Zwei gute Gründe dafür, dass Bob Dylan keinen Literaturnobelpreis verdient hat

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1. Weil die Texte nicht preiswürdig sind

Es gibt ein ganz einfaches Gedankenexperiment, um zu zeigen, ob Bob Dylan den Nobelpreis verdient hat: Wir denken uns einfach die Musik weg, denn der Preis wird für Texte vergeben. Nehmen wir sein laut Rate Your Music (und meiner Meinung nach auch, knapp von „Blonde On Blonde“) bestes Album „Highway 61 Revisited“ und lesen dort einfach mal rein, ohne die Musik, dann fällt einem, wie bei fast jedem seiner anderen Alben auch, sofort auf: Ja, der Mann kann schreiben, die Texte sind gut. Sie sind sogar außergewöhnlich gut für Songtexte.

Aber sind sie so gut wie die Texte eines Lyrikers? Eines Romanciers? So gut wie die Texte der sehr vielen anderen Autoren, die noch nicht steinreich sind, keinen Weltruhm erlangt haben und den Preis dringend benötigen könnten, weil man als Autor so beschissen lebt, die seit Jahren als Anwärter auf den Nobelpreis gehandelt werden? Ist Bob Dylan besser als etwa Großmeister der Sprache Thomas Pynchon, als der geniale Dramatiker Jon Fosse, als der irrsinnig gute Geschichtenerzähler Philip Roth? Besser als die noch vielen anderen Schriftsteller, die dieses Jahr zugunsten des Mannes mit der Gitarre verzichten mussten? Die Antwort fällt meiner Meinung nach deutlich gegen Bob Dylan aus, auch wenn er ein unfassbar guter Musiker und ein großartiger Songschreiber ist, den ich schon lange für seine Kunst bewundere.

2. Weil die Texte preiswürdig sind

Noch schlimmer wäre es allerdings, wenn wir uns als Gesellschaft darauf einigen würden, dass die Texte von Bob Dylan doch nobelpreiswürdig sind. Kann ja sein, dass wir das tun, dass wir sagen: „Sebastian, Du spinnst, die Lyrics von Dylan sind der absolute Hammer auch mit Lyrik und so, ich hab die schon am Lagerfeuer mitgesungen und Du arroganter Depp hast keine Ahnung von Literatur her“. Das wäre vollkommen ok. Das Problem damit ist allerdings, dass wir dann plötzlich extrem viele andere Textproduzenten auch berücksichtigen müssten. Alleine unter den Musikern gibt es irrsinnig viele gute Lyrics-Schreiber, es ist jetzt nicht so, dass Bob Dylan eine einsame Lichtgestalt unter Songwritern wäre (direkt fallen einem zum Thema „herausragende Lyrics“ Nick Cave, Tom Waits, Lou Reed, Patti Smith, Paul Simon oder Leonard Cohen ein und das sind nur die Klassiker).

Aber wenn plötzlich Musiker mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet werden, warum eigentlich nicht auch Essayisten und Journalisten? Warum nicht Blogger? Twitterer? Poetry Slammer? In jedem sprachlichen Bereich gibt es hervorragende Künstler. Wikipedia definiert Literatur als den „Bereich aller mündlich oder schriftlich fixierten sprachlichen Zeugnisse“. Das ist alles, das irgendwo geschrieben oder gesagt und festgehalten wurde. Trifft das eigentlich auch auf Snapchat zu? Dieser Blogbeitrag könnte ebenfalls in der Auswahl Berücksichtigung finden, ebenso wie die heimlich von mir angefertigte Aufnahme von

Das alles könnte man natürlich machen, man könnte sagen: „Dammbruch! Wir nehmen jetzt die breite Definition von Literatur. Alles wird einbezogen.“ Bei konsequenter Durchführung käme dann allerdings nur noch alle zehn Jahre mal ein Romancier zum Zug. Wäre das noch der Literaturnobelpreis, wie wir ihn bislang verstehen? Antwort: Nein und wahrscheinlich war das auch nicht der Plan des Komitees.

Der Plan war, den ewigen Running Gag von Bob Dylan als Nobelpreisträger ernst zu nehmen und mal ausnahmsweise einen Musiker auszuzeichnen, um zu zeigen, dass Pop in der Kultur angekommen ist und Literatur auch modern sein kann und wer dabei denkt „Oh Gott, klingt das spießig, verkrampft und altbacken und dann ausgerechnet mit Bob Dylan“, der liegt genau richtig. Ein Hip Hopper wäre für diesem Zweck konsequenter, radikaler und moderner gewesen. Aesop Rock und Run The Jewels schreiben großartige Texte.

21 Gedanken zu „Zwei gute Gründe dafür, dass Bob Dylan keinen Literaturnobelpreis verdient hat“

  1. Diese Meinung teile ich in vollstem Umfang, ohne zugegebenermaßen Experte für Texte und Musik von Dylan zu sein!

    Ob Roth, Murakami und die anderen üblichen Verdächtigen jetzt in Zukunft ihre Werke auch vertonen, um ihre Chancen auf den Preis zu erhöhen…? ;-)

    1. Voll Deiner Meinung! Das bräuchte eine eigene Kategorie, weil man den wirklichen Literaten damit sehr unrecht täte. Und ja, da kämen meiner Meinung nach Leonard Cohen und Paul Simon zuerst dran! Und ein paar Damen ebenso!

  2. Noch ein Gedanke – wenn man davon absieht, dass ein Literaturnobelpreisträger gar nicht die weltallerbsten Texte schreibt, sondern einfach gute, dann gehts eigentlich. Sind keine olympischen Spiele (ua. Weltrekordzeit, schnellster Mensch auf Erden), sondern, wie viele andere Auszeichnungen, politisch motiviert. Ob sich die USA mit der Auszeichnung für Robert Zimmerman die Cowboy-, Outlaw, good ol‘ days-Kappe aufsetzen will, wer weiß.

    1. /edit: In den Kriterien steht allerdings tatsächlich „(…) „one part to the person who shall have produced in the field of literature the most outstanding work in an ideal direction (…)“, wie Sven Scholz auf Facebook kommentiert. Also Herausragendste entweder im Sinne von „extrem gut“ oder „beste“, je nachdem, wie man das liest.

  3. Cohen hätte ihn wahrscheinlich mehr verdient, denn er schrieb (wie Cave ja auch) originäre Literatur, sprich : Romane und Lyrik, nicht Lyrics, die in Buchform veröffentlicht wurden.

  4. Och wieso, ich lebe als Autor eigentlich ganz gut…?
    Ich bin zwar im Ergebnis wohl irgendwie dabei, aber in der Begründung nicht so sehr. Liegt vielleicht daran, dass ich von Philip Roth zum Beispiel Ausschlag kriege und dann im Vergleich doch ganz zufrieden mit Dylan bin, und das zweite Argument finde ich auch schwach. Beide betreffen ein Problem, das man gar nicht vermeiden kann, wenn man einen Preis vergeben will: Irgendwer war immer besser als die, die man auszeichnet.
    Der letzte Absatz verfängt für mich noch an ehesten, weil er in eine Richtung zeigt, in der dieses Problem zumindest … Kleiner wird, und die Aufgabe fassbarer: Klar vorgeben, was man will.
    Literatur ist viel zu weit. Als wollte man den besten Sportler oder die beste Handwerkerin auszeichnen. Mehr eingrenzen, klarere Kriterien. Die Diskussion ist dann immer noch da, aber man weiß zumindest, worüber man eigentlich diskutiert, und die Preisverleihung wird wirklich interessant.

  5. Ob die Texte gut genug für den Preis sind, würde ich auch mal bestreiten. Bei Songtexten ist es generell schwierig… die unterschieden sich jetzt auch bei Bob Dylan nicht so sehr von anderen Songtexten, zumindest zum beispiel bei den aufgezählten Leuten. Die Musik macht da sehr viel aus. Das mit den Kriterien find ich nicht so schlimm, ich würde das einfach als Lyrik betrachten. Aber es stimmt schon, dass dann alle Musiker mit berücksichtigt werden müssten, das werden sie bisher und auch in Zukunft wohl nicht…

  6. Ich finde diese Bewertung recht schade, überlegt man mal, dass si Literatur in ihren Ursprüngen musikalisch und performativ war. Ich schließe mich da Heinrich Detering an: Es genügt, nur ein bisschen Dylans große Alben zu hören, mitzulesen, wenn die Texte besonders komplex werden, um zu verstehen, in was für einem Grad wir es hier mit Literatur zu tun haben. Mit Poesie, die durch die Musik und die Performance noch gewinnt an Komplexität und nicht verliert. Wir haben es nicht mit jemandem zu tun, der eigentlich ein Popsänger ist und aus Versehen auch ein paar literarisch ambitionierte Texte geschrieben hat. So wie wir es umgekehrt auch nicht mit jemandem zu tun haben, der eigentlich ein Dichter ist, der sich aus Versehen mal eine Gitarre umgehängt und sich an ein Klavier gesetzt hat. Der Witz, das Eigenartige, das literarisch Bemerkenswerte an Dylan ist, dass er dies alles gleichzeitig tut.

    1. Dem Argument könnte ich mich u.U. sogar anschließen, wenn es gut geführt wird, denn ich sag ja nicht, dass meine Meinung unfehlbar ist – dann stehen wir aber bei Problem 2, wie oben im Text genannt (so weit liest den Text anscheinend keiner lol): Was rechtfertigt dann, all die anderen Musiker auszuschließen? Nichts. Bob Dylan ist nicht ein einsames Genie unter lauter Deppen (diese Lesart ist ziemlich beleidigend für Musiker), es gibt wahnsinnig viele richtig gute Texter unter Songwritern. Die Kategorie passt dann nicht und auch gibt es keinerlei Rechtfertigung mehr, auch andere Kategorien auszuschließen.

  7. Ich kommentiere aus Prinzip nur Texte, die ich auch komplett gelesen habe ;-) Aber Dylan hat nunmal auf sehr herausragende Weise literarische Tradition mit neuen Inhalten vermischt. Er kehrt (durch Zitate, Anspielungen, seine spezifische Performanz) zu den Ursprüngen zurück und verknüpft diese mit innovativen Ansätzen. Diese Ursprünge sind lyrisch, musikalisch und performativ. So viel zur Begründung, warum grade Dylan den Preis erhält. Ich würde diese Auszeichnung aber ganz im Sinne deiner Argumentation in Punkt 2 (der ich mich inhaltlich absolut anschließe) symbolisch verstehen. Die Akademie zeigt damit doch, dass sie sich für „neue“ Formen der Literatur öffnet. Damit gesteht sie assoziativer Slam-Poetry und Performance-Kunst ein, Literatur zu sein. Außerdem ist Dylan, so sehr er sich dagegen gewehrt hat, immer eine Ikone der Protest- und Friedensbewegung gewesen und seines Auszeichnung in diesem Jahr auch als politische Botschaft zu verstehen.

    1. Deine „Öffnung für neue Formen“ kann man genau so lesen, aber halt auch genau andersrum, weil es keine wirkliche Öffnung ist – als „Tokenistic Insult to Pop“. http://thequietus.com/articles/21138-bob-dylan-nobel-prize-eh

      Kurz gesagt: Hier bekommt ein Popmusiker mal nen Keks hingeworfen, dann ist aber wieder Ruhe mit dem Pop- und Musik-Kram. Es ist aus Musikersicht ziemlich entwertend – wie schon gesagt: Wenn, dann müsste man es halt komplett öffnen für alle Arten von Sprachkunst und nicht nur ab und zu so Krümel an einen alternden Musiker geben, auf den sich die alternden Herren des Nobelpreiskomitees einigen können – das ist eine extrem spießige Sicht auf Musik.

  8. Der Nobelpreis wird einmal jährlich verliehen. Tausende Erzähler, Dichter, Dramatiker etc. gehen jedes Jahr leer aus und nächstes Jahr wieder. Literatur, die unübersetzt in exotischen Sprachen abgefasst ist, ist ohnehin chancenlos. Ein Nobelpreis/Jahr ist immer nur ein Krümel – ganz gleich ob ihn Roth oder Dylan erhält. Ja, es sollte der Preiswürdigste ausgezeichnet werden, völlig unabh. von der Literaturrichtung.

    1. Ja, das stimmt. Allerdings: Wenn wir jedes Jahr eine andere Literaturrichtung auszeichnen und auch ständig neue Kategorien (eben z.B. Musik) hinzunehmen, wird das Problem immer größer. Bis zu dem Punkt, dass keinerlei Vergleichbar- und Gemeinsamkeiten zwischen den Preisträgern mehr bestehen. Spätestens dann ist der Preis entwertet und komplett sinnlos.

  9. Angesichts Deiner Argumentation würde ich vorschlagen den Titel dieses Artikels in Richtung „Warum der Nobelpreis keinen Bob Dylan verdient.“ zu ändern, da die Auszeichnungswürdigkeit des Künstlers ja mit keiner Zeile angezweifelt wird. Im Grunde scheint es Dir ja darum zu gehen, dass klar wird, welchen Kriterien die Auszeichnung zu folgen habe. Wie die Liste der Preisträger für den Literaturnobelpreis zeigt, haben auch Personen wie Bertrand Russel den Preis bekommen, aber das ist schon 66 Jahre her…
    Russel jedenfalls hat, soweit ich weiß, keine einzige Zeile von dem geschrieben, was man Literatur im eingeren Sinne nennen könnte, sondern nur Philosophen-Quatsch. Den würde ich ehrlich gesagt auch nicht in die Kategorie „Literaturnobelpreis-würdig“ stecken. Das Problem ist halt – und dafür kann der Preis für Dylan nur ein Ansatz sein -, dass man bei diesem offenbar von Vornherein die – grobgesagt – geisteswissenschaftlichen Fächer als Ganzes abspeist. Das ist tatsächlich diskussionswürdig, hat aber mit der grundsätzlichen Preiswürdigkeit Dylans rein gar nichts zu tun, wie Du ja im Text schon selbst feststellst.

  10. „ist dob dylan besser als…?“ ist er schlechter? es geht doch nicht um besser oder chlechter! bob dylan ist bob dylan und hat natürlich viel zu spät) diesen literaturnobelpreis verdient.
    nur gut, dass ich für ein freundlichen gesicht immer 2 büroklammern + 1 gummiring zur hand habe.

  11. Als ich den Anfang dieses Beitrags las, dachte ich nur zynisch: klar, und nehmen wir eine Graphic Novel und denken uns die Bilder weg… Aber dann ging die Diskussion über breite und enge Auffassungen von Literatur und den Sinn oder nicht von Nobelpreisen ja los, und das ist doch immer wieder gut. EIN Preis pro Jahr für alle Sprachkunst dieser Erde ist niemals gerecht, aber das ist EIN Preis pro Jahr nur für die Sparten geschriebene Prosa und Lyrik ebenso wenig. Also denken wir uns entweder Spartenpreise (von denen es ja auch jede Menge gibt) oder machen es wie das Nobelpreiskomitee und rütteln die Leser mal mit ein paar Gitarrenklängen wach.

    1. Der Vergleich passt nicht ganz. Der Nobelpreis wird ja explizit für Sprache vergeben, nicht für Sprache mit musikalischer Untermalung. Insofern müssen die Texte ohne die Musik bestehen können, um den Preis zu verdienen. Das ist grundsätzlich auch durchaus denkbar, das bestreitet gar keiner.

      Eine Graphic Novel käme wohl eher nicht in die Auswahl, auch nicht ein Film oder ein instrumentales Musikstück, wenn wir nicht die Kategorien für den Preis komplett über Bord werfen.

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