Ohne Zähne und Klauen (2): Die Implantat-Operation

wolf2a

Ein persönlicher Zwischenbericht betreffend meine über Jahre verdrängten Zahnprobleme, die schließlich in einer gleichermaßen kostspieligen wie unvermeidlichen Zahnarzt-Odyssee mit dreifacher Implantat-Operation endeten.

Der Anfang

Nach meinem ersten Artikel zum Thema „Zähne“ entschied ich mich zunächst für den klassischen Weg, den man als echter Kerl und Dinge anpackender Problemlöser einschlägt: Ich tat erst mal gar Nichts. Ich ließ noch über ein weiteres Jahr verstreichen, in dem ich mich zuweilen in Selbstmitleid suhlte, den drohenden Zahnarztmarathon immer in Hinterkopf behielt und einfach in gewohnten Bahnen weiterexistierte. Dass dieser Ansatz meine Probleme nicht gerade verbesserte, vermag sich jeder vorzustellen, der versteht, dass Zähne zu jenen Teilen des Körpers zählen, die leider nicht mit Selbstregenerationskräften ausgestattet sind (es sei denn, man ist z.B. ein Haifisch). Ich sparte in diesem Jahr aber auch eine kleine Summe Geld, vor allem dadurch, dass ich meine Ernährung wochenweise immer mal wieder auf die Version „Basic“ umstellte (nur Dinge essen und trinken, die der Körper zum Überleben benötigt) und auch sonst wenig Ausgaben tätigte. Nebenbemerkung: Es ist erstaunlich, wie schnell man sich daran gewöhnt, sich von Nudeln, Reis und Gemüse zu ernähren und kein Problem mehr damit hat, auf Dauer schadet es aber dem Sozialleben, wenn man an dem Ritual „Essen gehen“ selten teilnehmt.

Das Zähneziehen

Im Oktober wurde es dann mehreren Rechercherunden für den richtigen Arzt, nach mehreren kleineren Testbesuchen, Kostenvoranschlägen, deprimierenden Konversationen mit der Krankenkasse und weiteren Selbstmitleidrunden endlich unvermeidlich: Das Ziehen der zweieinhalb kaputten Backenzähne stand an, ein Ereignis, das mir als Zahnarzt-Phobiker ganz besonders viel Vorfreude bereitete. An einem grauen Oktobermorgen hatte ich die Ehre, der ersten Zahnextraktion meines Lebens beizuwohnen. Genauer gesagt war es eine Doppelvorstellung, denn es wurden gleich zwei Backenzähne nacheinander extrahiert, links unten (links unten kam mir aus irgendeinem Grund besonders schlimm vor). Gegen acht Uhr war ich bereits eine halbe Stunde in Form eines Häuflein Elends durch das neblige Hamburg geirrt, um mich in der Nähe des Hauptbahnhofs in der Praxis von Dr. K. einzufinden und die Prozedur durchführen zu lassen, die der Mediziner routiniert in einer knappen Stunde über die Bühne brachte.

Was mich daran besonders erstaunte (abgesehen von der Tatsache, dass ich das endlich machen habe lassen, trotz der Angst vor den schmerztechnischen und insbesondere auch finanziellen Folgekomplikationen) war die Tatsache, wie rabiat ein solcher Eingriff abläuft. Trotz Hightech-Medizin, minimalinvasiver Chirurgie und ähnlichen Innovationen im OP-Bereich ist so eine Zahnziehung immer noch ein recht brutaler Akt, der mit einer Zange, einer Art Meißel und viel Kraft von Seiten der zahnziehnden Partei durchgeführt werden muss, auf der anderen Seite fließen gleichzeitig Blut und Tränen, etc.

Eine Woche später ließ ich Ähnliches (dann aber nur noch einen Zahn betreffend) noch einmal am Oberkiefer über mich ergehen. Wie viel Geld ich für die Gesamtprozedur schlussendlich aufwenden musste, darüber darüber war ich zu dem Zeitpunkt noch halbwegs im Dunkel, dachte aber schon zu dem Zeitpunkt schon wieder in positiven Kategorien, z.B. dass ich zum Glück nicht reich bin, weil ich mir sonst statt der Implantate ausgehöhlte Hochsicherheitsglaszähne mit kleinen Aquarienwelten einbauen lassen würde, was noch viel teuerer wäre und vermutlich auch bescheuert aussähe, wenn man sich erst mal daran sattgesehen hat.

Die Implantat-Operation

Im Anschluss an das Ziehen der Zähne folgten mehrere Füllungen, eine Wurzelbehandlung und eine professionelle Zahnreinigung, die ich jeweils ähnlich ausführlich beschreiben könnte, wenn ich nicht das Gefühl hätte, dass dieser ganze Blogpost sowieso ziemlich langweilige Befindlichkeitsprosa wird, die man eigentlich niemandem zumuten kann.

Nach zwei Monaten Wartezeit, dem Verheilen der Wunden und bis zu diesem Zeitpunkt rund 20 Zahnarzt-Terminen in zweieinhalb Monaten (O-Ton Dr. K.: „Zu Beginn hatte er Angst vor uns, inzwischen haben wir Angst vor ihm, weil er immer wieder kommt und noch irgendwas gemacht haben will“) stand Ende Januar dann die Implantat-OP auf dem Zettel und es war eine Prozedur, wie ich sie meinem schlimmsten Feind nicht an den Hals wünsche, naja, doch, eigentlich wünsche ich exakt das meinem schlimmsten Feind an den Hals.

Die Operation selbst kann ich mit null von zehn Punkten auf der Weiterempfehlungsskala bewerten, sie war trotz gegenteiliger Behauptungen von Freunden und Verwandten, die Ähnliches schon durchführen ließen („Ist genauso schlimm wie Zahnziehen!“) der schlimmste Zahnarzt-Termin meines Lebens. Im Verlauf von vier Stunden wurde mir unten und oben das Zahnfleisch aufgeschnitten, unten zwei und oben ein Loch in den Kiefer gebort, dort jeweils eine Schraube gesetzt, die Stellen mit Füllmateriall vollgestopft und anschließend das Zahnfleisch über den Schrauben wieder vernäht.

Zunächst aber musste ich mehrere Tabletten einnehmen (zur „Entspannung“ – aufgrund der durchaus auch halluzinogenen Effekte hätte ich gerne gewusst, worum es sich dabei handelte) und eine halbe Stunde warten, dann stellte Dr. K. relativ laut instrumentale Filmmusik im Wartezimmer an. Auch wenn ich, im Stuhl sitzend und mental wegdriftend, beim „Mission Impossible“-Theme und dem Typen, der neben mir Handschuhe anzog und mehrere Messer und Scheren ausbreitete, nahe am Wahnsinn war, machte die Musik in der Nachbetrachtung die Operation doch deutlich erträglicher, denn, und das liest man nirgendwo, das Schlimmste an einer Zahnimplantations-OP sind nicht Schnitte ins Zahnfleisch bis auf den Kiefer, dass man blutet wie ein Schwein, dass es ewig dauert oder etwas anderes, sondern es sind die Geräusche. Der Schädel ist ein einziger Resonanzraum und das Bohren direkt im Kiefer ist aus der subjektiven Perspektive der Person, die angebort wird, sehr, sehr laut. Nach etwa zweieinhalb Stunden war ich mehr oder weniger komplett im Delirium, hing nur noch im Stuhl und hatte Schwierigkeiten, den Mund offen zu halten. Ich erinnere mich an eine Situation, in der der Arzt meinen Kopf in einer Art Schwitzkasten hielt, in meinen Kiefer bohrte und ich dachte: „Ja, bitte halt mich fest, Vater“ und dadurch erst bemerkte, wie benebelt ich eigentlich die ganze Zeit über war. Zusammenfassung: Die Operation war ein psychedelisch-blutiges Gemetzel, vor allem das eine Implantat im Oberkiefer dauerte gefühlte Ewigkeiten (unten geht das, wie ich später erfuhr, immer deutlich schneller und problemloser).

Den Tag nach der Operation verbrachte ich im Delirium im Bett, die zwei folgenden Tage fiel ich aufgrund von heftigen Schwellungen und Schmerzmittelkoma aus und die restliche Woche waren es neben dem weiter bestehenden Kieferdruckschmerz vor allem die dicken Plastik-Fäden im Mund, mit denen Dr. K das Zahnfleisch über den Implantaten vernäht hätte und die über viele spitze Ecken und Kanten verfügen, die mich in den Irrsinn trieben. Nach zehn Tagen wurden die Fäden gezogen, danach besserten sich Schwellung und Schmerz quasi stündlich. Inzwischen (drei Wochen nach der Operation) kann ich wieder normal essen. Für zartbesaitete Menschen potentiell eklige Zwischenbemerkung: Es ist wirklich erstaunlich, wie gut man auf dem zahnlosen Kiefer Nahrung kauen kann.

Die Kosten

Das Heftigste an der ganzen Geschichte sind sicherlich nicht die körperlichen Schmerzen während und nach den einzelnen Schritten (die verschwinden vergleichsweise schnell wieder), sondern die leider zugehörigen finanziellen Belastungen. Die Implantat-OP allein (ohne den Zahnersatz, der folgt erst nach Einheilung der Implantate – drei Monate im Unterkiefer, sechs Monat im Oberkiefer) schlägt mit rund 3500 Euro zu Buche. Für die Kronen wird noch einmal ein ähnlicher Betrag fällig. Damit kommt ein einzelnes (!) Backenzahn-Implantat mit der fertigen Krone auf deutlich über 2000 Euro Gesamtkosten, die nicht von der Krankenkasse getragen werden. Für das Geld könnte man sehr viele andere Dinge tun, so viele Dinge, von denen mir gerade kein passendes Beispiel einfällt, denn ich besitze ja im Grunde alles, das ich zum Leben brauche, also ist das Geld wohl doch in den Zähnen am Besten investiert.

Weiteres Vorgehen

Ich brauche neben den Implantaten auf der linken noch zwei oder drei Kronen auf der rechten Kieferseite, damit mir dort nicht in ein paar Jahren ähnliches passiert (Zähne die abbrechen und nicht mehr zu retten sind). Ich werde diese anfertigen lassen, sobald ich mich vom finanziellen Schock der Implantat-OP etwas erholt habe. In der Zwischenzeit heißt es: Abwarten und den Heilungs- und Knochenaufbauprozess des mit drei Schrauben versehenen Kiefers aus der Ich-Perspektive bewundern. Überhaupt ist die Warterei auf Verheilung der besonders nervenaufreibender Teil einer ausführlicheren Zahnarzt-Behandlung. Einen weiteren Blogpost zu dem Thema schreibe ich möglicherweise in einem halben Jahr, entfolgt mich also schon mal vorsorglich.

Ein Gedanke zu „Ohne Zähne und Klauen (2): Die Implantat-Operation“

  1. Ich weiß, wovon du redest. Sehr gut geschrieben. Ich habe streckenweise sehr gelacht beim Lesen (…inzwischen haben wir Angst vor ihm…)!

Ach komm, erzähl mir nix (oder doch)

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