Fünf Favoriten vom Bachmannpreis 2016

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Isabelle Lehn – „Binde zwei Vögel zusammen“

lehn_2Souveräne Schreibkunst, souverän vorgetragen, ein souveräner Plot mit einer intelligenten Ausgangskonstruktion: Bei dem Beitrag „Binde zwei Vögel zusammen“ (ein Romanauszug) der Leipzigerin Isabelle Lehn stimmt einfach alles. In einem nachgebauten Modell-Dorf in der Fränkischen Alb, in dem die Armee Kriegssimulationen durchführt, sind Arbeitslose im Rahmen einer Maßnahme gezwungen, über Wochen Dorfbewohner darzustellen, darunter der Ich-Erzähler, der sich in einer Gegenwart danach bei seiner Freundin an die Vergangenheit im Dorf und seine dortige Scheinexistenz als „Alladin“ erinnert und über beinahe eine Art posttraumatische Belastungsstörung durch das Erlebnis hinwegkommen muss. Und so vermischen sich in dem Text kunstvoll die Ebenen zwischen Gegenwart und Erinnerung an den simulierten Krieg im Dorf, der wiederum dem echten Krieg im Afghanistan nachgebildet wurde.

Es ist aber nicht nur der originelle Plot, der den Text so interessant macht: Isabelle Lehn schreibt unprätentiös, aber präzise, mit immer starkem Rhythmus in der Sprache und griffigen Metaphern und die Geschichte entfaltet sich in genau der richtigen Geschwindigkeit. Ihre Figuren bleiben zurückgenommen, sie wirken real in ihren Handlungen, drängen sich nicht auf, sind nicht über- oder unterreflektiert und lassen genug Platz, um sie in der Phantasie zu ganzen Menschen zu füllen. So geht am ehesten moderne Literatur. Herausragend.

Das nervt an dem Text: Natürlich dauert es eine Weile, bis man die Figuren-, Plot- und Zeitkonstellation verstanden hat, die der Text aufmacht, aber nicht im Detail dem Leser erklärt, im Grunde versteht man ihn erst richtig, wenn man ihn ein zweites Mal liest

Das ist großartig an dem Text: Natürlich dauert es eine Weile, bis man die Figuren-, Plot- und Zeitkonstellation verstanden hat, die der Text aufmacht, aber nicht im Detail dem Leser erklärt, im Grunde versteht man ihn erst richtig, wenn man ihn ein zweites Mal liest; Die unprätentiöse Sprache; Die Figuren, die man eigentlich doppelt kennenlernt, nämlich einmal in ihrer realen Existenz und einmal in ihrer Existenz im Dorf, bis man dann realisiert, wie manches sich zueinander verhält

Bastian Schneider – „Mezzanin“

schneider_2Neunundzwanzig Klein- bis Kleinstminiaturen, allesam lyrisch-surreale Straßenszenen, beobachtet von einem Flaneur, der sich durch die Stadt bewegt: Bastian Schneiders Prosa-Text „Mezzanin Stücke“ wirkt wie eine Collage aus sehr ausführlichen, poetischen Tweets. Dabei gelingen dem Autor neben sehr kunstvollen und metaphernreichen Passagen auch immer wieder einfache, fast banale Sätze, die im Kontext des jeweiligen Mini-„Stückes“ eine große Schlagkraft erreichen („Beim nächsten Tango ging ich nach Hause“). Was Bastian Schneider macht, ist ohne größere Zweifel Kunst, es wirkt an keiner Stelle gezwungen oder konstruiert, aber auch nie banal oder profan und wenn er an zwei oder drei Stellen ins bloße Wortspiel zu verfallen droht („Bruchstück: Ich spreche gebrochen und breche gesprochen entzwei“), dann fängt er sich oft wieder mit Plot-getriebenen Passagen. Es hat leider nicht geholfen, dass Burkhard Spinnen in der Eröffnungsrede dazu aufrief, das Experiment mehr zu schätzen und für die ungewöhnlichen Texte offen zu sein: Bei der Jury fiel Bastian Schneider trotz seines Sprachtalents und trotz der hohen Sprachkunst-Dichte seines Textes eher durch, vor allem wegen eines angeblich nicht ausreichenden roten Fadens durch seine Fragmentstücke. Vermutlich hätte es schon geholfen, wenn er einfach die Zwischenüberschriften zwischen den einzelnen Teilen weggelassen und seine Fragmente einfach als zusammenhängenden Text gelesen hätte.

Das nervt an dem Text: Der Text ist tatsächlich nicht sonderlich plotgetrieben, im Grunde spielen die Dinge und vorgefundenen „Stillleben“ an sich die Hauptrolle, eine Handlung an sich glaubt er gar nicht nötig zu haben, was ihn sehr abstrakt macht; Manche der Metaphern wirken leider nicht nur surreal, sondern teilweise auch leicht schief

Das ist großartig an dem Text: Gerade, dass er abstrakt und experimentell ist und nicht eine weitere Erzählung zwischen lauter Erzählungen; dass er zwischen Prosa und Beinahe-Lyrik hin- und herpendelt; wie unheimlich gut der Autor mit Worten, Sprachbildern und Metaphern umgehen kann

Sharon Dodua Otoo – „Herr Gröttrup setzt sich hin“

otoo_2Es ist wirklich erstaunlich, was die aus London stammenden Berlinerin Sharon Dodua Otoo in ihrem Text „Herr Gröttrup setzt sich hin“ alles einfach konsequent anders macht als das Rest des Autorenfeldes beim Bachmannpreis: Keine literarische Bedeutungsschwere in jedem Satz, sondern vielmehr verspielte Leichtigkeit, kein komplexes, in sich verschlungenes Setting, sondern ein kleines Kammerspiel am Frühstückstisch, keine Melancholie, sondern Loriot-hafter, ins Komische gehender Humor, keine Helden mit komplizierter Psyche, sondern ein älteres deutsches Ehepaar am Frühstückstisch, keine Tiefenpsychologie, sondern politische Haltung, keine Verkrampftheit in Sprache und Plot, sondern Lockerheit und fast ganz selbstverständlicher Wechsel in Surrealität und auf eine Ebene der Dingwelt als Erzähler der Textes. Das alles kommt so leichtfüßig, so selbstverständlich, so natürlich daher, dass man den Text schon allein deswegen mögen muss, auch wenn er natürlich auf intellektueller Ebene ebenfalls mehr als genug hergibt. Ein äußerst gelungenes Stück.

Das nervt an dem Text: Der erste Teil, bis sich die Geschichte und die Erzählerpositionen wirklich öffnen, ist vielleicht ein bisschen lang; Die Meta-Anweisungen an den Leser zur Verwendung des Textes sind etwas over-the-top und haben keine erkennbare Funktion

Das ist großartig an dem Text: Die lebensnahe Natürlichkeit der Figuren, der fast selbstverständliche Wechsel in die Dingwelt und eine surrealistsiche Ebene; Die politschen Bedeutungsebenen im Text, die nie mit dem Holzhammer, sondern viel subtiler daherkommen

Sylvie Schenk – „Schnell, Dein Leben“

schenk_2Es muss nicht immer dreifach ironisch-gebrochene Postmoderne sein, die auch noch auf ihre eigene Existenzbedingung reflektiert: Ganz im Gegensatz zu vielen Texten des Bachmannpreises 2016, denen man immer wieder anzumerken scheint, dass sie für einen Literaturwettbewerb geschrieben wurden, wirkt der Text „Schnell, Dein Leben“ der ältesten Teilnehmerin Sylvie Schenk über weite Teile einfach nur poetisch-schön. In dem Romanauszug erzählt (und sie kann sehr überzeugend erzählen) die in Frankreich geborene Schenk in unzweideutig überschriebenen Kapitelabschnitten im Rückblick die Geschichte ihres Lebens vom kleinen Mädchen in der frauenfeindlichen Gesellschaft der 50er Jahre, über die katholische Schule, dem Leben in der Natur, den Familienkonstellationen, dem Erlernen des Lesens und des Schreibens, den politischen Verhältnissen und den Kriegen, bis hin zun den bleibenden Empfindungen im Alter. Besonders ist nicht nur die Perspektive der Erzählung („Du“ statt „Ich“), sondern auch das große, breitangelegte des Textes, es wird schnell klar, dass hier keine einzelne Begebenheit, sondern ein poetisches Kaleidoskop chrononlogischer Ereignisse erzählt wird, eben ein echtes, ereignisreiches Leben.

Das nervt an dem Text: Das Sanfte, Behutsame der Textes könnte man mit gutem Recht auch „harmlos“ nennen, das Poetische auch „Kitsch“; Die Figuren wirken stellenweise wie Stereotype, die nichts eigenes an sich haben, das über ihre Rollenzuweisungen („Die Mutter“, „Der Vater“, „Die Großmutter“) hinausgeht; Auch der Plot wirkt partiell etwas unspezifisch

Das ist großartig an dem Text: Er ist extrem straight-forward, er versucht nicht, mit schwierigen Handlungs- oder Figurenkonstellationen oder mit komplexen sprachlichen Konstruktionen Literatur zwanghaft zu erzeugen, sondern setzt allein auf die Kraft Erzählung an sich und verzichtet auf Ironie, auf übertriebene Komplexität und arbeitet mit einfacher Sprache und einfacher Bilder

Marko Dinić – „Als nach Milošević das Wasser kam“

dinic_2Natürlich kann man (wie es einige auf Twitter auch taten) zynisch werden und dem Roman-Auszug „Als nach Milošević das Wasser kam“ des Salzburgers Marco Dinić sofort das Label „Osteuropa-Literatur“ aufkleben, ein Etikett, unter das schon sehr oft Texte beim Bachmann-Preis passten, die dann auch Preise gewannen. Dann aber verpasst man einen durchaus sehr lesenswerten Text, in dem eine Erzähler-Figur eine Kindheit im Krieg im ehemaligen Jugoslawien zwischen Beziehung zum Vater, Spiel und Naivität mit seiner Clique an Freunden und politischer Situation reflektiert. Gerade die kindliche Perspektive, die immer in Kontrast gestellt wird zur Gegenwart des Erzählers, macht es Dinić möglich, auf originelle Weise über den Krieg zu schreiben, einerseits naiv, so wie die Kinder in der Erzählung mit der Situation umgehen (Beispielsatz: „So machten wir aus den internationalen Sanktionen für die Republik Jugoslawien ein großes Spiel für uns“), andererseits mit der zusätzlichen Erfahrungsebene. Mit ruhiger Präzision folgen gute Geschichten auf gute Geschichten, puzzlehaft lernen wir mehr und mehr über die Situation und den Umgang der Kinder damit und wohnen später einer klaren Abrechnung mit dem Vater bei.

Das nervt an dem Text: Natürlich kann man dem Text vorwerfen, in Bezug auf sein Thema nicht sonderlich originell zu sein; Der Text wirkt außerdem streckenweise wie ein literarischer Essay, fast wie journalistischer Text

Das ist großartig an dem Text: Das Pendeln zwischen nüchterner Erzählung der Kindheit und hochemotionaler Anklage des Vaters; die intelligente Doppelperspektive auf die verschiedenen Situationen (Kindheit vs. Erfahrung); die guten Geschichten, es ist ein Text, der viel zu erzählen hat

2 Gedanken zu „Fünf Favoriten vom Bachmannpreis 2016“

    1. Auf jeden Fall sehr unterhaltsam, leider auch zu zahm – ich hatte etwas viel Radikaleres erwartet. Aber dass er Favorit für Publikumspreis ist, war schnell klar.

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