Die aktuelle Shitstormkritik: Nordsee und „Fisch macht sexy“.

nordsee_2013

Was ist passiert?

Die Fischimbisskette Nordsee hat eine neue Werbekampagne vorgestellt. Auf den Motiven sind ein nackter Mann und eine nackte Frau zu sehen, jeweils anonym ohne Kopf, über der Leistengegend befindet sich ein Störer mit dem Claim „Fisch macht sexy …“. Daraufhin flogen wüste Beschimpfungen und Angriffe gegen die Kampagne durchs Netz, die Marke Nordsee war in den letzten Tagen die Sau, die aufgrund mangelnder sonstiger Themen zur Beschäftigung der Leute durch Kleininternetdorf getrieben wurde.

Wer macht bei dem Shitstorm mit?

1. Werbefuzzis und Agenturmenschen. Fühlen sich dringend dazu genötigt, der Welt mitzuteilen, dass sie natürlich sehr viel besser und kreativer als die Jungs sind, die diese Kampagne entworfen haben, die natürlich „gar nicht geht“ (pikiert-entrüsteter Tonfall). Endlich können wieder mal alle zeigen, wie überlegen sie sind, indem sie kollektiv öffentlich anprangern, was für ein „PR-Fail“ dieses Motiv ist. Fortgeschrittene Leute aus jener Gruppe, die für Geld in vielen Fällen so ziemlich alles tut, sprechen auf Facebook und Twitter direkt die Marke Nordsee an, um die sie sich natürlich große Sorgen machen und bieten ironisch-lustig ihre Dienste an. „Tjaharr. Hättet ihr mal lieber unsere Agentur genommen, wir hätten eine wesentlich weniger ANRÜCHIGE Kampagne gemacht ;)“ (Vier Likes von Kollegen). Das Ego ist befriedigt, man hat gezeigt, wie originellmoralischgut man ist und wie scheiße diese böse andere Agentur.

2. Die netzfeministische Ecke. Da eines der beiden Motive eine nackte Frau (!) zeigt und zudem mit etwas um die Ecke denken ein Witz über den Geruch von Geschlechtsorganen konstruiert werden kann (egal, ob durch die Macher beabsichtigt oder nicht), ist das natürlich eine widerliche, sexistische, unerträgliche Werbung, die quasi sofort verboten werden muss. Dass auf dem zweiten Motiv ein nackter Mann zu sehen ist, ist da erstmal egal, das ist definitiv sexistisch, es diskriminiert nämlich äh… hier, Dings, außerdem werden natürlich nur schöne, makellose Körper gezeigt und keine dicken Nackten, kann nicht sein, da muss man sofort in den Internetaktivismusmodus. Fortgeschrittene reden von „Objektifizierung“, weil die Models keine Köpfe haben.

Darum funktioniert der Shitstorm

Mit Sex geht immer was. Wenn dann noch eine größere deutsche Marke dranhängt und man es irgendwie so lesen kann, dass es ein „#Fail“ ist, dann kommt das komplette Internet ziemlich schnell aus der Deckung. Gerade Twitter besteht ja zu 200% aus Menschen, die in Agenturen arbeiten, weiteren 160% Leuten, die sich nie für ein verklemmtes Sexwitzchen zu schade sind oder einfach Aufmerksamkeit wollen und mindestens 3 Hardcorefeministinnen mit einer Zillion Followern, die alles retweeten.

Was ist dran am Shitstorm?

Wenig bis nix, insofern ein sehr typischer Shitstorm. Es sind halt Plakate mit ästhetischen Körperphotos und einer doof-provokativen Doppeldeutigkeit (wenn beabsichtigt) oder einem verunglückten Claim (wenn nicht absichtlich). Keiner der Werbetreiber, die sich öffentlichkeitswirksam kaputtlachen, hat jemals so viel Aufmerksamkeit mit einer eigenen Kampagne erzeugt (und in dem Fall ist das wichtig, denn eine Plakatkampagne ist ja nichts anderes als das Fischen [sic!] nach Aufmerksamkeit), weiterhin ist das Ganze ist ungefähr so sexistisch wie eine nackte Marmorstatue, diskriminiert werden hier maximal Leute, die sich regelmäßig im Schritt waschen. Übrigens macht Fisch tatsächlich sexy.

Warum ist es trotzdem ärgerlich?

Wenn einige lautstarke Leute jede nackte Haut auf einem Plakat per se zum schockierenden Vorfall skandalisieren, dann hört irgendwann niemand mehr hin, wenn es echten Sexismus zu verlinken und bekämpfen gilt. Außerdem bekommt eine mittelmäßig-schlechte Kampagne verdammt viel Aufmerksamkeit, die sie nicht verdient hat, was sicherlich Nachahmer dazu veranlassen wird, in ähnlicher Weise auf den Sofortempöreffekt des Internets zu setzen, denn negative Aufmerksamkeit ist viel besser als gar keine Aufmerksamkeit, wenn Aufmerksamkeit die Währung ist.

Fazit

Ziemlich unsexy Shitstorm über eine eher belanglose Sache.

8 Gedanken zu „Die aktuelle Shitstormkritik: Nordsee und „Fisch macht sexy“.“

  1. Hi, ich find das nicht belanglos. Ob die Kampagne so viele Konsumenten in ihre Filialen locken wird, wage ich zu bezweifeln. Nordsee sollte mal die Marketingstrategie überdenken. Fisch ist gut für den Körper, der Weg ist richtig… nur ist das Fahrzeug falsch gewählt. Nichtsdestotrotz…Nordsee ist in aller Munde ;o)

  2. Zu jedem sogenannten Shitstorm gehört übrigens auch immer am Ende des Zyklus ein Schlaumeierkommentar wie dieser ;)
    (und die Kampagne war in jeder Hinsicht schlecht, egal aus welchen Beweggründen man das kritisiert)

    1. @Lars: Das stimmt, aber Du vergisst einen, der auch noch dazu gehört: Derjenige, der genau das in die Kommentare schreibt :).

  3. Nein – ich finde, ihr solltet das *nicht* lassen. Bitte weitermachen – wäre doch gelacht, wenn wir hier nicht den unendlichen Regress hinbekämen… ;-)

    Da fällt mir der alte Witz über die 3090 ein: die ist so schnell, die rechnet eine Endlosschleife in drei Sekunden…

  4. Alle reden über Sexismus. Aber wer regt sich darüber auf das damit der Fischkonsum in der nächsten Generation noch gesteigert werden soll? 80 – 90 % der Weltmeere sind überfischt. Ich finde momentan eine bewusste Steigerung des Konsums unverantwortlich. Eine konstruktive Diskussion darüber wäre doch viel interessanter…

Ach komm, erzähl mir nix (oder doch)

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