Ein Abschiedspost auf Quote.fm

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Es ist soweit: Quote.fm geht wohl seinem Ende entgegen. Schon vor ein paar Monaten konnte ich beobachten, dass unter den 146 eine Zeit lang extrem aktiven Menschen, denen ich dort folge, nur noch eine Hand voll überhaupt Texte weiterempfahl, inzwischen sind die letzten Postings in meiner Timeline „weeks ago“ und selbst die Hardcore-User lassen sich kaum noch auf der Plattform blicken.

Die Konzept war von der ersten Ideenphase an überzeugend: Man liest einen guten Text irgendwo im Netz, markiert eine aussagekräftige Stelle (eben ein Quote), drückt auf ein Browser-Bookmarklet und empfiehlt damit den Text an seine Quote.fm-Kontakte, der durch das Zitat angeteasert wird. Die Bedienung der Plattform ist so einfach und unstörend, dass man sie schon nach ein paar Mal komplett in seinen eigenen Lesefluss übernommen hat. Quote.fm war für mich das Last.fm für Texte, die man liest und gerne teilen will, ein Netzwerk, dass sich völlig reibungslos in sowieso durchgeführte Tätigkeiten integriert. Und es wurde viel geteilt: Über keine Plattform im Netz habe ich im Laufe der Zeit so viele wirklich hochwertige Blogs, Magazine, Autoren, Texte und schlussendlich auch Leser / Text-Kuratoren entdeckt wie über Quote.fm – was ganz dem Konzept geschuldet war: Auf Quote.fm konnte man sich schlichtweg nie über irgendwelchen Selbstdarsteller-Quatsch profilieren, sondern immer nur dadurch, dass man möglichst herausragende Texte anderer Autoren weiterreichte.

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Auch ansonsten war nahezu alles an Quote.fm sehr gut durchdacht, präzise und mit viel Liebe zum Detail und User umgesetzt und schnörkellos gut designt, wenn man von ein paar unfertigen Baustellen absieht (die iPhone-App, die nie wirklich fertig wurde). Wenn das alles so super war, warum also ist das Ganze dann innerhalb von nur zwei Jahren derart gescheitert? Das Problem war die Userbasis, die nie groß genug wurde, um das Ganze aus Betreibersicht rentabel zu machen. Es scheint so zu sein, dass „gute Artikel im Netz lesen und empfehlen“ eher nur ein Nischenpublikum anspricht, das nicht ausreicht, um ein entsprechendes Werkzeug profitabel zu machen, zumal, wenn es nur auf ein Land (hier: Deutschland, denn internationale User waren leider eher die Seltenheit) begrenzt ist. Der Großteil der Social Media-Nutzer bevorzugt wohl leider das „keine Aufmerksamkeit“-Netz, in dem eher Personen und kurze, schnell wegkonsumierbare Inhalte im Vordergrund stehen.

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Ich selbst habe in der Zeit auf Quote.fm bisher 997 Artikel empfohlen (und dadurch auch festgestellt, wie viel Zeug ich eigentlich lese, denn ich teilte maximal jeden fünften Artikel), angeklickt haben die Links zwar nur sehr wenige Menschen (was ich weiß, da in der Hochphase einige Male eigene Blogartikel von mir in den Top-Empfehlungen landeten), aber die Seite mit den blauen Textauszügen fühlte sich für mich immer ein bisschen wie ein unaufgeregtes, trash- und streitereifreies zu Hause im Netz an. Ich mache noch die 1001 voll, dann bin ich auch erstmal weg, sofern nicht noch ein Wunder passiert.

Tschüss, Quote.fm. Es war echt schön mit Dir.

PS: @elbdudler: Ich würde gerne noch meine Daten exportieren, könnt ihr mir das ermöglichen?

8 Gedanken zu „Ein Abschiedspost auf Quote.fm“

  1. Ja. Die Idee war gut (wenn auch von den falschen Leuten), es war auch ansprechend designt, wirklich, doch es wurde viel zu viel Müll hochgelobt und weitergereicht, jeder Scheiss bekam fünfzig Rosen und donnernden Applaus. Ich weiss nicht, wie oft ich mich bei empfohlenen Textpassagen gefragt habe: ja und? Und irgendwann wurde es mir zu viel und ich bin weggeblieben.

    1. Find ich nicht. Das Team war doch genau richtig und hat das sehr, sehr gut gemacht. Schade fand ich, dass aus der Plattform nach Weggang der Gründer einfach gar nichts mehr gemacht wurde. Was die Texte angeht: Ja, es war am Anfang auch viel Mist dabei. Aber das waren diejenigen, die das nur mal ausprobieren wollten und dann schnell wieder weggeblieben sind, weil es nichts für sie war. Du zum Beispiel hättest auch nicht so schnell aufgeben dürfen, ich mochte Deine Empfehlungen.

  2. na ja, die leute.. ich bin mit einem der macher aneinandergerasselt, weil er offensichtlich auch mit leiser kritik nicht umgehen konnte und übelst loslegte mit einer Fresse wie Hoffmann Chicago an der Fleischbörse. Trotzdem bin ich anfangs oft zu quote gegangen. ich schätze, die jungs hatten sich ein riesending erhofft, und als das nicht losging, haben sie hingeschmissen.

  3. Hinterher ist man ja immer schlauer – und richtig belegen kann ich meine Meinung natürlich auch nicht. Mir hat Quote.FM auch immer gut gefallen und ich habe den Dienst gerne genutzt. Es wurde aber wohl an den falschen Enden herumgeschraubt. Endloses Detailgefrickel and der Website, die ohnehin schon gut aussah, statt die Apps vernünftig an den Start zu bringen. Ich schließe hier von mir auf andere, klar. Aber ich lese als Pendler sehr viel auf dem iPhone und ich denke, man hat sich mit dieser ganzen „Read Later“-Sache ein wenig verhoben.

    Hier wäre meines Erachtens eine möglichst nahtlose Integration in bestehende Services wie Instapaper und Pocket sinnvoller gewesen, als eine Konkurrenz-Leseliste aufzubauen. Da war der Anspruch wohl zu hoch, man wollte eine Standalone-Plattform sein, bei der begrenzten Nutzerschaft vielleicht etwas vermessen. Jetzt zäumt bspw. Readability mit seinen Recommendations das Pferd von der anderen Seite auf.

    1. Das sehe ich teilweise auch so, wobei ich die Detailarbeiten eigentlich immer als sehr gut empfand, die Jungs haben sich einfach über Sachen Gedanken gemacht und sie verbessert, die bei anderen Plattformen endlos in nutzerunfreundlichen Nervzustand bleiben. Auch die „Read Later“-Funktion war im Grunde eine gute Sache, aber ingesamt wäre es wohl wirklich viel wichtiger gewesen, zunächst mal das iPhone richtig an den Start zu bringen. Ich saß oft in der Bahn und dachte: Jetzt hätte ich gerne eine vernünftige Quote.fm-App auf dem Smartphone, um zu lesen. Ob das aber etwas an den zu geringen Nutzerzahlen geändert hätte? Vermutlich nicht.

      Zur Integration mit anderen Diensten kann ich nichts sagen, ich weiß aber aus Erfahrung mit anderen Projekten, dass das aufwendig werden kann.

  4. was soll man dazu sagen? quote.fm ist einer dieser guten beweise, wieso blasen zu blindheit und die blindheit sie zum platzen bringt. das team war so vernarrt darin, das abzuliefern, was john gruber und seine freunde betonen. der kluge gruber verliert sich oft darin, die liebe zum detail zu loben, aber sie ist nicht alles, was zählt. im gegensatz zu den drei jungs weiß er das jedoch. sie versteiften sich darauf, diesen Spirit zu verkörpern, kalkulierten so unglaublich schlecht und waren überaus stolz darauf.

    etwa darauf, dass ihre texte hauptsächlich von der selben meute geteilt wurde. keine diversität, immer die selben blogs und seiten, nie den kosmos verlassend, was die idee einer entdeckungsreise der geschriebenen sprache natürlich abtrünnig ist. der größte fehler war nicht auf andere menschen zuzugehen, die nutzer waren die kleine deutsche internet-szene, arrogant ein fest auf die gefolgschaft derer zu feiern, die ohnehin am leichtesten zu locken sind.

    so blieb das konglomerat, der wahnsinnige garten guter texte aus, denn es fehlte an neuen lesern, die nicht nur aus den selben quellen zitierten.

    aber das war nicht der wichtige augenmerk, wichtiger war, vier leute zu beschäftigen für etwas, das man mit der selben detail-genauigkeit auch gut alleine oder zu zweit geschafft hätte. nur – hier der kritische punkt – hätte man dann ein wenig lernen müssen, und hätte weniger zeit gehabt, das eigene projekt nur zum zwecke der ejakulat-ausscheidung zu verwerten.

    ich meine, sie kopieren instapaper, weil sie es so geil finden, dass jetzt „zu denen“ zu gehören, obgleich sie von „denen“ nicht einmal wahr genommen wurden. vielleicht müssen künstler auch in ihrem größenwahn bescheiden sein, obgleich die quote.fm-leute und diese hohen begriffe sicher zwei verschiedene schienen fahren.

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