Brief an einen Verlag of the Future

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Lieber Verlag of the Future,

Du hast ein hübsches Portfolio aus Zeitungen und/oder Zeitschriften, alle mit eigenen Redaktionen, die permanent gute Inhalte produzieren? Das ist super, denn die Leute lesen gerne gute Inhalte. Heute verbringt eigentlich jeder Vollhonk Zeit damit, im Internet Inhalte zu lesen und weiterzuverteilen. Sogar meine Mutter. Guck doch mal bei Facebook und Twitter rein. Klar, die teilen auch bunte Bildchen, Videos und Scheißwitze, aber sehr, sehr viel davon sind Links zu Artikeln in den Onlineangeboten von Zeitungen und Zeitschriften. Nun sind diese Angebote aber erstens meistens nicht wirklich profitabel für Dich (weil komplett werbe[unter]finanziert) und zweitens nur Lightangebote im Vergleich zu dem Zeug, dass Du auf Papier druckst. Ich weiß genau, dass Dein ziemlich inkontinent und polemisch verwendetes Gefasel mit dem abgenutzten Buzzword „Qualitätsjournalismus“ einen wahren Kern hat: Artikel aus Deinem Offlineangebot sind tatsächlich in vielen Fällen inhaltlich tiefer als das Zeug, das Du ins Netz hochlädst. Was nicht so super ist: Sie werden halt leider nur auf Papier gedruckt. Die Leute kaufen sie, lesen sie, werfen sie dann in die Altpapiertonne und keiner weiß so genau, ob sie das mit dem Kaufen von Artikeln auf Papier überhaupt noch lange tun werden. Das ist verdammt schade, denn da sind sicherlich viele echt gute Sachen dabei, die ich gerne gelesen hätte und die Dir zusätzliches Geld bringen könnten. Warum machst Du also nicht was daraus? Zum Beispiel könntest Du das hier machen:

1. Jeder Artikel aus all Deinen Redaktionen landet in einer großen Datenbank

Das Zeug wird sowieso produziert, vermutlich auch archiviert oder irgendetwas in der Art. Warum produzierst Du Inhalte fürs Archiv, die danach nie wieder jemand liest? Sag Deinen Redaktionen doch, dass sie in Zukunft alle ihre Artikel in das neue interne Content-Sammelsystem reinhauen müssen, bevor sie ins Layout gehen. Viel Mehraufwand dürfte das für die Redaktionen nicht sein, die Artikel werden sowieso schon irgendwo gespeichert, also müssen nur noch ein paar Metadaten dran und das ganze muss permanent mit einer großen Datenbank synchronisiert werden. Die muss gebaut werden, das kostet natürlich ein bisschen was, klar. Deine Future-Redaktion, die sich um nichts anderes kümmert, verwaltet die Datenbank, macht die Technik und den Rest.

2. Jeder Artikel in der Datenbank wird exzessiv verschlagwortet

Die Future-Redaktion guckt zum Beispiel bei jedem Artikel nach: Sind alle Metadaten und Tags drin? Wer hat den Artikel geschrieben, wie lange dauert es ungefähr, ihn zu lesen, ist er für Einsteiger oder Experten geeignet, welche Zeitschrift, welches Ressort, welcher Autor, welche Themengebiete berührt der Artikel? In der Datenbank ist alles über den Artikel gespeichert, was man über den Artikel speichern kann, denn schließlich sollen die interessierten Leser später dazu in der Lage sein, ihn wiederzufinden.

3. Du baust ein einfach zu bedienendes Frontent dafür

Dein geiles Frontend für die Artikeldatenbank, das der Nutzer sieht, wenn er die Seite futureverlagstore.de aufruft, ist der totale Hammer, es stellt Apples Appstore in den Schatten. Verschiedene Kategorien, Zeitschriften, Autoren werden nach Popularität gerankt, aktuellste Artikel angeteasert, alles kann kommentiert und bewertet werden und einige Artikel darf man auch jeden Tag kostenlos abrufen. Hier gucke ich mich supergerne jeden Tag um, um den für mich persönlich interessanten Lesestoff zu finden. In welcher Zeitschrift der Artikel ursprünglich mal drin war, interessiert mich dabei immer weniger, neuerdings suche ich eher nach Themen und Autoren. Dank der Metadaten an jedem Artikel weiß das System ganz genau, was ich gerne lese und ich kriege über diesem Mechanismus auch persönliche Empfehlungen von Dir, passend zu den von mir angegebenen Interessen und meinem Such-, Kauf- und Klickverhalten.

4. Der Nutzer klickt sich individuell die Inhalte zusammen, die er haben will

Ich will das Feuilleton der PAZ ab sofort regelmäßig, die Plattenreviews aus dem Rolling Mountain vom vorletzten Monat, die geilen Testberichte über Hipsterlifestyle aus der Glow einmalig (um darüber zu lachen), alle Artikel mit dem Thema Netz aus dem ReflektierendeOberfläche im Abo und außerdem alles, was der Shitstormgarant und Autor Tim Gemüseprügler jemals verbrochen hat, egal in welcher Deiner Zeitschriften. Kein Problem für Dich, denn Du, Futureverlag, hast mir im Futureverlagstore zum Glück ein total einfaches Interface zur Verfügung gestellt, in dem ich mir diesen ganzen Kram in fünf Minuten intuitiv zusammenklicken kann. Und wirklich teuer wird das für mich am Ende nicht, 100 Seiten kosten mich so viel, wie mich eine 100seitige Zeitschrift gekostet hätte. Am Ende kann ich mit einer gängigen Methode bezahlen, die ich schon hinterlegt habe. Checkout, fertig.

5. Auf meinen megageilen Leseapps lese ich den Kram, wo ich will

Natürlich gibt es nicht nur das Portal, in dem ich meine Sachen zusammensuche, meine Abos verwalte und einzelne Texte einkaufe, sondern es gibt auch noch die Futureleseapp. Die gibt es für alle Geräte, Rechner und Tablets. Im Navigationsinterface finde ich alle meine Artikel und meine Abos, in den Artikeln und außenrum erscheint genau so viel (auf mich und meine Vorlieben zugeschnittene) Werbung, wie ich vorher auf dem Portal festgelegt habe. Nehme ich mehr Werbung in Kauf, werden die Artikel für mich günstiger. Ich lese allerdings gerne ablenkungsfrei den wahnsinnig schön formatierten Text, deswegen zahle ich gerne ein paar Cent mehr pro Artikel. Die App ist echt einfach zu bedienen und sieht ein bisschen aus wie Reeder. Sie merkt sich beim Lesen eines Artikel sogar, an welcher Stelle ich gerade bin und so kann ich in die Bahn springen und am Smartphone direkt da wieder einsteigen, wo ich am Notebook mit dem Lesen dieses langen Artikels aufgehört habe. Einfach gut gemacht, ich benutze das Ding wirklich jeden Tag.

6. Natürlich darf ich auch die Inhalte teilen

Auf Twitter bin ich neuerdings der Held, meine Social Media Street Credibility ist um 200 Prozent gestiegen, seitdem ich immer die spannendsten Artikel teile, die sonst (noch) niemand kennt, weil sie hinten im Kulturteil der obskursten Zeitschrift stehen, von der noch nie jemand was gehört hat, die Du aber im Programm hast und die ich mir in mein Paket geholt habe. „Urst geiler Link, Alder“ retweetet @hackomma meinen neuesten Artikel, 212 ihrer Follower machen es nach und was erst auf Facebook los ist, kannst Du Dir selbst vorstellen. Ich kann jeden Artikel fünf mal sharen, das reicht mir für alle Plattformen, Retweets zählen nicht. Fremde Leute müssen aber genau meinen Post oder Tweet weitersharen, sonst funktioniert das nicht. Außerdem steht dann immer „gefunden von @noemata“ in kleiner Schrift mit Link über dem Artikel, den die anderen zu Gesicht bekommen, das bringt mir einen Vorteil, also will ich Deine Artikel noch lieber teilen und es bringt Dir was, weil Dein Magazin gesehen wird. Unter dem Artikel steht nämlich dann auch noch ein Link, über den ein anderer User ebenfalls ein Abonnent oder Einzelkäufer werden kann. Vielleicht machst Du da auch noch dezent ein bisschen Werbung rein, das hilft Dir auch. Als ich den Artikel über unsterbliche Quallen aus Deinem Wissenschaftsmagazin verteilt habe, hast Du gleich zehn neue Abos für den Newsteil des Magazins verkauft und ich zehn neue Follower bekommen. Win-win.

7. Das Ding wird ein Erfolg. Andere Verlage steigen mit ein.

Stell Dir mal vor, was passiert, wenn das so klappen würde, wenn Du plötzlich wirklich zigtausende zahlende User hättest. Die anderen Verlage würden grün und blau vor Neid. Die würden dann entweder selbst so einen Store bauen (was sie aber einiges an Zeit kosten würde, den technischen Vorsprung hast Du relativ lange sicher, wenn Du nicht damit aufhörst, das Ding weiterzuentwickeln) oder Du bietest ihnen an, gleich mit bei Dir einzusteigen. Von jedem Artikel, den sie über Dich verkaufen, nimmst Du ein paar Prozent und knechtest ihnen Deine bizarren AGBs auf, die Du alle paar Monate willkürlich veränderst, denn Du bist jetzt der uneingeschränkte Herrscher über den „Großartiger Qualitätsjournalismus im Netz“-Markt in Deutschland.

Das könnte so schön sein, lieber Verlag of the Future. Und es ist auch technisch gar nicht so extrem aufwendig, wie es jetzt vielleicht klingt. Nur konzeptuell müsste das Ganze halt mal schön sauber durchdacht werden. Warum um Himmels Willen machst Du das nicht? Warum willst Du unbedingt ein Verlag of the Vergangenheit sein?

12 Gedanken zu „Brief an einen Verlag of the Future“

  1. Tja, hört sich alles super an, allerdings ist das deine Vorstellung, und wie ich gerade die Erfahrung gemacht habe, gibt es bei einem Verlag mehrere Meinungen, Redakteure, die eine andere Vorstellung vom Layout haben, andere Redakteure, die große Bildstrecken haben wollen, Blogs sollen integriert werden, ohne dass man weiß, was dort stehen soll etc pp.
    Du unterschätzt/läßt bei deinen Überlegungen außer acht, dass der Mensch an sich schon gut ist, aber im Rudel ist er meist ziemlich doof/läßt sich schwer auf einen Nenner bringen ;)

  2. Lieber Blog-Eintragverfasser of the Gegenwart,

    vielen Dank für den lesenswerten Artikel. Aber könntest Du das Layout, und insbesondere die Schriftgröße, etwas mehr in die Gegenwart holen und auch für die Future fit machen? Denn im Artikel steht völlig zu Recht, dass interessanter Inhalt ordentlich präsentiert werden muss und zugänglich sein sollte. Das würde dann beispielsweise bedeuten, dass sich die Schriftgröße hier automatisch etwas besser an meinen Monitor mit einer hohen Auflösung anpasst und ich nicht die Augen zusammenkneifen muss, um alles aus angemessener Entfernung zu lesen. Zusätzlich könnte man mittels CSS eine Silbentrennung (siehe Eigenschaft hyphens) implementieren, die bei vorhanderer Unterstützung den im Blocksatz ausgerichteten Text schöner laufen lässt und störende Lücken vermeidet. »Und es ist auch technisch gar nicht so extrem aufwendig, wie es jetzt vielleicht klingt.«

    Das wäre super. Danke.

      1. Wie würde das eigentlich auf Dich wirken, wenn Dir ein Verlag so schnodderig antworten würde? Das fändest Du bestimmt nicht so supi, richtig?

  3. Das klingt alles ganz wunderbar . Wohl zu schön, um wahr zu werden. Aber dieses Konzept würde meiner Meinung nach funktionieren und ich könnte mir auch vorstellen, da lange Reportagen oder wirklich gute Texte einzukaufen, natürlich aber keine „News“. News und Promiklatsch gibt es überall, dafür werde ich nie Geld bezahlen.

  4. Die Idee als solche ist mehr als unterhaltsam, wünschenswert und gut durchdacht. Leider wird sie wohl so schnell nicht Wirklichkeit werden, weil dann jede Redaktion eine extrawurst will

  5. Ich möchte ausserdem noch Fotos in voller Auflösung kaufen und downloaden können, mit gestaffelten Verwendungsrechten und dementsprechend gestaffelten Preisen.

  6. Pingback: Ich bin viele
  7. Die Antwort der „Verlag of the Vergangenheit“ lautet: Weil ich jetzt noch ganz gut auch so Geld mit meinem „Verlag of the Vergangenheit“ mache. Und lieber „Verlag of the Zukunft“: Das mag ja alles sehr wünschenswert sein, bring sicher den einen oder anderen Leser mehr und würde ich auch gerne machen, wenn ich wüßte, dass ich damit Scheißvielgeld verdiene. Und wenn ich Geld sage, dann meine ich die 30 Prozent Umsatzrendite, die mit wie früher in den Schoß fiel, als ich einfach nur Pressemitteilungen abschrieb, Polizeimeldungen umschrieb, auf diese Vereinsversammlung gehen musste und die Texte dann eine Woche später vielleicht mal abgedruckt habe. Aber wichtiger ist das Geldverdienen. Das muss jetztsofortganzplötzlich gehen, nicht irgendwann in the Future. Und mit diesem Internet kann ich eben jetztsofortganzplötzlich noch kein Geld verdienen. Da warte ich lieber mal ab, bis 154 Futureverlage auf die Fresse gefallen sind und der 155. dann mal rausgefunden hat, wie das mit dem Kohle machen im Netz geht. Wenn die anderen das machen und damit jetztsofortganzplötzlich Geld verdienen – ja dann machen wir das auch. Dann kaufen wir ganz tollen Futuresysteme und machen sogar ordentlichen Twitterfacebookcontent.

    Meine Antwort: Der Verlag of the Future kommt schon noch. Nur lässt die Zukunft noch in etwa so lange auf sich warten, bis die kritische Masse der Vergangenheitsjournalisten und Verleger entweder arbeitslos/pleite oder in Rente sind. Aber dann wird alles genau so werden.

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