Der Holocaust-Leugner in meiner Freundesliste

nazisheader6

Als eine gute Bekannte von mir vor eineinhalb Jahren durch falsche Bekanntschaften an ihrer Uni für einige Monate zur AfD-Anhängerin wurde, habe ich sie nicht aus der Liste meiner Facebook-Freunde gelöscht.

Ich habe mehr oder minder geduldig (in jedem Fall aber beständig) gegen den Unsinn argumentiert, den sie zu dem Zeitpunkt in zunehmendem Maße veröffentlichte und gehofft, dass sie mit der Hilfe ihrer durchaus vorhandenen Intelligenz irgendwann einsehen würde, dass sie gerade in eine Art Sekte gerät, die ihre Weltsicht immer weiter verengt. Ich habe gehofft, dass sie irgendwann merkt, dass nur noch ihre neuen Freunde ihre Meinungen „liken“ und ihre alten Freunde zunehmend von ihr irritiert sind und sich abwenden. Ich habe gehofft, dass sie diese Erkenntnis haben würde und dass ihr das klarmachen würde, wie radikal sie sich gerade verändert. Und das ist irgendwann tatsächlich geschehen. Sie hat inzwischen nichts mehr mit der AfD zu tun und heute können wir gemeinsam darüber lachen, dass sie diesen Leuten auf den Leim gegangen ist. Der normale Facebook-Wahnsinn.

Als deutlich extremer empfand ich ein Erlebnis in den letzten Tagen, als sich ein Mensch aus meiner Freundesliste, den ich eher wenig bis kaum kannte, einer von vielen Facebook-Kontakten eben, plötzlich als Holocaustleugner entpuppte. Ich postete am Abend einen sehr erschütternden Bericht über das Leben des Auschwitz-Überlebenenden Justin Sonder, Nebenkläger im kürzlich beendeten Prozess gegen den SS-Wachmann Reinhold Hanning. Der 90jährige Sonder berichtet im Detail vom Alltag im KZ, es ist eine sehr bedrückende, recht aufwendig gemachte Multimedia-Reportage vom WDR.

Der Link kam zunächst nicht sonderlich gut an unter meinen Friends, nur zwei Leute klickten auf „Like“. Holocaust und lange Reportagen passen nicht so gut zu Facebook, LOL und GIF passen besser. Am Tag danach, ich hatte den Post schon fast vergessen, gab mein Handy, ich war gerade auf dem Weg zum Supermarkt, ein Geräusch von sich, um mir mitzuteilen, dass jemand den Post kommentiert hatte. Ich klickte auf die Notification, ein Vorgang, den ich mehrfach täglich fast gedankenlos ausführe und dann stand da dieser Kommentar, drei Worte mit vielsagenden Pünktchen, drei Worte, die mich noch eine ganze Weile nicht mehr loslassen sollten: Der Nutzer Alexander F. hatte kommentiert: „Ministerium für Wahrheit…“

Ich steckte das Handy zunächst wieder in die Tasche, ich brauchte ein paar Minuten, bis ich begriff, was passiert war, bis ich begriff, dass überhaupt etwas Relevantes passiert war, etwas, das ich bewusst wahrnehmen musste. Zunächst ordnete ich den Kommentar nämlich als sinnlosen Facebook-Schwachsinn von irgendeiner Person ein, nichts, um das ich mich kümmern müsse, erstmal der Einkauf.

Dann wurde mir plötzlich klar, was geschehen war: Ein Mensch, mit (zumindest scheinbar) vollem, echten Namen im Netz unterwegs, zweifelt öffentlich unter dem Bericht eines Auschwitz-Überlebenden am Wahrheitsgehalt dieses über weite Strecken im O-Ton und als Interview belassenen Berichts. Das allein ist schwer zu fassen, der lakonisch-ironische Ton der Kommentars, die drei wie nebenbei hingeworfenen Worte und die drei Pünktchen danach setzen der Sache die Krone auf. Die Frage, wie hasserfüllt und kaputt man eigentlich sein muss, um soetwas in der Öffentlichkeit abzusondern, kommt einem unweigerlich in den Sinn.

Die Antwort ist natürlich „sehr“ und auf dem Facebook-Profil von Alexander F. fand ich später auch genug Hinweise, die auf dieses „sehr“ hindeuteten. Alexander veröffentlicht so gut wie jeden Tag politische Postings, die wenig Zweifel daran aufkommen lassen, dass er gegen die EU ist, dass er Zeitungen sehr kritisch sieht, dann aber wieder auch ganz „normale“ Verschwörungstheorien, Photoshop-Tutorials und lustige Bildchen. Er veröffentlich in einer so absurden Menge (mehrfach pro Tag) irgendwelchen Kram, dass der Facebook-Algorithmus offenbar irgendwann entschieden hat, mir dieses Zeug nicht zumuten zu können, so dass ich nie irgendetwas von seinen wirren Postings mitbekommen habe. Ich habe so wohl verpasst, wie er zu dieser radikalen Person in meiner Facebook-Freundesliste wurde wurde und konnte deswegen nichts dagegen sagen. Bis er dann irgendwann auf mein Posting stieß und glaubte, mir erklären zu müssen, dass der Holocaust nur einer Erfindung  der Lügenpresse wäre.

Ich habe Alexander F., nachdem ich kurz überlegt hatte, wie ich schnell darauf reagiere, direkt nach seinem Kommentar deutlich meine Meinung gesagt und ihn aus meinen Kontakten gelöscht. Ich hätte ihn auch anzeigen können, auch wenn eher zweifelhaft bleibt, ob das verfolgt worden wäre wegen der ironischen und nicht ganz eindeutigen Formulierung seines Kommentars. Er murmelte noch etwas von „Indoktrinierten Schafen“ über mich und einen anderen User, der ihm ebenfalls klar machte, dass derartige Äußerungen intolerabel sind, dann trollte er sich. Und so war er auch schon wieder verschwunden, mein erster Holocaust-Leugner auf Facebook.

Bei mir blieb sein (Nicht-)Satz und der ganze Vorgang hängen, ich war den ganzen restlichen Tag getroffen davon, während er, so stelle ich es mir in stereotyper Weise vor, an dem Nachmittag noch dreißig weitere Kommentare gegen Gutmenschen, Systempresse und linksgrünversiffte Journalisten auf den Profilen anderer Leute und auf anderen Facebook-Seiten hinterließ und den Kommentar bei mir schon wieder vergessen hatte.

Natürlich ist das ein singuläres, ein einzelnes und nicht symptomatisches Ereignis. Nicht jeder hat einen Holocaust-Leugner in seiner Facebook-Freundesliste, ohne es zu wissen. Aber auf eine andere Weise ist es auch genau das Gegenteil von einem Einzelfall: Die Tatsache, dass mir mehrere Freunde mit einem schulterzuckenden „Naja, ein Depp halt“ oder „Blocken und gut“ begegneten, als ich sie um Rat frage, wie ich damit umgehen solle, sagt mir, dass es mindestens in der kollektiven Wahrnehmung eben doch nicht ganz außergewöhnlich ist. Dass es vielmehr ganz normal wirkt, auf den ersten Blick wie ein ganz normaler Kommentar auf Facebook wirkt, wenn jemand den Holocaust leugnet, dann block den Typen halt. Das Unmenschliche, das Grauen ist in den sozialen Medien immer nur einen Klick entfernt, das weiß doch jeder. Ich weiß es theoretisch und ich weiß auch, wie ich damit in aller Regel umgehe: Ich blende es aus und ignoriere es, weil ich ihm keinerlei Aufmerksamkeit zukommen lassen will, sofern es als Partei oder Politiker zu mir kommt, denn dann würde es nur von meiner Empörung profitieren.

Wie man richtig reagiert, wenn dieses Grauen, dieser Hass als einzelne Person zu einem kommt, das weiß ich allerdings nicht. Kann man dem sich durch zig rechte Facebook-Seiten und ihre täglichen Postings gegen die „Lügenpresse“ radikalisierten Nazi noch erklären, dass er sich in einer Art Sekte verheddert hat? Ist es so ähnlich wie bei der Bekannten mit der AfD-Phase? Sollte man überhaupt versuchen, mit ihm zu reden, vielleicht grade mit ihm, weil er als einzelner Mensch ansprechbar ist? Oder sollte man ihn nicht vielmehr ausgrenzen, blocken, löschen, „shamen“? Gibt es überhaupt eine Lösung, die immer gilt oder kommt das grundsätzlich auf den einzelnen Fall an?

Ich weiß nicht, was die richtige, die ideale Lösung im Umgang damit ist. Und Du weißt es auch nicht. Du weißt es selbst dann nicht, wenn Du zu dem Thema in den Medien als Experte auftrittst und selbstbewusst verkündest, dass Du es weißt. Das liegt daran, dass es keiner so genau weiß, denn wir haben mit diesem Internet und seinen Mechanismen noch nicht genug Erfahrung. Wir haben noch nicht genug Erfahrung damit, was wir mit den einsamen Hatern machen, die plötzlich die Möglichkeit bekommen haben, den ganzen Tag von zu Hause Kommentare in die Öffentlichkeit zu stellen. Aber jeder von uns muss für sich eine Lösung finden, weil das Thema bei Jedem irgendwann anklopft.

7 Gedanken zu „Der Holocaust-Leugner in meiner Freundesliste“

  1. Bin mir nicht sicher, ob ich mich im Gegensatz zur obigen Geschichte gesegnet sehen soll, denn bei mir passierte absolut nichts dergleichen in der Timeline. Jeder schön in seiner eigenen Ecke, und wenn der bescheuerte Facebook-Algorithmus nicht wäre, dir mir ständig rechtsaffin-maskuline T-Shirts andrehen will oder mich zum lokalen Chapter der „Widerstand {Name der Stadt bitte hier einsetzen}“ Gruppen einladen will, würde ich von diesem Teil der Realität in meiner Filter-Bubble nichts mitbekommen. Nur am Rande notiert: die Filter-Bubble gab es schon lange vor Facebook, da las man Bahnhofskiosk auch nicht mal eben die Nationalzeitung oder die Junge Freiheit. Das in deinem Text beschriebene Dilemma bleibt: das Grauen wird nicht weniger, nur weil es in meiner Wahrnehmung nicht stattfindet. Und ich mich mit Leuten umgebe, die alle dasselbe denken.

    1. @Chris: Ich glaube, Du bist gesegnet. Gar keinen Bekannten, ehemaligen Schulfreund, kein Familienmitglied, keinen Kontakt zu haben, der in diese Richtung tendiert, das ist schon eher selten, glaube ich.

  2. Hallo Sebastian, da ich nur knapp 30 „Freunde“ in meiner facebook-comunity habe, bin ich auch eher verschont von solchen „Ich will mein Drittes Reich wieder haben!“-Pharisäern und sonstigen AfD-, Pegida- oder NPD-Gesocks, Aluhaubenträgern und Verschwörungstheorienanhängern. Ich habe mich bewusst in eine Blase begeben, wobei ich diversen linksgrünversifften Seiten wie „Hooligans gegen Satzbau“ oder die von vielen FBlern als ebenfalls mindestens wenn nicht noch mehr als linksgrünantifaversifft bezeichnete „Huffington Post“, der „ZDDK/mimikama“, „NICHTLUSTIG“ oder der „DLR“ folge. Denn sonst würde ich in meiner selbstgewählten „Familien- und Interessen-Blase“ gar nichts mehr von der derzeit so realgrausamen Welt mitbekommen, außer das, was mir ARD, ZDF oder MZ stündlich und täglich (total readaktionell und journalistisch gefiltert natürlich!) vorlegen.

  3. Da ich nur FB-FreundInnen habe, die ich persönlich oder per Mailkontakte kenne, gibts das bei mir auch nicht. Im privaten, persönlichen Umfeld kenn ich auch keine Nazis. Aber das Thema ist damit trotzdem nicht vom Tisch. Und nein, ich kenne leider keine Lösung.

  4. ich habe vor jahren mal mit einem neonazihooligan sehr nett biere getrunken. das war ein freund eines bekannten, wir unterhielten uns recht lange über unsere großväter, familien, die übliche flucht gegen ende des krieges. auf beiden seiten die großväter in damals bewunderten waffengattungen, dekoriert etc. irgendwann dann eine korrektur meinerseits, sein ahne könne nicht das angegebene amt einer regionalen parteigröße gehabt haben, ich nannte die mir bekannten namen der funktionsträger durch die betreffenden jahre.

    zu diesem zeitpunkt hatten wir schon viele der uns überlieferten geschichten ausgetauscht, er viel von gefangenschaft und flucht, ich viel von den völlig unterschiedliche entscheidungen zu karriere und familie meiner beiden opas, der eine glühend, der andere schweijk.

    irgendwann dann das unausweichliche: die lüge, die keule, die industrie. das dicke grinsen, der triumph des vermeintlich mutigen tabubruchs – meinungsfreiheit möge trapsen.

    ich erzählte vom häftlingshemd eines jugendlichen das ich in yad vashem gesehen hatte, mit dem namen eines kleinen dorfes drauf, in unserer unmittelbaren nähe. von den berichten meiner großväter. dem profitieren des einen vom lagersystem. dem verzweifelten versuch der gleichgültigkeit des anderen. den auenzeugenberichten ihrer brüder über die transporte der halbtoten in lkw und viehwaggons. von meinen tränen in der halle der kinder.

    wie er das denn sähe, wenn das alles wahr wäre.

    unvorstellbar, geht gar nicht. und daher könne es gar nicht wahr sein.

    die entscheidung, den berichten meiner großväter mehr zu glauben als seiner, ja, letztlich verzweiflung, hat er ausdrücklich respektiert. kein einwand gegen meine forderung, die mir unerträgliche leugnung in meiner gegenwart zu unterlassen. „wir haben da halt andere sachen erlebt“ war dafür seine grundlage.

    das gespräch ist mir noch stark in erinnerung. wieviel verzweiflung neben der provokation in der lauten leugnung doch auch steckt, war mir vorher nicht bewusst.

    .~.

  5. Mir geht es gerade so, dass ich entdecke, dass die meisten Initiativen, die meinen, Tipps geben zu können („Wie reagiere ich auf rechte Parolen?“) mittlerweile eines nicht mehr tun: sie sagen nicht, was man sagen muss, damit die Menschen ihre Ansichten überdenken, weil sie das tatsächlich in aller Regel nicht tun. Ich hatte mir immer eingebildet, dass PädagogInnen Methoden haben, wie man reagiert, wenn im Freundeskreis rechte Parolen fallen, die zum Zweck haben, dass die Betreffenden ihre Ansichten ändern – aber das stimmt gar nicht.

    Ansonsten kommt es bei der richtigen Reaktion wohl tatsächlich auf die Beziehung an und auf die Hoffnung, dass die Person sich ändert. Eine Möglichkeit ist auch, zu sagen: Melde dich später wieder, falls du deine Meinung änderst. Hört sich für die Betreffende im Augenblick ziemlich arrogant an, aber es ist eben keine Botschaft für den Augenblick, sondern für den Zeitpunkt, wenn sie ihre Ansicht geändert hat – falls er jemals kommt.

Ach komm, erzähl mir nix (oder doch)

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s