den positiven Begriff „endlich“, weil es sich genau so anfühlt: Endlich bin ich zum Handeln in der Sache gezwungen): Ich kann auf der linken Seite meines Kiefers nicht mehr richtig kauen. Der Grund dafür, dass ich diesen Blogpost schreibe und ihn mittels der Zahl in der Klammer hinter dem Titel auch noch zum Auftakt einer Serie deklariere ist demnach zumindest partiell auch, mir selbst in den Arsch zu treten (der andere Teil ist es, dieses Post-Privacy-Ding mal zu testen, anhand einer Sache, die mir peinlich ist, mit erfreulichen Erfahrungen kann das jeder): Sozialen Druck aufbauen, mich unter Beobachtung von außen stellen. Ihr dürft ab sofort an dieser Stelle in der Funktion namenloser Voyeure zugucken, was passiert, wenn ich endlich anfange, das Problem beheben zu lassen, auch wenn das Thema Zahnreparaturen vermutlich für 95% aller meiner Zuleser völlig uninteressant ist (andererseits: Es liest in Relation zu anderen Medien sowieso niemand Blogs, 95% von niemand bleibt ergo niemand).

Warum hat der @noemata eigentlich kein Geld, um seine Zähne reparieren zu lassen, obwohl er permanent arbeitet und nie mehr als ein paar Tage Urlaub macht? Wie fühlt es sich an, wenn man aufgrund der bisherigen Erfahrungen panische Angst vor Zahnärzten hat und trotzdem hingeht? Und was sind eigentlich Implantate, was kostet dieser Scheiß und kann man da vielleicht etwas drehen, wenn man in der Lage ist, das Internet als Recherchetool zu benutzen? Ich werde versuchen, diese Dinge aufzuschreiben, während ich hoffentlich diesen elenden Mist in Ordnung bringen lasse, denn ich bin der Auffassung, dass man negative Erlebnisse wenigstens noch für Texte ausbeuten sollte, wenn sie schon sonst keine über sich selbst hinausweisende Bedeutung haben.

4 Gedanken zu „Ohne Zähne und Klauen (1)“

  1. Es macht dich sehr sympathisch, wie du von deinen Makeln berichtest. Bisher warst du nur ein Name auf meiner Startseite. Ich hatte auch mein ganzes Leben panische Angst vor Zahnärzten, denn ich bin auf dem Land aufgewachsen. Dort hat man keine grosse Auswahl an Zahnärzten/ Ärzten.
    Ich denke Zahnärzte/Ärzte gehen gezielt auf´s Land um Erfahrungen zu sammeln, bzw. Fehler ausprobieren zu dürfen. An Erfahrungen gewachsen, gehen sie zurück in die Stadt, wo sie sich neben der Konkurrenz behaupten müssen.
    Die ersten Zahnreparaturen als Dreikäsehoch – auf dem Land – mussten immer wieder wiederholt werden. Irgendwann geht dann nix mehr. Und ich habe, was die Zähne angeht, gute Anlagen.
    In den letzten Jahren war ich mir nicht sicher, ob der Aufwand noch in Relation steht, denn ich hatte mit meiner Krebserkrankung zu kämpfen.
    Nun durfte ich erfahren, dass es auch gutaussehende Zahnärzte gibt, die zwar nicht perfekt, aber unkompliziert arbeiten. Und das möchte ich dir an dieser Stelle empfehlen – oder wünschen, einen Zahnarzt auf der menschlichen Ebene zu begegnen, der dir jegliche Angst nimmt:-)

  2. Bin ebenfalls mit beschissenen Zählen gesegnet. Da hilft auch keine Zahnseide und halbjährliche Zahnreinigungen beim Zahnarzt. Mich interessiert das durchaus. Auch wenn du es als Eigenspam bezeichnest, aber solche „Leidensberichte“ interessieren mehr Leute als du vielleicht denkst.

  3. Ich habe sehr gute Zähne, und ein wohlgenährtes Konto, kenne mich aber neben allerhand anderen Sachen, nicht mit Paypal aus.
    Na, wenn das mal kein Grund ist mir zu schreiben.

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