Entfolgen, Entfreunden, Muten & Ausblenden.

defriend

Wann darf man eigentlich jemanden im Internet entfreunden, entfolgen, ausblenden, muten? Wenn es nach meiner Einstellung bis vor ein paar Wochen geht, dann darf man das gar nicht. Ich habe seit Jahren jede einzelne Facebook-Anfrage (auch von mir unbekannten) Menschen angenommen, ich war nie dazu in der Lage, jemanden wieder zu entfolgen, dem ich schon länger als ein paar Wochen auf Twitter zulas. Diese Personen wuchsen mir irgendwie alle ans Herz, manche traf ich im echten Leben, manche niemals und ich war durch die vielen Kontakte in der scheinbar großartigen Position, jeden noch so belanglosen Diskurs aus den unterschiedlichen Lagern der Netz- und Mediengemeinde mitzuverfolgen. Ich war der, der immer den Überblick hatte. Jeder kleine Shitstorm im Wasserglas, jeder Piratenskandal, jeder Blogpost, der mehr als zwei Likes bekam, jeder Toptweet, jede gerade erst ganz leicht aufglühende Diskussion, jede Newsmeldung: So gut wie Nichts schaffte es, unter meinem Radar durchzuschwimmen und ich liebte das Gefühl, immer oben auf dem Berg zu sitzen und genau mitverfolgen zu können, was da unten an jedem Tag so vor sich geht. Was ich nicht mochte, waren die damit einhergehenden Unmengen an Unrat, die durch dieses Verhalten in alle meine Streams geschwemmt wurden.

Ich hatte lange Zeit die Hoffnung, dass das wird schon irgendwann von selbst wieder besser wird, irgendwann hat es sich ausgewitzelt, die dümmsten Kalauer, schlimmsten Polemiken und plattesten Platitüden sind von jedem gebracht und mein Stream stabilisiert sich wieder mit netten, intelligenten, kreativen, humorvollen Menschen. Alter, habe ich mich geirrt. In Wahrheit wachsen für jeden User, der seine Lektion gelernt hat und wenigstens kurz darüber nachdenkt, was er im Netz veröffentlicht, drei neue Leute nach, die die ganzen alten Schenkelklopfer noch nicht gepostet haben, jeden Montag darauf hinweisen müssen, dass schon wieder Montag ist, auf dümmliche Spam-Links klicken, mich dazu einladen, Fan der Facebookpage ihrer Großtante zu werden, den ganzen Tag Bilder bei 9gag liken, jede ihrer Mahlzeiten instagrammen, Zynga-Spielemeldungen verschicken und Spiegel Online-Artikel über Promis verlinken. Kurzum: Meine Social Media-Erfahrung wurde im Laufe der Zeit extrem unangenehm. Wenn ich Facebook aufmachte, dann sprang mich „Der Blog-Geldverdiener“ Carsten an, der mir in seinen SEO-Postings erklärte, wie man am Besten auf Social Bookmarkingdiensten spammt, um sein Searchranking zu verbessern, auf Twitter war an jedem Abend kollektives Asi-TV-Livekommentieren angesagt und immer Kirmes. Ich habe trotzdem nichts unternommen, ganz lange Zeit nicht. Ich schob es immer auf mich, ich selbst müsste toleranter werden, bitte nicht gleich ausflippen wegen so ein paar blöden Einträgen. Der fundamentale Gedanke dahinter war: „Ich zensiere auf keinen Fall mein eigenes Internet, ich bin hier nur ein soziologischer Beobachter der vielen Diskurse und Dinge, die halt passieren“. Dass mein wachsender Hass auf die wildwuchernde „Dummheit“ eigentlich sehr leicht zu lösen wäre, indem ich dieses Dogma schlicht über Bord werfe, kam mir bis vor ein paar Wochen immer nur als weit entfernte, eher theoretische Möglichkeit in den Sinn. Jeder ist sein eigener Filter, aber wenn man genau wissen will, was vor sich geht, dann muss man doch jedem dieser Leute folgen, denen alle folgen und wir haben schließlich 121 gemeinsame Friends, wie könnte ich Dich nicht mögen?

Diese Einstellung führte mich immer wieder an den einen Punkt, an dem ich mich leider schon zu oft wiederfand: Knapp vor dem Social Suizid. Ich dachte oft ernsthaft darüber nach, meine Accounts stillzulegen und meine Netzaktivitäten in ihrer Gänze als einen Fehler abzuheften. Die Social Media-Nummer insgesamt kam mir derart belang- und sinnlos vor, dass ich mich nicht mehr als Teil davon sehen konnte und wollte. In einem dieser Momente habe ich testweise das erste Mal eine mir nicht wirklich bekannte Person bei Facebook „entfreundet“. Es fühlte sich gar nicht schlimm an. Zwei Tage später entfernte ich eine weitere Person. Und dann noch jemanden. Seitdem bin ich eigentlich jeden Tag ein paar Minuten damit beschäftigt, Menschen zu muten, zu löschen, zu verbergen, zu entfolgen und die Wirkung ist sagenhaft: Mein Internet wird von Tag zu Tag besser. Eigentlich war mir immer bewusst, das man seiner eigenen Streams Schmied ist, dass man auch echte Freunde und lange gelesene Internet-Bekanntschaften einfach mal auf „Halt die Fresse“ stellen kann, dass man den allseits angesehenen Alphablogger Heinz Knuseldings gar nicht in seiner Freundesliste braucht, aber die Anwendung dieses Wissens in der Praxis erlerne ich erst jetzt. Und habe wirklich sehr viel Spaß dabei, meine Kanäle wieder in etwas zu verwandeln, das mir Inspiration und nicht nur dauernden Grund zum Ärger liefert.

9 Gedanken zu „Entfolgen, Entfreunden, Muten & Ausblenden.“

  1. Das erlebe ich auch so und ich glaube, dass es vielen Leuten so geht. Facebook passt mit der Menge an Leuten, die man dort freundet, einfach nicht mit dem Offline-Konzept von Freunden zusammen. In echt würde man sich auch nicht in einen Raum mit 200 Freunden, Fremden und entfernten Bekannten setzen und sich deren sinnlose Gespräche anhören. Dabei wird man schnell verrückt, aber bei Facebook macht man das komischerweise doch, das tut auf Dauer nicht gut…

  2. Endlich! Wobei Du ja sehr überzeugend die: „Ne, ne, wenn man das so macht, dann lebt man in einer Filterblase, das ist nicht die Realität“-Position vertratst.

    Mir reichen die Trottel auf der Straße. Ich brauche die nicht auch noch in all meinen Streams.

    1. Ich glaube, ich hab die Position erweitert/verändert: Mein Zuhause darf ruhig eine Filterblase sein, vielleicht muss es das sogar, damit ich dort meine Ruhe finde. Das heißt nicht, dass ich nicht dennoch auf die Straße gehe und mir ansehe, was da sonst so vor sich geht.

  3. Wohl wahr – so halte ich das auch seit einiger Zeit. Raus, was mich ärgert, nervt oder nicht interessiert. ein wenig lasse ich durchgehen, aber dauerhaft, sorry, dafür ist unsere Lebenszeit zu wertvoll.

  4. Word. Ich glaube allerdings, wenn man zu viel Input hat ist die Gefahr sogar größer, dass man in eine Filterbubble rutscht, weil man ohnehin nur einen Bruchteil der Dinge lesen kann und sich dann eher für das entscheidet was man ohnehin schwerpunktmäßig liest. Für die Vielfalt finde ich es persönlich besser aus verschiedenen Themenbereichen Blogs zu folgen, die ich gut geschrieben finde. Sei´s Bodybuilding, Comiczeichner, Lehrerin, Prostituierte, Autistin… alles irgendwie interessant wenns gut geschrieben ist. Und meist mit Inhalten, die ich sonst nie gelesen hätte.

  5. Ausrufezeichen. Zumindest was Twitter betrifft (Facebook ist aus meiner Sicht längst keine Kommunikations- sondern nur noch eine Werbeplattform). Bei Twitter habe ich weiterhin Hoffnung, solange wir die Instrumente nutzen…

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