Musikgenres verstehen

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Eine Musikrichtung, die Du selbst nicht hörst. Du stehst vor einem Berg und willst nicht der Ochse sein. Wie leicht wäre es jetzt, einfach weiterzugehen. Nichts ist falscher als das.

Ich erinnere mich sehr genau daran, wie ich vor über fünfzehn Jahren, nach einer überschwänglichen Rezension in einem Magazin, meine erste Black Metal-Platte kaufte (es war Emperors „Anthems To The Welkin At Dusk“), vor allem aber daran, wie ich die schnelleren Songs nur als ein einziges abstraktes, lärmendes und atonales Geräusch wahrzunehmen in der Lage war. Ich war zu dem Zeitpunkt mit keinerlei Musik aus der Ecke vertraut, selbst die Tatsache, dass ich mit gitarrenlastiger Musik, auch den schnelleren Varianten (etwa Metallica und Iron Maiden, was man sich so aneignet in einer Jugend auf dem Dorf) schon einiges an Erfahrung hatte, half mir nicht. Meine Wahrnehmung entsprach genau der Wahrnehmung, die ich heute immer wieder bei Leuten beobachte, die mit dem gleichen Genre zum ersten Mal konfrontiert werden: Die Tracks wirkten wie eine eine laute, monotone Kakophonie. Und dennoch: Aus irgendeinem Grunde war ich stark fasziniert von der Andersartigkeit und Abstraktheit dieser Musik. Heute, etwa 500 Alben aus dem Bereich später, höre ich in den guten Black Metal-Songs extrem komplexe Rhythmen, ich kann die Platten spielend in sehr viele Subgenres unterteilen, ich erkenne wiederkehrende Themata, subtile Melodien treten hinter den Gitarrenwänden hervor, sogar in den Produktionen, die klingen, als wären sie im Wald mit einem Spielzeugkassettenrecorder aufgenommen worden, bin ich in der Lage, diese Dinge zu erkennen. Ein neues musikalisches Universum hat sich mir geöffnet, mir Zugänge zu vielen weiteren Musikrichtungen geebnet und dieses Universum expandiert bis heute in alle Richtungen weiter. In meinem sozialen Umfeld finden sich nur wenige Menschen, die meine Vorliebe für speziell dieses Genre in irgendeiner Form nachvollziehen oder teilen können, aber das ist nicht relevant. Ich hätte sehr wichtige Teile meines musikalischen Lebens und damit auch meines innersten Selbst verpasst, hätte ich meinen Musikgeschmack an mein Umfeld angepasst. Sehr viele Bands und Musiker, Stücke und Texte, die mich seit vielen Jahren begleiten, die ein fester Teil meines Lebens geworden sind und mich vermutlich immer begleiten werden, wären mir verborgen geblieben, hätte ich diesem ersten Hörerlebnis oder meiner Clique vertraut.

Der vorherigen Absatz dieses Textes ließe sich mit nur wenig Aufwand auf jedes beliebige Musikgenre ummünzen. Musikwahrnehmung und die Entdeckung neuer, dem eigenen Ohr noch unvertrauter Spielarten ist vorwiegend eine Sache des Trainings und der Geduld. Das macht auch einen großen Teil des Zaubers aus: Wie eine Sprache kann man verschiedene musikalische Sparten im Laufe der Zeit erlernen, nicht nur dann, wenn man selbst ein Instrument in die Hand nimmt, sondern auch auf der passiven Seite, als Konsument. Das gilt freilich nur für den nichtmuttersprachlichen Teil. Der Rest, der in der Regel aus der eintönigen und gleichförmigen Masse aus zuckersüßem Pop / Pop-Rock / Pop-RnB / Pop-HipHop besteht, der einem an jeder Ecken vorgesetzt wird, muss nicht erlernt werden, weil man ihn durch Fernsehen, Radio, Mitmenschen, sogar Supermärkte und Fahrstühle von Kind an gewohnt ist. Für diesen Teil braucht man keine Mühen mehr aufzuwenden. Er macht allerdings nur einen winzigen Bruchteil aller erhältlichen Musik aus und natürlicherweise auch einen nicht sonderlich komplexen oder varationsreichen. Würde man sich die Einarbeitung in andere Richtungen einfach sparen, man würde gewaltige Massen großartiger und extrem tiefer Musik verpassen.

Auch wenn ich mich schon lange darum bemühe, bei mir selbst alle Lücken zu schließen, die vorhanden sind, habe ich noch einige Genres, mit denen ich hart zu kämpfen habe, weil ich mich noch nicht ausführlich genug mit ihnen auseinandergesetzt habe. (Avantgardistischer) Jazz fühlt sich in meinen Ohren manchmal extrem fremd an, obwohl ich weiß, dass dort ein ganzer Kontinent an Musik liegt, der entdeckt werden will und ich bisher vielleicht maximal die Großstädt ein paar Mal besucht habe, ähnlich geht es mit mit zeitgenössischer, klassischer Musik sowie mit einigen weniger zugänglichen Teilen der Elektro-Szene. In vielen dieser Stücke und Richtungen, die sich nur mit Aufwand erschließen lassen, fehlt das Koordinatensystem des Pop, das man als Kind des Ende des 20. Jahrhundert als eine unumstößliche Gesetzmäßigkeit beim Aufwachsen mit den im Grunde immer gleichen, stark am Pop orientierten und eng verwandten Genres unwillkürlich verinnerlicht hat. Es gibt teilweise nur wenige wiederkehrende Themata, geschweige denn soetwas wie Refrains, das Gehirn kann sich nicht einfach an sich wiederholenden Mustern entlanghangeln, auch leicht memorierbare Melodien sind vielleicht eher selten. Man muss sich diese Musikrichtungen erarbeiten, ihre Eigen- und Feinheiten, ihren Aufbau, ihre Ästhetik, den ideologischen und gesellschaftlichen Hintergrund, ihre geschichtliche Entwicklung und ihre Strukturen zu verstehen lernen. Das ist ein kontinuierlicher Prozess, nichts, dass nach einer bestimmten Zahl Hördurchläufe plötzlich „Klick! Aha!“ macht, aber im Laufe der Zeit macht es immer mehr „Klick! Aha!“ und dann irgendwann sogar „Wow!!1“.

Ich werde um die weißen Flecken auf meiner ganz persönlichen musikalischen Landkarte kämpfen, denn ich weiss, was ich dafür bekomme. Meiner festen Überzeugung nach existieren in ausnahmslos allen Genres sehr gute, gute, mittelmäßige, schlechte und sehr schlechte Alben, freilich in Wahrheit viel feiner abgestuft. Geschmack ist nicht, eine Musikrichtung nicht leiden zu können (das ist Ignoranz), Geschmack ist es, sich so ernsthaft und lange damit auseinandergesetzt zu haben, um eine überzeugende Begründung dafür liefern zu können, warum man eine Platte in ihrem Genre, innerhalb ihres Kontinents und der angrenzenden Länder herausragend oder belanglos findet.

Ach komm, erzähl mir nix (oder doch)

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