Finterview: Konsum und Glück

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„Finterview“ ist eine Reihe von Interviews mit fiktiven Personen. Heute im Finterview: Professor Bernhard Reichel, Soziologe und Konsumforscher von der Universität Kühlbronn.

Der Lampiongarten: Herr Professor Reichel: Apple oder Android?

Prof. Reichel: Völlig egal. Keine der beiden Optionen wird Sie per se glücklicher oder unglücklicher machen. Unglücklich können Sie mit Ihrer Entscheidung aber werden, wenn sie ein Umfeld haben, das Konsum zu wenig oder falsch reflektiert.

Der Lampiongarten: Was hat denn das Umfeld damit zu tun?

Prof. Reichel: Wenn Ihr Freundes- und Bekanntenkreis übermäßig konsumorientiert ist, und das betrifft eine signifikante Menge Menschen, kriegen Sie in jedem Fall Probleme damit, egal welche Marke Sie aussuchen. Entweder sind Sie dann der Außenseiter, der Mitläufer oder beides für jeweils verschiedene Subgruppen ihrer Peer-Group. Selbst wenn Ihr konsumgeiler Freundeskreis Sie kurzfristig um das neue Produkt beneidet, Sie also zunächst wegen positiver sozialer Effekte scheinbar glücklicher damit werden, steht auf lange Sicht Unglück ins Haus: Sie geraten dann in dieses endlose Rennen, in dem immer demjenigen die Aufmerksamkeit und Bewunderung zukommt, der das neueste oder angesagteste Produkt besitzt. Genau diesen Effekt wollen die Hersteller natürlich auch erzielen, es ist in Wahrheit nicht sonderlich individuell, ein Smartphone direkt nach dem Erscheinen schon zu besitzen. In den meisten Fällen ist es eher ein Zeichen für unreflektiertes Verinnerlichen der Marketingstrategien von Konzernen durch den Besitzer.

Tatsächlich ist es nur ein verdammtes Smartphone. Wichtig ist, was Sie damit tun. Wenn sich ihr Freundeskreis nicht sonderlich für die Marke Ihrer Konsumprodukte interessiert, haben Sie ihn ziemlich gut ausgesucht.

Der Lampiongarten: Macht uns Konsum denn generell unglücklich?

Prof. Reichel: Das ist eine komplexe Frage, deren Beantwortung ich meine halbe Forscherlaufbahn gewidmet habe. Ich glaube inzwischen zu wissen: Automatisch glücklich macht er nicht, er tut es nur, wenn man oft und viel darüber reflektiert, was und warum man konsumiert.

Der Lampiongarten: Worauf sollte man denn beim Konsum achten?

Prof. Reichel: Drei Schlagworte sind zunächst eine ganz gute Orientierungshilfe: Meine speziellen Bedürfnisse, die Frage „Brauche ich es wirklich?“ und die Langzeithaltbarkeit.

Der Lampiongarten: Das müssen Sie uns näher erklären.

Prof. Reichel: Fangen wir hinten an: Langzeithaltbarkeit. Vielleicht haben Sie auch Großeltern, die seit vierzig Jahren dasselbe Fernsehgerät oder das gleiche Radio benutzen. Meine Eltern photographieren immer noch mit einer Spiegelreflexkamera, die sie in den 80ern gekauft haben und sie macht tadellose Bilder. Heute kauft man oft Zeug mit dem Gedanken, dass nach zwei Jahren sowieso schon wieder veraltet ist, dass es den Verfall schon eingebaut hat und deswegen auch nur zwei Jahre halten muss. Damit kann man nicht glücklich werden. Also versuchen Sie unbedingt, Dinge zu kaufen, die lange halten, ergo ein zeitloses Design haben und stabil aus stabilen Materialien konstruiert sind. Die sind meist teuerer, aber sie kennen ja das Sprichwort „wir sind nicht reich genug, um ums billige Dinge zu leisten“. Es drückt das Prinzip aus, dass billiger Schrott immer wieder gekauft werden muss und damit am Ende sogar teuerer ist. Die zweite Kategorie ist „Brauche ich es wirklich?“: Überlegen Sie sehr ausführlich, warum Sie etwas konsumieren wollen. Wenn Sie nicht sicher sind, dass es wirklich notwendig oder ihr komplett eigener Wunsch ist (und nicht etwa durch Gruppendruck in ihrer kleinen Welt oder durch Werbung entstanden ist), dann lassen Sie es weg. Sie können nichts vermissen, das sie nicht besitzen, das ist eine Illusion. Nur den Nutzen können sie vermissen und wenn der wirklich gegeben ist, dann ist Konsum gerechtfertigt. Drittens: Spezielle Bedürfnisse. Konsumprodukte sind immer auf eine Masse zugeschnitten, sie sollen ja Profit abwerfen, es ist in ihrer Konzeption so angelegt, dass sie eigentlich nicht das Richtige sind für exakt ihre Bedürfnisse. Wenn Sie etwas kaufen oder konsumieren, dann achten Sie so gut wie möglich darauf, dass es kein Massenprodukt ist. Das geht natürlich nicht immer, aber für viele Dinge gibt es Nischenmärkte, in denen man Dinge erwerben kann, die viel eher den eigenen Vorstellungen entsprechen.

Wenn Sie diese drei Faktoren berücksichtigen, dann werden Sie vorwiegend Dinge kaufen, die Sie wirklich benutzen, die zu Ihnen passen und an denen Sie lange Freude haben.

Der Lampiongarten: Das klingt zunächst sehr nachvollziehbar, aber in vielen Bereichen geht das ja gar nicht, zum Beispiel bei Elektronik. Lange haltbare Geräte sind da ausgestorben, wie Sie oben schon gesagt haben.

Prof. Reichel: In manchen Bereichen ist das wirklich schwierig, aber oft stimmt das auch nur auf der gedanklich-abstrakten Ebene, deswegen habe ich das auch so formuliert. Wenn Sie gut auswählen, dann sind auch von diesen Geräten einige lange haltbar. Mein iPad erster Generation ist immer noch ein wunderbares Werkzeug, das einwandfrei funktioniert und für meine Bedürfnisse (Bücher lesen, im Netz surfen, Mails) seinen Zweck noch lange erfüllen wird. Ich darf nur nicht den Fehler machen und permanent darauf schielen, dass inzwischen fünfzehn „bessere“ Modelle erschienen sind oder dass es wegen seines Alters „uncool“ ist. Wenn man eine Person ist, die Gefahr läuft, so zu denken, dann ist es vielleicht besser, von bestimmten Produktkategorien ganz die Finger zu lassen, sonst macht man sich damit für lange Zeit sehr verrückt und bezahlt auch noch viel Geld dafür. Das gilt natürlich besonders dann, wenn es sich dabei um eine Kategorie handelt, die Sie als Individuum nicht wirklich benötigen.

Der Lampiongarten: Sie untersuchen auch andere Konsumarten. Was macht denn noch unglücklich oder glücklich?

Prof. Reichel: Das größte Potential in beide Richtungen hat sicherlich der Konsum von Medien. Man sagt „Du bist, was Du isst“, aber das stimmt höchstens auf der physiologischen Ebene. Wenn es um die Psyche, also unser eigentliches Sein geht, dann müsste es „Du bist, was Du liest“ heissen. Nichts beeinflusst unser eigenes Denken so wie das, was wir in Sachen Medien konsumieren. Wer sich viel Boulevard-Zeitungen oder Fernsehen reinzieht, der fängt auch an, so zu denken und dann übrigens auch, so zu schreiben, wie man in Sozialen Netzwerken oft beobachten kann. Sicher kennen Sie genug Leute, die niemals vier Ausrufezeichen oder ein „skandalöses“ Hundefängervideo irgendwo posten würden und auch genug, die genau das tun, manche Menschen äußern niemals politische Meinungen, andere permanent. Der Unterschied liegt in dem, was man seinem Kopf jeden Tag antut. Medien beeinflussen das eigene Denken und damit auch das Handeln stark, darin liegt viel Potential für Glück und Unglück.

Der Lampiongarten: Welche Medien machen denn glücklich?

Prof. Reichel: Auf lange Sicht: Alles, was produktiv hängen bleibt. Die Einschränkung ist wichtig. Sicher bleiben auch Schock-und Ekelmeldungen sowie manchmal auch reine Newsartikel im Gedächtnis, aber eher selten auf produktive Weise. Ob ein Medium glücklich macht, hat insofern übrigens auch wenig damit zu tun, ob es ein 500-seitiger Thomas Mann-Roman oder ein buntes Graffiti an einer Hauswand ist. Aber bei dem Roman ist natürlich das Potential, dass er eine produktive Beschäftigung auslöst, viel höher: Er hat mehr Sätze, mehr Ideen, ist vielleicht eher auf die Auslösung dieses Effekts hin konstruiert.

Der Lampiongarten: Sie sagen: Alles, was „produktiv hängen“ bleibt, also alles, das man irgendwie weiterverarbeitet. Warum macht das glücklich?

Prof. Reichel: Weil Produktion die Gegenseite zum Konsum ist. Der Mensch braucht beides. Jetzt könnten Sie sagen: Ja, aber ich bin aber gar kein Künstler oder Schreiber, ich produziere nichts. Es macht allerdings keinen Unterschied, ob sie es in konkreten Arbeiten wieder ausspucken, auch die rein geistige Beschäftigung damit ist produktiv. Zwei der Lobeskommentare, die man immer unter Artikeln im Internet liest, nämlich „Regt zum Nachdenken an“ und „Made my Day“, so banal und austauschbar die auch wirken, verdeutlichen übrigens genau dieses Prinzip.

Der Lampiongarten: Wenn sie all diese Dinge über Konsum jetzt noch einmal in einem Merksatz zusammenfassen müssten, wie würde der lauten?

Prof. Reichel: Es ist die (sorgfältige) Auswahl, nicht das Anhäufen.

Der Lampiongarten: Herr Professor Reichel, wir danken für das Finterview.

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