Anderthemen – Texte & Diskurse (IX)

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Unregelmäßige und mit meiner völlig belanglosen Meinung garnierte Leseempfehlungen aus den Weiten des Netzes. Wer diese Texte nicht gelesen hat, der lebt höchstwahrscheinlich an einem besseren Ort und hat mit diesen ganzen Mediendiskursen nichts am Hut.

1. „Titanic-Chef Tim Wolff: Wir sind die freieste Redaktion der Republik“Meedia.de

Ich mag die Titanic sehr. Besonders mag ich an der Titanic, dass der Humor zu jedem Zeitpunkt sehr fordernd und provokativ ist und auch nicht davor zurückschreckt, die eigenen Leser vor den Kopf zu stoßen und damit immer wieder zum Nachdenken zu bringen. Die Titanic, so wirkt es auf mich, veröffentlicht nur selten Inhalte, die auf pure Aufmerksamkeit zielen, es ist meistens etwas doppelbödiges, politisches, hintersinniges in den Texten und Witzen. Bei Meedia gibt es ein langes und vergleichsweise ernsthaftes Interview mit dem Chefredakteur Tim Wolff, in dem dieser unter anderem erklärt, warum die Titanic auch Satire über den Unfall von Michael Schumacher (oder besser: die zugehörige Medienberichterstattung) für gerechtfertigt hält und und warum er der Meinung ist, dass das populäre Satire-Blog „Der Postillon“ nach dem immer gleichen Schema funktioniert (eine Meinung, die ich teile).

2. „Heftig.co: Mortal Wombat“Zeit Online

Es ist gerade in, auf das „Viral“-Blog Heftig.co einzuschlagen, das es mit Hilfe von Facebook geschafft hat, innerhalb von nur einem halben Jahr zu einer der meistverlinkten deutschen Medienwebseiten zu werden. Paradox finde ich daran, dass die Leute, die jetzt besonders heftig (höhö!) über Heftig.co lästern, genau diejenigen sind, die diese Geister seit Jahren rufen: Immer wieder hörte man aus der Netzgemeinde das Loblied auf „demokratische Medien“, die auch an den Leser denken und nicht aus dem Elfenbeinturm herab ihre Hochkultur predigen sollen und eine fast heilige Ehrfurcht vor der Macht „viraler“ Inhalte und Like-Buttons. Heftig.co macht nichts anderes, als genau diese Forderungen konsequent zu Ende zu denken: Der sich gut verbreitende Mist, den alle verlinken, wird neu verbloggt, mit einer Klickbait-Überschrift und ein bisschen Text garniert und das funktioniert irrsinnig gut, auch wenn es oft uralte Sachen sind, die dort auftauchen. Mit Journalismus hat das freilich wenig bis nichts mehr zu tun, aber in ihrer radikalen Ausrichtung auf die Masse ist die Seite aus meiner Sicht schon fast wieder subversiv. Anders ausgedrückt: Machen wir uns nichts vor: Menschen mit kurzer Aufmerksamkeitsspanne wollen lieber lustige Katzenvideos sehen, lange Texte werden wenig geklickt und wenig gelesen und im Grunde nutzt Heftig.co genau diese Tatsache gnadenlos aus. In der Struktur unterscheidet sich die Seite damit wenig von anderen Fundstück-Blogs oder einem beliebigen Twitter-Account / Tumblr-Blog.

3. „Pöbeleien auf Twitter: Fehlender Respekt“FAZ.net

Über Bundespolitiker, die auf Twitter rumpöbeln und dort in Gossensprache und -rhetorik verfallen. Ich bin bezüglich dieses Artikel etwas zwiegespalten: Einerseits mag ich die Menschen, denen ich auf Twitter folge, roh und unzensiert und es ist mir lieber, wenn jemand ohne allzu viele Gedanken seine Meinung raushaut als wenn ein Pressesprecher wohlformulierte Mini-Pressemeldungen in 140 Zeichen veröffentlicht, andererseits müssen Pöbeleien und Beleidigungen unter der Gürtellinie, die auf populistische Zustimmung durch die Mitleser abzielen, wirklich nicht sein. Zwischen „zu förmlich“ und „zu unförmlich“ ist auf Twitter natürlich ein sehr schmaler Grat, den zu erreichen es einige Zeit braucht, aber das ist möglich, das machen schließlich auch… ähm… also… na ja, ok, es macht kaum jemand vor.

4. „Die Google-Gefahr: Schürfrechte am Leben“FAZ.net

Wie problematisch ist die Macht, die die Firma Google auf sich vereint und seit einiger Zeit stark ausbaut? Die amerikanische Wirtschaftswissenschaftlerin Shoshana Zuboff geht der Frage in einem langen, sehr lesenswerten Artikel nach, den auch jeder gelesen haben sollte, der eher zu den Netzoptimisten zählt. Der Artikel zählt nicht nur die bekannten Probleme (Monopolbildung in einer immer digitaler werdenden Gesellschaft, Aushöhlung der Privatsphäre, Big Data, Zusammenarbeit mit der NSA etc) auf, sondern spinnt den Bogen weiter zum nächsten Schritt des „Reality-Mining“, der Analyse von Lebensmustern mit der Hilfe von mobilen Sensoren-Netzen, ein Gedanke, der direkt zu meiner starken Skepsis gegenüber Produkten wie Google Glass führt (die die dreifache Möglichkeit von Überwachung eingebaut haben: Von oben [der Betreiber der Devices hat Zugriff auf die Daten], von unten [man wird von anderen Nutzer überwacht und hat keine Kontrolle darüber, was diese mit den Daten anstellen] und schließlich auch durch sich selbst [man verwanzt sich selbst und wird zum Überwacher anderer Personen]).

5. „Runaway Star Cluster Breaks Free from Distant Galaxy“Universe Today

Ich finde es bei manchen Nachrichten aus dem Gebiet der Astrononomie immer schwer, zu entscheiden, ob das an mir liegt, oder ob das alles wirklich so unfassbar ist, wie es scheint (und würde dafür gerne eine neue Emotion erfinden, die soetwas wie „Demut vor der Unwichtigkeit der eigenen Existenz im Kontext der nicht rational begreifbaren Größe des Universums“ beschreibt): Aus der Galaxie M87 hat sich ein ganzer Sternhaufen gelöst und fliegt jetzt mit 3,7 Millionen Kilometern pro Stunde ins offene Universum. Ein Sternhaufen, das sind tausende Sonnen, möglicherweise mit vielen Planetensystemen und es ist nicht wirklich geklärt, warum das passiert, eventuell hat es mir der Gravitation der dort vorhandenen schwarzen Löcher zu tun. Was zum Teufel?

3 Gedanken zu „Anderthemen – Texte & Diskurse (IX)“

  1. Was ich an dem Zuboff-Essay verblüffend finde, ist, dass die Netzoptimisten den Text für vollkommen unlesbar und absolut hanebüchen argumentiert halten, während Leute, die darin ihre Grundüberzeugungen bestätigt sehen, nichts dergleichen finden. Vgl. (auch die Kommentare):

    Interessantes Lehrstück in Debattenkultur. Wir erreichen vermutlich schnell Bereiche, in denen die Leute beiderseitig des Grabens ebensowenig miteinander reden können wie Demokraten und Republikaner.

    1. Sehe ich ähnlich wie Du in der unten verlinkten Diskussion: Den Text kann man aus beiden Richtungen lesen, so dass er zeigt, auf welcher „Seite“ man steht. In meinem Fall und speziell bei dieser Firma ist es dann wohl seit einiger Zeit eher die Seite der „Warner“.

      Allerdings möchte ich noch anfügen: Dieses schwammige Nitpicking, das der in dem ersten Kommentar verlinkte Nutzer in seinem Facebook-Post betreibt, geht mir zunehmend auf die Nerven. Mit der Methode kann man meiner Meinung nach fast /jeden/ Text dekonstruieren. Oder wie ein anderer Nutzer dort schreibt: „Unequal Weapons“ – das trifft es vielleicht besser.

      Gleichermaßen ist mir völlig rätselhaft, warum „die Netzgemeinde“ offenbar permanent glaubt, es wäre eine gute Sache, internationale Großkonzerne wie Google gegen Kritik zu verteidigen.

Ach komm, erzähl mir nix (oder doch)

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