Die aktuelle Shitstormkritik: Angela Merkel und das „Neuland“ Internet

map2Bild: CC by xkcd

Was ist passiert?

Beim Berlinbesuch des amerikanischen Präsidenten Barack Obama äußerte die Bundeskanzlerin Angela Merkel im Zusammenhang mit dem Themenkomplex Terrorabwehr und PRISM den Satz „Das Internet ist für uns alle Neuland“. In Ermangelung sonstiger Themen und offenbar unter dem schädlichen Einfluss der seit einigen Tagen andauernden Hitze auf die höheren Hirnfunktionen lief Twitter komplett Amok (die englische Phrase „went apeshit“ trifft es besser). Im Sekundentakt wurden hämische Witze über die angeblich so rückständige Kanzlerin (die als 1986 promovierte Physikerin in Wahrheit vermutlich schon zu einem Zeitpunkt Computer bedient hat, als die meisten Twitterer noch weit von ihrer Zeugung entfernt waren) über die Kanäle gefeuert. Der Kontext oder der gemeinte Inhalt der Aussage waren zu diesem Zeitpunkt schon längst egal, die Welle rollte und jeder durfte sich mal wieder so richtig über „die da oben“ empören, die „nichts verstanden haben“. Ein Shitstorm wie aus dem Bilderbuch.

Wer macht bei dem Shitstorm mit?

So gut wie jeder Internerd, der heute im Laufe des Tages auf einer Social Media-Plattform unterwegs war. Blogger, Twitterer, Netzaktivisten, Agenturmenschen, die komplette Bandbreite. Schließlich auch eine ganze Menge alte Medien, die ähnlich unreflektiert und mit dem exakt gleichen Tenor in die Diskussion reingrätschten, um schnellstmöglich die vielen Klicks des Trending Topics abzugreifen, bevor es wieder vorbei ist und kein Hahn mehr danach kräht.

Darum funktioniert der Shitstorm.

Wir haben ein Sommerloch, es sind schon einige Tage keine relevanten Netzthemen mehr passiert (auch wenn dieses Thema völlig irrelevant ist), die große Nachricht „Obama besucht Deutschland“ läuft seit gestern Abend in hysterischer Livetickermanier auf allen Kanälen und die hochrangigste Politikerin des Landes äußert sich vermeintlich unwissend über das Internet. Für jeden, der Twitter ein bisschen kennt, wird sofort klar: Die Formel „Heiße News – Politiker – Aussagen über Internet“ ergibt eine extrem explosive Mischung, die beinahe zwingend hochgehen muss. Geht quasi gar nicht anders, Twitterer sind offenbar von Natur aus so gestrickt.

Was ist dran am Shitstorm?

Es ist gar nichts dran am Shitstorm, was die „Netzgemeinde“ leider wieder einmal der Lächerlichkeit preisgibt. Das Internet, das in der Form, in der wir es zum Großteil kennen (nämlich der des World Wide Webs), seit 23 Jahren existiert, ist ein unfassbar junges Medium (zum Vergleich: Der Buchdruck hat 1150 Jahre auf dem Buckel), dessen Auswirkungen noch nicht einmal im Ansatz für irgendjemanden absehbar sind. Die Social Media- und Mitmach-Kanäle sind noch wesentlich jünger. Wer auch nur ein winziges Stückchen über den eigenen Tellerrand gucken und eine historische Perspektive statt der eigenen „Ich sitz aber hier schon zwanzig Jahre im Computerkeller und ich rege mich gerne auf Twitter uff!!“-Mentalität einzunehmen imstande ist, der darf feststellen, dass die sozialen, politischen und sonstigen Auswirkungen des Netzes noch sehr, sehr weit davon entfernt sind, in irgendeiner Form erforscht oder überhaupt erforschbar zu sein, was insbesondere auch für die systematische wissenschaftliche Einordnung gilt. Das Internet ist im besten Sinne ein permanentes Neuland in sehr vielen verschiedenen Bereichen, die Metapher ist tatsächlich sehr gut gewählt.

Warum nervt der Shitstorm?

Wegen der widerlichen Arroganz, Doppelmoral und fehlenden Weitsicht, die hier von weiten Teilen der „Netzgemeinde“ an den Tag gelegt wird. Genau die Leute, die jede zweite Woche auf Konferenzen, „Barcamps“ und „Tweet-Ups“ fahren und sich dort gegenseitig unter Schulterklopfen und Applaus versichern, wie neu und innovativ sie doch sind, fallen hämisch über eine Politikerin her, die im Grunde genau dasselbe sagt. Plötzlich muss sich unbedingt weitestmöglichst abgegrenzt werden gegen die Aussage, dass das Internet neu und regelumwälzend ist, jeder muss betonen, wie lange er schon im Netz ist und so seine arrogant-elitäre Überlegenheit demonstrieren. Könnten die meisten Menschen wirklich blind auf hohem Niveau twittern, facebooken, gute Webseiten konzipieren und sinnvolle Tools programmieren, wäre das Internet also tatsächlich KEIN Neuland, dann wären mindestens 90% der an diesem Shitstorm teilnehmenden Personen auf einen Schlag arbeitslos. Niemand bräuchte „Community Manager“, „Social Media Experten“, App-Programmierer und Webdesigner, wäre das Internet nicht ein Werkzeug, das für die meisten Menschen und hinsichtlich seiner Auswirkungen auf die Gesellschaft insgesamt eben doch noch etwas sehr Neues ist. „Wir, die Netzgemeinde sind moderner, besser und fortschrittlicher als der Rest der Gesellschaft“ und „Das Netz ist doch längst überall in der Gesellschaft angekommen“ passen als Statements durch dieselben Personen einfach absolut nicht zusammen.

(Und schließlich nervt mich der Shitstorm auch noch persönlich, weil er mich dazu zwingt, in diesem Posting eine Politikerin zu verteidigen, deren politische Standpunkte ich nicht sonderlich gut leiden kann, was auch für die zugehörige Partei gilt. Sie hat aber in diesem Fall absolut Recht, wenn auch nicht mit ihrer Ableitung, dass man sich deswegen in der Sicherheitspolitik an den Amerikanern orientieren sollte, was aber ein komplett anderes Thema ist – und zwar eines, das tatsächlich zu kritisieren wäre.)

18 Gedanken zu „Die aktuelle Shitstormkritik: Angela Merkel und das „Neuland“ Internet“

  1. Mein Vorschlag: Wie wäre es, wenn ihr beide aufhören würdet, mit Wurst-Pseudonymen hier in Bildzeitungs-Sätzen wenig Substanz beizutragen?

  2. Ein sehr ehrlicher rant, der aber angemessen gegen diesen inhaltsarmen scheiß ist. das thema ist natürlich nicht relevant, wie du auch selbst in einer klammer gesagt hast, aber ich habe das heute sehr ähnlich wie du empfunden. es ist halt ein sommerlochthema, in dem sich wieder viele als die großen interentversteher inszenieren können und gleichzeitig ein bisschen „witzig“ sein, vielleicht bucht dann ja demnächst wieder eine firma einen solchen experten, wenn er bei welt.de unter den witzigen tweets zum thema zitiert wird. diese dinger funktionieren im grunde immer gleich und meistens machen auch die gleichen leute mit, das nervt mich daran wirklich. insofern danke, dass du das hier so zerlegst, vielleicht merkt ja auch einer von denen was.

  3. Vieles richtig, was Du da schreibst. Nur irgendwie gehst Du überhaupt nicht darauf ein, was Du zu Beginn einleitest. Im Kontext sagte Frau Dr. Merkel diesen Satz im Bezug auf Prism. In diesem Zusammenhang halte ich diese Aussage unserer politischen Führung für unpassend (vorsichtig ausgedrückt).

    Weiterhin stört mich weniger das Neuland sondern vielmehr das alle. Die Aussage „für viele von uns“ oder für einen grossen Teil von uns“ hätte ich passender gefunden. Auch wenn der RegSprecher später einschränkte und erklärte, die Kanzlerin hätte es im rechtspolitischen Zusammenhang gemeint, macht es die mAn nicht besser.

    Die Kritik an der ‚Netzbewohnerschaft‘ mag stellenweise berechtigt sein. Die Art und Weise wie Du dieser Gruppe Arroganz vorwirfst ist aus meiner Sicht deutlich überzogen und auf gewisse Weise auch ein Stück weit arrogant, meinst Du nicht? Denn die Reaktion ist wie eingangs erläutert durchaus in einigen Punkten nachvollziehbar.

    1. Du hast Recht: Der Kontext zur eigentlichen Aussage stimmt nicht. Ich kritisiere aber auch nicht die Aussage von Frau Merkel als solche (siehe letzter Absatz, dort tue ich es doch kurz), sondern den völlig überflüssigen Shitstorm, „Die aktuelle Shitstormkritik“ heißt nämlich auch die Rubrik auf diesem Blog, in der der Artikel erscheint. Das kann ich nur machen, wenn ich mir angucke, wie das Zitat aufgenommen und in dem Shitstorm verarbeitet wurde, dort ging es nämlich absolut nicht um Sicherheitspolitik. Dass das Ganze völlig aus jedem Kontext gerissen wurde, ist keine Frage und nervt mich mindestens genau so wie der Rest, denn wenn überhaupt, dann hätte sich der Shitstorm gegen die Aussage IM Zusammenhang richten müssen.

      Und: Ja, das ist ein direkter Rant, ein Rant halt. Er ist aber wesentlich weniger hart als der unsägliche Kindergarten-ich-will-Aufmerksamkeit-Mist, der mir heute im Zusammenhang damit durch meine Timelines lief. Hm.

  4. Du hast Recht mit der Kritik an den Internetreaktionen. Die eigentlich Kritik an Merkel sollte woanders hin gehen, finde ich. Wie unterwürfig unser Land da gegen dem amerikanischen Vertreter erscheint, finde ich sehr bedenklich, weil die ja selber alles falsch machen.

  5. Der Shitstorm

    Los, Geplagte aus den Netzen
    Ändern wir der Dinge Lauf
    Nun gibt`s wieder was zu hetzen
    Es zieht ein neuer Shitstorm auf

    Schirme auf und Hosen runter
    Lasst uns bei der Meute sein
    Diesmal treiben wir`s noch bunter
    Keiner ist jetzt mehr allein

    Die Spötter werden beissender
    Warum nicht tun wie sie?
    Bist du erst ein Scheissender
    Gehörst du zur Community

    Jeder wird sein Bestes geben
    Posten bis die Tasten glühn
    Lassen wir das Web erbeben
    Wenn wir durch die Foren ziehn

    Irgendeiner muss dran glauben
    Wird entblößt und angeklagt
    Alles kann man sich erlauben
    Wenn der Mob den Sünder jagt

    Worum es geht, ist fast egal
    Wir wollen uns entrüsten
    Jetzt können wir mal ganz legal
    Ein Image fix verwüsten

    Busenblitzer, Umweltsünde,
    Fleischwurst in nem Werbespot
    Es gibt immer ein paar Gründe
    Und viel Spass statt Alltagstrott

    Zur Not tun es auch Star-Klamotten,
    ein Teen, der sich zum Affen macht
    Die wollen wir mit Lust bespotten,
    Ist der Shitstorm erst entfacht

    Wen der Mob, der digitale
    Trifft und sich zum Opfer macht
    Für den gibt es `ne Mordsrandale
    denn wir sind in der Übermacht

    Los, Geplagte aus den Netzen
    Haun wir nun kräftig drauf
    Heut fliegen wieder mal die Fetzen
    Es zieht ein neuer Shitstorm auf

  6. Ich war eine ganze Zeit ein Fan von Facebook und Co. Aber inzwischen bin ich es nur noch von der Idee der Social Media, denn es ist inzwischen absehbar, dass diese Netzwerke in Massen solche „Shitstorms“ hervorbringen, in denen sich Viele hervortun dürfen auf Kosten dessen, was eigentlich wirklich passiert ist, das interessiert nämlich am Stammtisch nicht und ist morgen auch schon wieder egal. Solche „Shitstorms“ kann man auch schwer widersprechen, davor sind sie zu schnell und zu agressiv. Wer liest denn heute noch nach, was gestern wirklich bei Facebook passiert ist? Das ist auch so ein unerforschtes Verhalten des Internets, übrigens oder gibt es schon wissenschaftliche Arbeiten über Massenempörung auf sozialen Medien?

    1. Es gibt einen Medienwissenschaftler, der wohl über diese Empörkultur im Netz promoviert. Allerdings halt ein Medienwissenschaftler. Sonst kriegt man aus den Unis und Geisteswissenschaften wie immer nicht viel mit, wenn man selbst das Studium schon hinter sich gebracht hat und sich nicht mehr viel an der Uni rumtreibt (was bei mir der Fall ist). Für die ist das Netz zu einem sehr großen Teil auch Neuland, mindestens, was die Zugänge zu ihren Arbeiten und Forschungen von außen angeht.

  7. ich kann gerade nicht so die contenance bewahren wie du, aber von meiner seite: absolute zustimmung.

    den artikel über den first contact lese ich mal später, ich hab‘ gleich zu viel zu tun, nur so viel „language is a virus from outa space“ (burroughs) und schon an der zusammenfassung erkenne ich, daß du das wahrscheinlich genau so siehst wie ich: wir werden sie nicht mal erkenne …

    buckethead? immer an mir vorbei gegangen obwohl immer als jamband angepriesen, ich war zu phish & dead fixiert

    grüße aus der garage

  8. Naja, ein Shitstorm? Krasse Wertung. Ich finde es eher lustig. So nehme ich auch die „Aufregung“ wahr. Letztendlich ist das entdeckte Neuland eben keins mehr. Es für ein solches zu halten ist eher saukomisch und ein netter Anlaß mit Augenzwinkern die Sache weiterzuspinnen.

    Das kann man selbstverständlich auch anders sehen.

  9. Warum der Shitstorm?

    In Ihrem Artikel haben Sie leider eine Sache komplett außer Acht gelassen.

    Was Medien, Internet ect. angeht, ist Frau Merkel auf die jüngere Generation nicht gut zu sprechen (verscheidene Paragraphen, Zensurstaat usw.) Generell ist die CDU/CSU bei der jüngeren Belegschaft ein Dorn im Auge. Sie werfen den „unkreativen Surfern“ Arroganz vor.
    Wir werden von unseren Führungsleuten für dumm verkauft. Wenn man sich drüber aufregt oder (noch besser) sich drüber lustig macht, wird man als arrogant abgespeist. Ich kenne Ihre Seite nicht, aber von Ihrer Ansicht und Schreibweise her müssen SIe aus einem sehr konservativen Ort kommen, wo man sich nicht über Obrigkeiten echauffiert.

    In immer kürzeren Abständen werden mehr Sachen erfunden, entwickelt und erforscht. Ebenso wird es genauso schnell von Zeitpunkt zu Zeitpunkt schneller verstanden und weitergegeben. In den 60ern waren wir auf dem Mond, in den 90ern haben wir schon einen Roboter zum Mars geschickt. in den 00ern konnten wir auf einmal schon wie viele tausend Lichtjahre weiterschauen? Sie vergleichen den Buchdruck mit Internet ?!? SInd SIe blöde? Wir können auch einen Dunlop Sport Reifen mit einem Steinrad vergleichen… und wir sind genau so schlau wie vorher.
    Deshalb sind 23 Jahre heute viel viel Zeit um etwas zu perfektionieren. Zum Glück sind die Politiker nicht im Stande dem ernsthaft entgegenzutreten.

Ach komm, erzähl mir nix (oder doch)

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