Schwarze Perlen: Die besten Black Metal-Alben der 00er und 10er (II)

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Aus der Kategorie Zeug, das keiner kennt: In meiner kleinen Musikfundgrube gibt es heute zum zweiten Mal ein paar hervorragende Black Metal-Alben zu entdecken, die deutlich zu wenig Aufmerksamkeit bekommen. Der erste Teil der Reihe findet sich hier.

Es gab in der Musikgeschichte selten einen besseren Zeitpunkt, ein Black Metal-Hörer zu sein als die Gegenwart: Das noch immer junge Genre, das in seiner heutigen Form gerade erst zwanzig Jahre alt geworden ist, ist in besserem Zustand als je zuvor. Der ideologische Ballast wurde weitestgehend abgeworfen, Vorurteile wurden abgebaut, die Bands haben sich in verschiedenste Richtungen entwickelt, kommen aus aller Welt und selten zuvor erschienen jedes Jahr so viele hochwertige Veröffentlichungen. Auch die Klagen einiger Traditionalisten über den „Hipster Black Metal“ aus Amerika, der Post-Rock-Tendenzen ins Genre gebracht hat, sind weitestgehend verstummt. Black Metal ist 2015 ein Sammelbecken für eine Vielzahl unterschiedlich klingende Bands, die sich in einigen Elementen auf einen gemeinsamen musikalischen Kern berufen, sonst aber sehr individuell und kreativ agieren. Einen Einstieg in die besten Veröffentlichungen der 00er und 10er Jahre mit Schwerpunkt auf die Gegenwart möchte ich heute geben.

The Great Old Ones – „Tekeli-Li“

tekeli-liDer Novellentitel „Berge des Wahnsinns“ könnte auch gut als Drei-Wort-Mikrorezension des Konzeptalbums „Tekeli-Li“ von The Great Old Ones durchgehen, denn genau so klingt die Musik der französischen Lovecraft-Fans: Meterhohe, düstere Gitarrenwände und atonale Soli, mit wuchtigen Soundtexturen ausgekleidete Songs sprengen auch schon mal die Zehn-Minunten-Grenze. Frontmann Benjamin Guerry sorgt mit seinen Vocals für die Abrundung der beklemmenden und psychotischen Atmosphäre dieses Albums, dessen Klang nur mit wenig anderen Bands vergleichbar ist. „Tekeli-Li“ ist das beste Black Metal-Album des letztes Jahres und ein Kandidat für viele Genre-Listen zum Ende des Jahrzehnts. Eine sehr beeindruckende Leistung.

Weiterlesen: Ein Ausführliches Review bei Sputnikmusik
Anhören: “Behind The Mountains”

Sinmara – „Aphotic Womb“

sinmaraEs muss an der Einsamkeit, der Natur und/oder dem Wetter liegen: In ganz Island gib es nur 30 Metal-Bands und gefühlte 29 davon machen richtig gute Musik. Neuester Kandidat auf der Liste ist das Black Metal-Allstar-Projekt einiger sich schon in anderen Bands verdient gemachter Musiker namens Sinmara, das schon auf seinem Debüt-Album so eigenständig und hochwertig agiert, dass man glauben könnte, eine Band vor sich zu haben, die seit vielen Jahren in der interational ersten Liga des Genres mitspielt. „Aphotic Womb“ überzeugt als Gesamtpaket: Ein abstrakter, sehr psychedelischer Gitarrensound und ungewöhnliche Riffs, die trotzdem klar im Black Metal der alten Schule verortet sind, eine glasklare Produktion, vielseitige und hochwertige Songstrukturen und ein obendrein ein sehenswertes Artwork verbinden sich zu einem kohärenten Gesamterlebnis. Wäre dieses Album in den frühen 90ern erschienen, es wäre heute eine Genre-Legende. Uneingeschränkte Empfehlung.

Weiterlesen: Ein Ausführliches Review bei CVLT Nation
Anhören: Das ganze Album auf YouTube

Alraune – „The Process Of Self-Immolation“

altrauneAmerika, Land des modernen Black Metal: Die Zahl der neuen und empfehlenswerten Bands aus den USA wächst in exorbitanter Geschwindigkeit. Dazu gehören auch Alraune aus Nashville, die mit „The Process of Self-Immolation“ einen großen musikalischen Sprung nach vorne gemacht haben: Nur vier Tracks (und ein Intro) finden sich auf dieser Platte, die alle auf verschiedene Arten in die Länge ausufern. Dabei verbinden Alraune sich widerstrebende musikalische Tendenzen: Sie streuen wiederkehrende Themata und atonale Tremolo-Riffs in die Tracks, rumpeln aber auch gerne sehr punkig und oldschool vor sich hin. Es gelingt der Band, ihre langen Songs so zu arrangieren, dass strukturell niemals in Langeweile oder zu starke Monotonie aufkommt. Anders ausgedrückt: Alraune klingen wie wenig andere Bands, sondern vor allem nach sich selbst. Es macht großen Spaß, ihnen zuzuhören.

Weiterlesen: Ein Ausführliches Review bei Pitchfork
Anhören: “Exordium”

Blut Aus Nord – „Memoria Vetusta III: Saturnian Poetry“

banDie französische Avantgarde-Band Blut Aus Nord zu einem „Geheimtipp“ zu erklären ist ziemlich gewagt, gehören sie doch seit Jahren (zu Recht) deutlich über die Szene hinaus zu den international meistbeachteten Black Metal-Bands. Ihr aktuelles Album „Memoria Vetusta III: Saturnian Poetry“, das eine vor achtzehn Jahren begonnene Alben-Trilogie abschließt (BAN arbeiten gerne und oft mit Albentrilogien, die die höchst unterschiedlichen musikalischen Richtungen der Band zeigen), verdient allerdings dennoch besondere Beachtung zwischen all dem Output, den die Band in den letzten Jahren auf die Welt gebracht hat: Es darf als neue Messlatte gelten für das, was man in der Gegenwart unter Symphonic Black Metal zu verstehen hat: Ein opulentes und bombastisches Werk, das mit sehr vielen unterschiedlichen Gitarrenschichten und Melodien eine hohe Konzentration des Zuhörers verlangt und das sich trotz seiner Komplexität auf die Wurzeln des Genres besinnt. Auf den Punkt gebracht: „Memoria Vetusta III: Saturnian Poetry“ klingt schon beim ersten Anhören wie ein moderner Klassiker.

Weiterlesen: Ein Ausführliches Review bei Sputnikmusik
Anhören: “Forhist”

Sannhet – „Known Flood“

sannhetEs ist leicht, Sannhet eine kalkulierte Ausrichtung auf eine bestimmte Zielgruppe zu unterstellen: Ihr Album „Known Flood“ soll erklärtermaßen Kunst sein, die Band kommt aus New York, verarbeitet angesagte musikalische Stilrichtungen, darunter auch Post-Rock, tritt überbetont anti-kommerziell auf und die Bandmitglieder sehen auch entsprechend hipster-mäßig aus. So weit, so generisch. Die fast vollständig instrumentale und sehr melodieorientierte Musik auf „Known Flood“ überzeugt trotzdem restlos: Auch wenn das hier über weite Strecken wenig mit der skandinavischen Idee des Black Metal zu tun hat, zeichnen Sannhet doch ein eindrucksvoll sphärisches Bild mit der Hilfe extremer Gitarrenmusik, das zwischen schnellen und schleppenden Passagen hin- und herpendelt. Es ist geradezu erstaunlich, welche unterschiedlichen Stimmungen die Band mit Hilfe der drei Instrumente Gitarre, Schlagzeug und Bass zu erzeugen vermag, die dennoch in Summe ein sehr stimmiges Gesamtkunstwerk ergeben. Sannhets „Known Flood“ ist ein sehr modernes, aber auch bodenständiges und äußerst kreatives Album. In diese Richtung darf sich der Black Metal der Zukunft gerne entwickeln.

Weiterlesen: Ein Ausführliches Review bei Pitchfork
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Marduk – „Wormwood“

mardukMan kann von Marduk halten, was man will, man kann ihnen aber kaum absprechen, die Motörhead oder vielleicht eher die Pearl Jam des Black Metal zu sein: Keine andere Band ist über so eine langen Zeitraum ihrem (Oldschool-)Stil derart stoisch treu geblieben und keine andere Band veröffentlicht in so konstanter Regelmäßigkeit Alben, die nie unter einen bestimmten Mindestqualitätsstandard fallen. Das elfte Studioalbum der Schweden mit dem Titel „Wormwood“ soll an dieser Stelle allerdings aus genau gegenteiligen Gründen empfohlen werden: Weil es das wahrscheinlich experimentellste Marduk-Album ist. Auf „Wormwood“ spielen Marduk einen Black Metal, der mit Doom-, Sludge- und einigen fast progressiven Elementen (insbesondere Vocalist Daniel „Mortuus“ Rostén liefert hier eine unglaubliche Performance ab) versetzt ist, sie blicken über ihren eigenen Tellerrand, variieren Geschwindigkeiten und Songaufbauten und klingen so vielseitig wie auf keinem anderen ihrer Alben. Wer wissen will, welche hervorragenden Musiker in dieser Krachband aktiv sind, der sollte hier ein Ohr riskieren, auch wenn „Wormwood“ unter Marduk-Fans eben wegen des Stilbruchs eher unbeliebt ist.

Weiterlesen: Diverse gesammelte Reviews bei Metal Archives
Anhören: Das ganze Album auf YouTube

Fell Voices – „Fell Voices“

fellvoicesDen Grad der Ablehnung des Mainstreams kann man bei Black Metal-Bands manchmal schon an den Songtiteln und der Länge der Tracks ablesen. Die Amerikaner von Fell Voices sind in dieser Hinsicht ein Extrembeispiel: Ihre frühen Alben trugen nie Titel, die Songs trugen keine Namen und waren allesamt um die 20 Minuten lang. So hält man sich effektiv Leute vom Hals, die sich nicht ernsthaft mit Musik beschäftigen. Wer sich davon nicht abschrecken lässt, den erwartet auf der 2011er Platte „Fell Voices“ moderner US-Black Metal, der stilistisch wie eine psychedelischere und rohere Version von Wolves In The Throne Room klingt. Die beiden Tracks des Albums sind hypnotische, in jedem Sinne des Wortes ausufernde Stücke in Lo-Fi, Musik, die sich langsam aufbaut, man möchte sie wegen der spärlichen und nach weit hinten gemischten Vocals, der dominanten Gitarren und der vielen unterschiedlichen Melodien fast Post-Black Metal nennen. „Fell Voices“ ist ein Album for Fortgeschrittene, aber es lohnt sich sehr.

Weiterlesen: Ausführliches Review bei Sputnikmusic
Anhören: „Untitled (I)“

Thorns – „Thorns“
thornsSicherlich hat der Ruf der enigmatischen Figur Snorre Ruch, seines Zeichens einziges Bandmitglied von Thorns und von Anfang an unterwegs im „Inner Circle“ der ersten Black Metal-Bands in den frühen 90ern, dazu beigetragen, dass das erste Thorns-Album in der Szene sehr positiv aufgenommen wurde. Nicht minder verantwortlich ist allerdings die ungewöhnliche Musik: Schon Anfang der 00er zeigten Thorns, dass Black Metal auch dann eine einzigartige Atmosphäre evozieren kann, wenn er sich den starren Formeln und Schemata verweigert, die das Genre damals prägten. „Thorns“ ist eine Kopfgeburt: Eine futuristische, klaustrophobische Platte mit kaltem, präzisen Gitarrenriffs und spärlichen elektronischen Elementen, die aus der Masse der Veröffentlichungen sehr deutlich herausragt. Das Debüt blieb neben einem schon vorher auf einem Kleinst-Label erschienenen Split-Album mit Emperor und weniger Demos das einzige offizielle Lebenszeichen von Thorns. Zwar gab es im laufe der Jahre immer mal wieder Spekulationen über einen Nachfolger, Snorre Ruch ist aber seit fünfzehn Jahren wieder von der Bildfläche verschwunden und das hat den Kult um seine Person nicht kleiner werden lassen.

Weiterlesen: Eines der seltenen Interviews mit Snorre
Anhören: Das ganze Album auf YouTube

Thaw – „Thaw“

thawMan kann die polnische Band Thaw trotz ihrer betonten Eigensinnigkeit in direkter Linie dessen lesen, was die zuvor besprochenen Thorns fünfzehn Jahre früher begonnen haben: Die Band baut stark auf Industrial- und Noise-Einflüsse, konstruiert allerlei experimentelle Soundwelten um ihre ganz eigene Form von Black Metal, die zwar noch mit einem Bein in der Tradition steht, mit dem anderen aber ungewöhnliche Wege geht und sogar ganz eigenen Regeln für Songaufbau erfindet. „Thaw“ ist ein kompromissloses, monolithisches und hermetisch sehr in sich verschlossenes Album und es funktioniert gerade deswegen sehr gut. Wenn man wissen will, wie experimenteller Black Metal in den 10er Jahren klingen kann, dann darf man in dieses Album reinhören.

Weiterlesen: Ein ausführliches Review auf Sputnikmusic
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Falls Of Rauros – „The Light That Dwells In Rotten Woods“

fallsofraurosIn einem Satz: „The Light That Dwells In Rotten Woods“ ist eine der stärksten Folk-Black Metal-Platten der letzten zehn Jahre. Falls Of Rauros sind genau zu den Dingen in der Lage, von denen viele Bands aus dieser Ecke des Genres träumen: Sie verbinden Akustik-Gitarren und hochmelodische Folk-Passagen absolut nahtlos mit langen, epischen Black Metal-Strukturen. Die majestätischen sechs Songs auf ihrem dritten und bislang besten Album „The Light That Dwells On Rotten Wood“ wirken wie Landschaftsgemälde, es sind sorgfältig konstruierte und schlüssig aufgebaute Reisen durch Kopfwelten, die musikalisch absolut hochklassig sind. Ein Album, dem man das Attribut „schön“ zuschreiben kann.

Weiterlesen: Diverse gesammelte Reviews bei Metal Archives
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