Fünf Favoriten vom Bachmannpreis 2013.

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Benjamin Maack – „Wie man einen Käfer richtig fängt von Joachim Kaltenbach“

maack2Surreal, humorvoll, düster und mit unterschwelligem Sex: Der Hamburger Autor Benjamin Maack erzählt eine sehr typische Benjamin Maack-Geschichte, wie sie in seinem Band „Monster“ rudelweise auftauchen: „Wie man einen Käfer richtig fängt von Joachim Kaltenbach“ ist die Aufarbeitung eines mehrfachen Scheiterns. Es scheitert der Hobbykäferforscher Joachim an seinen zu Beginn des Textes aufgestellten moralischen Richtlinien („Ein Forscher ist kein Unmensch. Das Forschungsobjekt darf nicht länger behalten werden, als es geht.“), es scheitert die Liebe zu seiner Klassenkameradin Kathrin und schließlich auch der Versuch der Emanzipation von der Mutter. „Wie man einen Käfer richtig fängt von Joachim Kaltenbach“ arbeitet dabei mit grotesken, aber auch vielen klassischen Motiven und einer nur auf den ersten Blick sehr schlichten Sprache, die bei genauerer Untersuchung weitere Ebenen des Textes offenbart (wie etwa die Wechsel von „Du“ zu „man“, in denen man auch sprachlich die Bemühungen des Protagonisten nachvollziehen kann, die Kontrolle zu behalten und sein Verhalten nach allgemeingültigen Regeln zu objektivieren). Trotz der vielen Erzählstücke und Motive und der kunstfertigen Konstruktion derselben bleibt Benjamin Maacks Geschichte dabei immer leicht und sehr unterhaltsam zu lesen. Für mich der beste Text des Wettbewerbs (fast hätte ich „des Bewerbs“ geschrieben).

Das nervt: Eigentlich nichts, auch wenn die andauernden Wiederholungen der Sätze seiner Mutter durch Joachim streckenweise etwas überspannt werden; die Notwendigkeit des Schlusses ist durchaus diskussionswürdig, aber wenn man berücksichtigt, dass man ihn auf verschiedene Arten und Betonungen lesen kann („Ich liebe Dich“), hat er durchaus seine Berechtigung

Highlights: Die Szene vor der Rettung der Käfer, die den Leser auf eine gänzlich gegensätzliche Fährte führt; die surreale Nachtszene mit der Rückkehr der im Wald vergrabenen Insekten; die Weltdeutungen des Vaters mittels Filmgenres; die starke und bedrohliche (sexuelle) Symbolik, die den ganzen Text durchzieht und zur Innenwelt des Protagonisten passt

Roman Ehrlich – „Das kalte Jahr“ (Romanauszug)

ehrlichEs ist eine apokalyptische Dystopie mit vielen Leerstellen, in die der Leser in Roman Ehrlichs Romanauszug „Das kalte Jahr“ geworfen wird: Ein eingeschneiter Ort am gefrorenen und ebenfalls mit Schnee bedeckten Meer, an dem vor langer Zeit etwas nicht näher Genanntes geschehen ist, das die Temperaturen immer weiter sinken lässt und in dem ein Ich-Erzähler mit einem Jungen lebt, dessen Herkunft nicht geklärt ist und der an der Herstellung einer nicht ergründbaren Konstruktion oder Maschine arbeitet. In reduzierter, nicht sonderlich ausgeschmückter Sprache begleitet man die beiden Figuren durch den Ort und ihr Haus auf der Suche nach Halt, Routine und einem erträglichen Leben in dieser feindlichen Umwelt, der Suche nach einer Routine, zu der wiederum auch das Erzählen von Katastrophengeschichten gehört, an denen der Hauptprotagonist offenbar Interesse hat. Die Figuren und ihr sehr unterschiedlicher Umgang mit dem Setting (stark reflektierend/beobachtend vs offenbar handelnd) sind bei Roman Ehrlich die wichtigsten Zentren des Textes, alles andere hat sich dem unterzuordnen, auch wenn er ganz offenkundig das komplette Programm des Schreibens beherrscht.

Das nervt:
Dass die Geschichte ein Romanauszug ist, denn es steht zu befürchten, dass im Gesamttext die Erklärungen für die Leerstellen nachgeschoben werden, die mindestens teilweise den Reiz des Textes ausmachen

Highlights:
Die Kälte friert auch die Zeit ein, es gibt keine Uhren und Kalender mehr, das Zeitempfinden der Menschen verschwindet; der Einsatz von verschiedenen Medien innerhalb der Geschichte: Zunächst ist der Protagonist Erzähler historischer Geschichten, dann wird er Chronist der Unterhaltungs- und Informationssendungen mittels eines Videorekorders am einzigen funktionierenden Fernseher der Stadt und erzählt nun diese Beobachtungen

Verena Güntner – „Es bringen“ (Romanauszug)

güntnerFormuliert aus der mit einer sehr einfachen Sprache, aber sehr abgeklärten Gedanken ausgestatteten Sicht eines 16jährigen Erzählers auf der Suche nach seinem erwachsenen Ich, präsentiert Verena Güntner in „Es bringen“ eine sehr unterhaltsam-leicht geschriebene Jugendgeschichte für Erwachsene. In zwei unterschiedlichen Passagen und Altersstufen gehen wir auf Abenteuer mit Luis, der sich am Anfang und in der Mitte seiner Pubertät befindet: Wir erleben seinen erste Ausflug auf einen Nebelberg, Sinnbild für für die Veränderungen, erste sexuelle Erfahrungen auf dem Berg, auf dem nach dem Erklimmen in Wahrheit immer die Sonne scheint, widerborstige Rebellionsgeschichten und erfahren die daraus erlernten Lebensanschauungen von Luis. Sehr gekonnte Rollenprosa in einer handwerklich und inhaltlich sehr gut gemachten Geschichte.

Das nervt: Der trotz der Rückblende sehr lineare Verlauf der Gesichte ohne tiefere Komplexität; die Statistenhaftigkeit der anderen Figuren, die aber zu Teilen auch dem Denken von Luis geschuldet ist; die starke Ähnlichkeit zu einem der erfolgreichsten deutschsprachigen Bücher der letzten Jahre

Highlights:
Die in wirklich tolle Widerspenstig- und Eigensinnigkeiten verpackte Psyche der Hauptfigur, die ihre Haut mit einem Messer „so dünn“ schaben will, „bis sie durchsichtig wird“, sich selbst „als Mannschaft“ wahrnimmt und ihr Leben als „Training“ betrachtet; die unkonventionelle und sehr liebenswerte Darstellung der sexuellen Erfahrung und überhaupt die eher subtile Metaphorik für verschiedene Themenbereiche des Erwachsenwerdens; die grandios gelungene sprachliche Präsentation des Denkens eines Jugendlichen bis hinein in die Sprache („ein kleiner großer“ Kinderlöffel; eine Pizza „wie einen Pokal“ tragen).

Heinz Helle – „Wir sind schön“

helleIn seiner Ich / Wir-Erzählung spielt der Schweizer Heinz Helle in Zeitraffer eine (spieß)bürgerliche Beziehungsgeschichte nach, sprachlich reduziert und auf den Punkt, aber mit viel Fingerspitzengefühl. Was zunächst noch wie eine Idylle wirkt, wird durch seine zu Beginn formelhafte, sich wiederholenden Sprache und seine prototypisch auf jede Beziehung übertragbaren Szenen nach und nach zu einem unausweichlich auf den Zerfall hinauslaufenden Konstrukt, in dem die Figuren scheinbar ohne jede Rettung gefangen sind. Urlaub, Sex, Kino, Eisdiele, Fußball, Ex-Freund, Abtreibung: In einzelnen Absätzen werden Episoden beleuchtet bis hin zum „Wir wollen raus“, mit dem zunächst ein „aus dem Alltag“ gemeint ist, das aber auf ein „aus dieser Beziehung“ hinausläuft. Mit seiner sehr eigenen Stimme erzählt Heinz Helle mit diesen Episoden und seinen Protagonisten auf gleichermaßen liebevolle wie ironische Weise auch die Geschichte einer ganzen pragmatischen Generation, die nicht weiß, wohin sie gehört und was sie will.

Das nervt:
Die sich dauernd um dieselben, gelangweilten Sätzkonstruktionen drehende Sprache, auch wenn sie natürlich dem Plot folgt; die Zweidimensionalität und Leblosigkeit der Figuren, die nie irgendwo Brüche bekommen, weil sie eher Archetypen als Menschen sind

Highlights:
Wie der Text positive Erlebnisse, die eigentlich auch positiv erzählt sind, durch seine Wiederholungen und durch den Ton in etwas Negatives umdeutet; Die immer wieder erfolgende sprachliche Verschmelzung des Ichs des Erzählers mit dem Wir bis zum Schluss und das Ende davon.

Philip Schönthaler – „Ein Lied in allen Dingen“

schönthalerDie Motive einer klassischen Künstlernovelle im sprachlich-distanzierten Stil der Moderne serviert Philip Schönthaler aus Konstanz mit seinem schon im Titel den Bogen zur Romantik schlagenden Text „Ein Lied in allen Dingen“. Magisch oder poetisch überhöht ist in diesem Stück allerdings gar nichts, ganz im Gegenteil: Der Starflötist Niklas Metnev absolviert routiniert Konzert um Konzert an Orten wie der „SAP-Arena“ mit einer durchdachten Bühnenshow, in deren Verlauf er von der Decke abgeseilt wird und gibt zwischendurch mit Binsenweisheiten wie „Die Musik spielt dich. Aber das passiert nur sehr selten“ Journalisten und Schülern Auskunft über seine Kunst. Auch sprachlich und stilistisch bleibt der Leser weit entfernt vom Protagonisten: Der Text erinnert an ein nüchternes Porträt in einer Zeitschrift, das mit sehr präziser Sprache den Werdegang Metnevs wiedergibt und bildet so stilistisch den mechanischen Ablauf seines Daseins nach. In wenigen Schlüsselmomenten allerdings bricht der Text, wir bekommen in kurzem Aufflackern kleine Einblicke in die tatsächliche Psyche des auch metaphorisch augeliefert in den Seilen des Kulturbetriebs baumelnden Künstlers. Ein sperriger, auch anstrengender Text, der seinen durchaus harten Zynismus und die Tragik seiner Figur auf der Oberfläche beinahe gar nicht zeigt und gerade deswegen so reizvoll ist.

Das nervt:
Die extreme, fast neurotische Präzision der teilweise überlangen Satzkonstrukte; das Plot-Hole bezüglich einer Schlüsselszene (wie kann der Erzähler die Episode auf der Toilette in dieser Form wiedergeben?)

Highlights:
Die Flötenszene auf der Toilette, in der die in einen riesigen Apparat eingebettete Kunstmaschine plötzlich menschliche Züge bekommt; der offene Schluss; die überraschende Offenlegung der Identität der Erzählstimme, die dem vorherigen Text einen neuen Spin gibt; der permanent drohende Absturz, der doch zu keinem Zeitpunkt vollständig realisiert wird; die extreme, fast neurotische Präzision der teilweise überlangen Satzkonstrukte.

Ach komm, erzähl mir nix (oder doch)

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