Kein kleinkalibriges Kamel – Ein Blick ins International Dada Archive

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Die bildende Kunst des Dadaismus hat überlebt. Deutlich weniger Popularität erfährt heute leider die dadaistische Literatur, insbesondere die Lyrik und die experimentellen Texte von Autoren wie Hugo Ball, Richard Huelsenbeck oder Hans Arp sind fast gänzlich in Vergessenheit geraten. Die literarischen Genres Lautgedichte und Collagen sind zwar noch ein Begriff, die Leserschaft der konkreten (sic) Texte hält sich allerdings in Grenzen, was auch daran liegen dürfte, dass die Bücher in vielen Fällen schon seit Jahrzehnten nicht mehr aufgelegt werden (von einer kleinen Zahl Fans aber weiterhin sehr energisch gesucht werden, was die Preise in Antiquariaten und auf Flohmärkten nicht gerade sinken lässt).

Glücklicherweise gibt es dieses Werkzeug namens Internet: In der Digital Dada Library des International Dada Archive der Universität Iowa, einer Onlinebibliothek, die einen Ausschnitt der 60.000 katalogisierten Titel der International Online Bibliography of Dada enthält, lassen sich Gedichte, Romane, Fragmente, sogar gesammelte Ausgaben von 36 verschiedenen Dada-Zeitschriften in gescannter Form finden und kostenlos lesen.

derdada1Aus: „Der Dada“ No. 1 (Raoul Hausmann, John Heartfield, and George Grosz. 1919-1920)

Über die objektive literarische Qualität dadaistischer Texte ohne den kunsttheoretischen Kontext und Abzüglich des Startvorteils des radikal Neuen, der diesen zum Zeitpunkt ihrer Erscheinung ein Merkmal war, lässt sich sicherlich streiten. Es hat Gründe, dass die Texte und Bücher irgendwann nicht mehr aufgelegt wurden und Dada teilweise sogar zu einem Synonym für „Nonsense“ verkommen ist: Den Schriften wohnen aufgrund ihrer oft absichtlich dem Zufall (mit)überlassenen Produktions- und ihrer gegen Sprachnormen gerichteten Konstruktionsweise nicht gerade epische Plots oder sonderlich viele Möglichkeiten zur Selbstidentifikation durch den Leser inne, im Gegenteil sind die Sätze oft Fetzencollagen mit (zu) vielen Adjektiven – nicht zuletzt verstand sich der Dadaismus selbst auch als „Antikunst“. Unbestreitbar ist allerdings die verspielte, collagenhafte Kreativität der sprachlichen Bilder:

Ba5GceHCUAARsXF.jpg_largeAus: „Gesammelte Gedichte“ von Hugo Ball (Zürich: Arche Verlag, 1963)

baumhuelsenbeckAus: „Phantastische Gebete“ von Richard Huelsenbeck (Berlin: Malik-Verlag Abteilung Dada, 1920)

Neben Lyrik gibt es in der Digital Dada Library jede Menge Prosa, Illustrationen mit Texten und natürlich Manifeste zu entdecken. Gerade das Manifest als Statement- und Nichtstatement, in quadratischer, dreieckiger, aber auch geruchloser Form ist eine der Textgattungen des Dadaismus, natürlich niemals unironisch. Besonders liebenswert an diesen Manifesten ist immer der Alles- und Nichts-, Sinnhaftigkeits- und Unsinns-Anspruch, das Changieren zwischen tiefem, fast mythischem Ernst und komplettem Unsinn. Dadaismus ist gleichzeitig Nicht-Kunst und totale Kunst, es ist für jeden und kann von jedem gemacht werden. Wie Richard Huelsenbeck es in einer typisch entflammten Rede im Vorwort des Bandes „Dada Almanach“ ausdrückt:

„Dada kann man nicht begreifen, Dada muss man erleben. Dada ist unmittelbar und selbstverständlich. Dadaist ist man, wenn man lebt. Dada ist der Indifferenzpunkt zwischen Inhalt und Form, Weib und Mann, Materie und Geist, indem es die Spitze des magischen Dreiecks ist […] es tobt, weil es schweigen kann, es handelt, weil es in der Ruhe ist. Dada ist deshalb weder Politik noch Kunstrichtung, es votiert weder für Menschlichkeit noch für Barbarei – es ‚hält den Krieg und den Frieden in seiner Toga, aber es entscheidet sich für den Cherry Brandy Flip‘. Und doch hat Dada seinen empirischen Charakter, weil es Phänomen unter Phaenomenen ist. Da Dada der lebendigste Ausdruck seiner Zeit ist, wendet es sich gegen alles, was ihm obsolet, mumienhaft, festsitzend erscheint. Es prätendiert eine Radikalität, es paukt, jammert, höhnt und drischt, es kristallisiert sich in einem Punkt und breitet sich über die endlose Fläche, es ist wie die Eintagsfliege und hat doch seine Brüder unter den ewigen Kolossen im Niltal. Wer für diesen Tag lebt, lebt für immer.“

dada1Aus: „Merz“ No.9 (Edited by Kurt Schwitters. Hanover, 1923-1932)

Was ich sagen will: Verkaufen Sie Ihren Leichnam zur Hebung der deutschen Fettversorgung! Es gibt da diese phantastische Dada-Bibliothek kostenlos im Netz. Benutzt sie. Dada ist für alle da.

3 Gedanken zu „Kein kleinkalibriges Kamel – Ein Blick ins International Dada Archive“

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