Das Selbst und das Handeln (im Netz)

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Ich war einige Wochen in den Wäldern von Skandinavien unterwegs. Ich habe Lagerfeuer bei Regen gemacht (der kleine Regenschirm nahm dabei einen Räuchergeruch an, der nicht mehr wegzukriegen ist), mir eine kleine finnische Holzhütte mit einer dort wohnhaften Maus geteilt, mich im See gewaschen und bin durch schwedische Wälder geirrt, in denen das grünliche Moos an den Zweigen der Bäume so lang geworden ist, dass es den Charakter von zotteligen Haaren angenommen hat. In der Region meiner letzten Unterkunft in Finnland gab es einen Ort namens Isolahti und genau so fühlte sich die Reise auch an: Endlose Natur, Bäume, Seen und ein paar Straßen hindurch1. Ich habe ein bisschen photographiert, geschrieben und viel nachgedacht, auch darüber, was ich eigentlich in meiner Arbeit, meiner Freizeit und im Internet so mache und ob und wie ich diese Tätigkeiten fortführen will2.

Falls auch ich mit 54 Jahren das Zeitliche segnen sollte, wie der Mann, der mein klügster Follower auf Twitter war3, dann hätte ich noch knapp 20 Sommer und ich wünsche mir nichts weniger, als diese Zeit damit zu verbringen, hirn- und sinnlose Mediendiskurse zu verfolgen, gar selbst aktiv zu kommentieren oder Dinge zu schreiben, die nach fünf Minuten im Abfluss der Bedeutungslosigkeit verschwinden, dessen bin ich mir felsenfest sicher. Die Vorstellung, mich weiterhin in der Menge, in der ich es bisher getan habe, mit tagesaktuellen Dingen zu beschäftigen, sie aufzusaugen und über sie nachzudenken, klingt für mich nach einer exakten Definition der Phrase „Hölle auf Erden“. Das Problem dabei ist, dass soziale Netzwerke in ihrer Struktur genau auf dieses Handeln zugeschnitten sind und es damit stark begünstigen4. Dazu weiter unten mehr.

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Wichtiger bei der Überlegung, welche Dinge man tut und welche man unterlässt, ist vielleicht nicht die Frage, was man auf keinen Fall tun will, sondern die Wahrnehmung des eigenen Selbst in der sozialen Rolle, die man sich am liebsten selbst zuschreibt.

Ich verstehe mich nicht als Journalist, auch wenn ich anhand meines eigenen Xing-Lebenslaufs feststellen muss, dass ich seit über fünfzehn Jahren ohne größere Unterbrechungen regelmäßig für Zeitungen, Print- und Online-Magazine Texte verfasst habe und dies noch immer tue. Hauptberuflich war ich dagegen immer in den Feldern Design und Konzeption (neuerdings zusammengefasst unter den wesentlich erfolgversprechenderen Buzzwörtern UX/Usability) tätig. In beiden Tätigkeitsfeldern, dem Schreiben und dem Designen/Konzeptionieren (letztere Dinge sind in meiner Wahrnehmung ein zusammengehöriger Bereich) fühle ich mich außerordentlich wohl, ich kann sie meist ohne größere Mühen bewältigen und sie geben mir Sinn, dennoch wären sie mir ohne meine sonstigen Projekte (etwa Photographie, Malen, literarisches Schreiben, solcher Kram) deutlich zu wenig, die beiden Felder alleine treffen (jedenfalls in der Form „Auftragstätigkeit“) nicht den Kern meines Selbstverständnisses, meines „Ich“5.

Sämtliche Bereiche, in denen ich Tätigkeiten ausführe, haben bei genauerer Betrachtung allerdings doch einen gemeinsamen Nenner: Kunst6. Ich bin Künstler, auch wenn es mir zutiefst widerstrebt, das in dieser Form festzustellen und niederzuschreiben, denn ich assoziiere die Aussage „Ich bin Künstler“ unwillkürlich mit langsamen, eher passiven Menschen, die einen Haufen selbstbezogenen Müll produzieren und sonst faul auf der Haut liegen. Es fügt sich aus dieser Perspektive dennoch besser zusammen, als ich es bisher in Worte zu fassen in der Lage war: Mein Hauptinteresse sowohl beim Schreiben als auch in der visuellen und inhaltlichen Gestaltung gilt in erster Linie der kreativen, oft auch emotionalen Ausdrucksform, in zweiter Linie will ich Dinge produzieren, die vorwiegend keine tagesaktuellen Bezüge, sondern einen Langzeitwert haben und in dritter Linie ist es mir ein Anliegen, anderen Menschen zu helfen, bei denen ich ein Talent für kreativen Ausdruck sehe.

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Wie nun könnten und sollten sich diese drei Linien meines Handelns auf das auswirken, was ich im Internet tue und veröffentliche? Welche Konsequenzen für mein Handeln kann ich daraus ziehen? Welche auf der abstrakten, welche auf der konkreten Ebene?

Ich habe versucht, es für mich in fünf formelhafte Sätze zu packen, die ich leicht memorieren kann, die mir dabei helfen sollen, mit der Technologie „Internet“ und mit dem Medium „Zeit“ verantwortlich umzugehen, ohne dabei zu einem Medien- und Konsumopfer zu werden, das sein Leben passiv bei der Beobachtung von Debatten und Ähnlichem weglebt7.

1. Die Geschwindigkeit muss raus

Die Geschwindigkeit muss raus. Das Internet und insbesondere Social Media sind subjektiv betrachtet irrsinnig schnelle Medien, die in einer Geschwindigkeit Dinge, Themen und Texte durch alle Kanäle spülen, deren Konsum nicht mehr gesund ist (siehe Punkt 2). Das schafft für den Einzeluser einen massiven, wenn auch subjektiven Druck, an dieser Geschwindigkeit in genau der gleichen Geschwindigkeit teilzunehmen. Diesem Druck muss man unbedingt standhalten, man darf sich nicht auf das Rattenrennen einlassen, denn man verliert es so oder so, entweder verliert man sich (man investiert endlose Mengen an Zeit, um dann am Ende mit leeren Händen dazustehen) oder man verliert die wichtigen Anderen (wer sich wirklich für Dich interessiert, der liest es nach, aber er entfolgt Dich auch, wenn Du jeden Blogpost 10 Mal in Deine Timelines spammt, übrig bleiben die Karteileichen). Wenn ich mir angucke, dass ich etwas mehr als drei Wochen offline bin und in der Zeit 30 Follower und diverse „Friends“ verliere, dann frage ich mich unwillkürlich, um welche Art von Menschen es sich dabei handelt, weiß aber gleichzeitig ziemlich sicher, dass ich selbst kein Mensch dieser Art sein will8.

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Objektiv betrachtet ist die Aussage „Geschwindigkeit“ über ein beliebiges Medium natürlich irrsinnig: Jedes Medium ist genau so schnell, wie man es zulässt. Lese ich nur fünfzig sehr selektiv ausgewählte Twitterer und lese ich nicht jeden Tag alles, was sie produzieren, dann ist das Medium geradezu großartig langsam, es ist wieder das, was ich am Anfang darin gesehen habe, bevor ich alles mitkriegen wollte und jede Diskussion verfolgt habe, nämlich ein Kommunikationskanal und Autorenportal voller intelligenter Personen. Auf der aktiven Seite darf ich nur veröffentlichen, wenn mir wirklich danach ist, niemals darf ich mich durch Gedanken wie „Ich habe schon lange nichts mehr veröffentlicht“ oder durch „Ich könnte das doch schon mal schnell zeigen“ zu einer voreiligen Veröffentlichung drängen lassen. Die Veröffentlichung und das Feedback darf niemals zum Selbstzweck werden, das ist die Selfie-Krankheit unter der sehr viele von diesen Leute leiden, sie schreiben nicht für das Schreiben, sondern für leere, virtuelle Belohnungen wie Likes oder Favs oder ähnlich fremdgesteuerte Dinge wie Reputation und Anerkennung.

Konkrete Konsequenzen: Niedrigere Frequenzen von Veröffentlichungen; Keine Rücksicht und Beeinflussung durch die Geschwindigkeit der Mitnutzer; Eigenes Tempo finden; Geduld

2. Der Konsum muss reduziert und selektiert werden

Ich bin schon seit längerer Zeit davon überzeugt, dass der Satz „Du bist, was Du konsumierst“ zutreffend ist. Mein ganzes Denken und die Schubladen, das heißt die Strukturen und Muster, in die ich Dinge zum Verständnis einsortiere, bilden sich im Laufe der Zeit aus den Kulturprodukten (Texte, Bilder, Filme, Literatur, Musik), die ich konsumiere. Meine Meinungen, Gedanken, sogar Erinnerungen, sowie konkrete Erlebnisse und Handlungen werden wiederum von diesen Strukturen beeinflusst. Es kann folglich nicht richtig sein, sich sein Gehirn mit Schrott vollzuballern und es kann vor allem nicht richtig sein, das in einer hohen Frequenz zu tun (siehe Punkt Eins). Jeder Konsum von Dingen, insbesondere Kulturprodukten, sollte daher nach Möglichkeit immer reflektiv und selektiv erfolgen. Reflektiv kann Konsum nur dann sein, wenn er in einer angemessenen Quantität erfolgt, so dass die notwendige Zeit bleibt, das Gesehene, Gehörte, Gelesene auch angemessen verarbeiten und analysieren zu können. Selektiv ist Konsum dann, wenn man sich bewusst aussucht, was man ansieht, hört, liest und sich nicht von einem Strom aus Dingen einfach berieseln lässt. Ein ungefiltertes Lesen eines Social Media-Streams mit vielen hundert bis tausend Stimmen ist eine Körperverletzung an sich selbst, auch wenn man im Laufe der Zeit demgegenüber abstumpft9.

Konkrete Konsequenzen: Mehr „guter“ Konsum, weniger „schlechter“ Konsum (Fernsehen, Facbook, Fundstückblogs); Strikt selektive Auswahl der Dinge, die ich lese; Insgesamt weniger Konsum

3. Die Produktion ist mein Gott

Ich bin Produzent, kein Konsument, so wurde es aus irgendeinem Grund irgendwo in das Grundgerüst meiner Software eingeschrieben. Wenn ich vor die Wahl gestellt würde, eine Gitarre zu besitzen und nie wieder fremde Musik hören zu dürfen oder alle Musik der Welt zu besitzen, aber nie wieder eine Gitarre anfassen zu dürfen, würde ich immer die erste Option wählen und so geht es mir mit fast allen Dingen. Die Option, es selbst zu machen, ist für mich immer die beste Option, auch in dem Fall, dass der Weg dorthin sehr steinig ist.

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Ich weiß, dass das nicht bei allen Menschen so ist und allzu oft frustriert mich dieser Aspekt bei anderen Personen, die Tatsache, dass sie eher zur Konsumentenseite tendieren, auch wenn mir ebenfalls bewusst ist, dass das wohl eher eine Persönlichkeitsfrage und kein moralisches Problem ist10. Die Frustration rührt daher, dass ich gerne viel mehr schaffen würde, als ich jemals schaffen kann, dass ich mich mit zu vielen Dingen gleichzeitig überfordere und es mir dann schrecklich ungerecht vorkommt, wenn ich gelangweilte Menschen beobachte, die geschätzte fünf Sechstel der Weltzeit einfach verschwenden. Dieses Problem ausgeklammert betrachte ich einen Tag dann für gelungen, wenn ich an dem Tag etwas geschaffen habe, in dem Fall kann ich glücklich und zufrieden einschlafen. Schaffen kann ich Dinge, indem ich mich nicht ablenken lasse. Die besten Dinge passieren, wenn man völlig im „Flow“ ist. Ein produktiver Tag ist immer ein guter Tag. In diesem Absatz werden viele Phrasen gedroschen, die ich aber tatsächlich so empfinde.

Konkrete Konsequenzen: Monotasking; Jeden Tag an Dingen arbeiten und wenn es nur eine Kleinigkeit ist; Bei allen Sachen die Frage stellen: „Könnte ich das selbst machen?“, aber nicht alle Dinge gleichzeitig machen wollen

4. Interessante Menschen sind meine kleinen Götter

Der erste Schritt dabei, die interessanten Menschen zu den kleinen Göttern zu machen, ist es, die lauten und aggressiven Menschen rauszufiltern. Die Leute, die ihre aktuellen Blogeinträge zehnmal in alle Timelines spammen. Die permanent nur Werbung für sich selbst machen. Die alle paar Monate etwas zu verscherbeln haben und den Leuten Geld aus der Tasche ziehen wollen, die ihnen bereits Aufmerksamkeit zukommen lassen. Die nicht mal davor zurückschrecken, von einem „Wir“ sprechen, um ihr Zeug an den Mann zu bringen11. Ich empfinde ein solches Handeln als asozial, selbst dann, wenn alle anderen von dem jeweiligen Projekt begeistert sind. Vielleicht ist das sogar genau der richtige Weg, wenn man im Netz was werden will, aber die Beschäftigung mit selbstbezogenen, marktschreierisch agierenden Figuren tut mir nicht gut und versperrt mir den Blick auf die wirklich guten Menschen, die meiner Erfahrung nach nur selten laut und aggressiv auftreten.

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Stattdessen: Die Förderung kleiner, unbekannter Schreiber und Künstler, die wirklich etwas zu sagen haben12. Es gibt sehr viele davon, ich sehe sie immer wieder. Ebenso wichtig ist die ernsthafte Beschäftigung mit ihren Werken und die Auseinandersetzung mit diesen Menschen als Personen. Ich möchte in der Zukunft meine Netzbekanntschaften vor allem auf einen Personenkreis reduzieren, der wirklich spannende Dinge tut oder produziert und das sind deutlich weniger Menschen, als man zunächst glaubt. Der Witztwitterer, der die krachigen Bierjokes schreibt und der Vollblutmedientyp, der Blogartikel über die Zukunft des Journalismus verlinkt, das sind keine interessanten Menschen, auch wenn sie oft populär sind, es sind bedauernswerte Gestalten, die sich in die Popularität von einfachen Wahrheiten und stumpfen Kalauern verirrt haben und es gibt viel zu viele davon13.

Konkrete Konsequenzen: Mehr konkreten Kontakt suchen mit interessanten Menschen; Mehr Hinweise und Features von Künstlern und mehr Beschäftigung mit Menschen, die zu wenig beachtet werden

5. Rücksicht auf meine oder Deine Befindlichkeiten ist fehl am Platze

Es ist eine Binsenweisheit, dass man nicht jedermanns Freund sein kann. Ich habe das sehr lange ignoriert, zu oft Rücksicht genommen, meine Meinung oft für mich behalten oder in seichte Witzchen verpackt, um auf keinen Fall zu hart zu wirken. Das muss aufhören, denn ich komme damit nirgendwo hin14. Ich muss mich trauen, Dinge explizit scheiße zu finden und das auch deutlich zu sagen, zu bloggen, zu veröffentlichen, auch auf die Gefahr hin, dass ich mich damit völlig irre, dass ich von jemandem korrigiert werde oder Menschen damit vor den Kopf stoße, die das vielleicht gar nicht verdient haben. Ich muss mich mit meiner Meinung nicht verstecken.

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Wenn ich in der letzten Zeit oft den Konsens gesucht habe, ist das kein erstrebenswerter Dauerzustand, denn er führt zwar auf der positiven Seite dazu, dass man irrelevante Dinge ausblendet, aber im Gegenzug auch dazu, dass man sich auch in relevante Debatten nicht mehr einmischt und insgesamt eine eher fatalistische, weil resignative Grundhaltung annimmt. Die Debatte an sich ist ein wichtiges Werkzeug15.

Eine Reduktion von Befindlichkeiten bedeutet aber auch eine Reduktion meiner eigenen Befindlichkeiten. Auch an schlechten Tagen muss ich regelmäßig an den Dingen arbeiten, die mir am Herzen liegen. Ich werde es in meinem eigenen Tempo (siehe Punkt 1) und mit der gebotenen Sorgfalt tun, aber ich werde mich nicht mehr durch mich selbst oder äußere Hindernisse, die auf mich einwirken, davon abbringen lassen, an jeden Tag ein Stück vorwärts zu kommen und zwar völlig unabhängig von der Frage, ob ich es anschließend veröffentliche oder nicht. Man lernt nur dadurch Fahrradfahren, dass man immer wieder aufsteigt und losfährt16.

Konkrete Konsequenzen: Keinerlei Rücksicht mehr auf die erwartete Reaktion meiner Texte nehmen; Jeden Tag arbeiten, gemachte Dinge selektieren und dann entsprechend veröffentlichen

1 Über die Reise an sich könnte ich mehrere Artikel schreiben. Schweden und Finnland sind zwei wirklich sehr schöne Länder: Fantastische, kulturell reiche Hauptstädte und ansonsten auf riesiger Landfläche vor allem kleine Dörfer und Städte, die mit ein paar Autobahnen und vielen kleinen Straßen miteinander verbunden sind und dazwischen endlose Wälder und Seen, teilweise so grün und dichtbewachsen, dass man sich dort wie im Dschungel fühlt. Außerdem wenige, sehr zurückhaltende, aber freundliche und hilfsbereite Menschen. Alles genau mein Ding.

2 Aus der Einleitung ist vielleicht schon ersichtlich, dass das ein partiell selbstbezogener Text wird. Da ich selbst derartige Texte bei anderen Leuten verabscheue, will ich hier davor warnen, ihn komplett zu lesen, falls Du in der Hinsicht ähnlich gestrickt bist. Die fünf für mich getroffenen Leitsätze für den Umgang mit Medien, die weiter unten stehen, sind deutlich allgemeiner.

3 Einer der wenigen Nachrufe, die mir gut gefielen, war der von Sascha Lobo, vermutlich, weil es kein Nachruf war, sondern ein Text, der eine Lehre aus dem Handeln der verstorbenen Person zog. Viele andere tippen dagegen selbstgefällige, eitle Texte, in denen sie betonen mussten, wie eng sie mit dem Verstorbenen befreundet waren, um sich selbst zu erhöhen. Außerdem mochte ich den vielkritisierten Text, der Schirrmacher als Aufhänger nahm, um generell über Herzinfarktrisiken zu sprechen. Der Text ist zwar in seiner Machart schäbig bis widerwärtig, aber ich habe ihn dennoch zum Anlass genommen, um über mein eigenes Verhalten nachzudenken und daraufhin den schon lange angedachten Entschluss getroffen, doch wieder das Rauchen aufzugeben.

4 Überhaupt ist die Fixierung auf Streams und Timelines meiner Auffassung nach eines der schlechtesten Dinge, die dem Internet bisher passiert sind. Es ist so, als würde man den Leuten am Eingang einer riesigen Bibliothek immer den heißesten Klatsch per Aushang servieren, mit der Folge, dass keiner mehr die eigentliche Bibliothek betritt. Die Metapher habe ich in ähnlicher Form in einem Tweet von @peterbreuer gelesen, sie kam mir hier wieder in den Sinn.

5 Dieses „Ich“ ist natürlich nicht das „Ich“, deswegen die Anführungszeichen. Es ist lediglich das Ich im Sinne der Überlegungen dieses Textes, vielleicht „Das soziale Ich“? „Das handelnde Ich“?

6 Die nähere Betrachtung in aller Tiefe lasse ich hier weg. Es ist im Kürze so: Bei allem, was ich gerne tue, ist für mich der schöpferische Aspekt von zentraler Bedeutung oder andersrum: Ich tue vor allem gerne Dinge, die diesen schöpferischen Aspekt beinhalten.

7 Über das Wort „wegleben“ muss ich bei Gelegenheit länger nachdenken. Es ist ja so: Jeder lebt sich „weg“, Zeit verstreicht, dann kommt der Tod, der lange Teil, das ewige Nichts. Die Frage ist: Ist es für mich nur dann „wegleben“, wenn es passiv ist? Wann ist es nicht „weggelebt“? Oder: Warum messe ich meine verbrachte Zeit in solchen Kategorien wie „gut“ und „schlecht“ und würde ich das auch tun, wenn die Zeit, die mir als Mensch auf diesem Planeten zur Verfügung steht, nicht begrenzt wäre? Schafft vielleicht gerade die Begrenzung erst den Drang, seine Zeit sinnvoll zu verbringen? Ist erst die Endlichkeit, ergo der Tod das, was einen dazu bringt, sinnvolle Dinge zu tun? Und ist es dann wirklich ein Teil von mir oder kommt es als Zwang durch die äußere Form?

8 In dieser Hinsicht wäre es eigentlich klüger, vor einer längeren Abwesenheit seine Accounts zu deaktivieren und sie dann später zu reaktivieren. Ich habe auf derartige Spielchen aber keine Lust und so entlarven sich die Idioten wenigstens von selbst.

9 Insofern ist Social Media das neue Fernsehen, vielleicht ist es auch deswegen so verdammt erfolgreich: Ich logge mich bei Facebook, Twitter, etc. ein und kann mich dann als passiver Konsument endlos mit automatisch neu auftauchenden Dingen berieseln lassen, ohne selbst in höherem Maße aktiv werden zu müssen. Die Älteren werden sich vielleicht daran erinnern, dass das Internet mal als genauer Gegenentwurf zu diesem Konzept betrachtet wurde.

10 Ist das wirklich so? Ich bin mir nicht sicher. Vielleicht ist es auch eine Frage der Einstellung oder anders gesagt: Eine Frage dessen, ob ich den Arsch hochkriege und selbst irgendetwas tun oder mich nur berieseln lassen will.

11 Wir als Netzgemeinde sollten uns solche Vereinnahmungen nicht gefallen lassen, da müssen wir resistenter werden.

12 Was heißt hier „Förderung“? Es ist schwer, das allgemein zu beantworten, aber ich versuche es: Das Bewerben und Unterstützen von Projekten diesen Personen. Die Vorstellung dieser Personen auf meinem Blog und in Magazinen, für die ich schreibe. Als Ansprechpartner, als Freund für solche Menschen einfach da sein. Solche Dinge.

13 Das sind sicherlich alles Schubladisierungen und Vorverurteilungen von Menschen. Aber: Jeder hat diese Schubladen, man braucht sie, um Menschen zu sortieren, die ins eigene Leben treten, sonst müsste man bester Freund einfach jeder Person sein, eine Aufgabe, die bereits rein quantitativ nicht zu bewältigen ist.

14 Wohin will ich eigentlich kommen? Jedenfalls vorwärts. Aus guter alter Tradition heraus progressiv sein.

15 Siehe dazu auch den Artikel, der in Fußnote 1 verlinkt ist. Die Debatte als Werkzeug zu bezeichnen und zu nutzen birgt natürlich wieder die Gefahr, sich in tagesaktuellen Belanglosigkeiten zu verlieren und zu journalistisch zu agieren. Richtiger ist vielleicht: An manchen Stellen ist die Debatte ein geeigneteres Werkzeug als die Kunst, die das wichtigste Werkzeug im Umgang mit Ereignissen der Welt ist.

16 Zu oft verwendete Metapher, die allerdings auf breiter Front verständlich ist, weil hierzulande die meisten Menschen irgendwann Fahrradfahren gelernt haben.

6 Gedanken zu „Das Selbst und das Handeln (im Netz)“

  1. Danke für den Text, den ich sehr gerne gelesen habe. Die Sache mit der Geschwindigkeit und dem Filtern von Dingen im Netz oder überhaupt mit Dingen in der Wahrnehmung, also Konsum, scheint dir ja irgendwie ein längeres Thema zu werden, ich habe sie schon mehrfach hier gelesen.

    So wie das klingt, scheinst du aber auf dem Weg zu sein, da eine Lösung zu finden, vielleicht sogar eine sehr gute! Sich selbst nicht einzufügen in das, was die meisten anderen Menschen tun, ist wohl in vielerlei Hinsicht der richtige Weg, auch wenn er schwer ist. Auch Reduktion ist wohl gut, zumindest dann, wenn man Sachen richtig verarbeiten und wahrnehmen will. Aber wie ganz oben steht: Der Endgegner ist man am Ende immer selbst …

    1. Gar nichts konsumieren geht ja nun auch nicht, man will ja nicht zum Einsiedler werden, der unter einem Stein lebt (vielleicht später, aber jetzt noch nicht) und so stellt sich dann die Frage, wie man die Dinge auswählt und welche man besser nicht auswählt. Endloses und schwieriges Thema für noch viele Texte.

  2. „Ich hasse diese eitlen Nachrufe, aber ich muss unbedingt erwähnen, dass mir Schirrmacher auf Twitter folgte! Ich bin schizophren!!!“

    1. 1. Den Kommentar habe ich meilenweit kommen sehen, ich habe ihn hier sogar schon das zweite Mal bekommen.

      2. Ja, bin ich. Wer nicht?

      3. Du kannst mich sehr gerne auch mit Deinem Namen oder wenigstens Deiner echten Mailadresse kritisieren (so dass nur ich weiß, wer Du bist), kein Problem :).

  3. applaus für offline-zeit und sich mal in ruhe selbst sortieren und konkrete ideen und gedanken und bilder mitbringen. sollten wir alle.

Ach komm, erzähl mir nix (oder doch)

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