Petitionen für das Blog

Schreibt Leute! Fasst wieder Gedanken, formuliert sie aus und teilt sie dann mit einander. Jede Diskussion braucht Substanz. Auf der re:publica und im täglichen Leben. Nutzt Twitter und Facebook als das was sie sind: Kommunikationsmedien. Aber parkt in ihnen nicht eure Kreativität.

„Macht geile kleine Blogs auf!“Kritikkultur.de

Ein weiterer Aufruf (nach Sascha Lobo bei Spon, wiederholt auf der re:publica 2012) dazu, die eigenen Gedanken besser auf einem eigenen Blog zu veröffentlichen und nicht in den Social Media, wo sie sowieso nach spätestens ein paar Stundem im endlosen Stream untergehen und nie wieder gelesen werden (meine Erfahrung). Petitionen für das Blog weiterlesen

Wie ich einmal mein Facebookverhalten drastisch veränderte, ohne dass jemand einen Unterschied bemerkte.

Ich habe vor ein paar Wochen mit Facebook endgültig gebrochen und niemand hat irgendetwas davon bemerkt. Im Gegenteil sprechen mich Freunde darauf an, dass ich in letzter Zeit doch wieder „sehr aktiv“ dort sei, was sie verwundert, denn in der Regel lasse ich in allen Konversationen kein gutes Haar an dem bekanntesten aller Social Networks. Es stimmt auch: Ich bin von außen betrachtet sehr aktiv dort. Ich verlinke alle meine Texte, stelle meine Photos ein und poste auch ab und zu mal Tweets von mir, wenn ich der Meinung bin, dass sie nicht zu provokativ und gleichzeitig simpel genug gestrickt sind, um von der Masse verstanden zu werden. Ich kommuniziere außerdem sehr viel über Facebook, ich chatte fast jeden Abend über die Seite, tausche dort mit sehr vielen Menschen Nachrichten aus.

Worin also besteht die radikale Veränderung, von der im Titel dieses Artikels die Rede ist? Ich habe aufgehört, Facebook in dem Sinne zu benutzen, in dem es gedacht ist. Wie ich einmal mein Facebookverhalten drastisch veränderte, ohne dass jemand einen Unterschied bemerkte. weiterlesen

Fünf Twitterer, ein Stichwort: Follower.

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Anmerkung: Der Artikel stammt aus einer Interviewreihe für mein früheres Blog “Twitterhuder Abendblatt”

Agent_Dexter@Agent_Dexter

„Ein erfolgreicher Twitterer sagte mir einmal: „Ab 8000 Followern wird es gefährlich.’ Gemeint war die Grenze, ab welcher sich alles verselbständigen würde. Die Menschen vor den Monitoren und Smartphone-Displays würden nicht mehr unterscheiden können zwischen Spaß, Ironie und Zynismus auf der einen Seite und Ernsthaftigkeit auf der anderen Seite. Das ist das Problem: Je mehr Menschen sich für das interessieren, was man da täglich an Mikrowelten von sich gibt, desto mehr können auch das Allerschlimmste hineininterpretieren. Seither habe ich Angst vor einem Mob unbekannter Variablen. Wir wollen doch auf Twitter alle nur Alltag verarbeiten, im günstigsten Fall nette Menschen kennenlernen und vielleicht erfahren, dass der eine oder andere im Grunde vollkommen fremde Mensch da draußen ähnlich fühlt. Denn Follower machen Twitter erst spannend. Ohne sie wäre alles wie ein Gespräch mit der Zimmerdecke: Meistens ist es ganz angenehm, wenn niemand reagiert und widerspricht. Aber manchmal ist es gut zu wissen, dass da jemand ist, der zuhört und aufpasst.“

uteweber@UteWeber

„Ohne Follower ist Twitter sinnlos, dann könnte man seine kruden Gedanken auch weiterhin der Katze erzählen. Ab einer gewissen Anzahl von Followern stellen sich außer den verzweifelten Verkäufern von Glücksratgebern echte Menschen ein, mit denen sich kommunizieren lässt. Das kann ein freundlicher Gedankenaustausch sein oder ein Schlagabtausch. Gerüchtehalber soll es mitunter zum Austausch von Körperflüssigkeiten oder gar Eheringen kommen. Manchmal findet man Seelenverwandte und tauscht gefühlvolle Direktnachrichten, manchmal reißt sich ein Psychopath die Maske vom Gesicht und es fallen justitiable Worte. Von seinen Followern bekommt man Geburtstagsgrüße und Gute-Nacht-Lieder, man hat immer jemanden, der einem die Pointe erklärt und bekommt Antworten auf rhetorische Fragen. Insgesamt ist das alles verdammt schön. Außer man denkt zu viel über das positive Wachstum der Followerzahl nach. Dann bekommt man Entfolgungswahn, eine von der Berufsgenossenschaft anerkannte Twittererkrankheit. Wenn man einen guten Chirurgen findet, kann man sich die vereiterte Hybris entfernen lassen.“

schlenzalot@schlenzalot

„Follower. Eigentlich eine Frechheit, Menschen beziehungsweise ihre Internetableger so abzuqualifizieren. Andererseits – was soll’s! Es klingt herrlich herablassend und fast als würde man über ein Haustier reden, wenn man sag „Einer meiner Follower hat neulich…“. Praktisch auch, dass Einzahl und Mehrzahl die gleiche Form haben, da gerät man nicht so leicht in die Gefahr, Follower als Individuen zu betrachten. In ihrer Masse gleichen sie einer digitalen Gnu-Herde, die durch die Gegend grasen, immer auf der Suche nach dem nächsten Wasserloch, das für eine Zeit unterhaltsam ist und Labsal in der Ödnis bzw. verwirrenden Vielfalt des Internets bietet. Hinterlassen wird dann entweder ein Haufen Sterne, Likes oder +1 – oder ein Shitstorm, in dem undifferenziert einfach mal mitgemacht wird. Da wird eifrig zum Mitmachen, Zeichnen, Weiterleiten und Reporten aufgerufen, dass es dem Pastor in der Sonntagspredigt ganz Angst und Bange werden muss bei so viel Gutmenschentum und Engagement. Der Follower an und für sich wird durch die Schwarmintelligenz geleitet, was es ihm auch ermöglicht, sich fortzupflanzen und zu vermehren. Das geschieht in der Regel so wie bei Fischen, indem Weibchen Eier ins Wasser legen und die Männchen dann ihren Samen drübergießen, d.h. hübschen Bildchen wird schnell ein Reply geschickt.

Zum Glück bin ich tierlieb.“

Juchtenkaeferl@comeinorstayout

„Innerhalb meiner kurzen Zeit bei Twitter ist eins ganz fix klargeworden: Wenn du nicht privat für Freunde twitterst, brauchst du Follower, sonst wirfst du das Handtuch, bevor der Spaß richtig anfangen kann. Ich twittere ja, um eine Resonanz zu bekommen, um gelesen zu werden, um zu kommunizieren. Die ersten Tage lief es schleppend, nur Bots, wenige echte Follower. Ich habe viel gelesen, selten geschrieben. Nach einigen Tweets dann der Mention eines bekannteren Twitterers, und plötzlich hatte ich die ersten Menschen hinter den Icons in meiner Followerliste, das war famos, meine TL fing an zu atmen!

Schön ist, dass gerade diese ersten Follower mir treu bleiben. Den Kontakt zu ihnen schätze ich auch deshalb, weil er unbefangen ist, keine Erwartungshaltung, kein Druck. Inzwischen hat sich dank mehrerer Mentions und RTs anderer Twitterer meine Followerzahl erhöht. Ich freue mich über echte Follower und bin durchaus enttäuscht, wenn jemand wieder abspringt, empfinde es aber als konsequent und folge selbst auch nach Geschmack. Ob bei 10, 100 oder mehr Followern: Ich twittere einen Teil meiner Persönlichkeit, und das Ergebnis sagt selbstredend nicht jedem zu. Ich kann nichts daran ändern, nur um Follower zu halten.“

ohaimareiki@ohaimareiki

„Die Gefährten, das Fußvolk, die kritische Masse, der ausgelagerte, vertausendfachte innere Nörgler – es ist egal, wie man sie nennt, sie sind da. Und sie beobachten dich.

Je mehr, desto besser, ist wohl eine der verinnerlichten Regeln des Twitter-Fightclubs, der unter dem Decknamen Favstar-Mafia agiert. Denkt man jedenfalls, bis man selbst mehr als 300 hat und die dummen Replies, die platten Balzversuche und das aggressive Unverständnis, das einem tagtäglich entgegenbrandet, noch längst kein Plateau erreicht haben. Klar, warum sollte so ein diverser Mob, der dir Tag und Nacht hinterherrennt, nicht anstrengend sein? Und warum sollte er nicht, zu einem gewissen Grad zumindest, die Blödheit, Ignoranz und anstrengenden Kommunikationsgewohnheiten ins Internet zerren, die ihn auch im echten Leben auszeichnen? Einzelne Menschen sind toll, viele sind anstrengend und im Internet trifft oft beides gleichzeitig zu.

Es sind eben auch nur bzw. VOR ALLEM Menschen. Und die sind da, ohne physisch anwesend sein zu müssen, und sie äußern sich. Sie empören sich, sie motzen, sie fühlen aber auch mit und sind bei dir, obwohl du sie nicht aufgefordert hast und sie helfen dir, wenn du es brauchst. Und das ist, was das Internet trotz der ganzen Idioten so schön macht. Die gibt es nun mal immer und überall, was keinen ernsthaft wundert, aber die anderen sind die, die verblüffen.

Sie verbreiten Aufrufe/Fragen weiter wie bescheuerte Duracell-Häschen, bieten Hilfe an und fragen von sich aus, was sie für Dich tun können. Ob du gerade Lust darauf hast oder nicht. Nicht alle sind immer hilfreich, aber oft sind sie unglaublich selbstlos. Gibt es eine purere Form von Altruismus als jemandem zu helfen, den du kaum kennst, von dem du dir nichts erwartest und der dir höchstwahrscheinlich auch nichts zurückgeben wird (bzw. kann) außer Dankbarkeit? Ist es nicht eine wunderschöne Geste, jemandem etwas von seiner Amazon-Wunschliste zu kaufen und bewusst anonym zu bleiben?

Das Bedeutende sind für mich nicht die Hilfe, die Tipps und die kleinen Aufmerksamkeiten selbst, sondern die Hilfsbereitschaft, dieses reine für andere da sein, die das soziale Netz zu einem prosozialen Zusammenschluss machen, wobei die einzelnen Verbindungen weder robust noch überdauernd sein müssen, damit das Ganze funktioniert und jeder davon profitiert. Und ja, das klingt jetzt leider so, als würde ich Menschen mögen. Besonders die im Netz. Behaltet das bitte für euch.“

“Worte denken und fühlen für mich” – Ein Interview mit @silenttiffy

Anmerkung: Der Artikel stammt aus einer Interviewreihe für mein früheres Blog “Twitterhuder Abendblatt”

silenttiffy2Twitterhuder Abendblatt: Hallo, Alexandra. Um gleich mit der offensichtlichsten Frage einzusteigen: Du twitterst längst nicht mehr so viel wie früher, zwischendurch gar nicht mehr, so dass ich Dich fast schon in die Kategorie “Verschollene Twitterer” packen wollte. Wie kam das?

@silenttiffy: Twitter war lange Zeit ein brisiges, befreiendes Ventil für mich. Wie ein leeres Feld zum Hoppsen und Herumkreischen, nach dem sich kleine Mädchen aus engen Blocksiedlungen sehnen. Aber das unendlich in die Ferne klaffende Feld war beseelt und aus Ohren gemacht. Wenn ich meine Buchstaben streute, schoss hin und wieder ein Keimling aus der Erde, öffneten sich verbitterte Knospen zu glänzenden Blüten, lauter Antworten auf mein Dasein, die mich nicht bedrohten. “Worte denken und fühlen für mich” – Ein Interview mit @silenttiffy weiterlesen

Fünf Twitterer, ein Stichwort: Retweet.

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Anmerkung: Der Artikel stammt aus einer Interviewreihe für mein früheres Blog “Twitterhuder Abendblatt”

mittelschicht11@mittelschicht

„Retweeten ist Weitersagen! Ist Forwarden, Empfehlen, Ich-schick-dir-was. Retweets machen aus Twitter das Broadcasting-Tool. So schnell kannst du nicht schaun, ist eine Botschaft um die Welt. Der RT ist das Basis-Tool zur Exponentialität. Er macht die Lawine möglich, er ist der Kitt im Ameisenstaat. Er hat mehr Relevanz als ein Fav. Er ist wertvoller und kostbarer, weil er seltener ist. So nehme ich ihn wahr und so nutze ich ihn selbst. Ich retweete, wenn es jeder wissen soll. Mein RT ist ein Signal: Schau, lies, nimm zur Kenntnis. Wenn ich einen Tweet wichtig finde, stelle ich mich bewusst in den Dienst seiner Verbreitung. Oder ich retweete, wenn ich auf jemanden hinweisen will, der nicht genug gelesen wird. RT ist dann das bessere #ff. Und manchmal retweete ich, wenn ich Besonderes teilen will. Denn RT ist immer Teilen, ist wie ein Lächeln: kostet nicht viel, macht andere glücklich. Was ich nicht mag: Massen-Favs der Best-of am Stück und Accounts, die nur aus RT bestehen.“

harvey2@poetin aka @harveypuca

„retweets nutze ich mit beiden accounts aus derselben motivation heraus. ich retweete, wenn ich in mir den impuls spüre meiner timeline nicht nur mit meinen favs zu zeigen, was mich besonders erfreut, berührt, lachen lässt oder nachdenklich macht. mal mache ich auf einen für mich exquisiten schreibstil aufmerksam, verbreite ein unterstützungsgesuch oder informationsangebot weiter. mal unterstreiche ich mit einem retweet, dass jemand worte dafür gefunden hat, was sich in mir auch, aber anders oder sprachlos nur findet. meist nutze ich twitters native retweet-funktion, selten baue ich in einen retweet noch einen persönlichen kommentar ein, da der ursprungstweet an wirkungskraft einbüßt und dem urheber womöglich die anerkennung entgeht. werbung für follower-sammeljagden oder eh sehr publike veranstaltungshinweise, meine erhaltenen favs und ganz offensichtlich von geltungsdrang motivierte tweets retweete ich nicht. da gibt es auch ohne mich genug auf twitter, die dem eine bühne bereiten, mein geschmack ist es nicht.“

peterbreuer@peterbreuer

„Mein Motiv, die Favstar Bonus-Features zu benutzen, ist ausschließlich die „More“-Funktion. Dank dieses Buttons sieht man nicht nur die 20 bestbesternten Tweets, sondern in absteigender Reihenfolge alle Beiträge eines Benutzers. Es ist nicht nur eine These, dass die besten Tweets nicht unbedingt die mit den meisten Sternen sind. Denen wünsche ich mit einem Retweet ein bisschen mehr Aufmerksamkeit.

Ich freue mich, einen Satz retweeten zu können, der vor einem halben Jahr im allgemeinen Getümmel untergegangen ist. Oder eine Pretiose, die mit Abstand umso besser zündet.

Grundsätzlich ist der Retweet für Twitter wichtiger als das Sternengewitter. Die Sterne mögen ja für den ein oder anderen wertvoll sein – aber ein Retweet bringt einem guten Satz mehr Aufmerksamkeit und dem Schreiber ein größeres Publikum. Und darum geht es doch.“

isdjan@isdjan

„Ich halte eine Menge von Retweets und nutze sie recht regelmäßig, um witzige, informative oder auf andere Weise bemerkenswerte Tweets an meine Follower weiterzureichen. Der native Retweet, anfangs ja kritisiert und abgelehnt, hat sich als sehr eleganter und cleverer Weg erwiesen, um gute Tweets mit nur einem Klick und ordentlicher Quellenangabe weiterzureichen. Ich habe auch beobachtet, dass diese Funktion als Leseempfehlung sehr gut funktioniert – vielleicht sogar besser als der ohnehin schon arg überlaufene „Follow Friday“. Ich denke, dass die Einführung eines nativen Retweets, der ja eigentlich eine userseitig erfundene Funktion aufgriff und logisch fortgeführt hat, Twitter als unschlagbar schnelles Informationsmedium weiter vorangebracht hat. Für Menschen, die Twitter, anders als ich, primär als seriöse Informationsquelle zu nutzen suchen, ist dieser Vorteil wahrscheinlich sogar noch deutlich essentieller als für mich, der ja eher bei den Spaßtwitterern zu verorten ist.“

der_handwerk@der_handwerk

„Als Mitglied der Favstar-Mafia muss ich natürlich antworten, dass Retweets ordinär, unwürdig und peinlich sind und dass nur ein Fav die Güte eines Tweets in angemessen cooler Wertschätzung und Kennerdezenz würdigen kann. Aber das ist selbstverständlich Unsinn. Tatsächlich freue ich mich über einen RT mehr als über einen Fav. Zumal ein RT in der Regel zusätzlich Favs generiert – vor allem wenn er zeitlich versetzt ist. (Neben diesen persönlichen, profilneurotischen Gründen sind RTs natürlich für Twitter elementar, was die Schnelligkeit der Weiterverbreitung von tatsächlich relevanten Nachrichten betrifft.)

Dennoch muss ich gestehen, dass ich RTs relativ selten einsetze. Vielleicht gehe ich unbewusst davon aus, dass die Tweets der Leute, die ich lese, eh von jedem gelesen werden. Was natürlich Quatsch ist.

In letzter Zeit retweete ich allerdings häufiger; und zwar großartige Tweets von Leuten mit nicht so vielen Followern, um diese bekannter zu machen, ältere Tweets, die ich auf Favstar-Streifzügen entdecke und die den Sprung über die 50 Favs verdient haben, manchmal die Tweets, die ich als „Tweet of the Day” picke und dann natürlich die spontanen RTs, wenn mich ein Tweet unerwartet zum lauten Lachen bringt oder aufgrund seines Feinsinns, seiner Sprache oder Klugheit begeistert.“

“Sei kreativ oder stirb” – Ein Interview mit @frauenfuss

Anmerkung: Der Artikel stammt aus einer Interviewreihe für mein früheres Blog „Twitterhuder Abendblatt“

twitter_Hintergrund_neu2Twitterhuder Abendblatt: Hallo, Michaela. Fangen wir gleich mit einer großen Frage an: Wie hat Twitter Dein Leben beeinflusst? Und wie macht sich das akut und oder sogar täglich bemerkbar?

@frauenfuss: Ich bin durch Twitter wahnsinnig unkonzentriert geworden. Unkonzentrierter als früher und unfähig mich für lange Zeit auf eine Sache zu konzentrieren, ohne zwischendrin zu denken: „Oh, hat da jemand vielleicht einen Reply geschicht?“ oder „Hach, eventuell schreibt da jemand grad etwas, was mich zu einer Zeichnung inspiriert.“

Einen ähnlichen Effekt hatte ich bereits 1989 als die Einführung des IRC-Chats am Rechenzentrum Erlangen den Anfang meines Informatikstudiums desaströs zerrüttete. Ich fand die Idee, mit Norwegern, Münchenern, Australiern spontane Diskussionen führen zu können, wahnsinnig interessant. “Sei kreativ oder stirb” – Ein Interview mit @frauenfuss weiterlesen

Fünf gute Gründe für Twitter – Eine Verteidigung

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Der gestrige Tag spülte eine Meinungsäußerung von Blogger-Urgestein Robert Basic in meine Facebook-Timeline, der ich nicht heftig genug widersprechen kann. Er schreibt:

“reine Ansichtssache: Mehr oder minder verkommt Twitter zur reinen Infomaschinerie, blutet sozial aus. Das schärft das Produkt, gleichzeitig wirkt es zunehmend steriler. Keine Untersuchung, keine Studie, reiner Eindruck, der sich seit Wochen und Monaten verstärkt.”

Ich möchte in fünf (mit sehr polemischen Überschriften versehenen) Argumenten aufzeigen, warum Robert an dieser Stelle massiv irrt, um am Ende zu versuchen, nachzuvollziehen, wie er zu der Auffassung kommt und schließlich zeigen, was jeder Einzelne, der derselben Ansicht ist, für ein besseres Twitter bei sich selbst tun kann.

Twitterer sind sozialer

5610442689_a06eb8432a_oEs sind nicht nur Veranstaltungen wie die Lesungsreihe #JourFitz oder die #Twittnite, die auf Twitter geboren wurden und sehr treue Anhänger haben, auch Veranstaltungen, deren Ursprung nicht auf Twitter selbst liegt, finden im Social Web heute vor allem auf Twitter und über Hashtags statt. Dieser Trend nimmt nicht ab, sondern zu. Was wäre eine re:publica ohne das per Default öffentliche #rpXX, den Hashtag also, über den jeder Besucher jede Äußerung der Gesamtheit der Twitterer über die Veranstaltung mitlesen kann? Kein anderes Netzwerk hat bis heute ein derartiges Vernetzungspotential wie das grundsätzlich öffentliche und offene Twitter, in dem ich schlichtweg jedem folgen und mit jedem kommunizieren kann, ohne dass er mich erst bestätigen oder authorisieren muss. Twitterer sind Menschen, die diese offenen Strukturen nutzen und lieben. Man benutzt Twitter nicht, um seine alten Klassenkameraden wiederzufinden, sondern die Leute zu suchen, mit denen man gerne zur Schule gegangen wäre, wenn man die Wahl gehabt hätte. Twitterer sind in dieser Hinsicht zu jedem Zeitpunkt sozialer als Nutzer anderer Netwerke: Sie vernetzen sich mit ihnen unbekannten Menschen aufgrund von deren kommunikativen Äußerungen und sind sehr oft auch realen Begegnungen mit diesen nicht abgeneigt, wie entsprechende Veranstaltungen zeigen.

Twitterer sind kreativer

Wer einmal eines der tausend auf Twitter geborenen Memes wie die #einbuchstabendanebentiere (um nur das populärste Mem der letzten Zeit zu nennen) mitverfolgt hat (die es in der Folge dann oft in Blogs oder sogar Holzmedien schaffen), wer einmal einen #JourFitz, eine Twitterlesung (zugegeben, selbige drehen sich auch des öfteren um die immer selben Protagonisten, die die immer selben, semilustigen Tweets vortragen) oder gar eine der Vernissagen von “Ich male meine Follower” besucht hat, der versteht vielleicht im Ansatz das massive kreative Potential, dass in der Beschränkung auf 140 Zeichen auf Twitter liegt und sich immer wieder in neuen Formen äußert. Gerade innerhalb dieser Grenzen seinen Weg zu finden und sich auszudrücken, bringt User jeden einzelnen Tag dazu, Zeichenkunst zu fabrizieren, Lyrik zu schreiben, Mini-Kurzgeschichten zu erfinden, Bürgerjournalisten zu werden, Fehlermeldungs-Screens in Lego oder als Gemälde nachzubauen (siehe den Failwhale über dem Artikel oder die zugehörige Flickr-Gruppe) oder gar eigene Tools und Plattformen zu entwickeln, die sich mit scheinbar banalsten Features auseinandersetzen, wie einen etwa einen hochgradig populären Dienst, der nur darauf basiert, Bilder auf Twitter zu posten. Twitter zwingt in seiner Reduziertheit zum Blick auf das Detail und auf die Feinheiten und fördert damit automatisch auch den kreativen Umgang damit. Anders ausgedrückt: Die professionelle “Infomaschine” Twitter ist nur ein winziger Ausschnitt aus den auf der Plattform stattfindenden Vorgängen.

Twitterer sind intelligenter

Wer die wiederum öffentlichen Charts auf Favstar, die im Gegensatz zu den informationslastigeren Toptweets eine Weile verfolgt, der kommt unweigerlich zu dem Schluss, dass Twitter-Nutzer nicht als Masse, aber partiell und in der Kernuserbasis, die klügeren Netzuser sind. Klickjacking, Spam und flacher Humor, wie man sie auf den anderen Netzwerken massenhaft antrifft, haben in Sachen Viralität auf Twitter kaum eine Chance, zu dem meistgefavten und verbreiteten Inhalten zählen neben News vor allem solche Tweets, die man in Teilen als literarisch bezeichnen kann, mindestens aber sehr intelligenter Humor und/oder aphoristisch genannt werden müssen. User, die sich hingegen eine Masse von Followern zusammenklicken wollen, um relevant zu erscheinen und ihre Inhalte zwangsweise an den Mann zu bringen, scheitern zwar meist nicht daran, diese Masse zu erzeugen, aber dennoch an der Relvanzschranke. Die 20000 Spam-Follower bei Menschen, die mit Follow-Unfollow ihre Basis aufbauen, sind zum Großteil uninteressiert an den Inhalten und erzeugen so keine echte Reichweite. Relevanz kann auf Twitter durch die tendenziell sehr kritische Nutzerbasis nicht einfach gefaked werden und diese systemimmanente “Qualitätssicherung” sorgt für hochwertigere (i.e. in diesem Sinne “intelligentere”) Inhalte, wenn man die Tools, um diese zu finden (beispielsweise Toptweets, Favstar, #ff Empfehlungen) entsprechend zu nutzen weiß. Und gerade diese hochwertigen Inhalte machen Twitter zu einem spannenden Medium. Nutzer, die reine News möglichst schnell bekommen wollen, sind sicher auch auf Twitter zu finden, den Reiz aber machen diejenigen Tweets aus, die Information mit kreativer Kommunikation und einsichtigen Kommentaren verbinden. Es ist kein Zufall, dass @saschalobo so massiv viele Follower hat, er twittert keine Nachrichten, sondern er kommentiert sie.

Twitterer sind kommunikativer

Knüpfen wir direkt bei den Follow Friday (#ff)-Empfehlungen an. Wann haben Ihnen Ihre Facebook-Freunde zuletzt regelmäßig wildfremde Menschen als Kontakte vorgeschlagen? Twitterer vernetzen sich nicht nur völlig unabhängig von der Komponente “realer Kontakt”, wie oben bereits ausgeführt, sondern sie kommunizieren auch über diese Grenze und sogar die Grenze der gegenseitigen Vernetzung auf der Plattform hinweg. Ich muss ein Unternehmen auf Twitter nicht zuerst “liken”, mich also selbst als Fan bezeichnen, um es zu kritisieren oder zu loben und ich muss nicht erst von Menschen die Erlaubnis bekommen, sie anzusprechen (i.e. Freundschaftsbestätigung), um mit ihnen zu reden. Das kommunikative Potential aller User auf Augenhöhe, das in hohem Maße genutzt wird, ist einer der massiven Vorteile des offenen Systems Twitter und sorgt für deutlich mehr Interaktion und Austausch als bei allen anderen Social Networks. Zudem posten Twitterer in deutlich höherer Frequenz und nutzen die systemeigenen Tools (Retweet und Fav) in einem “kommunikativeren Sinne”. Ein Retweet einer Meinungsäußerung ist ein viel deutlicherer Kommunikationsakt als das Weitersharen eines blanken Links mit Quellenangabe, was das Maximum dessen ist, was beispielsweise Facebook in dieser Hinsicht erlaubt. Twitter ist das damit Gegenteil von “steril”, es ist hochgradig lebendig durch permanent neu entstehende Beziehungen zwischen sich zuvor fremden Menschen.

Twitter bildet soziale Realitäten besser ab

Im realen Leben bedeutet Freundschaft: Du magst mich und ich mag Dich. Selbiges ist gleichermaßen der Grund, warum der Begriff sehr emotional besetzt ist und hochgeschätzt wird: Das Ganze passiert relativ selten. Im Internet aber sind wir mit hunderten Kontakten vernetzt, weil wir sie beruflich kennen, mit ihnen in irgendeiner Form einmal zu tun hatten und sehr oft auch aus dem Grunde, dass wir ihre Inhalte gerne lesen. Allerdings gilt natürlich auch hier: Wir sind nicht an allen Menschen in gleich starker Weise interessiert. Der Fall, dass ich mich für das interessiere, was Du zu sagen hast, Du aber keinerlei Interesse an meinen Äußerungen hast, ist in symmetrischen Netzwerken wie Facebook (im Fundament) nicht mitgedacht, er wurde erst im zweiten Schritt mit der Einführung von Filtern und Freundeslisten halbherzig nachgereicht. Twitter hingegen entschärft den potentiellen Konflikt, der dadurch entsteht, dass ich Dich gerne meine Inhalte mitlesen lassen will, nicht aber sehen will, wie Du Farmville spielst und Dich über das Wetter aufregst, durch asymmetrische Beziehungen. Twitter bildet damit die soziale Realität deutlich besser ab, ohne den in der Realität komplett anders besetzten Freundschaftsbegriff zu verwenden (der für viele Medien und einen Großteil der konservativeren oder weniger Informierten Netzuser immer noch eines der zentralen Argumente gegen soziale Netzwerke ist). Twitter ist hinsichtlich sozialer Strukturen realistischer, es “blutet nicht sozial aus”, sondern lebt viel mehr im Kern davon, soziale Strukturen sehr genau abzubilden.

Fazit: “In meinem Internet steht das aber nicht drin!!1eins”

Wie aber kommt nun @robgreen trotz eines sehr aktiven und sehr populären Accounts eigentlich zu seinem Urteil, dass Twitter eine sterile Infomaschine geworden wäre? Guckt man sich seine Timeline, also die User, denen er selbst folgt, genauer an, ist das nicht schwer zu erkennen: Er liest in der Hauptsache bei (wenngleich sehr kompetenten) Menschen mit, die Twitter als ein Werkzeug begreifen, um sich und ihren Content, ihre Blogeinträge und ihre Themen-Kompetenz (meist in Bezug auf digitale Felder) in die Social Media-Welt zu tragen, also jenen, die Twitter mindestens partiell als Linkschleuder und Eigendarstellungsinstrument gebrauchen. Auch diese Nutzer haben sich im Laufe der Zeit mehr und mehr professionalisiert und ihre Mechaniken verfeinert. Allerdings bilden sie, wie bereits erwähnt, nur einen Ausschnitt aus dem Mikrokosmos Twitter, man vergisst, wenn man ausschließlich solchen Usern folgt, die Basis, nämlich diejenigen Twitterer, die vor allem wegen Twitter selbst twittern und dort in jedem Tweet die kreativen Grenzen kurzer sprachlicher Beiträge neu ausloten. Man könnte diese User Aphoristiker nennen, wie in dem weiter oben verlinkten Artikel, kreative Schreiber trifft es am Besten. Genau jene Userbasis ist es, die Twitter im Kern ausmacht und das Netzwerk zu einem Pool von wilden, unkonventionellen und witzigen Ideen und täglich neuen Gedankensalti, kurzum: sehr liebenswert und deutlich “sozialer” als alle anderen Netzwerke, macht.

Anders ausgedrückt: Jeder ist seiner eigenen Timeline Schmied. Wer wie Robert seinen Twitteraccount als “sozial steril” empfindet, dem sei dringend angeraten, ein paar “Businessaccounts” zu entfernen und sich ein paar “kreative” Twitterer in die eigene Timeline zu holen. Folgen diese Menschen nicht zurück, dann hilft auch ein Blick auf die eigenen Tweets und die Frage, ob man vielleicht nicht selbst zu den “sterilen” Accounts zählt.