„Suche: Qualitätsjournalismus im Netz, biete: Geld“

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Der deutsche Online-Journalismus will mich nicht als Kunde. Dabei ist es eigentlich gar nicht so schwer, mich als Kunden für Journalismus im Netz zu gewinnen. Ich bin sofort bereit, nicht nur Werbung in Kauf zu nehmen, sondern sogar für Texte im Netz zu bezahlen.

Was ich suche? Nur das Übliche, das, was ich seit einigen Jahren gewohnt bin: Intelligente, gerne auch lange Texte („Long-Reads“), tiefergehende Analysen aus Politik, Wissenschaft und Kultur, ein paar wiederkehrende Kolumnen von Leuten mit starker Meinung und offenem Geist, eben den Qualitätsjournalismus, den ich aus den Print-Formaten kenne, die ich allerdings aus Zeit- und Gewohnheitsumstellungsgründen immer weniger am Kiosk zu kaufen und dann umständlich auf Papier zu lesen in der Lage bin.

Hier stehe ich also, mitteljunger Leser der alten Schule, bereit, völlig reibungslos in die digitale Welt rübertransformiert zu werden, Geräte alle vorhanden, Affinität zum Bildschirmlesen auch seit Jahren antrainiert, kann losgehen, Leute. Im Grunde will ich gar nicht so viel mehr als die gedruckte, bewährte Zeitung als Webseite, wenn es sein muss mit Login, von mir aus hier und da ein Video oder eine interaktive Grafik. Es sollte also wirklich einfach sein, mich als zahlenden Digitalkunden zu gewinnen, oder?

Das Absurde ist: Es existiert so ziemlich alles mögliche (inklusive eigener Facebook- und Twitter-Redaktion), aber genau das Angebot der gedruckten Zeitung in vernünftiger digitaler Form, das existiert nicht. Das muss man mehrfach schreiben, um es durch Wiederholung zu betonen: Ausgerechnet das in Print seit so vielen Jahrzehnten funktionierende Konzept wird von den deutschen Verlagen nicht einfach aufs Netz übertragen, als wäre mit der Änderung des Trägermediums plötzlich auch der inhaltliche Geschmack des Lesers ein komplett anderer.

Stattdessen gibt es auf den offiziellen Verlagswebseiten seit Jahren nur eine werbefinanzierte Zeitung Light von einer Zweitredaktion, eine Zeitung Light mit Newsschnipseln, Infografiken, Livetickern, Boulevard-Meldungen, Bildergalerien, So-empört-sich-Twitter-Artikeln, vollgestopft mit Werbebannern, sich zehnmal in der Stunde selbst aktualisierend und dann mit einem nervigen Pop-Up auf die Aktualisierung aufmerksam machend. Genau das will ich aber nicht, mehr noch, davon habe ich die Nase voll.

Redakteuer

Will man wie ich eine vollständige Zeitung in digitaler Form, dann bekommt man das am Ende dann schon noch von den Verlagen. Man muss es nur finden, es ist meistens sehr gut versteckt und nur so halb oder gar nicht im Netz, also eher offline zum Runterladen erhältlich. Man muss sich mit völlig unterschiedlichen, oft unbedienbaren Apps, bizarren und überteuerten Abo-Modellen oder gar schlichten PDFs der jeweiligen Printausgaben rumschlagen. Ach, und man bezahlt meistens genau so viel, wie man für die Printausgabe bezahlt. Mit seinen Freunden und Bekannten mit einem schlichten Knopfdruck Inhalte teilen und kostenlos Werbung machen kann man dann aber auch nicht, das geht nur bei der Promi-Bildergalerie der Zeitung Light. So exotisch kann mein Wunsch doch gar nicht sein, denn das Zeug wird ja verkauft, ich will es nur nicht mehr auf gedrucktem Papier, sondern da lesen, wo ich auch meine nichtjournalistischen Medien konsumiere (und das ist, wenn es sich nicht um ein Buch handelt, meistens der Browser).

Für den Online-Journalismus in Deutschland, also Leute, die vorwiegend auf Webseiten Texte einstellen, existiere ich, existieren die vielen Leser der Print-Formate als Zielgruppe offenbar nicht oder kaum im Netz. Stattdessen scheint man zu glauben, dass Netzleser ausschließlich Idioten sind.

Die Verlage stecken nämlich schon massiv Geld und Mühe in den Journalismus im Netz, allerdings nicht in den Ausbau der Qualität, sondern in das Gegenteil, neuerdings zum Beispiel in sich aufs Haar gleichende Schrotthalden „Portale“ (Bento, Byou, Zett und wie sie alle heissen), die zugeschnitten sind auf eine omninöse „Generation Hashtag“, auf Leute, die gar keinen Journalismus konsumieren, sondern nur lustige Facebook-Links anklicken, eine Zielgruppe von der man nicht nur nicht weiss, ob sie überhaupt existiert oder sich doch eher aus gelangweilten anderen Medienarbeitern zusammensetzt, sondern die darüber hinaus auch noch komplett illoyal gegenüber den Marken ist (solchen „Lesern“ ist es vollkommen egal, ob sie Heftig oder Buzzfeed klicken, sie kommen nur für die LOLs).

Diese Ausrichtung wird als „Zukunft des Journalismus“ verkauft, weil ein paar amerikanische Webseiten, die man nur mit viel geistiger Verrenkung journalistisch nennen kann (Buzzfeed, Vice) damit massiv Traffic erzeugen und mit diesem Traffic die Werbekunden überzeugen.

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Den „richtigen“ Journalismus, den gibts in Deutschland nicht im Netz (englischsprachige Gegenbeispiele: New Yorker, Aeon Magazine, Blogs wie Waitbutwhy, etc), nur lieblos kostenpflichtig zum Download in einem dem Papier ähnelnden Format oder maximal als ein paar Tage später nachgeschobene Zweitverwertung einiger Artikel.

Das absolut Naheliegendste, die schlichte digitale Spiegelung der wirklich lesenwerten und intelligenten Inhalte, die bereits vorhanden sind und die seit Jahren Käufer finden, das liegt fast verschämt hinter einen Link zum PDF oder zur App, in der man es dann nochmal runterladen muss, nachdem man sich registriert hat und irgendeine einem merkwürdig vorkommende Zahlweise angegeben hat, die sich selbst erneuert, zum gleichen Preis der Printausgabe, obwohl keine Druck- und Logistikkosten mit drin sind.

Oder anders gesagt: Die seit Jahren zum Teil sehr treuen Print-Leser, die nicht nur Geld ausgeben wollen und können, sondern sich auch mit dem jeweiligen Blatt identifizieren, genau die Leute, die eigentlich die Kern-Community auch im Netz werden müssten, hohe Prio, Bernd, die sind den Verlagen dort scheinbar ein eher ein lästiges Anhängsel. Gepflegt und hofiert wird stattdessen eine über zufällige Facebook-Links kommende LOL-Masse.

Man kann eigentlich nur hoffen, dass die deutschen Verlagshäuser mit dieser absurden Strategie so richtig auf die Schnauze fallen, ja, vielleicht auch in Teilen einfach pleite gehen. Danach werden eventuell wieder ernsthaftere, auf Langfristig- und Nachhaltigkeit ausgerichtete Modelle entstehen, und zwar in digitaler, webbasierter Form. Stirb schneller, Journalismus.

6 Gedanken zu „„Suche: Qualitätsjournalismus im Netz, biete: Geld““

  1. Hast du denn BLENDLE noch nicht mitbekommen? Da kannst du Artikel vieler respektabler Zeitungen und Zeitschriften einzeln anlesen, kaufen – und bei Nichtgefallen werden die Centbeträge sogar sofort zurück gebucht.

    1. Klar habe ich das mitbekommen. Ist allerdings wiederum ein ganz anderes Konzept und kommt auch nicht direkt von den Verlagen, sondern von einem Drittanbieter. Soweit ich weiß, gibt es dort allerdings auch keine Option „Kaufe die aktuelle FAZ zu einem vernünftigen Preis und im Browser lesbar“ und leider auch kein „Sorg mal dafür, dass Verlage in die Versorgung der bestehenden Leser im Netz ähnlich viel Geld und Mühe investieren wie in Facebook-Like-Leute.“

      1. Vollste Zustimmung bis auf die Preisfrage. Was ist denn deiner Meinung nach ein ‚vernünftiger‘ Preis? Die FAZ z.B. kostet bei blendle unter der Woche 1,70 Euro, als Printausgabe 2,50 Euro. Ich halte das durchaus und grundsätzlich für angemessen. Und gut lesbar ist sie auch im Browser, bei mir jedenfalls.

  2. @Erich: Gute Frage, die ich so pauschal nicht beantworten kann.

    Nochmal zu Blende: Es kann aber nicht die Lösung sein, dass über einen Drittanbieter Zeitungen ihre Produkt zerstückelt in Einzeltexte ins Netz bringen, während sie gleichzeitig aufwendige Webseiten und Portale bauen, auf denen ALLES ANDERE als ihr Kernprodukt läuft (also entweder die werbefinanzierte Light-Version oder Buzzfeed-„Journalismus“ für Facebooker). Diese paradoxe Situation wollte ich hier betonen.

  3. Etwas ähnliches suche ich auch, das ist ja im Grunde das, was die Krautreporter mal versprochen haben. Es stimmt nämlich schon, dass der Online-Journalismus radikal kaputt ist, da hatten sie Recht, auch wenn sie es nicht waren die ihn gerettet haben.

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