Flohmarktfund: Die Liebesbriefe von Fritz und Mieze um 1920

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Ich habe vor einigen Jahren auf einem Flohmarkt in Dresden einen Stapel alter Briefe samt Inhalt entdeckt und gekauft. Darunter befand sich eine ganze Reihe außergewöhnlich schöner, handgeschriebener Liebesbriefe in Sütterlinschrift aus den Jahren 1919 bis 1929, die ich anschließend im Verlauf einiger Monate mit Hilfe einer Freundin entziffert und transkribiert habe.

In den „Miezebriefen“ (so nenne ich sie für mich) entspinnt sich im Verlauf von zehn Jahren die Liebesgeschichte zwischen dem (späteren) Journalisten Friedrich „Fritz“ Ritter und seiner Angebeten Maria „Mieze“ Priester. Ich besitze nicht alle Briefe zwischen Fritz und Mieze, sondern nur etwa 30 Stück – immer wieder fehlen ganze Jahre. Was aus Fritz und Mieze am Ende geworden ist, das vermag ich leider nicht zu sagen, aber ich will die Briefe hier nach und nach veröffentlichen. Die Rechtschreibung wurde belassen wie im Original.

23. Januar 1919 – Fritz Ritter an Maria ‘Mietze’ Priester

Herzlieb!

Eben ließ mich Tante, die eine Freundin besuchen will, mit dem Abschiedswort „Sei nicht bös über mein Fortgehn“ allein in der Wohnung zurück. Ich hätte ihr mit den Worten des Liedes antworten können: „Einsam bin ich, nicht allein“. Vor wenigen Minuten hätte auch das weitere, was der Text dieser berühmten Arie besagt, auf meine Lage gepasst; Denn – um mich her im Mondenschein schwebte Dein geliebtes Bild.

Ich stand draußen über das Geländer unseres Balkons geneigt, der einen für städtische Begriffe wunderschönen Blick auf die gepflegten Anlagen einer Loge – eine grüne Oase in der Ruinwüste der Großstadt – gewährt. Es herrschte sonntägliche Stille, aus der Ferne nur drang ein fortdauerndes dumpfes Geräusch herüber, die verstummende Stimme des großen Gemeindesees; der Mond arbeitete sich langsam durch eine schwere Wolkenschicht und spaltete sie wie ein Riese, der mit silbernem Hammer ein Bergmassiv zerschlägt. Die Bäume tauchten ihre Kronen in sein weißliches Licht und zogen ein Gewirr dunkler Schattenlinien auf die welken Rasenflächen. Ich blickte dem Nachtgestirn in sein helles Angesicht und bat um ein Wunder.

Wie wenn Du Dich plötzlich aus der Luft aus dem Strahlengeflimmer verdichtet hättest, aus dem Lichtgewand deine Gestalt hervorgestiegen wäre wie Venus aus dem Schaum des Meeres! Wenn Du mit einem Mal in holdester Wirklichkeit, leibhaftig mit liebem Lächeln vor mich hingetreten wärst – wie wohl hätte ich Dich empfangen und im Triumph hineingeführt! Lieber noch heimgeführt!

Es geschah aber nichts dergleichen – wie unsäglich nüchtern und prosaisch geht es doch hinieden zu! – Und so musste ich voller Trübsaal allein in meine Klause zurückkehren. Da sitze ich denn nun, vergegenwärtige mir die Stunden unseres Zusammenseins, betrachte das einzige Bild, das ich von Dir besitze, und höre dann dem Rauschen in meinen Ohren zu. Was da rauscht, ist Leben; So eilig rauscht es aber auch dahin. Es kommt mir vor, als läge das gemeinschaftlich durchlebte schon weit zurück. Tiefe Stille liegt über dem ganzen Haus ausgebreitet und eine Empfindung erwacht in mir, ich befinde mich als Einsiedler irgendwo in öder Abgeschiedenheit, wo ich, als einzigem, was mir noch geblieben, dem Gedächtnis vergangenen Glückes lebe.

Doch was für vertracktes Blech bin ich wieder zu faseln im Begriff! Wenn Du mich einen sinnlos-sentimentalen Waschlappen nennst, ist dir nur beizupflichten. Erst begonnen hat unser Glück. Das schönste soll uns erst die Zukunft bringen. Für dies ausrutschen der Gefühle kann ich höchstens als notdürftige Erklärung anführen, was Du weiter unten lesen wirst, und dann… Weshalb kannst Du es auch über Dich gewinnen, mich hier in solch beklemmender Verfassenheit, ohne Dich – bedenke nur: Ohne Dich! – umhersitzen zu lassen.

Zwar könnte ich ja auch der Lust nachjagen, weltliche Vergnüglichkeiten auskosten – notabene, soweit meine Barmittel es dulden, und sie dulden es nicht weit -, allein wie leer ist dies im Grunde, wie schal und welch unerfreulicher Nachgeschmack bleibt oft zurück. Vorteilhafter ist unstreitig, in den Mußestunden der eigenen Bildung weiterzubauen, und darauf wirst Du mich in Erkenntnis der mir anhaftenden Mängel wohl auch mit ernster Mahnung hinweisen, wenn man sich jedoch angestrengt und erhohlungsbedürtig fühlt, dann hat, was Du auch dagegen einwenden magst, als unbedingt am vorteilhaftesten zu gelten, Dokumente, die gar köstliche Dinge beurkunden und unter welche die höchste Behörde vor Gott, das Herz, sein erfurchtgebietendes Siegel gedrückt hat.

Beim Anblick deiner so bedeutsamen Schriftstücke wird man ein gewaltiges Brausen – dem Pfingstbrausen gleich – und eine Stimme zu vernehmen glauben, die einem zuruft: „Heil Dir! Du Auserwählter unter den Sterblichen!“ Man wird meinen, die Sonne sei eigens zu dem Zweck an den Himmel gesetzt, herunterzukommen, Wege zu erhellen, und alle Grillen ins Nichts verjagen falls man es nicht vorzieht, sie als Leckerbissen knusprig gebraten zu verspeisen. Des Besitzes solcher Dokumente, die so Unschätzbares „verbrieft“ enthalten, in erheblichem Maße sich erfreuen zu können, bin ich nun in der glücklichen Lage. Sie sind von unterschiedlichem Umfange. Heute gelüstet es mich, mich am Anblick der Kürzeren zu erbauen. Da liegt niedlich und klein, schmal und gelb der Abschnitt von der Paketkarte der Weinachtssendung. „Mieze Priester“ steht darauf „aus Saldetfurth bei Hildesheim“ und „herzliche Weihnachtsgrüße“. Wie bescheiden sich der Paketstreif ausnimmt, wie unaufdringlich er ist, niemals wird er aber übersehen werden.

Ein anderes Dokument ziehe ich hervor. Von mir selbst auf einer Seite beschrieben, auf der anderen finden sich Deine Charaktere. „Meine sehr verehrte liebe Frau Tante“ steht da als Überschrift zu lesen. Entsinnst Du Dich noch der Stunde, Holdlieb, als wir die Karte abfassten? Noch fühle ich Deinen weichen Arm, den Du mir, indes ich schrieb in den Nacken legtest, oder nein, Du umschlangst meine Brust und Deine warmen Lippen ruhten auf meinem Nacken. O! Ein Königreich, wäre es in diesem Augenblick wieder!

Und eine dritte Urkunde halte ich in der Hand! Sie enthält nur die wenigen Worte: „Einen letzten Gruß aus Torgau“. So kurz und doch so vielsagend! Wie es mich packte, dies erste Gedenkzeichen nach unserem Auseinandergehen! Gehe ich noch weiter in die Vergangenheit zurück, so fällt mein Blick auf jene erste Karte, die Du aus Braunschweig sandtest, als unsere Bekanntschaft noch im zarten Kindesalter stand. Es klingt melancholisch, was Du da schreibst und doch wurde Dein Aufenthalt noch „sehr, sehr nett“, es zeigte sich, daß auch die alten Menschen noch lebten neben oder viel mehr in den alten Gassen und Häusern. Ja, Mietzchen, das sind die kleinen Leckerbissen unter den vielen Grußbezeugungen, mit denen Du mich Unwürdigen weich gemacht hast. An äußerem Maß sind sie gering, an Süßigkeit und innerem Wert stehen sie aber den großen Ambrosiatorten und Galapasteten Deiner wohlwollenden Kundgebungen nicht nach.

Allein (verzeih die andere Tinte, ich schreibe am nächsten Morgen in der Lesehalle weiter) ich will mich nicht in den übelduftenden Blumengarten abgeschmackter Gleichnisse verirren. Die Bezeichnung Deiner Briefe und Kärtchen als Liebesdokumente hingegen ist ebenso schön, wie sie treffend ist. Nicht wahr? In herzbezwingender Weise bekundeten mir wieder die lezten Schreiben aus Deiner Hand wie ganz Du mir gehörst. So voller Trübsal sie waren, in eine begreifliche Erregung sie mich zum Teil versetzten, so legten sie doch in einer das innerste bewegenden Art Zeugnis von Deiner großen Liebe zu mir ab und ihre Wirkung war daher trotz allem in lezter Linie eine freudige.

Wie gut weiß ich es längst, wie gut Du mir bist, aber ich brenne, es immer und immer wieder aus deinem rotem Mund zu hören und angesichts eines solch elementaren Ausdrucks Deiner Zuneigung erlebe ich diese als etwas wunderbares neues, das überwältigend im gegenwärtigen Augenblick in mein Leben tritt. So stellten also – in gewissem Sinne klingt es fast grausam – Deine letzten Briefe einen Gewinn für mich dar. Nicht müde werde ich, einzelne bestimmte Sätze daraus stehts von neuem zu lesen, nein, mit ganzer Seele zu umfassen. Die Blume, erwachsen aus dem Boden banger Gemütsbewegung, bot auch nur Süßigkeit wie alles hold und lieb ist, was von Dir kommt, durch Dich geschieht.

Doch weshalb alle Beunruhigungen? Dein Unwohlsein mag als Erklärung für die unverständliche schlimme Aufnahme meiner Zeilen gelten. Es ist zum Kopfschütteln; wortwörtlich, unverrückbar steht es da: „Wenn du die Absicht hattest, mich aufs tötlichste (!) zu treffen…“ Weißt du, daß dies Deine Worte sind? Von heut auf morgen, gleichsam über Nacht hältst du eine Wandlung in mir für denkbar, die Dich mir „überhaupt nichts mehr sein läßt“, ohne daß auch nur ein leisester Grund vorliegt. Meine Liebe zu Dir ließest Du da ja in einem eigenartigen Lichte erscheinen.

Was (fahre wieder mit der eigenen Tinte daheim fort) mich beim Abfassen jenes Briefes, der das „Unheil“ anrichtete, erfüllte, teilte ich Dir schon mit. Ich bildete mir eben ein, das Interesse, das Du dem Inhalt meiner Schreiben bezeigst, entspräche nicht dem von mir aufgewendeten Eifer und nach einem raschen Überfliegen wanderten die Epistel zur allgemeinen Sammelstelle. Unter anderem glaubte ich es daraus schließen zu müssen, daß du selbst ganz bestimmt formulierte Fragen unbeachtet ließt. Aber ich will nicht weitere Tinte darüber vergießen, was mich zu jenen Worten bewogen hat. Sie müßten Dich verletzen, und ich bereue meine Verdrehtheit und Unbeherrschtheit tief. Gesetzt auch den Fall, Du seist nicht sonderlich berührt worden, so hätte ich dies doch nur mir selbst, der Fadheit meiner Schreibweise zuzuschreiben. Und nun ziehe ich den riesigen Schlußstrich hinter diese Angelegenheit __________________________________.

Sage mir, Liebling, ob du nun wirklich wieder ganz gesund bist. Ich bitte dich dringend um Vorsicht und Bedachtsamkeit, was nicht etwa mit Zimperlichkeit zu verwechseln ist. Wissen möchte ich, wie weit du Das ausführst, was ich Dir zur Körperpflege anempfahl, ob mein Wille, wie Du Dich ausgedrückt, in der Tat den Deinen geweckt hat oder ob Du mir nur zu Beschwichtigungszwecken…… Jedoch nicht aufs Neue will ich mein Herzlieb mit schnöden Zweifeln „tödlich treffen“; ich weiß es ja – meine Mieze – ein Wort…… Willst Du mir denn nicht auch verraten, was Du liest? Ein Mensch, dem es wirklich um innere Förderung zu tun ist, wird Bedacht in der Wahl seiner Lektüre zeigen.

Du erzählst von den Besuch eines „kleinen“ Bekannten, von dessen Wesen Dich eine Seite anzöge und die andere abstieße. Was scheint Dir denn an ihm wesensfremd? Ich bitte Dich um eine genauere Analyse; sehe ich doch auch Dich dabei. Überhaupt bitte ich Dich mehr um Schilderungen von Einzelzügen, um „Detail“, sie geben die Farbe und lassen auch, worauf es mir vor allem ankommt, Dich, mein Mädchen, deutlicher hervortreten insofern, als ich dann sozusagen eine bessere Anschauung von Deinem Leben im Einzelnen gewinnen, im Geiste mit erlebe, mit dort sein kann, wo Du bist. Wie deutlich vermag ich mir Deine Spaziergänge vorzustellen, auf ihnen kann ich Dich begleiten. Es klingt mir urdeutlich im Ohr, Du Liebe, Dein Ruf von der Bergeshöh nach mir! Könnte ich ihm Folge leisten!

Gestern, als ich den ersten Teil dieses Briefes schrieb, war mir nicht wohl zumut und ich flüchtete zu Dir um mich wieder froh zu stimmen. Am selben Abend ging von der Verbindung aus ein Ball in Szene, zu dem ich in letzter Stund’ absagen musste, da mein Hals plötzlich – zum 1. Mal in dieser „Saison“ – streikte und es noch tut. Um dem Übel auf den Grund zu kommen, begab ich mich heut zum Arzt. Dieser riet mir, einen operativen Eingriff vornehmen zu lassen. Mit darauffolgender bestimmter Behandlung dürfte sich die Sache 2 bis 3 Monate hinziehen. Ich bin außer mir, weil ich befürchten muß, dadurch empfindlich in meinen Arbeiten gestört zu werden. Aber was soll ich tun. Die Plackerei mit den Halsgeschichten will ich endlich beseitigt wissen.

[An den rechten Rand der letzten Seite geschrieben:] Am Freitag werde ich mich also dem Messer des Chirurgen ausliefern.

[An den anderen Rand:] Sollte ich dann einige Tage ausserstande sein, zu schreiben, so findest Du darin die Erklärung. Wähne nicht, es stünde „etwas zwischen uns“.

Wirst Du mir gut bleiben?

In zärtlicher Liebe,
Dein Fritz

8 Gedanken zu „Flohmarktfund: Die Liebesbriefe von Fritz und Mieze um 1920“

  1. (Bemerkenswert finde ich in dem ersten Brief auch das mit den „knusprig gebratenen Grillen“ als „Leckerbissen“ – hat man in den 20ern in Deutschland üblicherweise Insekten gegessen oder hat Fritz das anderswo gelernt? Weiß das jemand?)

  2. Wäre es nicht ganz wundervoll zu hören, was aus den beiden wurde? Kann man das denn nicht irgendwie rausbekommen, zumal ja die vollen Namen mit Spitznamen (!) bekannt sind? Gibt es Nachkommen oder andere Verwandte? Das wäre doch ein kleines Fest! Für Sie und für die Betroffenen ebenfalls.

    1. Sie haben wohl geheiratet, so interpretiere ich zumindest den letzten der Briefe, die ich besitze, auch wenn sie dann noch immer Zweifel hat.

      Aber ja: Das wäre sehr schön. Hast Du eine Idee, wie man da ansetzen könnte?

      1. Sagen wir mal, es gäbe Anhaltspunkte, wo die beiden damals lebten, könnten doch Einwohnermeldeämter helfen (wenn sie helfen wollen, Datenschutz usw.). Zumindest ist Maria Priester kein Allerweltsname.

  3. Dieser Brief ist teils mächtig formuliert. Unglaublich. Weißt du ob sie damals auch so sprachen, und wenn es nur ähnlich war und nicht wie bald ein Abklatsch einer Sprache wie heut?
    Meine liebsten Stellen waren….
    《 Von heut auf morgen, gleichsam über Nacht hältst du eine Wandlung in mir für denkbar, die Dich mir „überhaupt nichts mehr sein läßt“, ohne daß auch nur ein leisester Grund vorliegt. Meine Liebe zu Dir ließest Du da ja in einem eigenartigen Lichte erscheinen. 》
    und
    《 worauf es mir vor allem ankommt, Dich, mein Mädchen, deutlicher hervortreten insofern, als ich dann sozusagen eine bessere Anschauung von Deinem Leben im Einzelnen gewinnen, im Geiste mit erlebe, mit dort sein kann, wo Du bist. 》

    Danke fürs aufwändige abtippen und teilen Sebastian!

    1. Also Fritz ist in jedem Fall gebildet / belesen und hat Talent fürs Schreiben. Ich habe inzwischen viele (auch noch ältere) Briefe von Privatpersonen gelesen, sein Stil ist ungewöhnlich gut, auch wenn er stellenweise auch sehr kitschig wird :).

Ach komm, erzähl mir nix (oder doch)

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