Schwarze Perlen: Die besten Black Metal-Alben der 00er und 10er (III)

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Black Metal, die Dritte. Ich möchte den Fokus dieser Artikelreihe mit diesem Teil etwas öffnen: Hieß die Serie vorher „vergessene Black Metal-Alben“, so wechsle ich nunmehr auf die Bezeichnung „beste“, denn man kann schlussendlich nur selten bei irgendeinem Black Metal-Album behaupten, dass es kommerziell so erfolgreich war, dass es nicht einige Jahre später als vergessenes Album gelten darf. Der erste Teil der fortlaufenden Serie findet sich weiterhin hier, der zweite hier.

Auch in dieser Folge von „Schwarze Perlen“ möchte ich einen möglichst breiten Überblick über das Genre geben. Neben alten Helden der Szene (Immortal und Emperor) betrachten wir dieses Mal neue Klassiker (Deathspell Omega und Wolves in The Throne Room), soundtechnisch auf ein breiteres Publikum ausgerichtete Bands (Naglfar), aber auch Exoten wie die Isländer von Misþyrming. Mit Krallice und Ash Borer sind außerdem zwei aktuelle und moderne Vertreter des amerikanischen Black Metal in der Liste, die unterschiedlicher nicht sein könnten.

Immortal – „All Shall Fall“ (2009)

Es ist wirklich erstaunlich, wie sich die einstige Krach-Band Immortal in den 20 Jahren ihrer Karriere entwickelt hat: „All Shall Fall“ steht für eine extrem professionelle Hochglanzproduktion, Schichten über Schichten von grandios geschriebenen und eingespielten Gitarrenriffs (und erstmals auch echte Solo-Passagen) und komplexe lange Songs im krassen Gegensatz zum Rumpelkammer-Kassettenrecorder-Sound der Anfangstage. Gleichzeitig haben Immortal, im Gegensatz zu so vielen Pionieren der norwegischen Szene, nie ihre Wurzeln ausgerissen, sondern sind sich treu geblieben: „All Shall Fall“ bleibt trotz seines klaren Sounds, seiner Thrash- und zarten Rock-Einflüsse immer als lupenreiner Black Metal erkennbar und braucht nur Gitarre, Vocals, Bass, Schlagzeug, Spielereien und Experimente überflüssig. Es ist schade, dass es wohl das letzte Album der Band bleiben wird, denn Immortal sind hier nah an der Perfektion, fast jeder Song von „All Shall Fall“ kann weit die Genre-Grenzen hinaus als Beispiel dafür gelten, wie man druckvolle, moderne Metal-Songs schreibt und produziert (vor allem Metallica sollten sich von diesem Sound und diesen Gitarren-Riffs eine dicke Scheibe abschneiden). Immortals Meisterwerk wird wohl für immer „At The Heart Of Winter“ bleiben (das eines der besten Black Metal-Alben überhaupt ist), aber „All Shall Fall“ ist ein starker Kandidat für die Top 3 der Norweger.

Weiterlesen: Ein ausführliches Review bei Pitchfork
Anhören: “Norden On Fire”

Deathspell Omega – „Paracletus“ (2010)

Wer verstehen will, wie unheimlich faszinierend atonale, rasend schnelle Gitarrenmusik klingen kann, der sollte „Paracletus“ hören. Wer das beste Black Metal-Album der letzten 10 Jahre hören will, der sollte „Paracletus“ hören. Es ist vielleicht das zugänglichste (das Wort ist bei einer so avantgardistischen Band allerdings höchst relativ) eines seit 2004 als Trilogie angelegten Albenzyklus der Band, aber es ist in vielerlei Hinsicht auch das prägnanteste: Deathspell Omega komprimieren ihren Wahnsinn, sie verdichten ihn in kürzere Songs, die die Essenz der Band in geballterer Form wiedergeben. Selten hört man eine Band aus egal welchem Genre mit so mit ungewöhnlichen Rhythmen, derart irren Akkorden und musikalisch außer jeder Tonskala stehenden Melodien in alle Richtungen ausufern wie die Franzosen Deathspell Omega auf diesem Album. Sie hatten sich schon zuvor in Szene-Kreisen (und vor allem mit dem monumentalen und monumental langen zweiten Klassiker ihrer Discographie „Si monvmentvm reqvires, circvmspice“) den Ruf erarbeitet, eine der wichtigsten aktiven Black Metal-Bands der Gegenwart zu sein, mit „Paracletus“ zementierten sie diesen Ruf endgültig. So lange noch solche wegweisenden Alben erscheinen, so lange ist Black Metal in seiner Entwicklung noch lange nicht am Ende angekommen oder hat seine kreative Kraft verloren.

Weiterlesen: Ein sehr langer Artikel über die Deathspell Omega-Albentrilogie auf Pop Matters
Anhören: Das ganze Album auf YouTube

Enslaved – „Below The Lights“ (2003)

Enslaved haben sich im Laufe ihrer Karriere, die inzwischen ganze 13 Alben und 25 Jahre umfasst, mehr und mehr von einer Black Metal- zu einer Progressive Metal-Band entwickelt, nicht unähnlich der Entwicklung, die annähernd gleichzeitig Opeth im Death Metal durchlaufen haben. „Below The Lights“ ist nicht nur eines der besten, vielleicht sogar das beste Album von Enslaved, sondern auch der interessante Punkt in dieser langen Entwicklung der Band, denn hier halten sich die beiden musikalischen Strömungen fast perfekt die Waage, die Prog-Elemente sind in jedem Song vorhanden (seien es Flöten, Mellotrons, akustische Gitarren oder lange Soli) und sorgen für eine extrem hohe Variation zwischen den einzelnen Tracks, aber das Album ist insgesamt mit seinen schnellen Riffs, seinen eher spärlichen cleanen Vocals und seiner düsteren Atmosphäre auch noch sehr deutlich dem Black Metal und seiner musikalischen Ästhetik verschrieben. Es gibt relativ viele sehr gute Veröffentlichungen von Enslaved, aber „Below The Lights“ ist definitiv ein Must-Have.

Weiterlesen: Ein ausführliches Review bei CoC
Anhören: “Queen Of Night”

Altar Of Plagues – „Teethed Glory And Injury“ (2013)

Man findet im Bereich extremer Gitarrenmusik nur selten Bands, die ständig erfolgreich experimentieren und die Experimente nicht nur als eine Art Special Effect unter ihre Musik mischen, sondern sie wirklich als Grundlage für das Songwriting nehmen. Bei „Teethed Glory and Injury“ hat es vermutlich geholfen, dass die junge Band schon vor dem Album entschieden hat, dass es ihre letzte Platte wird. Sie ist ein ziemlich kompromissloses Statement geworden, in das Altar Of Plagues noch einmal alles gelegt haben, das sie ausmachte: Sie hatten immer Sludge-, Electro-, Industrial- und Noise-Soundelemente in ihrem Black Metal, sie waren schon immer eine eher fortschrittliche Band, hier leben sie alles auf einmal aus und klingen dabei experimenteller, atonaler und düsterer als je zuvor. Wer ein modernes, durchwegs eigenwilliges und keinesfalls traditionelles Black Metal-Album ohne die ganze Naturmystik und den sonstigen ideologischen Ballast hören will, für den ist „Teethed Glory and Injury“ ein idealer Kandidat. Eine einfache Platte ist das aber auf keinen Fall.

Weiterlesen: Ein ausführliches Review bei Pitchfork
Anhören: Das ganze Album auf YouTube

Wolves In The Throne Room – „Celestial Lineage“

Es ist ein warmer, fast analog-organischer Sound, der die hypnotischen Riff-Teppiche des letzten Wolves In The Throne Room-Albums ins richtige Licht rückt, der es neben dem außergewöhnlich guten Songwriting auch zu einer so starken Platte macht: Klangen der Vorgänger „Black Cascade“ und in Teilen auch die „Malevolent Grain“-EP zu emotionslos, zu distanziert und kalt, so findet die Band hier endlich (wieder) die Atmosphäre, die ihre Musik zum Atmen braucht. Neben den überlangen, mitreißenden Stücken werden immer wieder Interludes und Zwischenakzente gesetzt, kurze Verschnaufspausen zwischen den in epischer Länge mäandernden und mit einer nicht unerheblichen Portion Post-Rock versetzen Bergen von Songs, auf die uns die Band mitnimmt. Es ist leicht, diese moderne Form von Black Metal zu hassen, denn sie hat sich doch ein Stück von den skandinavischen Wurzeln entfernt. Wenn man sich darauf einlässt, dann bekommt man mit „Celestial Lineage“ und Wolves In The Throne Room allerdings eine der schönsten Variationen dessen, wohin die Reise im amerikanischen Black Metal geht. Sehr hörenswert.

Weiterlesen: Ein ausführliches Review bei Pitchfork
Anhören: Das ganze Album auf YouTube

Krallice – „Krallice“ (2008)

Krallice werden oft in einem Atemzug mit Liturgy, Deafheaven und anderen, modernen „Hipster“-Black Metal-Bands genannt, eine Schublade, in die ihre Musik aber auf keinen Fall passt. Krallice biedern sich in ihrem Sound nirgendwo an, im Gegenteil ist die Musik geradezu außergewöhnlich sperrig und eigensinnig: Krallice-Songs wirken strukturell oft wie endlose, atonale, rasend schnelle Gitarrensoli und bestehen vor allem aus Tremolo-Riffs, sie sind viel näher an moderner Klassik oder an Bands wie Emperor oder gar Iron Maiden als an den Post-Rock-Einflüssen der anderen populären Black Metal-Acts aus Amerika. Und auch wenn fast alle Krallice-Alben einen sehr hohen Qualitätsstandard halten, sticht das Debüt weiterhin heraus: Es ist Kopfmusik mit einigen der ungewöhnlichsten Melodien, die man überhaupt im Metal hören kann, es erschafft komplexe Soundwände, auf einen dazu auffordern, zuzuhören. Man kann Krallice schwer nur nebenbei konsumieren. Falls mal das Subgenre „Technical Black Metal“ erfinden will, wäre das ein Album, das dort hineingehört. Auf „Krallice“ findet sich kaum ein Song, der hier nicht an der zehn Minuten-Marke kratzt oder sie gleich nimmt und kaum ein Song, der sich auf den ersten Durchlauf erschließt. Und trotzdem, oder genau deswegen, lohnt sich die Beschäftigung mit diesem Album sehr, das seinen hermetischen Soundkosmos mit jedem Durchlauf ein Stückchen mehr öffnet.

Weiterlesen: Ein ausführliches Review bei Teeth Of The Divine
Anhören: Das komplette Album auf YouTube

Emperor – „Prometheus“ (2001)

Es gibt wenig Zweifel am Urteil der Geschichte über Emperor: Alle vier Alben der Norweger werden wohl für alle Zeit als Klassiker des Genres gelten, nicht zuletzt deswegen, weil die Band sich in weiser Vorraussicht auflöste, bevor sie selbst an ihrer Reputation sägen konnte. Aber auch wenn der Fokus der Fans wohl für immer auf den ersten beiden Alben liegt, so sollte man auf keinen Fall außer Acht lassen, wie nahe an der Perfektion auch das mit Death Metal- und Prog Rock-Einflüssen durchzogene „IX Equilibrium“ sowie das letzte Album „Prometheus“ musikalisch sind. „Prometheus“ ist sicherlich das insgesamt kopflastigste und komplexeste Emperor-Album, auch das technischste und kälteste, es ist aber auch eine echte Offenbarung, wenn man ihm folgen will und kann, denn hier spielen nicht nur drei Musiker, die technisch zur Spitzengruppe ihrer Szene gehören, sondern die auch in Sachen Songwriting und Stil extrem kreativ und progressiv zu Werke gehen. „Prometheus“ würde auch dann, wenn es heute erscheinen würde, noch zu den besten Alben seiner Zunft zählen, es hat in den letzten vierzehn Jahren nichts von seiner Relevanz eingebüßt. Ein Meilenstein des (modernen) Black Metal.

Weiterlesen: Ein ausführliches Review auf diesem Blog
Anhören: Das komplette Album auf YouTube

Ash Borer – „Ash Borer“ (2011)

Definiere Dystopisch. Wenn man bei Wolves In The Throne Room die Post-Rock-Anleihen durch Punk und Industrial, die Hippie- und Natur-Ästhetik durch Nihilimus ersetzen und den Black Metal-Anteil gleich lassen würde, dann wäre man schon sehr nah an Ash Borer: Lange, sehr harte Gitarrenpassagen, sehr kalt, sehr Science-Fiction, sehr darauf bedacht, eine beklemmende Atmosphäre entstehen zu lassen. Ash Borer sind Underground, sie sind noch recht unbekannt und man kauft ihnen sofort ab, dass sie elitäre Musik für eine kleine Gruppe von Menschen machen wollen. Auf ihrem Debüt gibt es nur drei Songs (der längste davon 20 Minuten) und einer ist schwärzer als der andere. Das Album „Ash Borer“ ist unheimlich faszinierendes Stück Musik, ein würdiger Vertreter amerikanischen Black Metals, ein Album, das den Spirit des Genres musikalisch perfekt verkörpert, ohne in seinen inhaltlichen Themata noch eine allzu große Artverwandschaft mit den skandinavischen Vorfahren aufzuweisen.

Weiterlesen: Ein ausführliches Review bei Sputnikmusik
Anhören: “In The Midst of Life, We Are In Death”

Misþyrming – „Söngvar elds og óreiðu“ (2015)

Immer wieder Island: Irgendetwas, das sich im Gemüt der Menschen von der kleinen Insel festsetzt, scheint dafür zu sorgen, dass dort ungewöhnliche, entrückte Musik besonders gut gedeiht. Misþyrming sind neben Svartidauði und Sinmara schon die dritte Black Metal-Band aus der kleinen Community, die sehr hohe Qualitätsstandards setzt: „Söngvar elds og óreiðu“ schafft den Spagat zwischen einem erdigen, primitiven Ansatz und sehr kunstvoll arrangierten, durchaus vielfältigen Songs in einem ungewöhnlich originellen Gitarrensound. Die Referenzen, an denen sich die Band orientiert, sind ein Patchwork aus den meisten aktuellen Strömungen: Man hört amerikanische Einflüsse, aber auch viel Emperor, sowie immer wieder deutliche Spuren der isländischen Kollegen. Misþyrming erfinden sicherlich den Black Metal nicht neu, aber sie katapultieren sich mit dem exzellenten „Söngvar elds og óreiðu“ aus dem Nichts in die obere Liga europäischer Black Metal-Bands. Für ein Debüt-Album ist das hier eine riesige Leistung. Man darf hoffen, dass uns diese Band noch lange erhalten bleibt und dieses Niveau halten kann.

Weiterlesen: Ein ausführliches Review bei Cvlt Nation
Anhören: Das ganze Album auf YouTube

Naglfar – „Harvest“ (2007)

Es ist schade, dass Naglfar so lange für ihre Alben brauchen und nie richtig viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen konnten, denn das, was sie tun, gehört im Bereich melodischer und für Aussenstehende zugänglicher Black Metal definitiv zu den Highlights der Szene. „Harvest“ ist neben dem Debüt „Vittra“ vielleicht das stimmungsvollste Album der Schweden, die sich selbst hörbar in der Tradition von Dissection verorten. Naglfars Songs sind nie sonderlich lang, die Band scheut (wie seit einiger Zeit etwa auch Watain) nie davor zurück, Einflüsse aus klassischem Rock und Metal aufzugreifen, Keyboards, Akustik-Passagen und traditionelle Soli werden nahtlos in die Songs integriert. So bauen Naglfar sehr eingängige, meist hochmelodische Black Metal- / Rock-Bastarde, die auch gerne mal in Kitsch und Klischees abdriften, aber dabei unglaublich viel Spaß machen und nicht selten geradezu Ohrwürmer zum Mitsingen sind. Naglfar sind keine kompromisslosen Ideologien und sie pflegen auch keinen zwanghaften Kunst-Anspruch, aber ihre Songs sind wahnsinnig unterhaltsam und die Band hat ein Ohr für gute Melodien. Wenn man Black Metal einer Person nahebringen will, die mit der Musik nichts am Hut hat (und nicht auf nur noch so halb zum Genre gehörende Poser-Bands wie Dimmu Borgir oder Cradle Of Filth zurückgreifen will), dann sind Naglfar ein idealer Kandidat.

Weiterlesen: Ein ausführliches Review bei Sputnikmusik
Anhören: „Harvest“

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