Schöne Tweets, die man lesen sollte (I)

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Es gibt Tweets, die man lesen und über die man sprechen sollte, die nicht einfach so im endlosen Rauschen untergehen sollten. In dieser Reihe sammle ich jeweils zehn davon und schreibe ein paar Worte dazu.

Die für mich besten Momente auf Twitter sind nicht, wenn irgendjemandem ein dümmlicher Kalauer einfällt oder wenn jemand klugscheissernd News kommentiert, sondern wenn es jemand schafft, in weniger als 140 Zeichen eine kleine Geschichte zu erzählen, eine in sich abgeschlossene Welt zu skizzieren. Man könnte es vielleicht Miniatur-Literatur nennen und der Tweet oben ist ein gutes Beispiel dafür. Er hat keine Pointe, keine überraschende Wendung, bezieht sich nur auf sich selbst, ist nichtmal inhaltlich oder sprachlich besonders sorgfältig konstruiert und trotzdem ein Tweet, der hängen bleibt.

Wenn der Tweet von @fr31h31t ein kleiner Sketch über einen Mann ist, der in einer Fantasiesprache singt, dann ist dieser Tweet im Genrevergleich der epische Film oder zumindest die Eröffnungsszene davon, die man inklusive Kameraperspektiven deutlich vor sich sieht. In meiner Vorstellung steht das Auto in der Wüste neben einem kleinen Diner am Straßenrand, die Sonne brennt, das Kreuz hängt neben der Eingangstür zu dem Laden oder am Rückspiegel des Autos und dann fängt die Handlung an.

Wenn man die Kritik an den üblichen Urlaubsberichten in Social Media (zweimal im Jahr tolle Photos von tollen Zielen posten und darüber berichten, wie schön das alles ist, um dann zurückzukehren zum Bürojob und wieder jeden Montag darüber heulen, wie sehr man sein Leben hasst) und das klassische Gefühl „Fernweh“ in einen kurzen Tweet zusammenkomprimiert, dann kommt der dabei raus: Bock, abzuhauen, möglichst spektakulär, eine Safari, aber für immer, aber natürlich ist es alles nur Bock, nur ein Gefühl, ein Gedankensprung, jetzt aber wieder zurück in die Realität. Ein schöner Gedankensprung, alles auf den Punkt.

In diesem kleinen, lautmalerischen Tweet kann man sehen (und hören, wenn man ihn laut vorliest), wie die Namen von vielen Gerichten, die Wörter für Kochvorgänge auf Deutsch phonetisch klingen, wie sich die Lexeme in diesem semantischen Bereich miteinander kombinieren lassen. Würde jemand unsere Sprache sprechen, aber bis auf die Grundbegriffe den Inhalt nicht verstehen, dann würde er wohl so übers Kochen reden.

Dieser Vergleich zwischen einer Band und einer Serie, die eigentlich wenig miteinander zu tun haben (auch wenn sich die Fan-Gruppen evtl. ein wenig überschneiden), ist überraschend passend, nicht nur in Bezug auf den Veröffentlichungsrhythmus, sondern auch auf Stimmung und Atmosphäre, auf die behutsame Modernisierung und gleichzeitige Beibehaltung der Grundmotive. Das Problem nur: Der Vergleich bringt einen aber leider auch nicht weiter, man kann mit ihm nichts anfangen, ihn nicht als Werkzeug oder Ansatz für irgendwas verwenden. Das muss der Vergleich aber auch nicht, er muss sich keiner Verwertungslogik unterordnen, er bleibt auch so ein guter Vergleich.

Twitter kann auch gute Pointen haben, sie können albern werden, dadaistisch sein und trotzdem funktionieren. Wie der Tweet von @mogelpony, der einfach ein tolles Bild entwirft: Eine Waschmaschine, die einsam durch den Wald schleudert, eine Maschine, für sich selbst funktionierend, fernab von Menschen, Strom, Wäsche, Wasser und all dem Zeug, das sie sonst so in der Realität eigentlich unbedingt braucht, um zu ruckeln und zuckeln. Das träumen Waschmaschinen, wenn sie ausgesteckt sind.

Das ist natürlich Ironie und Sarkasmus, aber je länger man darüber nachdenkt, desto weniger dann doch nicht. Wie viele hunderttausende, millionen Jahre Evolution, Kultur und Zivilisation waren eigentlich notwendig, um bei einem so abstrakten Konzept wie Postleitzahlen anzukommen und wie konnte das nur alles so geschehen? Ist das purer Zufall oder lief notwendigerweise alles auf Postleitzahlen hinaus? Wenn wir die Geschichte hunderttausend Jahre zurückdrehen und neu ablaufen lassen würden, würde die Menschheit wieder bei Postleitzahlen landen? Bei Post überhaupt? Oder würde irgendwas komplett anderes passieren?

Es ist schwer, dem Tweet noch etwas hinzuzufügen, was nicht schon drin steht. Ich machs natürlich trotzdem: Was mir an dem Tweet besonders gefällt, ist der Gegensatz. Die Tätowierung wird nicht gedacht als etwas aus dem Nichts heraus und künstlich dem Körper hinzugefügtes, sondern als die Verewigung eines natürlichen Zeichens des Körpers, das normale Menschen so schnell wieder loswerden wollen wie möglich, weil es nicht nur für erlittenen Schmerz als Bild steht, sondern biologisch diesen Schmerz abbildet. Ein schöner Tweet.

Wenn man eine Psychotherapie macht und der Therapeut nicht mehr weiter weiß, empfiehlt er einem irgendwann immer Spaziergänge in der Natur, so jedenfalls wurde es mir schon mehrfach erzählt. Ich glaube auch ohne Therapie schon immer an die Natur zum Runterkommen, Abschalten, alles hinter sich lassen, wieder auf das Wesentliche konzentrieren. Holzhacken (im Wald) ist die Hardcore-Variante der Spaziergänge. Es hilft arg gegen alles.

Ein kurzer Gedanke, in dem ganz unwillkürlich die meisten Gründe stecken, aus denen wir Social Media benutzen und sie haben alle damit zu tun, dass wir irgendeiner Wiese Kontakt zu unseren Mitmenschen aufnehmen wollen. Wir suchen nach sexuellen Kontakten, Freunden, den Anderen generell, wir stalken auf Facebook, wir empfehlen die Must-Dos unserer Stadt, um unsere Beliebtheit im regionalen Umfeld und unter unseren Friends zu steigern, wir treffen uns dann in der Realität auch mit den anderen aus diesem Netz und manchmal gibt es dann auch Backpfeifen. Und manchmal folgt der, dem Du eine Backpfeife verpasst hast, danach sogar immer noch Deinen Facebook-Posts und kommentiert sie auf Twitter.

Ein Gedanke zu „Schöne Tweets, die man lesen sollte (I)“

Ach komm, erzähl mir nix (oder doch)

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