App Review: Die Süddeutsche Zeitung (SZ) für iPhone

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Konzept

Die App-Strategie der Süddeutschen Zeitung ist relativ einfach zu überblicken: Tablets und Smartphones werden – eigentlich sehr vorbildlich – mit einer Universal-App bedient, die sich im Wesentlichen aus den Inhalten der Printausgabe speist, zusätzlich ist immer auch das E-Paper zum Download erhältlich. Die Inhalte der jeweils am Abend vor dem Erscheinungstag veröffentlichten App sind zwar vorerst nur eine Auswahl, werden aber in der Nacht vervollständigt und so erhält man die komplette digitale Süddeutsche Zeitung schon vor der Printausgabe. Neben den Texten enthält die App hier und da ein bisschen Multimedia-Content (vor allem Slideshows), der aber in der Summe eher vernachlässigbar ist. Auf den ersten Blick scheint hier alles sehr durchdacht. Worauf allerdings nicht geachtet wurde, ist ein vernünftiges User Interface und die Frage, ob die Universal-App auch auf unterschiedlichen Screengrößen gleichermaßen benutzbar ist.

Usability / User Experience

Fangen wir vorne an: Der Einstieg nervt. Zunächst muss ich mir eine Mail zusenden lassen und mir auf der Webseite über einen mehrstufigen Anmeldeprozess ein „SZ Digital“-Account anlegen, denn die Süddeutsche Zeitung will gerne meinen vollständigen Datensatz inklusive Adresse, was für eine App (auch eine solche mit In-App Purchases) völlig überflüssig ist. Der ganze Anmeldeprozess lässt sich auf dem Smartphone nicht ohne mehrfache Fingerverknotungen durchführen, ein Wechsel auf Desktop wird daher für die Registrierung notwendig. Nach Durchlaufen des Prozesses muss ich nocheinmal mein Konto bestätigen und kann mich dann endlich mit meinem neuen Account in der App anmelden. Ich brauche ingesamt fast 10 Minuten, bis ich die iPhone-App der SZ endlich nutzen kann. Würde ich das Produkt nicht für dieses Review testen, ich hätte vermutlich vor Vollendung abgebrochen.

doubleviewAbb.: Links der „Kiosk“, rechts die Standard-Artikelansicht mit der Tab-Bar.

Die eigentlichen Probleme aber folgen im Anschluss: Die Navigation in der SZ-App ist auf dem Smartphone leider sehr misslungen. Das beginnt mit Irritationen auf der Übersichtsseite: Zwei der drei Menüpunkte („Kiosk“ und „Ausgaben“) unterscheiden nicht etwa, wie wohl ursprünglich gedacht, die erhältlichen und gekaufen Ausgaben, sondern zeigen jeweils beide alle erhältlichen Ausgaben an – in unterschiedlichem Layout und mit unterschiedlichen Bedienkonzepten zur Anwahl einzelner Veröffentlichungen. Nur eine kleine, ein bisschen wie im Nachhinein hinzugeschustert wirkende Icon-Blase indiziert durch ihre Füllung oder Nicht-Füllung mit Farbe den Unterschied zwischen „gekauft“ und „erhältlich“.

Sehr hakelig wird es bei der Navigation innerhalb einzelner Ausgaben der SZ oder des SZ Magazins: Per Doppelklick lässt sich am unteren Rand eine rudimentäre, selbstkonzipierte Tab-Bar einblenden, die sich aus nur schwer erklärbaren Gründen auch automatisch öffnet, wenn man auf Artikel- oder Übersichts-Seiten nach oben scrollt (vermutlich gehen die Macher der App davon aus, dass man beim Nach-oben-Scrollen nicht mehr in dem Artikel lesen, sondern etwas anderes tun will). In dieser Tab-Bar finden sich zufällig zusammengewürfelt ein Zurück-Button, eine Fav-Funktion zum Speichern für einzelne Artikel, ein Action-Button (dessen einzige Funktion es ist, den gerade offenen Artikel per Mail zu versenden), Einstellungen für die Schriftgröße und die eigentliche Navigation in Form des Inhaltsverzeichnis der jeweiligen Ausgabe.

ipadminiAbb.: Auf dem Tablet verhält sich die Inhaltsnavigation genauso merkwürdig, überlagert aber wenigstens nicht den ganzen Screen.

Dieses Inhaltsverzeichnis, das zum Navigieren innerhalb der Ausgaben permanent verwendet wird, befindet sich auf dem iPhone nicht nur auf einer den kompletten Screen überlagernden, eigenen Seite (positives Gegenbeispiel, wie man soetwas eigentlich gestaltet: Slide-Out-Navigation), sondern ist auch sonst eine bedientechnische Kuriosität: Wirken die Ressortüberschriften und Unterartikel zunächst wie eine klassische Akkordeon-Navigation, so stellt sich beim Benutzen heraus, dass der Klick auf eine Überschrift zunächst die Navigation wieder schließt und zu einer Teaser-Seite führt. Erst mit erneutem Öffnen der Navigation bekommt man an gleicher Stelle die ausgeklappten Unterartikel zur direkten Anwahl präsentiert. An dieser Stelle besteht Nachbesserungsbedarf, man könnte auch sagen: Das Navigationskonzept ist völlig undurchdacht.

Design

In Sachen Design ist die App der Süddeutschen Zeitung zweifellos gelungen. Zwar stören hier und dort Formatierungsfehler und Absatzprobleme den uneingeschränkten Genuss der Texte (so findet sich am Ende jedes Artikel eine recht große weiße Lücke und im Kiosk werden SZ und Magazin nicht vernünftig auf gleicher Höhe dargestellt, wiederum ein Problem der fehlenden Anpassung der Universalapp auf Smartphone-Screens), aber im Großen und Ganzen hat die SZ-App ein schönes, sehr zurückhaltendes und nicht-störendes Layout. Auch die Typographie ist auf recht hohem Niveau: Schriftgrößen, Textformatierungen, Absätze, alles ziemlich gut auf den mobilen Lesefluss ausgelegt. Die wenigen und sehr dezenten Icons entsprechen Qualitätsstandards. Einzig die eher spärliche Einbindung von Bildern in Artikel könnte man kritisieren, wobei das vermutlich einfach der Tatsache geschuldet ist, dass die meisten Artikel in der Printausgabe ebenfalls bilderlos daherkommen und man als verwöhnter Web-Leser inzwischen Bilder in jedem Artikel erwartet.

Fazit

Im Gegensatz zur iPhone-App der FAZ bekommt man bei der Süddeutschen Zeitung auf dem iPhone einen echten Mehrwert gegenüber der normalen Webseite: Die App enthält die Inhalte der Printausgabe und wäre damit – vor allem in Kombination mit dem gelungenen Layout – eigentlich hochwertig genug, um den monatlichen Abo-Preis zu rechtfertigen. Man kann jedoch leider nicht über die eklatanten Bedienmängel der App hinwegsehen, die auf dem Tablet noch einigermaßen tragbar (sic!) sind (hier überlagert die Inhaltsnavigation nicht den ganzen Screen), auf dem Smartphone aber voll zur Geltung kommen. An dieser Stelle wurde spürbar geschlampt und der Nutzer wird mit allerlei Merkwürdigkeiten wie sich unpassend selbst einblendenden Tab-Bars und sich äußerst seltsam verhaltenden Menüs alleine gelassen. Bis die Süddeutsche Zeitung hier nachbessert, kann man für die App keine Empfehlung aussprechen.

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