Konzept: Guru – Der radikale Twitterclient für literarische Twitterer

guru_head

Vor einiger Zeit schrieb die von mir sehr geschätze @blutundkaffee einen Tweet, der auf schöne Weise eine Idee neu formulierte, über die ich auch schon oft nachgedacht habe:

blutundkaffee

Das ideale Social Network, so meine bisherige Überlegung, wäre eigentlich ein solches, dass sich sehr stark auf die Inhalte fokussiert und, wenn man es konsequent zu Ende denkt, sogar die Personen ausblendet. Die Vorteile liegen auf der Hand: Kein Rumstreiten zwischen irgendwelchen vermeintlichen Alpha-Nerds, keine Möglichkeit zum Sich-als-Person-Profilieren über (kontrovers bis demagogisch-dümmliche) Meinungen, einfach nur Schreiben und Lesen von tollen Texten und Inhalten als Hauptfunktion. Ein Social Network, das so konzipiert wäre, würde mit einiger Sicherheit so ziemlich alle Selbstdarsteller abschrecken (und vielleicht damit auch gar niemanden mehr übrig lassen), aber für mich persönlich wäre es genau das Richtige. Das Einzige, was bisher in der Realität dem ein bisschen Nahe kam, war Quote.fm (ein Netzwerk, in dem man nur Inhalte zitiert und Texte von anderen empfiehlt, also wenig Möglichkeit hat, sich selbst zu profilieren, außer mit dem Empfehlen von guten Texten), aber man könnte das vielleicht auch als Twitterclient realisieren, wie @blutundkaffee es vorschlägt.

Ich habe also mal ein bisschen ausführlicher rumüberlegt und einen Twitterclient namens „Guru“ konzeptioniert und designed, der auf diesem Prinzip beruht (Vollansicht hinter dem Bild verlinkt oder hier):

guruAbb.: Guru in der Übersicht.

Guru zeigt „No Avatars. No Names. Just Tweets.“ und reduziert Twitter radikal auf die Inhalte. Er ist daher so konzipiert, dass er den Nutzer dazu anhält, gute Tweets zu schreiben, nicht herumzuchatten und Leute, die groben Müll twittern, schlussendlich zu entfolgen, weil grober Müll ohne die dazugehörigen Personen deutlich an Reiz verliert. Wenn man platte Penis- und Fickwitzchen plötzlich nur noch in Textform ohne den Burschen mit dem netten Photo, der sich immer so lustig-peinlich danebenbenimmt, lesen muss, dann merkt man schnell, dass man das vielleicht doch gar nicht will (außer es ist @silvestah, der kann das mit gutem Humor).

Features und Ideen:

guru-timelineAbb.: Timeline-Ansicht.

Hauptstream: Der Hauptstream ist komplett von Avataren und Namen befreit. Nur die Tweets sind zu sehen. Das macht das Mitlesen auf Twitter sehr viel mehr text- und inhaltslastig, lässt das Ganze aber auch ein bisschen wie den irren Gedankenstrom eines Gurus in einer Höhle wirken, einen endlosen Text, dem man zunächst keine Personen mehr zuordnen kann. Einzig die Uhrzeiten der abgesendeten Tweets bleiben drin. Oben gibt es einen einzigen Button mit einer Feder, der das Compose-Fenster öffnet.

Buttons: Per Mouseover werden über den Tweets anstelle der Uhrzeiten zwei Buttons für „Fav“ und „Retweet“ eingeblendet. Diese beiden Grundfunktionen bleiben drin, weil sie aus meiner Sicht die essentiellsten Werkzeuge auf Twitter sind. Wenn man selbst einen Tweet in die Timeline retweeted bekommt, ist der RT-Button auch ohne den Mouseover in Blau unterhalb der Uhrzeit zu sehen.

Replys, Conversations und Mentions: Sind komplett raus. Tweets, die Replys sind oder eine Mention enthalten, werden automatisch von Guru rausgefiltert. Für Replys gibt es keinen Knopf. Twitter ist kein Chat und in Guru gibt es auch keine Profile, also würden die Funktionen sowieso nur begrenzt Sinn machen. Wer auf Twitter chatten oder diskutieren will, für den ist der Client damit völlig ungeeignet. DMs hätte ich gerne drin, damit man sich mit den anderen Menschen nichtöffentlich austauschen kann, Nachrichten müssen aber mit Namen verknüpft sein, deswegen vorläufig aus Konzept- und Konsistenzgründen (ich verkaufe euch das hier ja gerade als einen radikalen Client) raus.

guru-draftsAbb.: Draftbook.

„Draftbook“: Guru hat ein umfangreiches „Draftbook“ mit verschiedenen Features. Drafts, also Tweetentwürfe, die in anderen Clients immer sträflich vernachlässigt werden oder gar nicht erst als Feature existieren, gehören in Guru zu den wichtigsten Funktionen. Unfertige Tweets können als Drafts gespeichert werden, diese dürfen auch in der Zahl sehr umfangreich werden (man sieht in der Headerzeile des Draftbook, wie viele Drafts man gespeichert hat und ob sie gesynced sind, etwa mit anderen Rechnern oder mobilen Geräten). Man kann Drafts taggen, um etwa verschiedene Tweets zu bestimmten Themen oder Tweetserien zu verschlagworten und den Drafts mit ein bis drei kleinen Pünktchen einen Status zuweisen (etwa um den Tweet für sich selbst zu raten oder festzuhalten, wie vollständig der Entwurf ist).

Das Draftbook kann über eine einblendbare Suchleiste mit zwei Suchfenstern nach Status und Tags gefiltert werden und ist ein Werkzeug für Leute, die ihre Tweets ernsthaft „schreiben“. Aus dem Draftbook heraus kann ein Tweet auch direkt abgeschickt werden, wenn er fertig ist. Erreichbar ist das Draftbook über den Button über dem Compose-Fenster, das sich zum Draftbook erweitert, wenn man ihn drückt. Alle Sachen im Draftbook sind direkt editierbar, man kann also direkt in einen Tweet klicken, ihn umschreiben oder die Ratings und Tags direkt ändern.

Links: Blacklist. Links sind per Default drin (in der türkisblauen Farbe von Guru). Per Blacklist in den Settings kann man aber Medien bzw. Domains definieren, die man nicht drin haben will. Wer Bild, Huffington Post und irgendein nerviges Blog, das ihn immer auf die Palme bringt, nicht verlinkt sehen will, der kann Tweets mit Links auf diese Medien komplett aus dem Stream filtern.

Hashtags: Whitelist. Den Großteil der Hashtags will man nicht lesen (von ein paar ironischen Hashtags abgesehen, aber die sind so selten wirklich gut, dass sie vernachlässigbar sind), daher sind alle Tweets mit Hashtags zunächst aus dem Stream gefiltert. Aber ab und zu gibt es dann doch Hashtags, die man gerne verfolgt. Hierzu gibt es eine Whitelist in den Settings, man kann auch den Stream eines Hashtags anklicken, das auf der Whitelist ist.

guru-composeAbb.: Das Compose-Fenster.

Suche: Abgeschafft. Wer Recherchieren will, tut dies sowieso in aller Regel mittels Hashtags, Keywords, Personen. Für Journalisten ist Guru ist nicht gedacht.

guru-mouseover3Abb.: Mouseover beim Send-Button.

Settings-Dialog: Der Settings-Dialog enthält die Einstellungen für Blacklist / Whitelist für Links / Hashtags und die gemuteten Personen. Das ist die einzige Stelle in Guru, an der Personen auftauchen. Außerdem kann eingestellt werden, welchen Stream man im Hauptfenster lesen möchte, was im Prinzip einer Lesefunktion über Twitterlisten gleichkommt. Per Listen ist es somit möglich, sich auch extra eine eigene Timeline zusammenzustellen, die man gerne in Guru anzeigen lässt oder die literarische Liste eines anderen Users für diese Zweck zu abonnieren.

guru-contextAbb.: Kontext-Menü.

Kontext-Menü auf Tweets: Das Rechtsklick-Kontextmenü von Guru enthält neben einigen essentiellen Funktionen (Fav, Unfav, RT, Delete, eventuell auch noch Copy) die drei Guru-spezielleren Funktionen Reveal Writer, Mute Writer und (Un)Follow Writer. Reveal Writer führt einen direkt per Link zu dem Profil des Autors des jeweiligen Tweets im Browser, so dass man bei besonders guten / schlechten Tweets doch mal nachgucken kann, wer dahintersteckt, Mute Writer und (Un)Follow Writer (letzteres je nach Follow-Status, zb. Leuten, die retweeted werden, folgt man ja nicht) sind selbsterklärend.

Fertig. Hat jemand weitere Ideen, Anmerkungen, Kritik oder kann mir das Ding programmieren :)? Guru wäre mit hoher Wahrscheinlichkeit eher ein Nischenprodukt (wie etwa Wren, der Twitterclient ohne Timeline, der gar nichts kann, außer Tweets absenden, aber trotzdem 2,99 € kostet), aber für mich wäre es der perfekte Twitterclient.

20 Gedanken zu „Konzept: Guru – Der radikale Twitterclient für literarische Twitterer“

  1. Hab den Tweet von @blutundkaffee damals auch gefavt, wenn ich mich recht erinnere.
    Ich finde das Konzept sehr interessant, auch wenn ich Guru wahrscheinlich eher als Zweitclient nutzen würde, denn oft will ich eben auch Replies oder so sehen.
    Optisch finde ich ihn auf jeden Fall Klasse.
    Hoffen wir mal, dass sich jemand findet, der das umsetzen könnte. Viel Glück. :)

    1. Der ist auch eher zum Lesen und zum nachdenklichen Schreiben gedacht, nicht die irre Geschwindigkeit, die Twitter sonst hat. Ich könnte mir vorstellen, dass man „literarische Listen“, i.e. Twitterlisten, die sich wirklich zu lesen lohnen, miteinander teilt und die dann als Stream in Guru einstellt. Für die Newsjunkies ist das natürlich nix, aber ich kenne und lese auch sehr viele Menschen, die Twitter komplett anders nutzen.

    1. Aber mal ernsthaft: Ich finde die Idee wirklich großartig. Ich würde ihn sofort benutzen. Vielleicht wäre es über darüber auch möglich, Leute Twitter nahezubringen, die sonst denken, dass das nur Scheiße geschrieben ist (kurierte Listen die voreingestellt sind oder sowas mit den besten literarischen Twitterern, zb…)

      1. Ja. Ich auch :). Das ist im Grunde der Twitterclient, den ich gerne benutzen würde. Nicht immer, aber oft. Immer öfter. Wenn ich einfach in Ruhe ein paar gute Tweets lesen mag und nicht irgendwelche Polit-Diskussionen, Shitstorms über Unsinn, Nerdzeug oder Fernsehkram. Abends. In Ruhe. Wie ein Buch.

        Die Erweiterung, dass man die Listen auch voreingestellen könnte, ist gar nicht übel. Damit könnte man den Client als Leser sogar benutzen, wenn man keinen eigenen Twitteraccount hat.

    1. Ich möchte das auch. Schon so lange.
      Ich versuche ohnehin beim wenigen Timeline-lesen, den Nickname gedanklich auszublenden. Bis auf wenige Ausnahmen.
      Und es steht einem ja weiterhin frei, Personen bei denen man es möchte nachzulesen.
      Also: Go for it – und ich würde für die App auch bezahlen.

  2. Ich finde die Idee sehr spannend, kannst Du das mal eben schnell hinprogrammieren? Vielleicht findet sich auch ein etablierter Anbieter von Twitterclients, die in einen bestehenden sowas wie einen „Guru-Modus“ einbauen wollen?

    Wie auch immer, ich würde gern mal eine TL sehen, die nach Deinen oben beschriebenen Prinzipien erstellt ist, ich stelle mir das sehr spannend vor. Allerdings möchte ich, je nach Laune, auch weiterhin das gute alte wilde Gepose und Geschrei ansehen. Ich glaube, dass so ein „Guru“-Client eine wunderbare Ergänzung wäre.

    1. Könnte ich das „mal eben schnell hinprogrammieren“, würde ich jede Woche eine neue App erfinden und fertigstellen. Design und Konzeption ist mein Feld, Coding nicht.

  3. denke ich auch über sowas nach… twitter als ort, an dem man wirklich liest und nicht nur schnell mal durchscrollt, was es neues gibt. mit einer guten timeline oder liste wäre so ein client gold wert.

  4. Sehr tolle Idee. Und weil ich dachte, das sollte doch jemand umsetzen, habe ich mich über die Entwicklung von Twitter Apps informiert (Nicht, dass ich sowas könnte, aber interessant wäre es).

    Aber siehe da, Twitter hat sogenannte Display Requirements. Diesen Richtlinien nach, muss der Avatar und der Name des Verfassers bei jedem Tweet angezeigt werden. Klingt so, als vereitelt das grundsätzlich die Umsetzung deiner Idee. Schade.

    1. Wäre das eine kommerzielle Idee, i.e. ein Client, den man verkaufen und mit dem man ein großes Publikum erreichen wollte: Ja, das geht wohl nach den neuen Twitter-Regeln wahrscheinlich* nicht mehr in der Form. Allerdings ist das ja eher eine Konzeptidee, die, wenn umgesetzt, eher für wenige User interessant wäre und damit unter Twitters Radar durchfliegen sollte – wer, von ein paar hundert Powerusern abgesehen, die den Blogpost in den letzten Tagen durch halb Twitter gejagt haben, würde denn so einen Client nutzen? Insofern ist der Aufwand, das wirklich zu programmieren, vermutlich zu hoch, auch wenn die Grafiken und der Rest schon fertig sind. Mal sehen, vielleicht finde ich ja zufällig irgendwann einen Entwickler, der Freunde an so einem Experiment hat.

      *Die Frage wäre aber dann imho, ob das wirklich ein „Client“ ist oder nicht eher ein Kunstprojekt zb. wie ein Game, in dem Tweets auftauchen etc. Müsste man einfach testen, ob Twitter darauf aufmerksam wird.

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