Ich nenne es Sternweh

sternweh

Früher empfand ich beim Nachdenken über die Gesamtheit dessen, was ist, ein Gefühl, das man mit „Demut vor der Größe des Universum“ umschreiben könnte. Ich konnte in meinem winzigen 150-Seelen-Kaff in Bayern, in dem die Lichtverschmutzung noch sehr gering ist, weil während des täglich wiederkehrenden Zeitraums, in dem sich Europa auf der von unserer Sonne abgewandten Seite des Planeten befindet („Nacht“), alle Leute ihre Lichter löschen und es nur drei Straßenlaternen und zwei andere Käffer in fünf Kilometern Entfernung gibt, in denen das genauso ist, ins Freie gehen, einen Liegestuhl nehmen, den Blick nach oben richten, die von uns aus sichtbaren Sterne der insgesamt 100 bis 300 Milliarden Sterne umfassenden Milchstraße (drücken Sie bei dem Link ein paar Mal auf das Plus-Symbol in der oberen Ecke) in Ruhe betrachten und mich dabei sehr klein und unbedeutend fühlen. Ich fühle mich noch immer klein und unbedeutend, wenn ich Ähnliches tue, aber durch das von mir ständig praktizierte Lesen von Wikipedia-Artikeln über den sich permanent erweiternden, menschlichen Wissenstand der Astronomie hat sich dieses Gefühl mit etwas Anderem vermischt, mit einer Art von Depression darüber, dass ich die wirklich bedeutenden Entdeckungen nicht mehr miterleben werde. Das „Ende der Geschichte“ wurde schon ausgerufen, ich glaube, sie hat noch sehr lange nicht angefangen.

Erst vor weniger als hundert Jahren hat sich durch Beobachtungen von Edwin Hubble durchgesetzt, dass unsere Milchstraße nicht alles ist, das existiert. Aus heutiger Sicht scheinen die damals als Universum angenommenen Sternensysteme unserer Milchstraße eine fast noch eine aus dem erweiterten Handgelenk des Gehirns überschau- und begreifbare Größe für alles, das existiert. Dann wurde aus dem Andromeda-Nebel plötzlich die Andromeda-Galaxie, unsere Nachbargalaxie, die selbst so groß ist, dass sie trotz 2.5 Millionen Lichtjahren Entfernung am Nachthimmel deutlich größer erscheinen würde als der Mond, wenn sie heller leuchten würde. Inzwischen geht man von geschätzen 170 Milliarden Galaxien aus, die in noch viel größeren und viel kleineren, schlicht allen denkbaren Größen und in unterschiedlichsten Formen vorkommen und die allesamt wiederum scheißviele Milliarden Sterne enthalten. Und um viele, vielleicht die Mehrheit dieser Sterne kreisen Planeten, wie wir immer deutlicher feststellen.

Wir Menschen auf unserem kleinen blauen Planeten streiten uns derweilen über lächerlichen Irrsinn wie Lokalpolitik, konzeptuell-erfundene Linien, die Landmassen in verschiedene Bereiche aufteilen („Staaten“), Religionszugehörigkeit und sexuelle Orientierung unserer Mitmenschen, wir freuen uns über die Errungenschaft eines Roboters, der im unwirtlichen Wüstensand des Nachbarplaneten herumfährt und sind nicht mal im Ansatz dazu in der Lage, auch nur unsere umliegenden Nachbarsterne zu erreichen, die zwischen 4 und 16 Lichtjahren entfernt liegen. Das am Weitesten von der Erde entfernte, menschengemachte Objekt ist die 1977 gestartete Voyager 1. Sie hat inzwischen nur 17 Lichtstunden geschafft und im August 2012 nach 35 Jahren endlich unser Sonnensystem verlassen. Das derzeit am weitesten von der Erde entdeckte Objekt ist 13.3 Milliarden Lichtjahre entfernt. Der uns nächste Stern, das Doppelsternsystem Alpha Centauri, ist 4.2 Lichtjahre entfernt. Es wird noch hunderte, vermutlich eher tausende Jahre dauern, bis interstellare Forschungsmissionen überhaupt nur denkbar sind. Vermutlich wird die Forschung anschließend aus politischen und finanziellen Gründen für diverse Generationen wieder eingestellt, falls in den ersten drei von dreihundert Milliarden Sternsystemen unserer Galaxie nichts wahnsinnig Interessantes zu finden sein sollte. Überhaupt haben wir hier doch genug Probleme, diese Verschleuderung von Steuergeldern muss sofort aufhören, was soll das denn bringen?! Wir schaffen es noch sehr lange nicht, wenigstens unsere unmittelbarste Umgebung genau zu erforschen, von deren Orten die meisten Menschen noch nie im Leben etwas gehört haben und auch nie hören werden.

Bei dem bloßen Versuch, mir vorzustellen, wie viele extrem unterschiedliche Lebewesen, Orte, Kulturen und Geschichten es dort draußen aus rein statistischen Gründen schon geben muss, stosse ich sehr regelmäßig an die Grenzen meines menschlichen Verstandes. Wahrscheinlich denke ich gerade deswegen so gerne dort hin, weil es für mich nicht begreiflich ist, weil an dieser Stelle Naturwissenschaft und Philosophie gleichermaßen versagen. Das Nachdenken über die Größe des Universums übersteigt den menschlichen Horizont im wörtlich denkbarsten Sinne. Die allerdings (wenn auch gefühlt langsam) fortschreitende und immer wieder spektakuläre neue Ergebnisse liefernde Erforschung des Universums wäre aus meiner Sicht der beste Grund dafür, sich als Mensch Unsterblichkeit zu wünschen. Die Möglichkeit, Entdeckungen zu erleben, die bekannte Denkstrukturen und uralte Prämissen über das Leben selbst mit einiger Wahrscheinlichkeit komplett auf den Kopf stellen werden, ist jedenfalls extrem verlockend.

Hundertsiebzig Milliarden Galaxien und wir schaffen es nicht mal ansatzweise zu unseren direkten Nachbarsternen. Falls es die psychische Krankheit „permanent an die unfassbare Größe des Universums denken müssen“ gibt, dann leide ich daran. Ich nenne es Sternweh.

7 Gedanken zu „Ich nenne es Sternweh“

  1. Ähm, nur nebenbei bemerkt: Voyager hat das Sonnensystem noch sehr lange nicht verlassen – die komplette Oortsche Wolke liegt noch vor ihr, sind also noch so ca, 1,6 Lichtjahre…

  2. Schöner Text, ich kenne das Gefühl nur zu gut. Ich denke wir löschen uns leider gegenseitig aus, bevor wir in der Lage sind interstellar zu Reisen. Eigentlich will keiner Krieg, irgendwie ist er jedoch immer allgegenwärtig. Irgendeiner muss uns ja wohl immer wieder davon überzeugen, das Krieg die Lösung ist. Sollte derjenige damit aufhören und sagen interstellares Reisen wäre der Weg, dann sehe ich Hoffnung ;-) oder wir lehnen irgendwann als Gemeinschaft fest keine Führer mehr zu brauchen und nehmen unsere Demokratie selbst in die Hand. Vielleicht hört dann diese Deckelung unserer Explorationswünsche durch einige Wenige, 35 Jahre nach den Mondlandungen, auf und wir brechen auf in eine neue Ära.

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