Fünf gute Gründe dafür, dass Sie als Journalist auf Shitstorm-Berichterstattung umsteigen sollten

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1. Alles andere generiert nicht genug Klicks

Glauben Sie mir, ich weiß, wovon ich rede. Ich schreibe seit fast zehn Jahren nebenher für verschiedene Online-Magazine und hatte mehrere eigene Blogs. Wann immer ich Meinungs-Artikel über aktuelle Shitstorms und Empörungswellen im Netz geschrieben habe, brach die Hölle los. Tausende Likes und Verlinkungen von Twitter, Facebook, Bildblog bis Spiegel Online, diverse Radio- und Print-Journalisten holten sich meine Handynummer aus den sozialen Medien und wollten Statements von mir (ich hab immer zurückgefragt, ob ich vielleicht lieber was über Literatur sagen kann, aber das war nicht so gefragt), die Statistiken schossen über Tage in schwindelerregende Höhen.

Das hat mich übermütig werden lassen. Ich dachte: Hey, vielleicht kann ich statt über diesen Blödsinn auch über Themen schreiben, die mich echt interessieren und mit denen ich mich auskenne. Ein Fehler. Sowas endet kurzfristig meist in drei Retweets, mittelfristig in Spendenaufrufen zum Überleben und schließlich in der kleinlauten Schließung von Projekten. Fragen Sie mal die Krautreporter nach ihren Abrufzahlen etwa für synästhetische Graphic Novels oder Tilo Jung, warum seine politischen Interviews aus dem Jemen nur halb so viele Views bekommen wie er alleine Twitter-Follower hat.

Ich bin heute in der äußerst privilegierten Position, dass ich die Klicks nicht mehr brauche, weil ich einen anderen beruflichen Weg eingeschlagen habe, diese Haltung können Sie sich als Journalist allerdings leider nicht leisten. Lernen Sie aus meinen Fehlern: Wenn Sie auch in der Zukunft vom Journalismus leben wollen, dann steigen Sie sofort um auf Shitstorm-Berichterstattung.

2. Man braucht keinerlei Fähigkeiten für diese Art von Journalismus und bekommt trotzdem Respekt von Kollegen

Denken Sie wirklich, irgendjemand interessiert sich für die sprachlichen Feinheiten oder den strukturellen Aufbau eines Artikels über einen Wutmob? Vergessen Sie Ihre bisherige Herangehensweise an Ihre Arbeit und Ihren Perfektionismus, diese Dinge sind nicht mehr notwenig, wenn Sie sich für diese großartige Form von Journalismus entschieden haben.

Bei Shitstorms geht es dem gelangweilten Büroarbeiter, der sich freut, dass endlich wieder mal etwas los ist in seinem Internet-Stream, ausschließlich um das Aufwühlen von Schmutz, die Beschimpfung der anderen Seite, die Bestätigung der eigenen Meinung und um Zitate von möglichst dummen und obszönen Postings von Leuten, denen er sich überlegen fühlen kann. Er wird sie dafür lieben oder hassen, dass sie die eine oder andere Position in dem schnelllebigen Streit eingenommen haben.

So oder so: Jeder kennt durch ihre neue Arbeit als Berichterstatter über diese Streitigkeiten plötzlich Ihren Namen. Sie werden schnell eine respektierte und angesehene Person, eine wichtige Stimme im Diskurs. Ihr Wort hat Gewicht, das finden sogar Kai Diekmann, die verrückte Tante von Jungle-World und der Schnösel von der FAZ, die allesamt kürzlich Ihren Tweet retweetet haben. Kai Diekmann! OMG! Danach widersprachen ihnen zwar noch 20 Blogger und ein Praktikant der taz heftig, aber egal, das mehrt nur Ihren Ruhm, denn Sie waren in aller Munde. Keiner war für drei Stunden auf Twitter so wichtig wie Sie. Ein gutes Gefühl.

3. Ihre Texte schreiben sich in Zukunft von selbst

Wählen Sie einfach eine Seite und legen Sie los. Sind Sie einer von den Super-Linken oder von den selbsternannten „Andersdenkenden“? Mehr Optionen gibt es leider nicht, aber die gute Nachricht ist, dass sich Ihre Texte von nun an wie von selbst schreiben werden.

Stehen Sie auf der Seite der Linken, dann sind Sie in Zukunft zusammen mit der Masse schwer empört über alles, das mit der Anwendung von auch nur dem entferntesten Rest von Logik (notfalls unwichtig) als sexistisch, rassistisch oder unfeministisch interpretiert werden könnte, Kontext egal. Wählen Sie die andere Gruppe, dann beklagen Sie ab sofort in jedem Artikel, dass mit diesen schrecklichen Digital-Zusammenrottungen die Meinungsfreiheit unterdrückt, der Anstand abgeschafft und die ganze Gesellschaft gleichgeschaltet werden soll.

Egal, wofür Sie sich entscheiden, der Jubel Ihrer Seite ist Ihnen gewiss und Sie müssen sich in Zukunft nie wieder Gedanken über den Aufbau ihrer Artikel machen, denn Sie werden fortan nur noch das gleiche Schema auf andere Sachverhalte anlegen, die gerade zufällig in den sozialen Netzwerken nach oben gespült wurden. Im Grunde schreiben Sie dann also immer wieder den gleichen Text. Und das Geniale ist: Er funktioniert jedes Mal.

4. Ihre Texte haben in Zukunft die Leser schon automatisch mit eingebaut

Früher mussten Sie noch die Leute davon überzeugen, dass in Ihren Texten spannende und wichtige Themen verhandelt werden. Außenpolitik? Wer will das wissen? Kultur? LOL, ey. Sie haben sich oft geärgert, dass es so verdammt schwer war, einzuschätzen, was den Leser interessiert, Sie haben Statistiken und Like-Buttons verflucht und mussten sich vor Kollegen rechtfertigen für Ihren komplexen Artikel, der nur drei Klicks von verwirrten Spambots provozierte.

Keine Sorge: All das ist vorbei, wenn Sie auf Shitstorm-Berichterstattung umsteigen. Jeder mit einem Twitter- oder Facebook-Account interessiert sich für Shitstorms und selbst die wenigen Leute, die sich nicht dafür interessieren, bekommen diese Themen zwangsläufig über Retweets und Verlinkungen reingedrückt. Ihre neuen Leser sind geradezu süchtig nach Artikeln über die wüsten Schlachten zwischen verfeindeten Parteien um belanglose Themen wie die neusten Beleidigungen mit Nazivergleichshintergrund eines bekannten YouTubers, ein inhaltsleeres Blog mit Anschuldigungen gegen einen Professor oder gekürzte Ausrisse einer beliebigen Lokalzeitung, die man empört weiterreichen kann.

Und wenn Sie jetzt immer noch denken „Das ist doch alles Mist“, dann führen Sie sich die krassen Massen an Lesern bildlich vor Augen, die von dem Zeug besessen sind, weil sie kein Leben haben. Wenn Sie den richtigen Moment wählen, in dem das Thema noch am Köcheln ist und die richtigen #Hashtags benutzen, wird Ihr Text gelesen, kommentiert und verlinkt wie blöd, ohne, dass Sie noch irgendetwas zutun müssen. Klingt das nicht wie ein Traum? Er kann noch heute wahr werden.

5. Weil Sie es sich wert sind

Stichwort „Work-Life-Balance“, ein sehr hochgeschätzer Wert bei Leuten in der Medienbranche. Sicher auch bei Ihnen. Sie wollten doch schon lange mal etwas weniger Stress in dieser dauerdrehenden, schnelllebigen Newswelt und stehen kurz vor dem Burnout durch zu viel Spiegel Online aktualisieren, oder? Warum sollten Sie sich die Mühe machen, einen langen, wirklich tief recherchierten Artikel mit O-Tönen zu einem Spezialthema zu verfassen, für den sie vielleicht sogar herumreisen müssen, den dann aber kein Schwein liest, wenn Sie auch im Homeoffice am MacBook Ihre Meinung zu #Aufschrei hinwerfen können, die 15.000 Likes, Talkshow-Auftritte und einen Buchvertrag einbringt? Denken Sie mal mehr an sich, wer sollte es denn sonst tun? Jeder von uns hat am Ende nur ein Leben. Wollen Sie es wirklich mit Recherche und Einarbeitung in komplizierte Themen vergeuden, wofür Ihnen am Ende dann keiner dankt? Das wäre doch ziemlich unsinnig, oder?

Investieren Sie in Ihre Zukunft, verdienen Sie sich den Respekt der Medienmeute und steigen Sie noch heute auf Shitstorm-Berichterstattung um. Sie werden schon in wenigen Monaten froh sein, dass Sie meinem Rat gefolgt sind. Ich werde sie dann auf Twitter vermutlich blocken, aber wer bin ich schon? Ihre dreitausend neuen Follower, darunter sehr viele einflussreiche und bekannte Gesichter, werden Sie hingegen lieben und sich mit Ihnen, je nach Wahl ihrer Seite, über Gutmenschen, Sexismus, Feminismus oder Anti-Feminismus empören. Jeden Tag. Es hat ausschließlich Vorteile: Sie werden wichtig und einflussreich, haben weniger Arbeit und bekommen viel mehr Respekt als früher. Eine Win-Win-Win-Situation für Sie, Ihre nach Empörung geifernden Leser und Ihren Arbeitgeber.

5 Gedanken zu „Fünf gute Gründe dafür, dass Sie als Journalist auf Shitstorm-Berichterstattung umsteigen sollten“

    1. Druch den Filter der Berichterstattung betrachtet mag das so rübergekommen sein. Wenn man es direkt und persönlich mitverfolgt hat, dann war es allerdings geradezu der Prototyp aller Schlammschlachten von immer gleicher Gruppe A gegen immer gleiche Gruppe B.

  1. Das traurige an diesem Text, so finster dein Sarkasmus hier ist, ist: Genau das funktioniert hervorragend und wird gemacht. Ich kann es fast verstehen, dass Leute sich genau das als echten Vorsatz nehmen, es ist ein direkter Weg zum Erfolg. Man kann den Text wirklich ernsthaft als Anleitung lesen oder als böse Realsatire.

  2. sehr, sehr geiler text. exakt so läuft das aktuell mit dem journalismus – immer und sofort auf alle sachen aufspringen, die gerade im netz kontrovers sind, da gibts klicks zu holen. es ist nur noch öde… vielleicht wird es ja irgendwann wieder anders, aber viel geld würde ich nicht drauf setzen…

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