Gute Dinge von Menschen aus dem Internet (I)

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In meiner Funktion als „kritischster Mensch der Welt“ finde ich nur selten Gefallen an Dingen, die Menschen tun, die ich aus dem Netz kenne. Aber wenn, dann. Daher will ich an dieser Stelle (und hoffentlich in Zukunft regelmäßig) verschiedene Kulturerzeugnisse vorstellen, die die Aufmerksamkeit und Zeit wert sind.

Ianina Ilitcheva – „183 Tage“ (Kunst- / Literaturband)

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@blutundkaffee hat zwischen den Jahren 2012 und 2013 sechs Monate ohne Kontakt zu anderen Menschen gelebt und sie hat in dieser Zeit eine Unmenge an unterschiedlichsten Materialien und Texten produziert, die in dem Kunstbuch „183 Tage“ roh und unzensiert und doch in liebevoller Zusammenstellung der Öffentlichkeit präsentiert werden. Oder wie sie es ausdrückt: „Ich stelle mich der Stille“. Die 183 Tage, die Einsamkeit und der ganze Rahmen sind aber schlussendlich aber nur ein Aufhänger, ein notwendiges Konstrukt. Was das in vielerlei Hinsicht sehr beeindruckende, mit ganzen 256 Seiten im A4-Format daherkommende Buch wirklich zusammenhält, ist: Das Schreiben und die Persönlichkeit der Autorin.

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Die Sätze und die Worte von Ianina oszillieren vom Philosphischen über das Privateste zum Surrealen und wieder zurück und gleiten immer wieder ab ins pure Wilde und den Wahnsinn. „Muss mein Möwisch aufbessern. *Kkkaaawh-awwh-awh*“, heißt es da auf einem der der vielen abgedruckten Notizzettel und ein paar Seiten später folgt dann eine hingeworfene Skizze mit einem ganzen Bündel der Tiere, dann wieder lange Tagebucheinträge mit Lyrik, Dialogen und Gedanken, konkreter Poesie, Selbstportraits, eingeklebten Blumen, die mit den Fundorten in Form von Straßennamen verknüpft wurden.

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Alle ausgewählten Inhalte haben ihre Berechtigung, die gewählte Form mit getippten Texten, Fotografien, Zetteln, Skizzen in abwechselndem Rhythmus ist wahrscheinlich sogar ideal gewählt, um einen Einblick in das recht vielseitige und in jeder Variante hochwertige Schaffen von Ianina zu geben. „183 Tage“ läuft auf einen hundertfachen Blick aus verschiedenen Perspektiven in verschiedene Aspekte der Seele einer ungezähmten Künstlerin hinaus, die ihre Persönlichkeit vor allem mit Worten und Sätzen sehr gut zu auszudrücken weiß. Man kann das Buch zur Hand nehmen, auf einer beliebigen Seite aufschlagen und direkt in die dort präsentierte Gedankenwelt springen, die sich stark unterscheidet von der Welt an einer anderen Stelle, aber dennoch erkennbar dem gleichen Hirn entspringt.

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„183 Tage“ ist ein beeindruckendes Sammelsurium aus Exzentrik, Wahn und wahnsinnig guten Textfragmenten. Das Buch kann über die Autorin direkt erworben werden.

Update: Jetzt auch hier und im Buchhandel.

René Weisel: „Sabyne – Eine Frau macht alles richtig“ (Theaterstück)

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@nouveaubéton hat es noch einmal getan: Er hat nach dem preisgekrönten* „Tempelhofer Freiheit“ (*siebzehnter Platz bei irgendeinem Lokalwettbewerb mit neunzehn Teilnehmern) ein zweites Theaterstück geschrieben, das noch eine Ecke pointierter und schärfer mit den Absurditäten der Generation Twitter abrechnet. Und das Schönste ist: Es funktioniert auch dann noch als Stück, als ein modernes Märchen, wenn man nicht versteht, worauf er referiert. Das unerhörte Ereignis eines Wals, der aus dem Nichts in einem Dorf am Fuße des Monte Verità in der Schweiz strandet (an einem Süßwasser-See) und durch den Fäulnisprozess zu explodieren droht, hebt die Verhältnisse in der Welt, in der die Hauptfigur Sabyne als selbsternannte Prinzessin bloggend und twitternd und schriftstellernd im Elfenbeinturm über dem Geschehen schwebt, aus den bisher stabilen Verhältnissen. Mit der Explosion des Wals droht auch die Implosion der Hauptfigur, die bislang vor allem mit sich selbst und der Narration (in Form der als Figur auftretenden Regieanweisungen) beschäftigt war.

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Man kann das Stück „Sabyne“ auf unterschiedliche Arten lesen, in erster Linie ist es aber eine sehr gelungene Satire auf die vielen selbstsüchtigen Aktivistendarsteller in „wichtiger Mission“, die in den sozialen Medien ihr Unwesen treiben und dabei den Bezug zur Realität und zu sich selbst verlieren. Auch auf der sprachlichen Ebene kann Nouveaubeton überzeugen: Minimalistische Sätze, die Dramen-Verse mit Umgangssprache mischen und im Gedächtnis haften bleiben. Schlüsselszene: „Genug, bitte. / Was ist mit uns? / Denken Sie doch an den Wal! / An das Dorf! / Da unten!“, appelliert die Frau aus dem Dorf, worauf Sabyne nur die Antwort „Es sagt mir nichts, / das so genannte Unten!“ zu geben vermag.

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Der Autor René Weisel weiß genau, was er hier tut, er beherrscht sein Handwerk und er beherrscht es auf eine sehr kunstvolle, verspielte, humorvolle, und ja, auch niederträchtige Weise. Ein sehr lesbares und gelungenes Stück von einem „unmöglichen Autor“, das hoffentlich auch seine Aufführung erleben wird.

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„Sabyne – Eine Frau macht alles richtig“ kann bei Scribd in verschiedenen Formaten online gelesen oder kostenlos downgelordet werden. Alle downlorden!

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