Fünf Favoriten vom Bachmannpreis 2014

title14

Anne-Kathrin Heier – „Ichthys“

heierEin echtes Juwel zwischen den vielen pathetischen, geradlininien Trauer- und Gefühlsdusel-Texten (darunter natürlich alle Klassiker: Konflikte mit den Eltern, tote Kinder, Kriegstraumata), die 2014 in Klagenfurt zu hören waren: „Ichthys“ von Anne-Kathrin Heier kam zwar weder beim Publikum noch bei der Jury außerordentlich gut an (löste dafür aber eine wirklich interessante Jury-Debatte aus, in deren Verlauf sogar das peinliche Bekenntnis einer Jurorin fiel, dass sie sich vor allem mit einem Text identifizieren wolle), ist aber für mich dennoch der klare Favorit des diesjährigen Bachmannpreises. Die Berlinerin Heier schafft es in ihrem Text, der sich eindeutigen Genres entzieht und sich zuweilen eher wie Lyrik liest, abstrakte, poetische, ungewöhnliche Metaphern aufeinander zu türmen, die in Summe einen postmodernen, surrealen Großstadt-Text formen, der zuweilen sprachlich droht, in den Größenwahn abzudriften und umzukippen, aber dann doch immer die Kurve hin zu einem losen Plot um eine Ich-Erzählerin mit Suchtproblemen findet. „Ichthys“ ist sicherlich keine Alltags- und Gebrauchsliteratur, sondern hat einen klaren Kunstanspruch, den der Text aber auch einlösen kann. Herausragend.

Das nervt: Wenig, wenn man sich auf die bildliche Sprache einlassen kann, die oft in sehr abseitige Konstruktionen driftet. In „Ichtys“ stehen eher nicht die „Sätze mit kurzer Halbwertszeit“, wenig abgegriffene Phrasen, sondern es kommen „Autos am Rand, die die Grenzen nur in Sommerzeit überfahren“ und „baumelnde[n] Existenzen, die in erhitztem Alkohol die gummierten Ganzkörperanzüge des Tages ertränken, bis sie sich auflösen und schließlich in Bläschen verkapselt aufs Gulliloch zugleiten“ vor. Wer will, der kann sich hier natürlich totlachen und gewollte Kunst sehen, wer mitkommt, der wird belohnt.

Highlights: Die Modernität des Textes, die ganze Bauart, die keinen klaren Plot beinhaltet; Die unbeirrte Konsequenz, mit der der Text seine Wesensart durchzieht; Die Sprache und der Fluss der Sprache; Die Sperrigkeit und die Flucht des Textes vor eindeutigen Lesarten

Michael Fehr – „Simeliberg“

fernAuch wenn bei „Simeliberg“ des Schweizer Autoren Michael Fehr in der Diskussion vor allem das Verhältnis zwischen Vortrag und geschriebenem Wort eine große Rolle spielte (der Text wurde vom Autor im Stehen und in langsamen, gedehntem Tempo gelesen), war es am Ende nicht alleine die Performance, die den Text zu einem Highlight des diesjährigen Wettbewerbs machte: „Simeliberg“ ist in der vorgetragenen Version ein Art von Prosagedicht, das sich jedoch Orthographie und Rhythmik verweigert (böswillige Lesart: Jemand hat willkürlich Umbrüche in einen Prosatext gesetzt), eine schweizerische Dorfästhetik und einen entsprechenden Klang in sich trägt und sprachlich auf eine sehr direkte, konfrontative Art mit dem Leser in Kontakt tritt, man könnte es stellenweise „roh“ nennen. Innerer Monolog, direkte Rede, verschiedene Elemente fließen ohne Abgrenzungen ineinander. Auf der Plotebene bekommen wir einen fast klassischen Krimi inklusive mutmaßlichen Mord, der jederzeit in Gewalt umzuschlagen droht, allerdings mit massiven Leerstellen und Auslassungen ein schattiges, unvollständiges, aber auch sehr düsteres Bild dessen zeichnet, was in der Gesamtheit der Szenerie vor sich geht. Michael Fehr hat bei „Simeliberg“ einen avantgardistischen Ansatz gewählt, um ein klassisches Genre aus einer neuen Perspektive zu denken und das gelingt außerordentlich gut.

Das nervt: Dass der Text als verschiedene Kapitelauszüge eines Romans präsentiert wird (es ist unnötig, das zu erwähnen, falls dem so sein sollte, falls es doch ein Kunstgriff ist, wie ein Jurymitglied vermutete, dann ist es noch überflüssiger)

Highlights: Das schemen- und umrisshafte des Textes; Die Sprache und vor allem die Dialoge und Selbstgespräche, die in dem Text vorkommen; Die avantgardistische Machart in Lyrik-Form in Kombinationen mit einem eher formelhaften, langweilen Genre (Krimi); Die verschiedenen Kapitalauszüge können auch als Highlight gelesen werden, da sie alle gleich leerstellenhaft sind, aber in dieser Zusammenstellung ein funktionierendes Ganzes formen

Tex Rubinowitz – „Wir waren niemals hier“

texrubinowitzTex Rubinowitz hat in Klagenfurt Anti-Literatur gelesen, aber gleichzeitig auch relativ offen auf den Publikumpreis gezielt. Schludrig schnell hastete der aus Hannover stammende Autor durch seine Lesung, verzichtete auf ein Videoportrait (ein Vorteil, denn den Sonderpreis für ein nichtpeinliches Autorenvideo konnte in diesem Jahr wieder mal niemand für sich entscheiden) und inszenierte sich in Summe so als der Außenseiter und Rebell unter den Intellektuellen, dass man es schon fast wieder nervige Masche empfinden hätte können. Zum Glück aber passte sein Text zur Performance und war entsprechend eindrucksvoll: Humorvoll, zynisch, modern, komplett in Umgangssprache erzählt Rubinowitz in „Wir waren niemals hier“ vom unmöglichen und immer wieder scheiternden Versuch einer Liebe und es ist einer der wenigen Texte, den man sich als einen Roman vorstellen kann, den man zwar schnell, aber mit Genuss weglesen kann und der nicht permanent „Ich bin Literatur“ ruft. Die Metaphorik, die Konstruktion des Plots und die Mittel waren trotzdem sehr gut gesetzt: So wird etwa das Augenschließen beim Kuss mit dem Augenschließen der Toten und dem Augenschließen von Kindern verglichen, die sich wegimaginieren wollen und der Text reflektiert sich und sein Schreiben explizit selbst. „Wir waren niemals hier“ kommt ohne die den Bachmannpreistexten übliche, bedeutungsschwangere Schwere und Ernsthaftigkeit aus und schafft es dabei trotzdem, gute Literatur zu sein. Solide Arbeit und schöner Text.

Das nervt: Stellenweise ist der Text zwanghaft auf der Jagd nach überflüssigen Pointen; die mit ein paar Sätzen eingefügte Rahmenhandlung, die als Aufhänger wirkt (der Erzähler bekommt Jahre später eine Facebook-Anfrage seiner ersten Liebe, deren Geschichte im Hauptteil verhandelt wird) ein bisschen konstruiert

Highlights: Der Humor, an den Stellen, an denen die Pointen zünden; Der lakonische Tonfall und die Ungezwungenheit des Textes, der explizit nicht prätentiös und überladen sein will, seine Motive aber dennoch sehr eindrucksvoll vermittelt

Roman Marchel – “ Die fröhlichen Pferde von Chauvet“

machelEin beklemmendes, im Tonfall unaufgeregtes Stück über das Alter: Wir folgen der Protagonistin Hermine Grundner durch ihr Haus, in dem sie mit ihrem sterbenen Mann lebt, in dem eigentlich „keine alte Frau sein will“, Gespräche mit nicht anwesenden Personen, mit ihren merkwürdige Eigennamen tragenden Pflanzen, ihrer Tochter (die ebenfalls mit Verlust zu kämpfen hat) und ihrer Katze führt und die langsam ihre Erinnerungen zu verlieren droht, in die sie dennoch permanent abgleitet. Es ist eine eher konventionelle Erzählung, die Roman Marchel mit „Die fröhlichen Pferde von Chauvet“ präsentiert, aber sie bleibt dem Leser präsent, weil er schafft, nicht nur seine Hauptfigur, die er fast zärtlich behutsam entfaltet, sondern auch das Thema des Texte extrem plastisch und realistisch zu machen. Ohne allzu großes Pathos und ohne dass der Schauplatz und Fokus wirklich wechseln müssen, bekommt der Leser einen sehr intensiven Einblick in die Geschichte, die Beziehungen und die Emotionen einer alten Frau, die „niemand mehr fragt […], wer oder was sie sein will“.

Das nervt: Die Katze, die vor allem als Gesprächspartner in die Geschichte integriert wurde, ist für meinen Geschmack etwas zu viel des Inventars (die anderen Figuren und die Selbstgespräche hätten diese Funktion auch erfüllen können);

Highlights: Wie sich Erinnerungen und Imaginationen im Verlauf des Textes vermischen; Die ganze Familiengeschichte, die in den Text eingewebt ist; Der drastische Schluss; „Mit dem Handrücken wischt sie eine Träne weg, die auf ihrer Wange nicht ist. Eine Erinnerung, die es nicht geschafft hat, wirklich aufzutauchen.“; Die Figur will die Erinnerungen und die zugehörigen Gefühle wegwischen, „die sie als eine Art Staubschicht umgeben“, aber nicht gänzlich, „weil etwas bleiben soll, zum Aufwirbeln“;

Niemand – „Nichts“

ingeborgEinen fünften Favoriten konnte ich trotz intensiver Suche (d.h. das erneute Lesen aller Wettbewerbsbeiträge ohne den Vortrag und ohne Live-Kommentierung auf Twitter, was doch in manchen Fällen das Urteil beeinträchtigt) in diesem Jahr leider nicht finden. Ich lasse die Stelle daher lieber frei als zwanghaft noch einen weiteren Text auszuwählen, von dem ich nicht restlos überzeugt bin.

Das nervt: Dass in diesem Jahr in Summe sehr viele schwache Texte gelesen wurden – die entweder zwanghaft literarisch und übermäßig bedeutungsschwanger waren oder gleich in die übliche Befindlichkeitsprosa abdrifteten, am Besten mit Weltkrieg oder Todesfällen in der Verwandtschaft als Hintergrund; das letzte Jahr hatte deutlich stärkere Texte zu bieten, eigentlich sollte man lieber die nachlesen

Highlights: Ein paar Texte sind dennoch außer der Reihe erwähnenswert: Karen Köhlers „Ill Commandante“, die leider aufgrund von Krankheit kurzfristig absagen musste, gefiel mir ganz gut, das kleine Kammerspiel „Ignis Cool“ in einem liegengebliebenen Auto von Romana Ganzoni ist außerdem durchaus lesenswert. Die beiden in diesem Artikel nicht erwähnten Siegertexte (es gibt insgesamt vier Preise und einen Publikumspreis zu gewinnen) konnten mich dagegen nicht überzeugen.

3 Gedanken zu „Fünf Favoriten vom Bachmannpreis 2014“

  1. Dass Rubinowitz Anti-Literatur wäre, kann ich nun wirklich nicht finden. Du räumst es ja auch selber ein: eine nervige Masche, die Du nur deswegen gut findest, weil sie ohne Aussetzer und gekonnt inszeniert ist. Also souverän auf der Klaviatur des Publikums gespielt, Preis abgeräumt: check. Was daran bemerkenswert sein soll, weiss ich nicht.

    Bemerkenswert finde ich eher das donnernde Schweigen, mit dem Du Varatharajahs Text bedenkst, bzw. ich vermute mal, der ist mit dem Adjektiv »pathetisch« abgehandelt. Eine Pathos-Diskussion sollten wir vielleicht wirklich mal führen, wobei ich hier noch nicht mal von Pathos sprechen würde. Das ist ein Text, der was wagt, der eine Aufgabe zu lösen hat, und der sich einen Dreck darum kümmert, wie man gefälligst zu sprechen habe.

    1. Zu Rubinowitz: Ja, das wirkte alles sehr inszeniert. Aber der Text war halt trotzdem ohne all das ein wirklich guter Text, da kann man imho nichts dran rütteln. Zusätzlich passte die Inszenierung aber auch noch zum Ton des Textes, also eher Pluspunkte für die Performance. Auf dem ersten Platz hätte ich ihn aber nie vermutet, das lag wohl auch daran, dass kein andere Text Konsens unter der Jury gefunden hat.

      Den Varatharajah-Text fand ich in mehrfacher Hinsicht problematisch: Wie Du schon vermutest, fand ich ihn sehr pathetisch, er wirkte auch ein bisschen kalkuliert und vor allem missfiel mir diese komische Dialog-Form, die dann aus irgendeinem Grunde auch noch als „Facebook-Chat“ explizit betont wurde (kein normaler Mensch spricht so in einem Dialog oder gar Chat). Gegen Pathos (nehme ich oft als Kitsch war) habe ich wahrscheinlich aber so oder so eine starke Abneigung.

      1. Ich habe den Verdacht als hätten wir jeder eine bestimmte Grundentscheidung zum jeweiligen Text getroffen und würden dann alles dieser Grundentscheidung unterordnen. »Der Text ist flach.« – »Ja, super, passt genau ins Bild!« – »Der Autor zieht eine affige Show ab.« – »Ja, super, passt genau ins Bild!«

        Was Varatharajah betrifft (ich muss mir den Namen jedesmal irgendwoher kopieren): So redet nicht nur keiner auf Facebook, so redet überhaupt nirgendwo einer. Diese Pseudo-Facebook-Montage läßt den hohen Ton, den er anschlägt, um so störrischer und out-of-this-world wirken, finde ich. Wirkt jedenfalls völlig anders als wenn dieser Ton einfach so unverortet in der Gegend stünde.

Ach komm, erzähl mir nix (oder doch)

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s