Komplett-Review: Alle Alben von The Smashing Pumpkins

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In der Reihe „Komplett-Review“ rezensiere ich die vollständige Discographie von Bands oder Solokünstlern in chronologischer Reihenfolge. Die Bewertung erfolgt auf einer Skala bis 10 Punkten. In der heutigen Folge: Der Aufstieg und die Implosion einer Band aus Chicago, die mehr als nur eine Rockband sein will.

Gish (1991)

gishDie Gitarrenparts sind über weite Strecken deutlich stärker als die noch nicht direkt beim Zuhörer hängenbleibenden Gesangsmelodien und Song-Strukturen, die Produktion ist im Vergleich zu den späteren Alben eher amateurhaft: Auf ihrem Debütalbum „Gish“, das nach einem alten Stummfilm benannt ist, präsentierte sich die junge Band The Smashing Pumpkins 1991 das erste Mal der Öffentlichkeit. Als eine Art psychedelischere Variante von Nirvana wurden sie daraufhin gehandelt, als eine der vielen Grunge-Bands, die damals in relativ kurzer Zeit erfolgreich wurden, blieben sie die ersten Jahre im Gedächtnis.

Die Musik auf „Gish“ ist roh und unpoliert, aber sie ist schon deutlich ambitionierter als die üblichen paar hingeworfenen Powerchords und sich reimende Gesangszeilen, die man damals auf MTV von so vielen Bands hört. Lange Gitarrensoli, psychedelische Parts, immer wieder entfernt sich die Band von typischen Strophe-Refrain-Strophe-Schemata und lässt den Songs viel Raum, sich in verschiedene Richtungen zu entfalten, um am Ende doch wieder alles zusammenzuführen. Auch Balladen und viele ruhige Passagen sind bereits enthalten. Manchmal hat man zwar weniger das Gefühl, einen kohärenten Song zu hören, als vielmehr in eine sehr gelungene Jamsession einer psychedelischen Rockband mit einem echt guten Leadgitarristen geraten zu sein, die selbst nicht so genau weiß, ob sie Black Sabbath-Metal oder doch Beatles-Pop sein will, aber das macht sehr viel Spaß.

Man hört auf Gish an vielen Stellen schon sehr deutlich das Potential dafür heraus, dass The Smashing Pumpkins eine große Karriere vor sich haben werden. Es ist ein nicht nur für Fans der Band durchaus lohnenswertes, gitarrenlastiges und auf sich selbst und nicht auf das Publikum fokussiertes Album, das die Fähigkeiten von Billy Corgan durchaus zeigt, auch wenn es noch nicht ganz die Qualitäten der späteren Werke erreicht. (7/10)

Siamese Dream (1993)

siamesedreamMan kann von den Smashing Pumpkins halten, was man will, aber „Siamese Dream“ ist das Album, auf das sich alle einigen können. Zu Recht: Auf dieser Platte von 1993 sind schon alle Elemente enthalten, die die Band später zu dem weiterentwickeln wird, was als ihr Sound bekannt wird, enthalten sind Gitarren-Layer über Gitarren-Layer, verschiedene Stilrichtungen im Songwriting und enthalten sind vor allem einige der stärksten Lieder, die Billy Corgan jemals geschrieben hat. Im Fahrwasser der zu dem Zeitpunkt explodierenden Popularität von Gitarrenmusik gehen The Smashing Pumpkins auf „Siamese Dream“ einen großen Schritt über ihr Debüt-Album hinaus: In 13 komplexen und mit großartigen Melodien vollgestopften Kompositionen beweist Hauptsongwriter Billy Corgan, dass er weit mehr kann, als nur ein paar Rocksongs schreiben und im Studio auf Platte bringen. Auch wenn The Smashing Pumpkins auf „Siamese Dream“ im Kern noch eine klassische Rockband bleiben und eher subtil die anderen Richtungen ausloten, merkt man doch an allen Ecken und Enden die Ambition hin zu etwas deutlich Größerem.

Die Spannungen mit den anderen Bandmitgliedern und diverse Kämpfe mit sich selbst hatte Corgan zu diesem Zeitpunkt schon auszutragen, aber er schaffte es auf „Siamese Dream“, diese Konflikte mit der Hilfe von absolut erstklassiger Gitarrenarbeit und sehr gelungenen Lyrics in Songs zu übersetzen und einen Stil zwischen Rockmusik und Pop zu entwickeln, der in der Zukunft Tonnen von anderen Bands inspirieren sollte. Man kann dieses Album am Stück anhören und wird auf keine langweilige Stelle, keinen schlechten Song stoßen.

Fragt man Musikliebhaber, welches ihr Lieblingsalbum von The Smashing Pumpkins ist, dann wird die Antwort in den meisten Fällen „Siamese Dream“ lauten. Es ist nicht so pompös und überzogen wie „Mellon Collie & The Infinite Sadness“, es ist nicht so schrammelig und lose strukturiert wie das Debüt „Gish“, nicht so experimentell wie „Adore“ und doch enthält es all die Facetten der späteren Alben auf rudimentärem Niveau schon mit und das, obwohl Bandleader Billy Corgan hier fast nur die klassischen Instrumente einer Rockband und verdammt gutes Songwriting einsetzt. Ein Album, das in jede Sammlung und jede Bestenliste der 90er gehört. (10/10)

Mellon Collie and The Infinite Sadness (1995)

melloncollieJetzt will er endgültig beweisen, was er kann. Der Legende nach nimmt Billy Corgan für dieses Album absurde Unsummen an Takes für jeden Song auf, er arbeitet Tag und Nacht im Studio und treibt mit seinem an Besessenheit grenzenden Perfektionismus alle Menschen um sich herum in den Wahnsinn, während er ein Album entwirft, dass der Welt zeigen soll, dass er nicht nur irgendeiner von vielen Band-Leadern ist, die die Grunge-Welle nach oben gespült hat, sondern ein verdammt guter Musiker, einer der besten der Welt. The Smashing Pumpkins nehmen eine Art von bombastischer Rock-Oper auf, ein Doppelalbum, sie diversifizieren ihren bisherigen Stil in drei bis vier Richtungen gleichzeitig, sie schreiben Hits, sie schreiben Pop, sie schreiben Metal, sie schreiben Klavier-Kompositionen und orchestrale Elemente dürfen auch nicht fehlen. Sogar Zweitgitarrist James Iha darf zwei eigene Songs beisteuern. Hier ist keine klassische Rockband mit Gesang, Gitarre, Bass und Drums mehr am Werk, die ihr einfach nur ihr nächstes Album aufnimmt, „Mellon Collie and The Infinite Sadness“ wird größer, viel größer.

Der Zeitpunkt der Veröffentlichung ist perfekt, die Leute haben sich am unprätentiösen Schrammelrock von Nirvana, Soundgarden, Pearl Jam und Co. (dessen Popularität paradoxerweise auch The Smashing Pumpkins erst bekannt gemacht hat, die gar nicht in die Reihe gehören, wie sie jetzt beweisen) sattgehört, die Songs sind trotz ihrer Vielseitigkeit allesamt verdammt gut, „Mellon Collie and The Infinite Sadness“ wird zum internationalen Megahit. Aus dem 28 Songs umspannenden Album werden insgesamt sechs Singles ausgekoppelt, die unterschiedlicher nicht sein könnten, „Mellon Collie and The Infinite Sadness“ gewinnt alle Awards, die man gewinnen kann und verkauft alleine in den USA 10 Millionen Einheiten (10-fach Platin). Jeder, der seine Jugend in den 90ern und nicht unter einem Stein verbracht hat, ist mit dieser Platte in irgendeiner Form in Berührung gekommen.

Man kann „Mellon Collie and The Infinite Sadness“ auch heute noch auf zufällige Wiedergabe stellen, fünf Songs daraus anhören und man wird auf keine schlechten Erlebnisse und vor allem auf eine enorm hohe Bandbreite von musikalischen Stilen stoßen, die dennoch wie aus einem Guß wirken. „Mellon Collie and The Infinite Sadness“ ist ein Statement, ein eindrucksvolles Denkmal für die Tatsache, dass Größenwahn manchmal eben doch funktionieren kann, wenn der richtige Kopf zur richtigen Zeit mit einer manischen Arbeitsethik am Werk ist. Und es ist eine der besten Rock-Platten der 90er Jahre. (10/10)

Adore (1998)

adoreEnde der 90er sah es in weiten Teilen der Musiklandschaft tatsächlich danach aus, als sei das Thema Gitarrenmusik mit verzerrten Riffs im Sinne der Alternative- und Grunge-Welle vorerst durch. Neuere, eher elektronisch orientierte Acts wie The Prodigy, Massive Attack oder Nine Inch Nails eroberten den Musikmarkt, alte Helden der frühen 90er hatten das Handtuch geworfen oder sich gleich eine Kugel bzw. zu viel Heroin in den Körper gejagt. Sogar Metallica machten plötzlich Blues-Rock statt Metal. Dem Trend dazu, den Verstärker runterzudrehen und neu zu überlegen, wo die Reise zum Anfang des neuen Jahrtausends hingehen könnte, folgte dann auch Billy Corgan, zumal die überdimensionierte Rock-Oper „Mellon Collie & The Infinite Sadness“ mit den gleichen Mitteln scheinbar sowieso nicht mehr zu toppen war.

Das Ergebnis hört auf den Namen „Adore“ und ist ein leises, unaufdringliches, emotionales Album, das Klaviermelodien und Akustikgitarren mit stilvoll eingesetzten elektronischen Elementen kreuzt. Ein menschlicher Schlagzeuger taucht auf der Platte gar nicht erst auf, Jimmy Chamberlin war zuvor wegen seiner Drogeneskapaden vom Bandleader gefeuert worden (und kam erst mit der nächsten Platte zurück). „This Future-Folk Thing“ haber er damals erschaffen wollen, sagte Billy Corgan in einem viel späteren Interview, natürlich nur, um anschließend hinzuzufügen, dass er damit gescheitert wäre. Ein Scheitern von „Adore“ aber kann nur eine Person diagnostizieren, die allein die Mehrfach-Platin-Verkaufszahlen des Vorgängers als Referenz für Erfolg nimmt.

In Hinblick auf die musikalische Qualität ist „Adore“ hingegen zweifellos eines der besten Alben von The Smashing Pumpkins: Gespenstische Balladen, große, traurige Gesten, kleine, intime Songs, merkwürdige Bastarde aus Alternative-Rock und Elektro und darunter immer ganz viel richtig gute Pop-Melodien, die kleben bleiben. Zwar waren die eher engstirnigen und gitarrenfixierten Fans der Band nicht wirklich für diesen radikalen und mutigen Schritt zu begeistern, den die Band hier gemacht hat, aber ein harter Kern der Smashing Pumpkins- und Musiklieberhaber-Fangemeinde feiert „Adore“ noch heute als Meilenstein. Sechzehn außergewöhnlich gute Songs, verpackt in einen sehr originellen Sound. (9/10)

Machina/The Machines Of God (2000)

machinaDas als letztes Album der Band angekündigte „Machina/The Machines Of God“ (und der dazu gehörige, nur zum Download veröffentlichte Nachfolger „Machina II/Friends and Enemys Of Modern Music“) ist alles und ein Stückchen mehr von dem, was The Smashing Pumpkins bis zu diesem Zeitpunkt ausmachte, zusammengeführt in einer vielfältigen, faszinierenden Sammlung an unterschiedlichen Songs, die dennoch ein kohärentes Ganzes bilden: „Machina/The Machines Of God“ ist ein massives Konzeptalbum mit einer ausladenden Story-Line und fantastischem Artwork, die Musik spannt den Bogen über Stadionrock, Metal-Elemente, Singer/Songwriter-Balladen, elektronisch beeinflussten Pop, episch-lange, psychedelische Songs mit Tonnen von Gitarrentexturen. Es sollte nach Wunsch von Billy Corgan schon wieder ein Doppelalbum werden, aber die Plattenfirma wollte aufgrund des kommerziellen Misserfolges des Vorgängers nicht mitspielen. Es sollte auch eine triumphale Rückkehr zum Rock werden. Bei den Live-Performances traten die Bandmitglieder auch schon mal in langen, weißen Roben, mit merkwürdigen, kronenhaften Kopfbedeckungen und seltsamem Makeup als die Mitglieder der fiktiven Band The Machines Of God auf, deren Aufstieg und Fall in den Lyrics des Albums erzählt wird. Auf dem Papier könnte man glauben, dass Billy Corgan zu diesem Zeitpunkt endgültig wahnsinnig geworden war, dass er David Bowie, Madonna und Kurt Cobain gleichzeitig sein wollte. In einem der Songs fragt er ernstaft: „If I were dead / would my records sell?“.

Zusammengehalten wird die pathetische Monstrosität von „Machina/The Machines Of God“ von sechzehn Songs, über die man zum Großteil sagen kann, dass einer schöner und mehr pumpkins (Adjektiv) ist als der andere. Es ist ein Fan-Album, es enthält alles, was man sich als Anhänger der Band wünschen kann, und es macht gleichzeitig auch nur wenig Kompromisse beim Songwriting, es biedert sich fast nie an oder geht den einfachen Weg. Einige Tracks verlieren etwas von ihrer Faszination, wenn man einen Schritt zurück geht und sie aus der Distanz betrachtet, aber in sich und im Kontext dieses Albums ist alles aus einem perfekten Guss geformt. „Machina/The Machines Of God“ ist wie kaum ein The Smashing Pumpkins-Album zuvor ein Gesamtkunstwerk aus Musik, Texten, Performances und Artworks geworden und man muss es auch als solches betrachten.

Es wäre trotz der leichten Schwächen in Sachen Songwriting in vielerlei Hinsicht das perfekte Ende gewesen. Hätten The Smashing Pumpkins wie angekündigt nach „Machina/The Machines Of God“ und „Machina II/The Friends & Enemies of Modern Musik“ aufgehört, Platten zu veröffentlichen, ihr kompletter Output wäre für lange Zeit, vielleicht für immer relativ immun gegen jede ernsthafte Form von Kritik gewesen. (8/10)

Zeitgeist (2007)

zeitgeistIm Jahr 2007 waren The Smashing Pumpkins etwas in Vergessenheit geraten, eine Unmenge an neuen Bands war im neuen Jahrtausend nach oben gespült worden, auch wenn die Fanbasis immer noch existierte. Die Nachfolgeband Zwan, für die Billy Corgan mehr als 150 Songs geschrieben, aber die falschen auf das Debüt-Album gepackt hatte, war auf unschöne Weise implodiert (es war schon wieder Billys Kontrollsucht und sein Ego). Er wollte weg von der bei Zwan nach außen gepflegten Hippie-Attitüde, weg vom der eher poporientierten Musik, die er seit der Auflösung von The Smashing Pumpins gemacht hatte. Er wollte vor allem wieder unter dem Namen The Smashing Pumpkins auftreten, Musik veröffentlichen, die mit Hilfe des Namens auch eine signifikante Menge von Menschen erreicht. Es war ihm egal, dass zwei der vier Originalmitglieder keine Lust mehr auf ihn hatten. Er wollte hart rocken, es sollte wieder Kunst sein, er schrieb 30minütige, proglastige Songs, die es nicht auf die Comebackplatte „Zeitgeist“ schafften, auf der trotzdem die langen, rifforientierten Tracks dominierten. Er wollte The Smashing Pumpkins mit einem lauten, großen Knall wieder zurück in die Musiklandschaft bringen, auch wenn die Band jetzt vor allem aus seinem übergroßen Ego bestand. Ein Statement sollte es wieder sein, dieses mal mit weniger Bombast im Konzept, aber ebenso großen, genau durchgeplanten Songs.

Schief geht auf dem Album „Zeitgeist“ allerdings leider so ziemlich alles. Die Produktion von Roy Thomas Baker ist derart trocken, steril und auf Lautstärke gebügelt, so dass die Ideen untergehen, die Songs sind in weiten Teilen sowieso eher mittelmäßig. Zu allem Übel mischt der Produzent auch noch die schon immer gewöhnungsbedürftige Stimme von Corgan viel zu weit nach oben in den Mix und lässt zu, dass Corgan auch noch den Background-Gesang selbst einsingt (aber man kann sich sehr gut vorstellen, wie jener es für eine fantastische Idee hält). An einigen Stellen fühlt es sich so an, als ob zwanzig nasale Stimmen in absurden Lyrics einen Choral quäken würden, unter dem Metal-Gitarren wabern, die noch immer nach Black Sabbath suchen.

Das Album funktioniert in der Summe seiner Teile einfach nicht, es fehlt an allem. An den beiden fehlenden Bandmitglieder D’arcy Wretzky und James Iha liegt es nicht, Drummer Jimmy Chamberlin, der noch immer an Bord ist, macht im Rahmen seiner Möglichkeiten in den Tracks außerdem eine geradezu großartige Figur. Es liegt an der Konzeption der Songs, es liegt an Billy Corgan, dessen übliche Besessenheit und Überzeugtheit von sich selbst auf diesen Album krampfhaft und sehr unsympathisch wirkt. Größenwahm funktioniert eben nur mit Substanz dahinter. Zeitgeist ist leider ein Desaster mit einigen lichten Momenten geworden, ein Album, das zu viel will und zu wenig kann. Das mit Abstand schlechteste Album von The Smashing Pumpkins. (3/10)

Oceania (2012)

oceaniaJetzt ist er alleine. Der grandiose Schlagzeuger Jimmy Chamberlin hat es nicht mehr ausgehalten und spielt nur noch in seiner eigenen Jazz-Rock-Band, The Smashing Pumpkins sind endgültig nur noch Billy Corgan und ein paar angeheuerte Aushilfsmusiker. Er behauptet freilich, das wäre schon immer so gewesen, er hätte schon immer alle Songs alleine geschrieben und vermutlich stimmt das auch, aber die hör- und fühlbare Dynamik von guten Musikern, die schon lange zusammen spielen,  vor allem die Dynamik zwischen Corgan auf der Melodie-Seite und Chamberlin mit seinem Jazzbackground, der ungewöhnliche Grooves unter die Kompositionen packte, die kann man nicht alleine machen, egal, wer die Songs schreibt.

Es allen beweisen, der Welt zeigen, wie gut er ist, das will er natürlich trotzdem wieder und immer noch. Dieses Mal soll und muss es klappen, daher gibt es auf „Oceania“ keine Experimente, die Nummer-Sicher wird angepeilt: „Oceania“ klingt so, als hätte ein Musiker am Reißbrett versucht, ein klassisches The Smashing Pumpkins-Album zu konstruieren, ein Album, das alle alten Fans wieder an Bord holt und versöhnt. Ein paar Synth-Experimente hier und da dürfen mit rein, sonst dominieren die lange bekannten Gitarrenschichten und die alte Mischung aus riff- und melodielastigen Songs, die auf „Oceania“ allerdings allesamt nicht nur in Richtung Pop lugen, sondern scheinbar auch daraufhin getrimmt wurden, im Radio gespielt zu werden und Massen von Menschen zu erreichen und zu begeistern. Dass das eigentlich eine künstlerische Bankrotterklärung ist, ist Billy Corgan egal, es kann ihm in gewisser Hinsicht ja auch egal sein, solange er es als Songwriter schafft, zu überzeugen, so war es immer. Jede seiner bescheuerten Ideen war nur so lange bescheuert, so lange sie nicht funktionierte, sonst wurde sie im Nachhinein als genial interpretiert.

„Oceania“ ist kein schlechtes Album geworden, aber leider ist es auch kein gutes. Es erweckt den Eindruck eines fernen Echos von all dem, das die Smashing Pumpkins in den 90ern ausgemacht hat, es ist ein Album, zu dem man keine Meinung mehr haben muss, es wirkt stellenweise erschreckend egal, wie College-Rock, der auch im Supermarkt als Hintergrundmusik laufen kann. Aber wenn man genau hinhört, blitzen hier und dort wirklich spannende Melodien und Passagen auf, die Songs sind toll gemischt, der Sound ist homogen und wirklich mitreißend. Am Ende fehlen leider die richtig guten Ideen, auch wenn man nie das Gefühl los wird, dass sie da noch irgendwo drin sein könnten, im Kopf von Billy Corgan, dessen letzte richtige bewegende Songs jetzt schon zehn Jahre in der Vergangenheit liegen. Er hat derweilen bereits zwei neue Alben für Ende 2014 und 2015 angekündigt. Eins soll experimentell sein, eins klassischer Pumpkins-Sound, das weiß er schon, bevor er die erste Note schreibt. Mit einem davon wird es klappen mit der Rückkehr des Erfolges, da ist er sich ganz sicher. Es muss, so denkt er. Dass er mit genau der Einstellung schon ein Dekade lang verhindert, dass das endlich passiert, das merkt er nicht mehr. (5/10)

3 Gedanken zu „Komplett-Review: Alle Alben von The Smashing Pumpkins“

  1. Der Artikel hat die unterschiedlichsten Reaktionen in mir ausgelöst. Haken wir schnell die schlechten ab; ich wurde an „Zeitgeist“ und „Oceania“ erinnert. Das war nicht schön. Ansonsten gehe ich mit den Bewertungen und den Texten nahezu konform. Ich bin allerdings ein großer Fan von „Adore“, das ich just in diesem Moment wieder einmal hervorgekramt habe und höre, so dass ich hierfür auch eine 10 zücken würde. Billy Corgan dürfte eines der klassischen Beispiele für „Genie und Wahnsinn“ sein. Ohne sein Ego hätte es ein Werk wie „Mellon Collie“ nie gegeben, leider ist an diesem Ego auch der würdevolle Abgang, den sie hätten haben können, wie Du richtig schreibst, gescheitert. Danke für diesen Artikel und die schönen Erinnerungen.

    1. Die „Adore“ ist für mich ganz subjektiv auch das bessere, vielleicht sogar das beste Album der Band. Ich war damals besessen von dieser Platte, weil sie so anders als andere Musik und doch so warm und vertraut klang. Hingegen bin ich mir bei „Mellon Collie“ ein winziges Stück weit immer unsicher, ob das nicht so over-the-top ist, dass es eher eine 9 verdient hat.

      Aber „objektiv“ muss man sagen, dass die Reihenfolge doch umgekehrt ist, finde ich. „Mellon Collie“ ist wohl das Lebenswerk, für viele Fans sind dagegen „Adore“ oder „Siamese Dream“ die heimlichen Favoriten (je nach persönlicher Präferenz zu Gitarrenmusik / Avantgarde).

      Jedenfalls: Jetzt, wo Du es sagst, fällt es mir auch nochmal auf, dass das drei (Fast-)Volltreffer von Alben in einer Reihe das waren, sowas ist extrem selten. Schade, dass er es später wieder einreißen musste, indem er unbedingt den Namen weiter verwenden wollte.

  2. Ich gehöre zwar zu denen, die Adore nicht ganz so gut finden und dafür Siamese Dream und Mellon Collie umso mehr, aber den Artikel find ich richtig gut gelungen. Alles sehr toll und im Detail analysiert. Vor allem in der Reihe hat man das Gefühl, die ganze Geschichte der Band nachlesen zu können… das würde ich echt gerne für noch mehr Bands lesen.

Ach komm, erzähl mir nix (oder doch)

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