Der Shitstorm als Mittel der politischen Kommunikation

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Erika Steinbach hat aus ihrer Perspektive alles richtig gemacht: Ihre Botschaft verbreitet sich in Windeseile im Netz. Zum Tode von Helmut Schmidt kramte die Berufspolitikerin und -Provokateurin ein uraltes Zitat Schmidts über „Ausländer“ heraus und twitterte es zusammen mit einem Photo des verstorbenen Altbundeskanzlers. In schwindelerregender Geschwindigkeit sprangen Politiker, Journalisten, sogenannte Influencer (i.e. Menschen mit vielen Followern auf Twitter), abertausende Durchschnittsnutzer, aber auch Fernsehfiguren und Prominente wie Jan Böhmermann über das Stöckchen und verbreiteten unfreiwillig die Botschaft von Erika Steinbach („Wir können nicht mehr Ausländer verdauen“), indem sie sie verlinkten und sich darüber empörten.

Es ist ein bisschen traurig (oder komisch im Sinne von bitter-lustig), dass das so ist, aber die ältere CDU-Dame versteht das Internet sehr viel besser und weiß es cleverer zu nutzen als die Leute, die sich über sie aufregen. Sie hat die Dynamik von sogenannten Shitstorms mehrfach am eigenen Leib erlebt und sie weiß genau, dass sie mit einer gezielten Provokation sehr viel mehr Menschen erreichen wird als mit irgendwelchen rationalen Argumenten. Sie erreicht damit viele Menschen, von denen ihr lediglich ein sehr kleiner Prozentsatz zustimmen muss, damit sie die Zahl ihrer Anhänger mehren kann. Der Shitstorm ist für Erika Steinbach ein (sehr effektives) Mittel politischer Kommunikation.

Sie ist bei weitem nicht die einzige, die dieses Prinzip für sich nutzt: Menschen wie der „Skandal“autor Akif Pirinçci, diverse Politiker der AfD, sogar der derzeit aussichtsreichste Kandidat der Konservativen für das Amt des amerikanischen Präsidenten nutzen die kalkulierte Empörung und die damit verbundene Aufmerksamkeit immer wieder und sehr erfolgreich zu ihrem Vorteil. Durch jede ihrer Provokationen, jeden Tweet über sie, jede darauf folgende Erwähnung in den Medien steigt ihr eigener Marktwert, ganz unabhängig davon, was sie eigentlich gesagt haben und zwar weitestgehend ohne Risiken oder Konsequenzen. Der Mob zieht weiter und sucht sich schon am nächsten Tag das nächste Ziel aus, über das er ausflippen kann, nichts ist älter als der Aufreger von gestern. Im kollektiven Gedächtnis aber bleiben die Botschaften und die Personen, die im Zentrum der Empörwelle standen. Sie gewinnen Reputation und Einfluss.

In der aktuellen Printausgabe des Spiegel findet sich ein erstaunlich lesenswerter Text von Jan Fleischhauer über Akif Pirinçci. Es ist ein unaufgeregter, deskriptiver und sachlicher Text, der beschreibt, was Pirinçci kürzlich passierte, als er den Bogen der Provokation überspannte. Auch Pirinçcis Werdegang zum Superstar der vermeintlich „politisch Unkorrekten“ wird in dem Artikel beschrieben. Es ist eine Geschichte über die unheimliche Macht des Populismus in den sozialen Medien:

„Am Anfang postet er noch brav Hinweise auf das neue Buch, Katzenbilder, ein Foto […]. Die Reaktionen sind nicht so toll. Mal gibt es zehn Likes, mal gar keine.

Dann tauchen erste Texte zur „Chronik des weiblichen Seins“ auf, in der er die Trennung von seiner Frau verarbeitet. Die laufen schon besser.

Es folgen Ausfälle gegen die Grünen, die Genderwissenschaft […] 127 Kommentare und 267 Likes. Das ist jetzt die Höhe, die es zu halten gilt.“

Auf Spiegel Online schreibt Jan Fleischhauer über das gleiche Thema. Es ist ein völlig anderer Text, ein Meinungstext, in dem der Autor eine Art von digitaler Bücherzensur andeutet, in dem Formulierungen wie „Buchhändler als politischer Richter“ oder „Zensurauftrag der Allgemeinheit“ fallen. Jan Fleischhauer hat den Aufstieg von Akif Pirinçci mit der Hilfe von Facebook sehr genau verstanden, auch er selbst setzt seit langer Zeit im Netz auf die Provokation als Verstärker. Es funktioniert immer.

Schon vor vielen Monaten, als die Kandidatur von Donald Trump für die amerikanische Präsidentschaft aus Sicht vieler politischer Kommentatoren noch wie ein schlechter Witz schien, schrieb der Essayist Nassim Nicholas Taleb einen sehr bemerkenswerten Tweet: „Please stop attacking, ridiculing, even talking about, Donald Trump. Unless you stay silent, you will get him elected“. Kompakter kann man das Problem, die Gefahr der Mund-zu-Mund-Propaganda durch Empörung nicht auf den Punkt bringen.

Genutzt hat es natürlich überhaupt nichts, die Faszination an der Provokation und am „Bösen“ war für die amerikanischen Medien und für die User gleichermaßen einfach zu groß. Donald Trump und seine verbalen Ausfälle wurden Verkaufschlager, Retweet- und Klick-Hit in jeder Berichterstattung über den Vorwahlkampf der Republikaner. So sehr, dass alle anderen Kandidaten neben ihm nicht nur medial, sondern auch in konkreten Umfragewerten komplett verblassten. Trumps Werte hingegen, genau wie viel später die Prognosen der AfD und die Verkaufszahlen von Akif Pirinçcis Büchern, die exakt die gleiche Strategie fuhren, schossen mit kräftiger Hilfe der Empörung aus dem Netz in schwindelerregende Höhen.

Um es deutlich zu formulieren: Die Feinde dieser Leute, diejenigen, die sich öffentlich über sie aufregen, um in der rollenden Empörungswelle auch ein bisschen auf sich und ihre moralische Überlegenheit hinzuweisen, sind ihre wichtigsten Helfer. Es gibt fast niemanden im ernstzunehmenden Diskurs, der diese Leute unterstützt. Trotzdem tauchen sie dort permanent auf und können sich damit in die Köpfe einer breiten Masse von Personen schleichen, unter denen sie neue Unterstützer finden. Aufmerksamkeit in den sozialen Medien ist die wichtigste Währung, das ist eine Binsenweisheit.

So lange ihr es nicht schafft, Leute wie Erika Steinbach, Akif Pirinçci oder Björn Höcke zu ignorieren, so lange werden sie mit gezielter Provokation fortlaufend neue Anhänger gewinnen. Und ihr schafft es nie, daran habe ich nach sechs Jahren soziologischer Beobachtungen auf Twitter leider keinerlei Zweifel mehr.

Wir werden in Zukunft mit noch viel mehr von diesen Menschen leben müssen, die den Shitstorm als Mittel der politischen Kommunikation nutzen.

17 Gedanken zu „Der Shitstorm als Mittel der politischen Kommunikation“

  1. Bonusinfo: Ein kleiner empirischer Beleg für meine These zwei Tage nach dem Artikel – und besonders interessant für die vielen, vielen Leute, die den Artikel „schwachsinnig“ oä. genannt haben: Martin Fuchs hat den Shitstorm um Erika Steinbach beobachtet. Und festgestellt, dass ihre Followerzahlen seitdem extrem steil nach oben gehen, bisher um ganze sechs Prozent. Derart heftig hätte sogar ich selbst den positiven Effekt für die Person im Zentrum der Empörung nicht eingeschätzt. Glückwunsch an alle Dauer-Empörer auf Twitter, das ist euer Werk.

  2. Genau berechnet, dieser „Empörungsanschalter“. Ekelhaft, aber (leider) erfolgreich. Du hast es wunderbar erkannt werter Sebastian und entsprechend umgesetzt. Ich hab‘ nach dem ersten Empörungsimpuls seine „Felidae“-Romane doch behalten. Mein Geld hat er ja bereits, also, warum sol ich mich doppelt schädigen?

  3. Das ist im Kern richtig. Die sollten solche Leute gar nicht ins Fernsehen holen, aber es bringt ja Zuschauer. Und es fällt so, so schwer, gewisse Äußerungen unkommentiert stehen zu lassen, wenn sie einmal geschehen sind.
    Nicht zuletzt kannste diesen bestimmten Fraktionschef nicht ignorieren. Der muss nur in der Kantine stehen und du siehst die Salatbar welken.

    1. Ja, es fällt schwer, gerade weil es so viel Aufmerksamkeit zieht. Drama und Streitereien sind für viele super, nicht nur auf dem Schulhof, sondern auch im Fernsehen und im Netz.

      Es gibt trotzdem keine vernünftige Alternative. Wenn man sich auf die angestoßenen „Debatten“ dieser Leute einlässt (die keine sind), dann gewinnen sie.

  4. Sehr klar argumentiert und analysiert. Ja, „Don’t feed the troll“ – diese seit den ersten newsgroups relevante und gültige Regel scheinen gerade die so Web-Affinen nicht zu kennen, wenn es um die politische Diskussion geht. Danke!

  5. Es ist ja noch schlimmer: Jeder Hinweis, sich nicht drauf einzulassen, befeuert zusätzlich die Bekanntheit der „Provokateure“. Insofern ist selbst der Artikel von S. B. kontraproduktiv. Totschweigen, aber ständig zum Totschweigen aufzurufen, ist kein Totschweigen.
    P. S. Was bitte ist Mund-zu-Mund-Propaganda? Das Wort hat die „Mundpropaganda“ weitgehend abgelöst, aber was soll das sein?

  6. Tatsächlich müsste man Krawallschachteln ignorieren, und sich nicht über sie empören. Das virale Spiel erhebt sie erst zu Siegern, in dem man sie wahrnimmt (durch Empörung, Widerrede, etc). Reaktionen sind aber immanent für Twitter. Das Postulieren der Ignoranz widerspricht dem System. Die einzige Möglichkeit ist also, sich aus Twitter zurückzuziehen. Das könnte ein Akt der geistigen Hygiene sein, wenn nicht drei, vier Gründe (vulgo: Teilnehmer) geben würde, um die es einem dann doch zu schade ist.

    1. Bei solchen Artikel kriege ich oft den Kommentar, dass das stimme und „man müsste“ das eigentlich so tun, Konjunktiv. Ich glaube: Man muss. Und vielleicht muss man auch den Leuten, die in die Falle tappen immer wieder sagen, dass sie in die Falle tappen. Zumindest denjenigen, die sich nicht mit Empörung selbst promoten, davon gibt es leider auch sehr viele.

  7. Alles sehr richtig. Aber die Verhaltenskritik und -empfehlung müsste sich vor allem an die Medien richten (nicht zuletzt das Fernsehen), die sehr bereiwillig den Bullshit von Trollen thematisieren und diesen oft noch eine Plattform bieten (Sarazin, Pirinçci, etc. etc.)!

  8. Interessant zu wissen, wem die CDU so alles Heimat und Stimme gibt!

    „Die Kommentare anderer Leute:
    teils Verschwörer der übelsten Sorte,
    teils dumpfbackige, hirnlose Beute
    einer versponnenen, verbohrten Kohorte.“

    [Anmerkung des Bloginhabers: Eigenwerbung mit komischem YouTube-Video entfernt]

  9. In puncto Steinbach könnte man auch zurückfeuern. Beispielsweise mit dem Satz:

    „Die Sowjets wussten schon, warum sie Steinbachs und Konsorten damals vertrieben haben.“

    Ich hätte die jedenfalls damals nicht haben wollen. Will ich eigentlich auch immer noch nicht.

    1. Eine Idee wäre es, diese Leute zu ignorieren, ich hab mal einen Artikel gelesen, in dem dazu geraten wurde. Moment. Das ist ja der Artikel oben.

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