Brief an Botho Strauß.

Lieber Botho Strauß,

zunächst: Das war nicht als ein offener Brief gedacht. Offene Briefe und deren Verfasser sind mir aus mehrlei Gründen eher suspekt; Gründe, deren Aufzählung für diese Zeilen keinerlei Relevanz hätte. Es ist ein Brief von mir an Dich1. Ich weiß nur nicht, wie ich ihn Dir schicken sollte, also stelle ich ihn auf mein Blog und hoffe, dass er Dir vielleicht über sieben Ecken zugetragen werden wird.

In der Onlineausgabe der “FAZ” las ich heute die etwas forsche These, dass die “womöglich die eigentliche, positive Botschaft” Deines im aktuellen Spiegel veröffentlichten Essays mit dem Titel “Der Plurimi-Faktor” die “Hoffnung darauf, gehört, vielleicht sogar verstanden zu werden” sei2. Du schreibst in diesem Essay vom beständigen Niedergang der Kunst in Richtung Orientierung an der Masse und so sehr ich Dir darin instinktiv zustimmen will: Ich kann es nicht. Ich möchte Dich an den Schultern packen, Dich schütteln und rufen: „Bitte sieh genauer hin!“ Unten, unter den in dem Teppich aus Zeitungen, Zeitschriften, Radio- und Fernsehsendungen vorkommenden Dingen, unter dem Geplapper der Massen, unter der auf den ersten Blick sichtbaren Tarnoberfläche einer gigantischen Müllhalde kriecht und lebt ein riesiges Universum an lesens-, hörens-, sehenswerter Kultur, die man allerdings (zumal ohne Internet) nicht mehr so leicht zu finden in der Lage ist. Du hast ja Recht mit Deiner den Text durchziehenden Kritik an den ganzen Online-Plattformen: Social Media besteht zu einem sehr großen Teil aus überflüssigen Schrott. Genau deswegen muss man aber auch hier genau hinsehen, man muss überall genau hinsehen, denn das mit dem überflüssigen Schrott trifft auf 99% von Allem zu, nicht nur auf 99% des Netzes. Das Verhältnis zwischen diesen beiden Polen hat sich im Verlauf der Geschichte niemals verändert, ich fürchte, das ist eine reaktionäre und daher im Sinne Deines Essays phantastische Verklärung der Vergangenheit, die Vorstellung von einer Goldenen Zeit, die in Wahrheit nie existiert hat. Das Verhältnis ist lediglich sehr viel evidenter geworden, seitdem die 99% angefangen haben, ihren Mund mit der Tastatur aufzumachen und diese spontanen Äußerungen permanent an virtuellen Orten eingeschrieben stehen.3

Wenn ich mein [beliebiges Online-Portal] aufmache und mich durch Tonnen von unterirdischem Zeug wühlen muss, bis mir schlecht wird, um ein paar wenige gute Sachen herauszufischen, dann fange ich leider auch manchmal an, so zu denken wie Du es tust. Ich will das alles ein für alle Mal löschen, die Stecker ziehen, es loswerden, in ein Haus im Wald ziehen, nie wieder davon belästigt werden und ab und zu mal eine düstere Kultur- und Gesellschaftskritik auf der Schreibmaschine tippen, sie an mir bekannte Verleger oder Agenten übersenden, die dafür sorgen, dass sie irgendwo abgedruckt wird und vielleicht die zwei bis vier verbliebenen Menschen erreicht, die dasselbe denken. Zum Glück habe ich dieses Privileg nicht, denn kurz danach stolpere ich doch immer wieder über die wirklich guten Einträge, Artikel, Bilder, Musikstücke, Kurzfilme und merke: Dieses Zeug existiert. Es ist nur gut versteckt. Es lohnt sich, danach zu suchen und es sind durchaus Sachen der Spitzenklasse, die das Netz, gut versteckt in kleinen Nischen und oft auch nicht sonderlich beachtet, hervorbringt. Das Breite war niemals die Spitze und wird es nie sein, der Kulturschaffende, der sich nach unten orientiert, der seine Arbeit am Publikum ausrichtet, war und wird niemals ein Künstler sein, er bleibt immer nur Entertainer. Du irrst Dich in diesem Punkt ganz gewaltig: Die Dauerverfügbarkeit von Allem im hier und jetzt, der permanente Strom von Informationen und Kulturgütern, die zu einem großen Teil bedeutungslos sind, dieser endlose Strom an Entertainern und Entertainment, den das Internet mit sich bringt: Das alles hat die wirklich guten Dinge nicht weggeschwemmt oder verschwinden lassen, sondern es hat sie im Gegenteil noch wertvoller gemacht. Es gibt sie, die kleinen Gärten, die in Deinem Sinne hier in der digitalen Welt genau auf die Weise unzugänglich sind, wie Du es forderst, sie sind allerdings offenbar auf eine Weise unzugänglich, dass nicht einmal Du den Weg zu ihnen gefunden hast. Aber sie sind da und sie werden jeden Tag von Menschen gefunden. Die Zirkel, die sie finden, sind nicht die Deinen, aber auch das “geistiges Myzel”, die “untergründige Verbundenheit, das ausschließende Prinzip”, all das ist vorhanden und perfekt mit dem Netz und der Möglichkeit von asymmetrischen Kontakten auf vielen Plattformen abseits von Facebook realisiert, auf denen nicht jeder „Friends“ mit jedem ist und nicht nur kollektiv im Kreis onaniert wird. Du müsstest es nur benutzen, erlernen und dann selbst anfangen, zu suchen.

Zu den Kultstätten “Saturn” und “Apple Store” möchte ich sagen: Es sind nur Werkzeugläden. Inhalte werden dort nicht (mehr) angeboten, die früher noch existenten CD- und DVD-Abteilungen sind abgeschafft oder werden nicht mehr genutzt. Die Menschen kaufen in diesen Geschäften Werkzeuge, mit denen sie Arbeit verrichten, selbst Kulturgüter konsumieren oder gar erschaffen. Stell Dir diese Läden als die Baumärkte der Gegenwartskultur vor. Natürlich gibt es sie, diejenigen, die ernsthaft die Werkzeuge und die Baumarktketten anbeten, es sind sogar sehr viele und sie sind unterträglich. Aber man darf nicht vergessen, warum sie das tun: Weil sie nichts mit Inhalten anzufangen wissen. Man muss sie einfach ausblenden, im Grunde sind sie Personen, die man nie in irgendeiner Form erreichen wird, schon der Versuch, sie zu kritistieren, ist eine Verzweiflungstat, etwas, das Du zu unterlassen gelernt haben solltest, da es zu nichts führt. Ja, die Literatur liegt am Boden. Aber sie sie atmet noch und das tut sie auch Dank des Internets. Ich habe es gerade erst gesehen, bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt. Mein Twitterstream schwoll plötzlich aus dem Nichts an mit Menschen, die durchaus ernsthaft Literatur diskutierten, gemeinsam über die Texte sprachen und diese sehr kritisch hinterfragten. Wo sonst fände ich diese Menschen, wenn nicht im Netz? Ich suche sie schon, seitdem ich mit Abschluss meines Studiums die Universität verlassen habe. Erzähl mir von den Alternativen, von den Orten, an die ich gehen kann, um mit solchen interessierten und engagierten Menschen zu sprechen, wenn mir der Sinn danach steht. Anderswo gibt es sie nicht, aber es gibt sie dort. Wir, die Kunstschaffenden und -interessierten im Netz, wir sind nicht viele, wird sind die Außenseiter, die Du verschwunden glaubst4, die nicht-gleichgültig dem vermeintlich Guten widersprechen, nämlich dem Zeug, das alle anklicken, die nicht ihr alltägliches Leben im Internet zelebrieren, sondern versuchen, mehr aus den uns gegebenen Werkzeugen zu machen. Wir sind vielleicht ein paar hundert Menschen in Deutschland und wir sind keine alten Männer, die etabliert in einem untergehenden Offline-Kulturbetrieb leben und wütend nochmal die Faust heben wollen. Wir haben Hunger auf Literatur und Kultur. Nur siehst Du uns nicht. Finde uns, wir zeigen Dir, dass hier über Literatur geredet und sogar Literatur geschrieben wird.

In aller Kürze: Ich habe Dich gehört und ich verstehe sehr gut, was und warum Du es beklagst5, auch wenn Du bei dieser Klage streckenweise wie eine verdammte Heulsuse (“Der Mimimi-Faktor”) klingst und nicht wie jemand, der sich gegen diese Dinge zur Wehr setzen will. Du klingst wie jemand, der schon resigniert hat. In der hoffentlich schon in ein paar Jahren von den Gesetzen des Marktes hinweggerafften Springer-Kommentarhölle “Welt Online” wurde in Bezug auf Deinen Essay gefragt, wer denn um Himmels willen einen Satz wie “Konformitäten, Korrektheiten und Konsensivitäten, die das juste milieu der kritischen Öffentlichkeit regeln, werden von den Bakterienschwärmen neuer Medien lediglich verstärkt” retweeten würde6. Ich bin derjenige7. Das ist ziemlich genau so ein Satz, den ich retweeten würde. Man muss das System nicht zwingend verlassen, um seine Fehler und bizarren Auswüchse zu kritisieren, im Gegenteil ist es von innen heraus effektiver und ich weiß, dass ich nicht der Einzige bin, der so denkt. Auch die “Moral der Technikkritik” existiert. Man kann verbunden unverbunden sein und gleichzeitig nicht zu den “Stubenhockern” zählen. Der Stubenhocker bist in diesem Falle vielmehr Du, der Du aus dem Elfenbeinturm lamentierend und wehklagend auf die Welt blickst und ein realistischer Ausweg für Dich außer das Warten in der Hoffnung auf die Rückkehr einer Zeit, die es womöglich nie gegeben hat und die definitiv nicht zurückkehren wird, fällt mir nicht ein. Ich für meinen Teil bleibe noch eine Weile hier an der Front, kämpfe gegen die durch unermüdliche und unzähligen Windmühlen rübergewehte Scheiße, versuche dazwischen ein paar Perlen aufzufangen und freue mich immer sehr darüber, wenn mir das gelingt. Dein Aufsatz “Der Plurimi-Faktor” ist, trotz der Kritik, die ich daran habe, eine solche Perle. Es brauchte allerdings das Netz, um ihn zu finden, denn ohne die Kritiken dort hätte ich mir wohl nicht den Spiegel gekauft.

In Bewunderung
Dein Sebastian Baumer

1 Wir sind uns noch nie begegnet, aber “Paare, Passanten” ist eines der Bücher, die mich so beeindruckt haben, dass sie mich in ein Studium der Literaturwissenschaften getrieben haben.
2 http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/neuer-aufsatz-von-botho-strauss-polemik-oder-hilferuf-12310746.html
3 Deine Kritik klingt in diesem Sinne fast so, als würdest Du das dauernde Geplauder in
Cafés kritisieren.
4 Auch wenn ich für diese Gruppe von Menschen nicht im “Wir” sprechen kann, weil sie viel zu vielseitig und widerspenstig ist, tue ich es in den folgenden Sätzen dennoch.
5 Zumindest in den hier genannten Teilen. Über den Rest des Essays werde ich noch einige Zeit nachdenken müssen, ich sehe auch, dass er über eine Kultur- und Netzkritik hinaus geht.
6 http://www.welt.de/kultur/article118504285/Digitalkultur-Botho-Strauss-gefaellt-das-nicht.html
7 Auch wenn der Satz theoretisch 35 Zeichen zu lang ist.

8 Gedanken zu „Brief an Botho Strauß.“

    1. Zustimmung. Bis auf eine Sache: Dass er im Spiegel publiziert, ist vielleicht schizophren, aber irgendwie eine natürliche Schizophrenie. Auch der größte Außenseiter-Schreiber kann sich am Ende nicht davon freisprechen, doch gerne gelesen zu werden (mindestens heimlich). Außer ich natürlich, mir sind Leser wirklich total egal*.

      (*hüstel)

  1. Ich hoffe, er ist narzisstisch genug, um sich selbst und die Reaktionen auf seinen Aufsatz mal zu googlen, der Brief steht auf Seite Eins – und zwar völlig zu Recht. Ich mag Botho Strauß als klugen Schreiber und Welterklärer, aber dieser Artikel war wirklich nur eine einzige Klage gegen Dinge, die in der Realität einfach nicht so sind, wie er sie zu sehen glaubt. Ich verstehe aber auch, wie man zu der Einschätzung kommt, wenn man sich nicht tiefer mit dem Internet auseinandersetzt.

  2. Sebastian, danke für diesen frischen Beitrag!
    Straußens Essay und deine Replik markieren genau das Spannungsfeld, in dem auch ich mich bewege. Beides stimmt bzw. stimmt nicht.
    Aber ist es nicht auch in deinem Bekanntenkreis so, als ob alle anderen fein aufeinander abgestimmt sprächen? Diese „feste, kieselharte Förmlichkeit des aufeinander abgestimmten Sprechens, die jeden einzelnen vom eigenen (schärferen) Bewusstsein abschirmt“ (Strauß).
    Dieser furchtbare Horror und weitere sind doch unsere Lebenswirklichkeit bis in den letzten Winkel (auch des Netzes) hinein und kein Popanz, den BS aufbaute.
    Komm, erzähl‘ mir nix, Sebi…

    1. Das was das Zitat meint, ist unterdrückte Individualität in der Kommunikation. Ich unterdrücke meine nicht. Wirkt Wunder, auch auf die Qualität des Bekanntenkreises, probier es aus :).

      1. Bin schon seit längerer Zeit fleißig am Ausprobieren. Durfte mir schon so einiges hysterische Gekreisch anhören bis hin zum obligatorischen Nazi-Vorwurf. Der Bekanntenkreis verändert sich; er wird kleiner, aber qualitativ besser. Da hast du recht.

Ach komm, erzähl mir nix (oder doch)

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