Ein Review von Snapchat von einem, der die App noch nie vorher benutzt hat

Snapchat

Diese App ist die Zukunft. Natürlich. Auch die Zukunft des Journalismus. Und jetzt schon eine wichtige, wenn nicht gar DIE „Nachrichtenquelle“ für seine Nutzer. So steht es zumindest bei Spiegel Online: „Diese App mischt die Medienbranche auf“, Nutzer bekämen dort „längst professionell produzierte Multimedia-Geschichten angeboten“, nachdem die App früher ein „Sexting-Netzwerk für Nacktbilder“ gewesen sei.

Ich hatte noch nie mit der App Snapchat zu tun, da ich bisher das komfortable Vorurteil „das wird doch nur von Idioten benutzt“ pflegte. Snapchat hatte für mich immer das Image, das RTL 2 unter den Social Networks zu sein. Stimmt das? Ich will das herausfinden, auch wenn ich ehrlich gesagt noch nicht ganz verstehe, wie eine App früher ein Sexting-Netzwerk und jetzt die Zukunft des Journalismus sein kann. Natürlich bin ich auch deswegen sehr skeptisch, weil ich in der Vergangenheit bereits etwa zweihundert Apps ausprobiert habe, die angeblich die Zukunft von irgendwas waren, sich aber in meinen Augen als sinnloser Schrott entpuppten, zum Beispiel Path, Pinterest, Ello, Vine, Google Plus, Periscope, Meerkat oder Tinder und das sind nur die, die mir ganz spontan einfallen. Alles unterschiedliche Apps mit dem groben Verbindungselement „Social Network“, alle megahip und alle am Ende mehr oder weniger nur Zeitvertreib, der nach einigen Monaten wieder out war.

Zumindest die Anmeldung bei Snapchat wirkt relativ einfach. Dann geht es darum, Friends zu finden, die auf Snapchat sind. Snapchat greift meine Kontakte direkt vom iPhone ab, das sind eine Menge, denn dort sind alle meine 1400 Facebook-Kontakte hinterlegt. Trotzdem finden sich nur fünf User in meinen Bekanntschaften, die dieses Netzwerk benutzen. Bin ich schon zu alt dafür und meine Kontakte nutzen das nicht? Als nächstes greift Snapchat direkt auf meine Kamera zu und ich soll wohl ein Foto machen. Mir ist unklar, warum ich jetzt ein Foto machen soll und ich drücke stattdessen auf den einen der vier Buttons, der wie ein Menü-Button wirkt und lande in einer Übersicht, die „Stories“ heißt. Unter „Stories“ finde ich eine Art Verzeichnis von einem Dutzend Medienunternehmen. Hier bin ich richtig. Oder? Unter der Überschrift „All Stories“ findet sich auch eine „Story“ von „Team Snapchat“. Ich klicke sie an und Snapchat spielt mir lustige Comic-Animationen mit einem Gespenst vor, das mir erzählt, dass „Stories“ Sammlungen von „Snaps“ sind, die chronologisch erzählt sind. Ich bin verwirrt. Ist das jetzt schon die Zukunft des Journalismus?

Hinter den Account-Bildchen von CNN, Cosmopolitan, Mashable und einigen anderen internationalen Marken gibt es ähnliche Cartoon-Präsentationen. Das sind die sogenannten „Stories“, per Wischen durchblätterbare, animierte Folien, die wie modernes Powerpoint wirken und die im Sendung-mit-der-Maus-Stil in unter fünf Minuten relativ oberflächliches Infotainment für eine Zielgruppe betreiben, die offenbar nicht liest und ohne zappelnde Bildchen oder hüpfende Figuren einzuschlafen scheint.

An einer Story, die aus zwanzig Bildchen mit Kurz-Texten von unter einem Satz besteht, haben laut den Credits auf dem letzten Slide ganze vier Journalisten gearbeitet. Ich habe vergessen, von welchem Medienunternehmen die Story war und konnte sie leider nicht wiederfinden, aber es ging um die Geschichte des Herz-Emoticons im Internet. Bei Cosmopolitan finde ich irgendwann sogar eine Story mit Text: Ein Listen-Artikel über die vielen „Secrets“ von Frauen, die gerade ihre Tage haben. Aha. Das muss jetzt die Zukunft des Journalismus sein, denke ich, und bin wieder mal ganz froh, dass ich mit der Branche beruflich nur noch am Rande zu tun habe und früh genug ausgestiegen bin.

Ich verstehe noch nicht ganz, was ich jetzt mit diesen Stories anfangen soll. Soll ich sie sharen? Mit wem und wie? Soll ich sie liken? Und wie finde ich Stories wieder, die ich schon gelesen habe? In der Übersicht sind sie plötzlich verschwunden, nachdem ich sie gelesen habe. Die Bedienung von Snapchat gibt mir Rätsel auf.

Bei Snapchat kann man aber auch selbst „Snaps“ hochladen. Das sind Fotos, über die man einen kurzen Text legen kann. Wenn man das gemacht hat, kann man diese Fotos über die App an Freunde schicken (ich habe ja keine außer drei entfernte Bekannte von Facebook) oder als „Geschichte“ 24 Stunden für alle Freunde freischalten. Aber will wirklich jemand ein schlechtes Handyfoto von meinem Teppich sehen? Ich schicke den Teppich an einen ehemaligen Kollegen, von dem ich schon seit Jahren nichts mehr gehört habe und schreibe „Hallo ;)“ darauf. Er antwortet nicht.

Ich verstehe ehrlich gesagt auch nicht, warum man Fotos bei Snapchat verschickt und nicht einfach per SMS oder Message. Vermutlich hat das etwas mit der automatischen Löschfunktion zu tun. Womit wir bei der Geschichte mit der ehemaligen Bekanntheit als Sexting-App wären. Ich will eigentlich mit keinem von den drei entfernten Bekannten sexten, denn sie sind alle ältere Männer aus der Medienbranche, also teste ich diese Funktion nicht.

Ich bin am Ende nicht wirklich überzeugt vom Snapchat-Journalismus und von den „Stories“ und von der Funktion, hier Bilder an irgendwelche Leute zu verschicken. Vielleicht bin ich zu alt für Snapchat. Vielleicht hätte ich als app-affiner Teenager hier den Spaß meines Lebens und würde jeden Tag mit jemand anderem (Nackt)Bilder austauschen und Folien von Buzzfeed durchswipen. Oder vielleicht ist Snapchat am Ende doch zu dumm für mich.

Ist das die Zukunft der Digitalisierung, dass die ganze Welt jede Woche eine neue App verwendet, deren Sinn ich nicht richtig zu begreifen vermag? Bleibt das jetzt für den Rest meines Lebens so? Ich habe Angst, dass die Antwort ja ist. Derweilen lese ich in meinem Twitter-Feed, dass neuerdings die Social Network-App „Peach“ irrsinnig angesagt ist. Alle bekannten Gesichter aus der Internetwelt sind schon dort.

7 Gedanken zu „Ein Review von Snapchat von einem, der die App noch nie vorher benutzt hat“

    1. Die Beleidigungen habe ich mal rausgekürzt, also alles.

      Was ich auf meinem Blog unterlasse und was ich schreibe, entscheide ich übrigens selbst und nicht Kommentatoren.

      Viele Grüße :)!

  1. Hm. Ich denke damit erübrigt sich das Installieren der App für mich doch noch. Nachdem ich mich mit meinen 23 Jahren schon noch zur Hauptzielgruppe gehörig fühle und einige Bekannte habe, die Snapchat regelmäßig benutzen war ich schon kurz davor, mich zu beugen. Gerade noch gut gegangen.

    Dann doch lieber auf RTL2 zurückgreifen, um die aktuellsten Stories zu hören und sehen.

  2. Ich denke, dass es ziemlich logisch ist, dass du Snapchat nicht verstehst, wenn deine Freunde dieses Social Network nicht benutzen. Ein SOZIALES Netzwerk macht halt keine Spaß, wenn niemand, den du kennst, es benutzt. Mit wem soll man da Informationen teilen? Twitter ist auch ziemlich langweilig, wenn du keinem folgst…
    Snapchat wird nicht nur das nächste große Ding, sondern IST bereits ein großes Ding. Auf Snapchat landen die Sachen, die man sonst auf keinem anderen sozialen Network Posten würde – Einfach Bilder direkt aus der Situation. Quasi das, wozu Instagram eigentlich mal gedacht war. Dadurch, dass die Snaps sowie so gelöscht werden, nachdem sie gesehen wurden, macht man sich keine Gedanken, ob diese Information jetzt „teilenswert“ war oder nicht. Das macht Snapchat so spannend, denn man erfährt was die Person grade macht, also genau in dem Moment. Es werden Informationen geteilt, die nie auf Facebook, Instagram und co. geteilt werden würden. Somit erfüllt Snapchat das Bedürfnis jeden Scheiß mit seinen Freunden teilen zu können, aber ohne die Konsequenz, dass das Internet nie vergisst.

  3. „Somit erfüllt Snapchat das Bedürfnis jeden Scheiß mit seinen Freunden teilen zu können, aber ohne die Konsequenz, dass das Internet nie vergisst.“

    Och ja, wie geil, endlich eine App, die mein unbändiges Verlangen stillt, jeden Scheiß mit irgendwem zu teilen! Komm, teile deinen geilen Scheiß mit mir! Ich habe doch sonst keinen anderen Lebensinhalt…

    Ehrlich, als hätte man es heute nur noch mit Zombies zu tun O_o

Ach komm, erzähl mir nix (oder doch)

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