Fraktalgesichter

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Vor knapp zehn Jahren erlernte ich von einem alten Mann aus Asien in mehreren, sehr intensiven Wochen die Kunst, Fraktale zu bauen, einzufärben, übereinanderzulegen, ihre Parameter zu bearbeiten, zu verzerren und so kaleidoskopisch-bunte Bilder entstehen zu lassen1. Man nennt diese Nischenspielart der digitalen Kunst „Fractal Art“, ich bin damals über die Künstlercommunity Deviantart, auf der ich mit meiner Photographie aktiv war, erstmalig darüber gestolpert.

Sehr viele der Bilder, die man in dem Bereich findet, sind freilich von bestechender optischer Scheußlichkeit oder Simplizität (etwa nur anders eingefärbte Mandelbrote), aber einige Personen haben diese Art, sich auszudrücken, zu Perfektion gebracht und erstellen auf diesem Wege wahnsinnig beeindruckende Kunst. Fast ein Jahr lang konstruierte auch ich nun in meiner Freizeit oft Fraktale von immer höherer Komplexität, immer mehr Ebenen und seltsameren Parametern (man muss die Mathematik nicht verstehen, um Programme wie Ultra Fractal oder Apophysis zu bedienen, aber es hilft sehr, wenn man ein bisschen anfängt, zu begreifen, welche Werte was tun und wie ein Fraktal aufgebaut ist), ich schrieb sogar ein paar holprige Sätze darüber und stellte sie als „Artikel“ in die Wikipedia (schreiben war vor zehn Jahren noch keine meiner Stärken und der Artikel ist leider immer noch so rudimentär wie zu Beginn, aber ich habe es so wenigstens geschafft, ein Bild von mir in das Netzlexikon einzuschmuggeln – der englische Fractal Art-Artikel ist wesentlich besser).

f688e1794611aa68d7dd70cf7bd0cea4Abb. 1: Eines meiner alten Fraktale, acht weitere davon sind noch in meinem Portfolio.

Dann verschwand diese seltsame Leidenschaft, wie sie gekommen war. Ich hatte zu viel Interesse an anderen Ausdrucksformen und zu viele andere Leben zu leben, um mich weiter um diesen seltsamen Kram zu kümmern, der niemanden außer mit und ein paar schrullige Amerikaner ernsthaft zu interessieren schien.

Gestern stolperte ich durch einen Zufall beim Surfen darüber, dass Ultra Fractal auch für den Mac entwickelt wird und noch bis Ende August als kostenlose Beta in der Extended Edition (die große Version) herunterladbar ist. Ich installierte mir das Programm und begann, ein bisschen damit herumzuspielen.

Screen Shot 2013-07-14 at 10.53.19 AMAbb. 2: Der Startscreen von Ultra Fractal.

Die Erinnerung kam relativ schnell wieder zurück. Ich wusste noch immer einiges darüber, welche Dinge man in welche Felder eintippt und welche Werte man am Besten nur sehr vorsichtig verändert. Dank sehr viel beruflicher Beschäftigung mit Photoshop, InDesign und Illustrator in der Zwischenzeit verstand ich die Ebenen- und die Gradients-Paletten sogar sehr, sehr viel besser als früher. Zwei Stunden später hatte ich mein erstes Bild seit fast zehn Jahren gerendert, eine klassische Julia-Menge mit warmen Sommerfarben, die auf verschiedene Arten nach innen und außen ausfranst, nicht Besonderes (Bild über dem Artikel). Beim zweiten Versuch veränderte ich fast alle Werte des Fraktals, gab zufällige Zahlen auch an Stellen ein, die ich nicht verstand, wiederholte das auf verschiedenen Ebenen und verschmolz diese miteinander. Auf einer mitteltiefen Zoomstufe sah die Figur jetzt so aus:

Fractal4v5Abb. 3: Ein mit zufälligen Werten von mir konstruiertes Fraktal.

Das wirklich Faszinierende an diesen Fraktalen, die man mit verschiedenen Parametern, Farbverläufen und Werten auf mehreren Ebenen ineinanderblendet, ist die Art, wie sie sich beim Zoomen verhalten. Ein Fraktal mit nur einer Ebene enthält zwar auch sehr viele unterschiedliche Strukturen, diese wiederholen sich aber einigermaßen vorhersehbar. Schon ab drei entsprechend angeordneten Ebenen wird es dagegen scheinbar zufällig2, auf welche optischen Formationen man an welchen Stellen stößt. Jedes so gebaute Fraktal ist ein komplett eigenständiges Mikroversum, das man erforschen kann, so lange der Rechner das mitmacht. In meinem zweiten Fraktal fand nach einiger Zeit diese seltsam-psychedelischen Bubbles, die wie gemalte Gesichter aussehen, die in Abgründe stürzen oder aus ihnen herauswachsen:

owl1Abb. 4: Die „Gesichter“ des Fraktals, die ab einer bestimmten Zoomstufe in einer bestimmten Region auftauchen.

Wenn ich mir bewusst mache, dass ich alleine in diesem einen Fraktal eine unendliche Menge an Bildern und Formen entdecken könnte3, glaube ich, dass ich dabei bin, wenigstens ein bisschen die Faszination an dieser merkwürdigen Beschäftigung wiederzuentdecken.

1 Tatsächlich habe ich eineinhalb populärmathematische (gibt es das Wort?) Bücher über das Thema gelesen und so ziemlich alle Tutorials gemacht, die ich im Netz finden konnte.
2 Es ist natürlich immer noch reine Mathematik, aber durch Drehung, Verzerrungen und Filter überlagern sich jetzt unterschiedliche Teile der unterschiedlichen Fraktalmengen, was zu mehr Variation führt.
3 Nicht hyperbolisch, sondern tatsächlich.

Ein Gedanke zu „Fraktalgesichter“

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