Sollte man „besorgte Bürger“ konsequent als Nazis bezeichnen?

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Nachdem ich zum Thema „Hass im Netz“ oder „Umgang mit besorgten Bürgern“ in den letzten Wochen geschätze 2 Millionen Artikel gelesen habe, die verschiedenste Positionen vertraten und die allesamt eher emotional geprägt waren, ist dieser Artikel ein Versuch, den Thematik etwas strukturierter zu betrachten. Vor allem die Frage, ob man die „besorgten Bürger“ pauschal als „Nazis“ bezeichnen sollte / kann oder ob man doch den Dialog mit ihnen suchen sollte, stellt sich immer wieder. Ich möchte einmal experimentell durchspielen, welchen Effekt Ersteres hat, um zu klären, ob dieses Vorgehen sinnvoll ist.

Hinweis: Dieser kurze Text hat nicht den Anspruch, tiefe Wahrheiten oder bahnbrechende Erkenntnisse zu produzieren, er soll lediglich ein unideologischer Versuch sein, die Dinge zu betrachten. Meine persönliche Meinung ist, dass man strafrechtlich relevante Inhalte im Netz immer anzeigen sollte, weil alles andere wenig konkreten Nutzen hat.

Experimenteller Aufbau

Besorgt_1

Wir gehen von einer Gruppe von 100 Personen aus („besorgte Bürger“). Für den Versuchsaufbau gehen wir weiterhin von einer heterogenenen Mischung dieser Menschen aus. Ich lege der Einfachheit halber fest, dass es sich um 50 „überzeugte Nazis“ (Gruppe A) und 50 „Konservative & Andere“ (Gruppe B) handelt.

Man kann sich diese Gesamtgruppe in der Realität leicht vorstellen, es ist etwa die Summe der Kommentatoren unter einem Posting von Facebook-Gruppen wie der der Pegida oder der AfD. Die Frage, die wir beantworten möchten, lautet: „Welchen Effekt hat es auf die Gruppe, sie alle mit der Stigmatisierung ‚Nazi‘ zu belegen? Ist es rational betrachtet (aus Sicht einer Person, die Faschismus bekämpfen will) sinnvoll, das zu tun?“

Effekt auf Gruppe A

GruppeA

Es ist relativ leicht, den Effekt auf Gruppe A („überzeugte Nazis“) zu beschreiben: Die Bezeichnung als „Nazi“ hat auf diese Gruppe keinerlei Effekt. Sie ist es vermutlich seit Jahren gewöhnt, (wahrheitsgemäß) so genannt zu werden und/oder empfindet die Bezeichnung sogar als Auszeichnung. Der Einfachheit halber gehen wir also von 0% Effekt auf Gruppe A aus. In der Realität wird vielleicht einer von den Hundert sein Handeln überdenken, wenn er oft genug mit entsprechenden Reaktionen konfrontiert wird, ein anderer wird sich dagegen vielleicht noch mehr radikalisieren, in der Mehrheit allerdings ist Gruppe A ein stabiler Block aus Menschen, die nicht mit Stigmatisierung, sozialer Ausgrenzung oder Beschimpfung zu beeinflussen sind.

Aus Gruppe A stammen übrigens meiner Erfahrung nach auch die Mehrheit der Personen, die strafrechtlich relevante Postings produzieren, die man entsprechend zur Anzeige bringen sollte.

Effekt auf Gruppe B

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Viel interessanter ist der Effekt auf die Menschen in der wiederum in sich recht heterogenen Gruppe B, die aus Konservativen, aus Dummköpfen, Ungebildeten, Klein- und Spießbürgern, Leuten, die Angst haben, dass ihnen etwas weggenommen wird, Provokateuren, von falschen Freunden beeinflussten Jugendlichen etc. besteht. Die Vorhersage, was in dieser Gruppe durch eine Stigmatisierung als „Nazi“ passieren wird, ist relativ schwierig, ich werde sie dennoch versuchen.

Ich rechne hier beide argumentativen Richtungen in meinen Versuchsaufbau ein, die ich in verschiedenen Positionen der Debatte gefunden habe: Die Hoffnung derjenigen, die denken, dass man mit der klaren Bezeichnung „Nazi“ eine Besserung erzielt und die Befürchtung derjenigen, die vermuten, dass man damit lediglich eine Radikalisierung erzielt, die sich leider oft auch in Kommentaren auf entsprechenden Seiten äußert („Ja, dann bin ich halt ein Nazi“ oder „Ich habe meine politische Meinung seit 20 Jahren nicht geändert, aber plötzlich soll ich rechts sein, dann ist es halt so“).

Nehmen wir hier also an, dass wir in dieser Gruppe aus 50 Personen mit der klaren Bezeichnung „Nazi“ bei 15 einen eindeutigen Besserungs-Effekt durch die Stigmatisierung erzielen. Die 15 Personen rücken nach links, fallen aus der Gesamt-Gruppe der „besorgten Bürger“ und äußern sich zukünftig nicht mehr fremdenfeindlich im Netz.

Auf der anderen Seite erzeugen wir mit der Bezeichnung „Nazi“ bei 15 Personen aus der Gruppe B eine Trotzreaktion und sie radikalisieren sich in Richtung stärkerer Identifikation mit der Gruppe der echten Nazis, da sie aus der Gruppe der Mitte ausgegrenzt werden und nur noch in die extremere Richtung Anschluss finden. Diese Personen werden sich in Zukunft eher häuftiger / radikaler im Netz äußern. 20 Personen bleiben in unserem Modell unbeeindruckt von den sozialen Dynamiken ihrer Fremdbetrachtung und auf ihrem Standpunkt stehen.

Ergebnis

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Das Ergebnis unseres kleinen Versuchsaufbaus ist ziemlich eindeutig, aber es ist mit Bezug auf die Ausgangsfrage schwer zu interpretieren.

Einerseits haben wir durch die konsequente Bezeichnung der „besorgten Bürger“ als Nazis die Gesamtanzahl der „besorgten Bürger“ merklich reduziert (von vorher 100 auf nun 85), was als positiv zu betrachten ist. Andererseits, und das ist das Problem, haben wir die radikale Gruppe und den gefährlichen Hass vergrößert, indem wir einige aus der Gruppe „Konservative & Andere“ weiter nach rechts gedrängt haben, die sich dort entsprechend radikalisieren, ihre Positionen festigen und nun leichter Anschluss an die Gruppe der „überzeugten Nazis“ finden können.

Wir haben also die Zahl der „besorgten Bürger“ verringert, sind aber gleichzeitig auf dem besten Wege, mehr „überzeugte Nazis“ mit unserer Stigmatisierung zu produzieren.

Es ist anzunehmen, dass die Bewegung der Gruppe B mit zunehmendem Maße des sozialen Drucks in eine der beiden Richtungen (Pfeile) verlaufen wird, bis sie sich schließlich irgendwann auflöst, wenn sich alle Personen in einer der beiden Richtungen bewegt haben.

Um auf die Ausgangsfrage zurück zu kommen: Sollte man also „besorgte Bürger“ immer Nazis nennen?

Man könnte argumentieren, dass man, wie oben gezeigt, das Profil der gegnerischen Gruppe schärft, dass also immer klarer wird, wer wirklich rechtsradikale Tendenzen hat und wer nicht und dass derartige „klare Fronten“ im Bekämpfen dieser Leute von Vorteil sind. Andererseits verschärft man mit der Schaffung dieser „klaren Fronten“ natürlich die bestehenden Konflikte, radikalisiert moderate Personen und verringert die Möglichkeit zu einem konstruktiven Dialog mit der gegnerischen Gruppe.

Festhaltbar ist, dass es in jedem Fall Effekte in beide Richtungen hat, also sowohl produktiv als auch kontraproduktiv ist, so dass wohl beide Seiten in dieser Debatte auf ihre Art „Recht“ haben. Es bleibt am Ende leider unklar, welches die richtige Lösung ist.

7 Gedanken zu „Sollte man „besorgte Bürger“ konsequent als Nazis bezeichnen?“

  1. ich habe eine Gegenrede gebloggt. Hier nochmal direkt und im Wortlaut:

    [Eigenwerbelink entfernt, Anmerkung des Blogbesitzers]

    sollte man besorgte Bürger konsequent als Nazis bezeichnen ? Eine Gegenrede: man muss!

    Nachdem der Autor selbst bewiesen hat, dass man durch konsequente Bezeichnung als „Nazis“ die Gruppe der Rassisten insgesamt um 15% reduzieren kann, nenne ich gerne noch einen anderen Grund.

    Wie sind denn die Nazis in diesem Land überhaupt wieder entstanden und erstarkt? Lies Geschichtsbücher. Dann weißt Du, dass man in den Nürnberger Prozessen und bei der Entnazifizierung Deutschlands fast alle seinerzeitigen zig Millionen Deutschen Nazis entlastet hat. Es war am Ende gar nicht so schlimm, Nazi gewesen zu sein. Das schlimmste was man den meisten angehängt hat was das Etikett „Mitläufer“. Gleichzeitig baute die Adenauer-Republik die Illusion auf, man könne ein Land nur mit und durch ehemalige Nazis wiederaufbauen. Der BND, der Verfassungsschutz (NRW als Blaupause für alle anderen Verfassungsschutz-Organisationen in Deutschland), die Polizei sind so entstanden und mit Hilfe von aus heutiger Sicht schwer belasteten SS, GeStaPo und Nazi-Parteigrößen aufgebaut worden.

    Diese Leute waren Jahrzehntelang auch für die Rekrutierung und Ausbildung des Nachwuchses in diesen Organisationen tätig. Das „Versagen“ der Behörden oder wie es ein luxemburgischer Polizeiführer die Tage ausdrückte „die mangelnde Motivation“ deutscher Polizisten, Verfassungsschützer, Staatsanwälte und Geheimdienstler bei der Verfolgung der NSU und bei der sich augenblicklich organisierenden NSU 2.0 ist m.E. ausschließlich darauf zurückzuführen. Darauf eben, dass man seinerzeit direkt nach dem WKII, als die Erinnerungen noch frisch waren schon wieder begann, Nazis in Täter 1. Und 2. Klasse zu unterscheiden. Und den Tätern 2. Klasse erlaubte Staatsschutz-Organisationen aufzubauen von denen heutige Kommentatoren noch meinen „dass Teile der Behörden gewalttätige, organisierte, terroristisch agierende Nazis nicht als Problem betrachten. Sich in den Apparaten vielleicht sogar heimliche wie unheimliche Sympathien entwickelt haben.“

    Ich denke dieser Fehler darf kein zweites Mal passieren.

    Zumal ja selbst Dein Rechenmodell nur deshalb funktioniert, weil die Bezeichnung als „Nazi“ nicht zu gesellschaftlichen Konsequenzen führt. Noch in den 80ger Jahren musste ein Beamter (z.B. Lehrer) der sich gegen die Bezeichnung als „Sozialist“ oder gar als „Sympathisant“ (der RAF) nicht energisch zur Wehr setzte, mit Berufsverbot rechnen. Würden wir Nazis heute ähnlich sanktionieren und wenigstens im öffentlichen Dienst endlich aufräumen mit der Nazi-Brut, würden sich wohl einige lange überlegen, ob sie sich „besorgten“ Bürgern anschließen oder vielleicht doch vorher nochmal ein paar Informationen darüber einholen, was ihnen ihr Hirn zu sagen hat.

    Darüber hinaus ist Dein Rechenmodell (15/20/15) nun auch wirklich sehr willkürlich theoretisch und ohne jeden sozialwissenschaftlichen Sachverstand – oder gar Forschungsergebnisse zusammengestellt. Ich will mal eine andere Schätzgrundlage versuchen: Da schlimmstenfalls 9% aller Wähler (in geheimer Wahl!) bereit waren offen Nationalsozialistisch (NPD) zu wählen (LTW Sachsen), darf doch sehr bezweifelt werden, ob bei konsequenter Anwendung des Begriffs „Nazis“ durch Behörden, Presse und Öffentlichkeit tatsächlich nur 30% (also 15) der „besorgten Bürger“ sich aus dem Nazi-Kreis verabschieden 40 Prozent stabil und weitere 30 % Radikalisiert würden. Legt man oben stehende 9% als Maßstab an und nimmt nicht einmal an, dass weniger als die geheimen 9% der „besorgten Bürger“ (offen) bei „pro Nazi“ bleiben, dann bleiben von 100 Rassiten nach Aussortierung der „besorgten Bürger“ noch 54,5 (55) Nazis übrig. Dieses Rechenmodell hielte ich für wesentlich realistischer.

    Wir müssen endlich an den Punkt kommen, wo Sanktionen gegen Rassismus nicht nur im Gesetz stehen, sondern von der Gesellschaft und den Behörden konsequent umgesetzt und verfolgt werden. Es muss eine Gefahr für die eigene Existenz sein Rassist (aka Nazi) zu sein. Dann kriegen wir eine Lösung. Aber nicht durch Differenzierung und Verharmlosung, der Begriffe, welche schon bei der letzten Entnazifizierung erfolglos oder schlimmer kontraproduktiv war.

    Wir stehen vor einer Situation in der eine terroristische Bedrohung durch Nazis sehr real ist – es werden in wenigen Tagen mehr Brände gelegt als die RAF und ihre Sympathisanten in der Folge von 1968 je gelegt hat. Diese Gefahr gilt es mit radikalen Mitteln zu bekämpfen. Und das erste dieser Mittel müssen klare Worte und Begriffe und nicht unnötig verharmlosende Differenzierungen sein.

    1. Du verstehst den Artikel miß. Die Grenze zum Rassismus würde ich in der Mitte ziehen (zwischen den beiden Gruppen im ersten Bild, die zusammen die „besorgten Bürger“ bilden). Rassisten, NPD-Wähler und Nazis sind für mich synonym, es geht hier überhaupt nicht darum, Rassisten zu entschuldigen.

      Und: Es ist richtig, dass hier in Gruppe zwei mit gefühlten Zahlen gearbeitet wird. Aber das ist natürlich in keiner Wiese „wissenschaftlich“, es ist lediglich ein kleiner Modellaufbau zur Erläuterung meiner Gedanken. Sind Meinungsartikel, die überhaupt nichts herleiten, sinnvoller? Ich habe bisher nur die eine („man muss“) und die andere („ist gefährlich“) Meinung gelesen, nirgendwo, dass die Effekte in beide Richtungen gehen. Mit einem (einfachen) Modell wie diesem lassen sich Dinge deutlich anschaulicher erklären, die sonst nur abstrakt oder eben gefühlt existieren.

      Den historischen Vergleich finde ich schließlich sehr unpassend. Eine Person, die aus Angst, Unwissenheit und Dummheit von Pegida und Co. angezogen wird, hat mit einem Nazi-Sympathisanten in der Zeit des Nationalsozialismus wenig zu tun, imho.

  2. Eins fehlt noch, Stichwort Abnutzung. Wenn man zu viele als Nazis nennt dann ist am Ende keiner mehr Nazi oder es treibt die Leute wirklich dorthin zu dieser Gruppe, weil es nicht mehr als schlimm empfunden wird. Das ist gefährlich.

    1. Die Gefahr besteht natürlich. Sie hat aber mit meinem Denkmodell hier eher am Rande zu tun bzw. nur langfristig, wie Du schon selbst betonst: Das macht natürlich die Grenzen hin zu den „überzeugten Nazis“ durchlässiger für die Gruppen, die sowieso schon in der Nähe stehen.

    2. Wenn man zu viele Menschen Nazis nennen muss, dann vielleicht, weil es zu viele Nazis gibt. Da nutzt sich nichts ab. Da wird klar, dass Widerstand dringender denn je, heute, hier und jetzt geboten ist.

  3. Ich kopier mal meinen Meinung dazu von Facebook hier rein.
    „Das Wort Nazi wird plakativ und inflationär genutzt und übernutzt. Was seine eigentliche Wirkung mildert. Den wenn all die, die sich rassistisch äußern, direkt Nazis sind, dann verwässert das die echten, anders gefährlichen, Nazis. Man kann verdammt weit rechts stehen ohne Nazi zu sein. Genauso wie man verdammt weit links stehen kann ohne Stalinist zu sein.“

  4. Ziemliche Themaverfehlung. Denn es fehlen die 50 oder 100 guten linken Menschen. Versuchen wir den mal zu spezifizieren.

    Konservativ versus Progressiv. Gibt nur die beiden Pole – liberal geprägte Menschen gibt es gar nicht?

    Dummköpfe versus Schlaumeier / Ungebildete versus gebildete Oberlehrer. Woran macht man das fest? Dem Spiegel- und TAZ-Gläubigen reicht es Überschriften und Bilder als Wahrheit anzunehmen? Eine NZZ oder BBC sind da schon zu viel Stress – noch dazu wenn man dort nicht den eigenen Glaubenssatz bestätigt bekommt?

    Klein- und Spießbürger versus Großbürger und Weltverbesserer. Ist es so viel sinnvoller, als Lebensziel mal eben die Ungerechtigkeit der Welt abzuschaffen? Umso mehr wenn man sich keine weiteren Gedanken darüber machen muss was das nun sein soll. Oder dass es etwa einen nicht ganz unbedeutenden Unterschied zwischen Chancen- und Ergebnisgerechtigkeit gibt.

    Leuten, die Angst haben dass ihnen etwas weggenommen wird versus Leuten die meinen sich ihren Ablass mit einer Flasche Wasser oder einem Teddy erkaufen zu können?

    Provokateure versus Heilige die natürlich nicht provozieren (so wie dieser Blog das Thema nicht verfehlt).

    Von falschen Freunden beeinflussten Jugendlichen versus Jugendlichen die von linken Spinnern indoktriniert werden. Kann man z.B. an der Position zu TTIP (hat man dagegen zu sein), Regenwaldabholzung, Konzerne, Lobbyisten, etc festmachen.

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